Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

nun ist es also so weit: die Bay­reu­ther Fest­spie­le sind abge­sagt, der Som­mer steht auf der Kip­pe. Und trotz­dem scheint die Musik wei­ter zu gehen: neue Ideen, inno­va­ti­ve Kon­zep­te – und Mög­lich­kei­ten für die Welt nach Coro­na.

ABSAGE IN BAYREUTH

Die Bay­reu­ther Fest­spie­le wur­den auf 2021 ver­scho­ben – nur ein Anfang?

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Bund, Land, Stadt und Katha­ri­na Wag­ner haben die gesam­ten Bay­reu­ther Fest­spie­le von 2020 auf 2022 ver­scho­ben. Das ver­wun­dert kaum, denn das fast 2000 Plät­ze fas­sen­de Haus ist auf vie­len Ebe­nen eine Viren­schleu­der: ein klei­ner Orches­ter­gra­ben, weit­ge­hend älte­res Publi­kum dicht an dicht – dazu die Pro­ben zum gesam­ten „Ring“ von Valen­tin Schwarz, die mög­lichst schnell begin­nen müss­ten: Aber wie, ohne Künst­ler, die anrei­sen kön­nen, ohne die Mög­lich­keit, Pro­ben mit meh­re­ren Men­schen abzu­hal­ten. Ein har­ter, aber ver­ständ­li­cher Schlag für alle Wag­ne­ria­ner. Und vor allen Din­gen für Bay­reuth und Umge­bung, denn die­se Regi­on Fran­kens lebt in vie­ler Hin­sicht von den Fest­spie­len. Mei­ne Ein­schät­zun­gen zur aktu­el­len Lage habe ich in der Kul­tur­zeit auf 3Sat kund­ge­tan. Manu­el Brug von der WELT sieht es ähn­lich, glaubt, Bay­reuth wäre das „Ischgl der Opern­welt“ gewor­den und hält es eben­so unvor­stell­bar, dass Mar­kus Hin­ter­häu­ser die Salz­bur­ger Fest­spie­le durch­zie­hen kann, wie dass in Bre­genz am See gesun­gen wird. Die Edinburgh’s Fes­ti­vals und die Fest­spie­le in Erl wur­den eben­falls bereits abge­sagt. Wer kann auch schon die Ver­ant­wor­tung für Künst­ler und Publi­kum über­neh­men? Ein­zi­ger Kri­ti­ker all die­ser Maß­nah­men, der desi­gnier­te Bay­reuth-Wotan Gün­ther Groissböck – er hält die COVID-19-Maß­nah­men für zu strikt und ern­te­te, zu Recht, einen gigan­ti­schen Shit­s­torm.

DIE POLIZEI BEI BACHLER 

Mal was ganz ande­res – Fin­ger­übung😂 so war es beim Poli­zei­ein­satz amMünch­ner Bal­lett…:-)

Gepos­tet von Axel Brüg­ge­mann am Don­ners­tag, 2. April 2020

Ein nicht ganz ernst gemein­tes Hör­spiel mit einem schlecht Baye­risch spre­chen­den Nord­deut­schen

Mün­chens Staats­opern-Direk­tor Niko­laus Bach­ler dach­te, er kön­ne die Ver­ant­wor­tung über­neh­men: Eine Oper, an der nicht gespielt wird, sei kei­ne Oper, sag­te er und ließ die Pro­ben zum Opern­pro­jekt „7 Deaths of Maria Cal­las“ wei­ter­lau­fen (wir haben berich­tet). Eben­so wie die Bal­lett­pro­ben. Das alles ging gut, bis die Poli­zei kam: Aus­weis­kon­trol­le und Pro­be­ver­bot! Bal­lett­chef Igor Zelen­sky war frus­triert, Bach­ler wütend – inzwi­schen hat er alle wei­te­ren Pro­ben abge­sagt, eben­so wie sei­nen wöchent­li­chen Live-Stream aus der Münch­ner Oper. Einen Tag zuvor führ­te Diri­gent Yoel Gamzou noch ein span­nen­des, was die Bedin­gun­gen anbe­langt, aber weit­ge­hend nai­ves Gespräch mit Julia Spi­no­la in der SZ. Ich habe die Ereig­nis­se mal in einem Mini-Hör­spiel zusam­men­ge­fasst :-)  

MUSIKHAUS THOMANN RUDERT ZURÜCK

Eine Wel­le von Ent­rüs­tung hat­te das Musik­haus Tho­mann aus­ge­löst. Mit dem Ange­bot, sechs Wochen Musik­un­ter­richt für einen Euro, woll­te es eigent­lich Kun­den in der Coro­na-Kri­se zum Musik­ma­chen ani­mie­ren. Aber die Akti­on ging nach hin­ten los. Musik­leh­rer, die um ihre Exis­tenz ban­gen, gin­gen auf die Bar­ri­ka­den. Und Tho­mann ruder­te schnell und sou­ve­rän zurück: „Das Feed­back haben wir uns zu Her­zen genom­men und haben uns inten­siv damit aus­ein­an­der­ge­setzt. Wir tausch­ten uns mit vie­len unse­rer Kun­den aus, reagier­ten auf Mails und Kom­men­ta­re und grif­fen zum Tele­fon. Vie­len Dank für euer offe­nes und ehr­li­ches Feed­back.“ 

