Kent Nagano ist einer der gefragtesten Dirigenten unserer Zeit. Wo immer er war und ist, begeistert er mit seinen mutigen und innovativen Konzertprogrammen.

Ein besonderes Anliegen ist ihm die Zugänglichkeit von Musik. Im November feiert Kent Nagano seinen 70. Geburtstag.

CRESCENDO: Herr Nagano, was kann Musik leisten?

Kent Nagano: Musik war immer da! Sie hat die Menschen von Anfang an begleitet. Es gibt Musikinstrumentenfunde aus der prähistorischen Zeit, und wir wissen, dass schon in den frühesten antiken Zivilisationen die Mütter für ihre Kinder gesungen haben – Musik begleitet den Menschen also von der Geburt bis zum Tod. Sie wurde zu allen Zeiten als Kommunikationsform benutzt – in der Liebe, im Krieg, zur Informationsübermittlung. Musik setzt da ein, wo Worte nicht genug sind. Sie ist nicht begrenzt von den Missverständnissen, die Worte verursachen können. Musik ist so pur, so organisch, so ewig, dass sie eine Art ist, miteinander zu reden.

Ihre vielleicht wichtigste Rolle aber spielt sie, wenn wir Einsamkeit fühlen. In den Lockdown-Perioden der letzten 14 Monate ließ sich beobachten, wie die Downloadzahlen der Musikstreaming-Dienste in die Höhe schnellten. In der Einsamkeit dürsteten die Menschen nach Musik. Ich persönlich habe zwar wenig Kontakt mit Musikstreaming, aber ich habe in dieser Zeit viel davon profitiert, einfach zu meinem Instrument zu gehen und für mich und meine Frau zu spielen.

Warum wurde so wenig für die Kultur gekämpft? Für Friseure und Fußpfleger schon. Sollte man sich mehr empören?

Das Verhalten, vor allem der Autoritäten, hat mich auch überrascht. Man gewann den Eindruck, ein pures Unterhaltungsformat zu sein oder nur für ein sehr spezielles Gesellschaftssegment zu agieren. Das ist seltsam, denn die größten Momente der Demokratie waren mit Musik verbunden – denken Sie nur an Beethoven und die Entwicklung der großen sinfonischen Form in der Aufklärung, die parallel zur großen Romanform in der Literatur aufblühte. Musik hatte Anteil an der Begründung der demokratischen Idee. Wir benutzen sie immer dann, wenn wir Gesellschaft denken, Offenheit denken. Trotzdem will ich nicht in der Haut eines Politikers stecken in einer Zeit, in der sich alle Parameter in permanenter Veränderung befinden – und mit einem Virus, bei dem man bis heute nicht verstanden hat, wie man es eindämmen kann.

Kent Nagano dirigiert.

Kent Nagano: »Der Dialog zwischen Publikum und Bühne reflektiert die Gesellschaft.«

(Foto: © Antoine Saito)

Sie betonen immer wieder, wie wichtig die Zugänglichkeit von Musik ist – nicht nur durch akademische Bildung, sondern auch durch Familien oder soziale Netzwerke …

Ja, da hat sich in den letzten 50 Jahren – zumindest in meiner Heimat, den USA – viel verändert. Früher war Musik eine sehr gemeinschaftliche Aktivität: Amateurorchester und Chöre waren extrem wichtig. Auch die Kirche schaffte Zugang zur Musik. Das ist wie mit Sport, den man auch meist gemeinsam treibt. Man lernt so viel dabei! Es ist natürlich Spaß, aber auch eine Form des ganzheitlichen Beteiligt-Seins: Alle Sinne – von den Augen über das Gehör bis zum Tastsinn – werden gefordert. Auch Sport, lange Zeit stark unterstützt, wird aktuell in der Schule infrage gestellt. Man kann die Lebensqualität in vielen Parametern messen – finanzielle Aspekte aber bringen sie nicht wirklich voran!

Besteht also die Gefahr, dass die Menschen so wenig mit klassischer Musik in Berührung kommen, dass sie gar nicht mehr wissen, was sie vermissen?

