Wie ein Prisma, das die Musik in ihre Einzelbestandteile auffächert –
der Tenor Julian Prégardien hat eine Bearbeitung von Franz Schuberts
Winterreise durch den Komponisten Hans Zender eingespielt.

Weit auf­ge­ris­se­ne Augen, die Haa­re zer­zaust, ein ver­zwei­fel­ter, irr­sin­nig inten­si­ver, fast schon wahn­sin­ni­ger Blick, die eige­nen Hän­de hal­ten den Kopf fest: Das Bild auf dem Cover des neu­en Albums von Tenor Juli­an Pré­gar­di­en irri­tiert, ver­stört. Viel­leicht genau­so wie Hans Zen­ders Bear­bei­tung des Lie­der­zy­klus Die Win­ter­rei­se von Franz Schu­bert, die Pré­gar­di­en zusam­men mit der Deut­schen Radio­phil­har­mo­nie Saar­brü­cken Kai­sers­lau­tern ein­ge­spielt hat.
„Es gibt ein Vor­bild für die­ses Cover“, ver­rät der 34-Jäh­ri­ge im Inter­view: „Das Bild Der Ver­zwei­fel­te von Gust­ave Cour­bet. Die­ses Bild hat etwas davon, wie ich mir den Win­ter­rei­sen­den vor­stel­le.“

„Der Ver­zwei­fel­te“: Selbst­por­trait von Gust­ave Cour­bet

Ent­stan­den ist das Motiv ganz spon­tan beim Foto­shoo­ting für das Cover und den­noch sagt es mehr aus, als manch tief­schür­fen­de Ana­ly­se: „Wenn man ver­stört auf die­ses Bild reagiert, dann hat es eine Wir­kung, die auch Franz Schu­berts Musik haben kann. Frü­her wirk­te die­se pure, nur von einem Ham­mer­kla­vier beglei­te­te Musik viel­leicht genau­so irri­tie­rend wie die Zen­der-Fas­sung heu­te.“

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2015 hat Pré­gar­di­en die Win­ter­rei­se mit fast 31 Jah­ren zum ers­ten Mal öffent­lich gesun­gen, zwei­fel­los ein Wag­nis: „Dass jün­ge­re Sän­ger, zumal Tenö­re, sich mit der Win­ter­rei­se prä­sen­tie­ren, ist eher sel­ten“, zumal man für die­ses Werk eine gewis­se Lebens­rei­fe mit­brin­gen müs­se, „um das auch intel­lek­tu­ell zu durch­leuch­ten. Wenn ein jun­ger Mann mit eini­ger­ma­ßen nai­ver, nicht zu kam­mer­sän­ger­ar­ti­ger Stim­me das singt, dann fin­de ich die Fall­hö­he sehr, sehr hoch. Es geht um eine gewis­se Wahr­haf­tig­keit und Glaub­wür­dig­keit des­sen, was da auf der Büh­ne pas­siert.“

Und mit der „kom­po­nier­ten Inter­pre­ta­ti­on“, wie Hans Zen­der sei­ne Fas­sung beti­telt, wird die­se Fall­hö­he sicher nicht gerin­ger. Pré­gar­di­en fin­det sie epo­chal, doch dem Publi­kum und gera­de dem Sän­ger ver­langt sie eini­ges ab. „Ich ste­he 80 Minu­ten allein auf der Büh­ne.“ Eigent­lich sei die Win­ter­rei­se ja kein dra­ma­ti­sches Werk, so Pré­gar­di­en, aber sei­ne Inter­pre­ta­ti­on zeh­re von die­ser Erfah­rung mit Zen­ders Ver­si­on bis heu­te. Im Vor­feld hat­te er sich auch ande­re sze­ni­sche Ver­sio­nen ange­schaut und kam zum Fazit: „Die Win­ter­rei­se ver­trägt eini­ges.“

Das muss sie bei Zen­der auch, denn mit der hei­len Kunst­lied-Idyl­le, wie sie viel­fach zele­briert wird, hat sie in sei­ner Fas­sung nicht mehr viel zu tun. „Man kann sich das vor­stel­len, als wür­de der Kla­vier­satz Schu­berts durch ein Pris­ma geschickt und auf­ge­spal­ten in ein­zel­ne, arti­ku­la­to­ri­sche, melo­di­sche und seman­ti­sche Bestand­tei­le. Es ist ein sehr expe­ri­men­tel­les Werk. Manch­mal klingt es nach einem ein­fa­chen Arran­ge­ment, manch­mal klingt es wie Musik des 21. Jahr­hun­derts. Die Gesangs­stim­me bleibt dabei fast gleich wie bei Schu­bert, es gibt nur weni­ge klang­li­che Ver­frem­dun­gen.“