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Eine Auswahl der über 900 Klassiklabels aus der Naxos Music Library

PremiumHören-Playlist der Woche:
#stayathome und hörKlassik Folge1

CRE­SCEN­DO-Chef­re­dak­teu­rin Bar­ba­ra Schulz hat ihre Play­lis­te für die­se Zei­ten zusam­men­ge­stellt.
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IM SCHATTEN VON CORONA

Die NZZ macht in einem span­nen­den Arti­kel dar­auf auf­merk­sam, wel­che Groß­pro­jek­te der Musik durch Coro­na nun auf der Kip­pe ste­hen – unter ande­rem die Sanie­run­gen in Stutt­gart und Frank­furt: „In Frank­furt liegt das gesam­te Vor­ha­ben eines Neu­baus von Opern- und Schau­spiel­haus auf Eis. Frank­furts Ober­bür­ger­meis­ter Peter Feld­mann (SPD) hat dem im Janu­ar die­ses Jah­res beschlos­se­nen Gross­pro­jekt unter den gegen­wär­ti­gen Umstän­den eine Absa­ge erteilt: Erst müs­se die Stadt wie­der auf die Bei­ne kom­men, bevor Hun­der­te Mil­lio­nen Euro inves­tiert wer­den könn­ten, sag­te Feld­mann.

IM AUGE VON CORONA

Von der Coro­na-Infek­ti­on gene­sen: die Diri­gen­tin Mir­ga Graži­nytė-Tyla

Etwas über­ra­schend ist das State­ment von Kul­tur­staats­mi­nis­te­rin Moni­ka Grüt­ters. Der Deutsch­land­funk zitiert sie mit dem Satz, dass die Kul­tur­sze­ne in ihrer Exis­tenz nicht durch Coro­na bedroht sei. Kein Wun­der, dass die­se Wor­te für einen Auf­schrei in den sozia­len Medi­en gesorgt haben: Nach­dem Grüt­ters beson­ders Frei­be­ruf­lern anfäng­lich groß­spu­rig Hil­fe vom Bund ver­spro­chen, sich dann haupt­säch­lich auf die Film­för­de­rung gestürzt und sich öffent­lich­keits­wirk­sam bei der Orches­ter-Stif­tung in Sze­ne gesetzt hat­te, ist es inzwi­schen still um sie gewor­den. Ein eher mit­tel­mä­ßi­ges Kri­sen­ma­nage­ment. +++ Frank Stad­ler, Kon­zert­meis­ter des Mozar­te­u­mor­ches­ters, und sei­ne Lebens­ge­fähr­tin, die Diri­gen­ten Mir­ga Graži­nytė-Tyla, erklä­ren: „Wir haben es hin­ter uns“ – bei­de waren mit dem Coro­na-Virus infi­ziert. +++ Gleich­zei­tig sorgt die Nach­richt einer Chor­pro­be – auch wir haben dar­über schon ein­mal berich­tet – für Auf­se­hen und erklärt jede aktu­el­le Absa­ge: In den USA infi­zier­ten sich bei einer Pro­be drei Vier­tel der Mit­glie­der, zwei star­ben. +++ Dem Coro­na-Virus mit 52 Jah­ren zum Opfer gefal­len ist auch Adam Schle­sin­ger, der unter ande­rem die Musik für „Mit­ten ins Herz – Ein Song für dich“ mit Hugh Grant kom­po­nier­te. 

NOCH EINMAL: DANKE

Die 20.000 Euro unse­rer Hilfs­ak­ti­on „Künst­ler in Not“ sind aus­ge­zahlt wor­den und bei den Emp­fän­gern ange­kom­men. Über­wäl­ti­gend sind die Reak­tio­nen der Künst­ler. Allen Spen­dern noch ein­mal vie­len Dank – auf unse­rer Sei­te kön­nen Sie lesen, wem Sie mit Ihrer Hil­fe tat­säch­lich gehol­fen haben.

WAS DAS NETZ HERGIBT

Ein Klas­si­ker ist inzwi­schen die Fami­lie, die Les Misé­ra­bles im Wohn­zim­mer anstimmt – mit gro­ßem Fina­le des Fami­li­en­va­ters. Für Wag­ne­ria­ner emp­feh­le ich noch einen Klas­si­ker: Bugs Bun­ny mit Wag­ner, und auch die aus­führ­li­chen Künst­ler-Gesprä­che aus „Brüg­ge­manns Begeg­nun­gen“ sind inzwi­schen fort­ge­setzt: Neben Franz Wel­ser-Möst, Dia­na Damrau oder Rudolf Buch­bin­der habe ich mich in der neu­en Fol­ge fast zwei Stun­den lang mit dem Wag­ner-Tenor Andre­as Schager unter­hal­ten: über sei­ne Kind­heit auf dem Berg­bau­ern­hof, das Inter­nat im Stift Melk, die frü­he Ope­ret­ten-Kar­rie­re und natür­lich: die Bay­reu­ther Fest­spie­le. 

In die­sem Sin­ne, hal­ten Sie die Ohren steif

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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