Was mich sehr beschäftigt, ist, dass in meiner Heimat verschiedene Formen der Kommunikation, also auch Musik, politisch instrumentalisiert werden. Zum Beispiel unterstellt man, dass jemand besonders privilegiert ist, der verschiedene Sprachen beherrscht oder eben Klavier spielen kann. Dass er allein deshalb die normalen Leute nicht mehr versteht und Teil einer Elite ist. Das polarisiert und repräsentiert nicht die Wahrheit. Denn rein rational ist das Beste, was man tun kann, auf verschiedene Arten zu kommunizieren. Als meine Tochter ins Studentenwohnheim kam, hatte für ihre Mitbewohnerinnen zum Beispiel Mozart keinerlei Bedeutung. Man konnte noch nicht einmal fragen: „Gefällt euch Mozart?“, denn sie verbanden schlichtweg nichts damit.

Was kann man dagegen tun?

Die Frage ist ja, warum ist das so geworden ist? Sind wir nicht mehr an den Inhalten der Musik interessiert? Hat sie nichts mehr mit unserer Lebenswirklichkeit zu tun? Aber auch die andere Seite: Warum ist Beethoven so präsent in China? Und warum ist in Vietnam die zeitgenössische Musik der Nachkriegszeit wie die von Karlheinz Stockhausen, Pierre Boulez oder Olivier Messiaen so populär? Warum sind die Konzerthäuser im kanadischen Montréal immer voll?

Ich beobachte, dass oft viel zu schnell falsche allgemeine Schlüsse für jedes Land und jede Kultur gezogen werden. Musik ist etwas Persönliches! Jedes Publikum ist anders. Der Dialog zwischen Publikum und Bühne reflektiert die Gesellschaft. Globalisierung bringt viele Vorteile in Bezug auf Standardisierungen, zum Beispiel von medizinischen Errungenschaften – das ist wunderbar! –, aber Globalisierung bringt auch die Tendenz zur Gleichmacherei. Unsere Kultur ist aber einzigartig und individuell! Sonst geht es wie mit den Läden in den Innenstädten: Man weiß gar nicht mehr, ob man in Berlin, in Tokio oder New York ist – das ist teilweise wunderbar und teilweise schade.

Kent Nagano am Pult

Kent Nagano: »Die größten Momente der Demokratie waren mit Musik verbunden.«

(Foto: © Antoine Saito)

Konzertdramaturgie ist Ihnen sehr wichtig. Wie entwirft man ein bestimmtes Programm für ein bestimmtes Publikum?

Für mich ist die Erzählfunktion von Kunst und besonders von Musik essentiell. Ein Erlebnis werde ich nie vergessen: Nach einem Konzert in München stieg ich in einen Zug nach Berlin, in dem auch ein paar Münchner saßen. Sie sprachen über eine Opernvorstellung, die sie dort gesehen hatten, und sagten: „Ja, das ist mein Haus, mein Orchester!“ Das hatte ich so klar noch nie gehört. Die gleichen Leute sprachen darüber, wie sie dieses Jahr noch zur Metropolitan Opera reisen würden. Aber München war eben „ihr“ Haus. Ich habe viel über diese Identifikationsfunktion von Kunst nachgedacht. Sie ist elementar! Wenn man nicht selbst Teil des Dialogs wird, dann hat er keine Bedeutung, dann wird – nachdem wir die Musik gehört haben – nichts bei uns zurück bleiben.

Deshalb basiert Dramaturgie für mich auf jahrelanger Recherche – über jede Stadt, in die ich gehe: ihre Geschichte, ihre Tradition, ihr aktuelles Leben. Ein Teil der Entscheidung ist neben dem Klangkörper dort auch die Frage, wie die Gesellschaft funktioniert. Selbst wenn man an unterschiedlichen Orten dieselben Stücke dirigiert, erfordert die Zusammenstellung des Programms eine sehr sensible Dramaturgie. Die Dramaturgie erstellt man nicht für sich selbst, sondern für das Publikum, dem man dient.

Dirigieren Sie dann auch die gleiche Sinfonie anders, je nachdem, ob Sie in München, New York oder Tokio sind?

Nein, das wäre nicht ehrlich. Das Publikum spürt sofort, ob ein Künstler authentisch ist. Ich gehe immer wieder zurück zur Musik, ergründe, was der Komponist heute zu mir spricht, auch wenn es das 70. oder 80. Mal ist, dass ich das Stück dirigiere. Die Interpretation ändert sich nicht, aber der Kontext!

Kent Nagano gibt einen Einsatz.

Kent nagano: »wenn man sich nicht mehr entwickelt, beginnt man zu sterben.«

(Foto: © Antoine Saito)

Sie feiern Ihren 70. Geburtstag. Haben Sie noch Träume?

Zu viele! Die Herausforderung ist immer, dass man mehr Ideen als Zeit hat. Kreativität ist kein Problem, Zeit ist immer das Problem!

