Eberhad Waechter

Gemäch­li­ches Flair

von Roland H. Dippel

31. Juli 2021

Eberhard Waechter und andere Sängerpersönlichkeiten der 1970er-Jahre nahmen mit dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter Heinz Wallberg die einzige Oper von Johann Strauss Ritter Pásmán auf.

Bei der Entschei­dung für das Text­buch seiner einzigen Oper Ritter Pásmán zeigte der Walzer­könig Johann Strauss entweder zu viel Nach­sicht für die Wünsche seiner Auftrag­geber oder zu wenig Kritik­be­wusst­sein bei der Wahl seiner Sujets. Während in der Lite­ratur und in der Oper des späten 19. Jahr­hun­derts Trieb­haf­tig­keit und die physi­schen Kompo­nenten von gewalt­samen und frei­wil­ligen Zwei­sam­keiten thema­ti­siert wurden, geht es in Ludwig von Dóczis Text­buch nach einer Erzäh­lung von János Arany nur um einen – fast – unschul­digen Kuss, den ein Unbe­kannter Eva, der Frau des Ritters Pásmán, auf die Stirn haucht. Ritter Pásmán schäumt, schließ­lich kommt es zur Wieder­gut­ma­chung. Denn der sich erdreis­tende Küsser war niemand anders als Karl Robert von Anjou, der König Ungarns höchst­selbst – und zur Sühne darf am Ende der Ritter Pásmán die Königin auf die Stirn küssen.

Harmo­ni­sche Wendungen aus Wagner-Werken

Um die Ballett­musik mit dem berühmten Csárdás, die als Bonus­track mit der Slowa­ki­schen Staats­phil­har­monie unter Alfred Walter nach­ge­lie­fert wird, fließen Strauss’ Walzer-Melo­dien in Ritter Pásmán etwas gemäch­li­cher als in seinen berühmten Operetten. Insge­samt atmet die Partitur das gemäch­liche Flair jener Mittel­alter-Opern, die Mitte des 19. Jahr­hun­derts im Schatten Richard Wagners entstanden waren. Auch Strauss griff einige harmo­ni­sche Wendungen aus früheren Wagner-Werken wie Tann­häuser und Lohen­grin auf. Aber er zeigte erstaun­li­cher­weise wenig Ambi­tion, für die Wiener Hofoper etwas Neues zu kreieren und beob­ach­tete offenbar auch nicht, was sich in Frank­reich dank Massenet und Bizet aus dem Genre der Opéra-comique entwi­ckelt hatte.

Bedeu­tende Sänger­per­sön­lich­keiten der 1970er-Jahre

Die Aufnahme entstand 1975 im Wiener Musik­verein. Damals bemühte man sich in einer Konzert­reihe um Trou­vaillen, die aus dem Reper­toire verschwunden waren und erst etwa ab 1990 eine Neube­wer­tung erfuhren. Unter Heinz Wall­berg versam­melten sich bedeu­tende Sänger­per­sön­lich­keiten der 1970er-Jahre. Sona Ghaza­rian war als lyri­sche Kolo­ra­turs­o­pra­nistin eine Säule des Wiener Staats­opern-Ensem­bles und Trude­liese Schmidt eine kräf­tige, dabei noch lyri­sche Mezzo­so­pra­nistin vor ihren sensa­tio­nellen Aufbrü­chen ins drama­ti­sche und hoch­dra­ma­ti­sche Zwischen­fach. Josef Hopfer­wieser machte als lyri­scher Tenor von sich reden, und Eber­hard Waechter gehörte zu den Wiener Vorzei­ge­kräften. Sie alle, dazu der ORF-Chor, geben Strauss’ Oper erdhafte Geschmei­dig­keit. Even­tu­elle Pointen gehen in der wenig varia­blen Homo­ge­nität der Nummern­folge unter.

Publi­kums­vor­lieben des 19. Jahr­hun­derts

Ein histo­ri­sie­rendes Fossil ist Strauss’ Ritter Pásmán auch, weil unmit­telbar nach der Urauf­füh­rung an der Wiener Hofoper 1892 mit Saint Foix und nach 1900 erst und danach an eine Reform der komi­schen Oper gingen, in der sie mit rezi­ta­ti­vi­scher Auflich­tung und leichter Melodik Zäsuren zu den heiteren und halbernsten Stücken des 19. Jahr­hun­derts setzten. Inso­fern gehört Ritter Pásmán wie Victor E. Ness­lers Oper Der Trom­peter von Säckingen zu jenen heute verbli­chenen Bühnen­werken, die zu einem erhel­lenden Kennt­nis­ge­winn über Publi­kums­vor­lieben des 19. Jahr­hun­derts beitragen können.