Kent Nagano

Die Sprache der Ewig­keit

von Maria Goeth

3. Oktober 2021

Kent Nagano ist einer der gefragtesten Dirigenten unserer Zeit. Wo immer er war und ist, begeistert er mit seinen mutigen und innovativen Konzertprogrammen.

Ein beson­deres Anliegen ist ihm die Zugäng­lich­keit von Musik. Im November feiert seinen 70. Geburtstag.

CRESCENDO: Herr Nagano, was kann Musik leisten?

Kent Nagano: Musik war immer da! Sie hat die Menschen von Anfang an begleitet. Es gibt Musik­in­stru­men­ten­funde aus der prähis­to­ri­schen Zeit, und wir wissen, dass schon in den frühesten antiken Zivi­li­sa­tionen die Mütter für ihre Kinder gesungen haben – Musik begleitet den Menschen also von der Geburt bis zum Tod. Sie wurde zu allen Zeiten als Kommu­ni­ka­ti­ons­form benutzt – in der Liebe, im Krieg, zur Infor­ma­ti­ons­über­mitt­lung. Musik setzt da ein, wo Worte nicht genug sind. Sie ist nicht begrenzt von den Miss­ver­ständ­nissen, die Worte verur­sa­chen können. Musik ist so pur, so orga­nisch, so ewig, dass sie eine Art ist, mitein­ander zu reden.

Ihre viel­leicht wich­tigste Rolle aber spielt sie, wenn wir Einsam­keit fühlen. In den Lock­down-Peri­oden der letzten 14 Monate ließ sich beob­achten, wie die Down­load­zahlen der Musik­strea­ming-Dienste in die Höhe schnellten. In der Einsam­keit dürs­teten die Menschen nach Musik. Ich persön­lich habe zwar wenig Kontakt mit Musik­strea­ming, aber ich habe in dieser Zeit viel davon profi­tiert, einfach zu meinem Instru­ment zu gehen und für mich und meine Frau zu spielen.

Warum wurde so wenig für die Kultur gekämpft? Für Friseure und Fußpfleger schon. Sollte man sich mehr empören?

Das Verhalten, vor allem der Auto­ri­täten, hat mich auch über­rascht. Man gewann den Eindruck, ein pures Unter­hal­tungs­format zu sein oder nur für ein sehr spezi­elles Gesell­schafts­seg­ment zu agieren. Das ist seltsam, denn die größten Momente der Demo­kratie waren mit Musik verbunden – denken Sie nur an Beet­hoven und die Entwick­lung der großen sinfo­ni­schen Form in der Aufklä­rung, die parallel zur großen Roman­form in der Lite­ratur aufblühte. Musik hatte Anteil an der Begrün­dung der demo­kra­ti­schen Idee. Wir benutzen sie immer dann, wenn wir Gesell­schaft denken, Offen­heit denken. Trotzdem will ich nicht in der Haut eines Poli­ti­kers stecken in einer Zeit, in der sich alle Para­meter in perma­nenter Verän­de­rung befinden – und mit einem Virus, bei dem man bis heute nicht verstanden hat, wie man es eindämmen kann.

Kent Nagano dirigiert.

Kent Nagano: »Der Dialog zwischen Publikum und Bühne reflek­tiert die Gesell­schaft.«

(Foto: © Antoine Saito)

Sie betonen immer wieder, wie wichtig die Zugäng­lich­keit von Musik ist – nicht nur durch akade­mi­sche Bildung, sondern auch durch Fami­lien oder soziale Netz­werke …

Ja, da hat sich in den letzten 50 Jahren – zumin­dest in meiner Heimat, den – viel verän­dert. Früher war Musik eine sehr gemein­schaft­liche Akti­vität: Amateur­or­chester und Chöre waren extrem wichtig. Auch die Kirche schaffte Zugang zur Musik. Das ist wie mit Sport, den man auch meist gemeinsam treibt. Man lernt so viel dabei! Es ist natür­lich Spaß, aber auch eine Form des ganz­heit­li­chen Betei­ligt-Seins: Alle Sinne – von den Augen über das Gehör bis zum Tast­sinn – werden gefor­dert. Auch Sport, lange Zeit stark unter­stützt, wird aktuell in der Schule infrage gestellt. Man kann die Lebens­qua­lität in vielen Para­me­tern messen – finan­zi­elle Aspekte aber bringen sie nicht wirk­lich voran!

Besteht also die Gefahr, dass die Menschen so wenig mit klas­si­scher Musik in Berüh­rung kommen, dass sie gar nicht mehr wissen, was sie vermissen?

Was mich sehr beschäf­tigt, ist, dass in meiner Heimat verschie­dene Formen der Kommu­ni­ka­tion, also auch Musik, poli­tisch instru­men­ta­li­siert werden. Zum Beispiel unter­stellt man, dass jemand beson­ders privi­le­giert ist, der verschie­dene Spra­chen beherrscht oder eben Klavier spielen kann. Dass er allein deshalb die normalen Leute nicht mehr versteht und Teil einer Élite ist. Das pola­ri­siert und reprä­sen­tiert nicht die Wahr­heit. Denn rein rational ist das Beste, was man tun kann, auf verschie­dene Arten zu kommu­ni­zieren. Als meine Tochter ins Studen­ten­wohn­heim kam, hatte für ihre Mitbe­woh­ne­rinnen zum Beispiel Mozart keinerlei Bedeu­tung. Man konnte noch nicht einmal fragen: „Gefällt euch Mozart?“, denn sie verbanden schlichtweg nichts damit.