Denken Sie da an bestimmte Werke, Komponisten oder Klangkörper?

Ja, ja und ja! Ich habe aber nicht nur Träume im Aufführungsbereich, auch wenn das die Basis bildet. Es gibt auch viele strukturelle Herausforderungen, die adressiert werden müssen. Die nächste Generation soll das gleiche Privileg haben wie wir. Es ist in jedermanns Interesse, dass die reiche Tradition, die wir haben, nicht stirbt. Dafür möchte ich mich einsetzten. Nicht nur für die Bildung und Erziehung, sondern auch für die Konzertsäle. Der Ort, in dem man spielt, hat eine sehr hohe Funktion für eine Gesellschaft. Er ist viel mehr als ein Ort, an dem man einfach nur Musik hört! Das geht viel tiefer. Musik wird dort gespielt, aber warum und wie wird sie gespielt? Welche soziale Funktion hat sie für die Gesellschaft? Beim Aufbau eines Aufführungsortes ist es sehr wichtig, die richtigen Fragen zu stellen!

Vor 15 Jahren haben wir einen hervorragenden Konzertsaal in Montréal aufgebaut. Wir hatten das Glück, dass Gemeinschaftsgefühl, der Wunsch des Publikums, der Politik und der Interpreten in die gleiche Richtung gingen. Alle waren sich einig: Wir brauchen das und zwar jetzt! Das war mitten in der Finanzkrise 2007/2008, also sozusagen ein Ding der Unmöglichkeit! Trotzdem haben wir den Konzertsaal innerhalb von zwei Jahren aufgebaut. Das ist nur möglich, wenn alle an einem Strang ziehen!

Zeitgenössische Musik ist für Sie von großer Bedeutung. Bei wem sehen Sie ein besonders großes Potenzial?

Aktuell sehe ich sehr viele interessante Komponisten und auch eine fantastische neue Generation von Interpreten. Da bin ich viel optimistischer als noch vor einem Jahr. Eine positive Seite des Lockdowns war, dass ich Zeit hatte zu recherchieren, wer heute komponiert. Ich habe mir viele Partituren angesehen, Zoom-Termine mit Komponisten vereinbart und Aufträge erteilt. Ich sehe nicht ein, nicht zwei, sondern viele begabte Stimmen für die Zukunft!

Ende September erscheint Ihr neues Buch 10 Lessons of my Life – Was wirklich zählt. Was erwartet uns darin?

Es geht um Education, aber nicht um die an einer Hochschule oder in einer traditionellen akademischen Struktur, denn wir sollen ja unser Leben lang lernen. Wenn man sich nicht mehr entwickelt, beginnt man zu sterben. Das ist ja auch das große Thema, wenn man in Pension geht. Sind der Lernprozess und die Identität nur mit einem bestimmten Job verbunden, oder wird man durch andere Impulse weiter aktiv sein? Ein großer Teil dieses Prozesses ist die Frage, wie man nach der akademischen Phase weiterlernt. Das hängt viel von einzelnen Persönlichkeiten ab, von Vorbildern oder Mentoren, die wie Leuchttürme sein können und die einem helfen, seinen Weg zu gehen. Über das Leben verteilt haben wir viele solcher Vorbilder, aber nicht viele zugleich. Wir lernen unterschiedliche Dinge, aber am Ende zählt, was davon uns wirklich ausmacht.

Olivier Messiaen: „La Transfiguration de Notre Seigneur Jésus-Christ”, Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Kent Nagano (BR Klassik)

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Kent Nagano, Buchcover

Kent Nagano, Inge Kloepfer: „10 Lessons of my Life. Was wirklich zählt” (Berlin Verlag)

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Als Fünfjährige schockverliebte sie sich in den Klang einer Mozart-Kassette. Seit dem brennt Maria Goeth für den Opern- und Konzertbetrieb und schlüpfte dort schon in fast jede erdenkliche Rolle: Sie wirkte als Dramaturgin, Kuratorin und Konzertdesignerin, aber auch als Regisseurin, Sprecherin und Musikmanagerin. Festanstellungen führten sie u.a. ins Orchestermanagement der Bayerischen Staatsoper, als Konzertdramaturgin ans Theater Heidelberg und ins Projektmanagement von „Jugend musiziert“. Darüber hinaus übernimmt die promovierte Musikwissenschaftlerin immer wieder Lehraufträge an der LMU München. Seit 2016 arbeitet Maria Goeth bei CRESCENDO, seit 2017 ist sie Leitende Redakteurin.

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