Hin­zu kommt bei Zen­der die sze­ni­sche Kom­po­nen­te, die auf dem Album zwar nicht sicht­bar ist, für Pré­gar­di­en bei sei­ner Inter­pre­ta­ti­on aber immer mit­schwingt: „Ich glau­be, dass das Lied­re­per­toire wie kein ande­res Reper­toire das Poten­zi­al hat, die Men­schen durch direk­te Emo­tio­na­li­tät zu berüh­ren.“ Pré­gar­di­en will das erfahr­bar machen, „auch für ein Publi­kum, das nicht intel­lek­tu­ell vor­ge­prägt ist.

Es soll kei­ne intel­lek­tu­el­le Leis­tung sein, von etwas berührt zu wer­den, nur weil man weiß, dass es einen berüh­ren muss“

Das Vor­ur­teil gegen­über der Gat­tung, dass Lied­ge­sang auf­grund kom­pli­zier­ter Tex­te und kom­pli­zier­ter Musik eben gleich dop­pelt unzu­gäng­lich sei, lässt er nicht gel­ten: „Ich glau­be, dass Schu­bert es schafft, Lyrik auf eine Art in Musik zu über­set­zen, die berührt, auch ohne dass man das Vers­maß oder die Andeu­tun­gen im Text nach­voll­zie­hen muss. Durch die Musik wird die Lyrik schon in gewis­ser Wei­se inter­pre­tiert, und zwar so, dass sie ver­ständ­li­cher wird.“

Für Pré­gar­di­en ist das eine Lebens­auf­ga­be, eine, die ihre Wur­zeln in den ers­ten Erfah­run­gen als Sän­ger hat. „Ohne die Lim­bur­ger Dom­sing­kna­ben gäbe es in der Fami­lie Pré­gar­di­en kei­ne Sän­ger. Und auch ohne den Kam­mer­chor Stutt­gart wäre ich heu­te nicht der Sän­ger, der ich bin. Neben der fami­liä­ren Dis­po­si­ti­on ist er der Nähr­bo­den, auf dem mei­ne Kar­rie­re gewach­sen ist.“ Des­halb enga­giert er sich auch für den musi­ka­li­schen Nach­wuchs. Im Geden­ken an sei­nen ver­stor­be­nen Groß­va­ter hat er an vier Lim­bur­ger Kin­der­gär­ten das Pro­jekt „Can­to ele­men­tar“ ins Leben geru­fen: Senio­ren gehen dort­hin und sin­gen Volks­lie­der. Ziel ist, dass Musik „wie­der Teil des All­tags wird, aber nicht nur Musik, auch ganz all­ge­mein die schö­nen Küns­te“.

Denen wid­met sich Pré­gar­di­en, der seit eini­ger Zeit auch als Pro­fes­sor an der Münch­ner Musik­hoch­schu­le lehrt, mit gan­zer Kraft. Allein in der Zeit vor der Auf­nah­me hat Pré­gar­di­en die Win­ter­rei­se inner­halb von drei Mona­ten 15 Mal gesun­gen – in ver­schie­dens­ten Beset­zun­gen: mit Ham­mer­kla­vier und Spe­zia­lis­ten für his­to­ri­sche Auf­füh­rungs­pra­xis, mit einer Kory­phäe wie Ger­hard Oppitz, mit einem Gitar­ren­duo, in einer Bear­bei­tung für Blä­ser­quin­tett und Akkor­de­on – und außer­dem an ganz ver­schie­de­nen Orten: vom Wohn­zim­mer über die Hotel­lob­by bis zum Kir­chen­raum. Für den Tenor war das eine span­nen­de und berei­chern­de Erfah­rung. „Ich hof­fe, dass das Stück mich bis zum Ende beglei­tet.“

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Guido Krawinkel
Guido Krawinkel schreibt über alles, was mit Musik zu tun hat. Dem Studium der Musikwissenschaften in Bonn folgten Tätigkeiten in der Tonträgerbranche, beim Radio und im Verlagswesen sowie eine Ausbildung zum nebenberuflichen Kirchenmusiker. Als freier Journalist arbeitet Guido Krawinkel für Zeitungen, Zeitschriften und Konzerthäuser, schreibt Rezensionen, CD-Booklets und Programmeinführungen und ist Mitglied in der Jury des Preises der Deutschen Schallplattenkritik. Der begeisterte Chorsänger hält es mit Loriot: Ein Leben ohne Chor ist möglich, aber sinnlos.

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