Was kann man dagegen tun?

Die Frage ist ja, warum ist das so geworden ist? Sind wir nicht mehr an den Inhalten der Musik inter­es­siert? Hat sie nichts mehr mit unserer Lebens­wirk­lich­keit zu tun? Aber auch die andere Seite: Warum ist Beet­hoven so präsent in ? Und warum ist in die zeit­ge­nös­si­sche Musik der Nach­kriegs­zeit wie die von , oder so populär? Warum sind die Konzert­häuser im kana­di­schen Montréal immer voll?

Ich beob­achte, dass oft viel zu schnell falsche allge­meine Schlüsse für jedes Land und jede Kultur gezogen werden. Musik ist etwas Persön­li­ches! Jedes Publikum ist anders. Der Dialog zwischen Publikum und Bühne reflek­tiert die Gesell­schaft. Globa­li­sie­rung bringt viele Vorteile in Bezug auf Stan­dar­di­sie­rungen, zum Beispiel von medi­zi­ni­schen Errun­gen­schaften – das ist wunderbar! –, aber Globa­li­sie­rung bringt auch die Tendenz zur Gleich­ma­cherei. Unsere Kultur ist aber einzig­artig und indi­vi­duell! Sonst geht es wie mit den Läden in den Innen­städten: Man weiß gar nicht mehr, ob man in , in oder ist – das ist teil­weise wunderbar und teil­weise schade.

Kent Nagano am Pult

Kent Nagano: »Die größten Momente der Demo­kratie waren mit Musik verbunden.«

(Foto: © Antoine Saito)

Konzert­dra­ma­turgie ist Ihnen sehr wichtig. Wie entwirft man ein bestimmtes Programm für ein bestimmtes Publikum?

Für mich ist die Erzähl­funk­tion von Kunst und beson­ders von Musik essen­tiell. Ein Erlebnis werde ich nie vergessen: Nach einem Konzert in stieg ich in einen Zug nach Berlin, in dem auch ein paar Münchner saßen. Sie spra­chen über eine Opern­vor­stel­lung, die sie dort gesehen hatten, und sagten: „Ja, das ist mein Haus, mein Orchester!“ Das hatte ich so klar noch nie gehört. Die glei­chen Leute spra­chen darüber, wie sie dieses Jahr noch zur Metro­po­litan Opera reisen würden. Aber München war eben „ihr“ Haus. Ich habe viel über diese Iden­ti­fi­ka­ti­ons­funk­tion von Kunst nach­ge­dacht. Sie ist elementar! Wenn man nicht selbst Teil des Dialogs wird, dann hat er keine Bedeu­tung, dann wird – nachdem wir die Musik gehört haben – nichts bei uns zurück bleiben.

Deshalb basiert Drama­turgie für mich auf jahre­langer Recherche – über jede Stadt, in die ich gehe: ihre Geschichte, ihre Tradi­tion, ihr aktu­elles Leben. Ein Teil der Entschei­dung ist neben dem Klang­körper dort auch die Frage, wie die Gesell­schaft funk­tio­niert. Selbst wenn man an unter­schied­li­chen Orten dieselben Stücke diri­giert, erfor­dert die Zusam­men­stel­lung des Programms eine sehr sensible Drama­turgie. Die Drama­turgie erstellt man nicht für sich selbst, sondern für das Publikum, dem man dient.

Diri­gieren Sie dann auch die gleiche Sinfonie anders, je nachdem, ob Sie in München, New York oder Tokio sind?

Nein, das wäre nicht ehrlich. Das Publikum spürt sofort, ob ein Künstler authen­tisch ist. Ich gehe immer wieder zurück zur Musik, ergründe, was der Kompo­nist heute zu mir spricht, auch wenn es das 70. oder 80. Mal ist, dass ich das Stück diri­giere. Die Inter­pre­ta­tion ändert sich nicht, aber der Kontext!

Kent Nagano gibt einen Einsatz.

Kent nagano: »wenn man sich nicht mehr entwi­ckelt, beginnt man zu sterben.«

(Foto: © Antoine Saito)

Sie feiern Ihren 70. Geburtstag. Haben Sie noch Träume?

Zu viele! Die Heraus­for­de­rung ist immer, dass man mehr Ideen als Zeit hat. Krea­ti­vität ist kein Problem, Zeit ist immer das Problem!

Denken Sie da an bestimmte Werke, Kompo­nisten oder Klang­körper?

Ja, ja und ja! Ich habe aber nicht nur Träume im Auffüh­rungs­be­reich, auch wenn das die Basis bildet. Es gibt auch viele struk­tu­relle Heraus­for­de­rungen, die adres­siert werden müssen. Die nächste Genera­tion soll das gleiche Privileg haben wie wir. Es ist in jeder­manns Inter­esse, dass die reiche Tradi­tion, die wir haben, nicht stirbt. Dafür möchte ich mich einsetzten. Nicht nur für die Bildung und Erzie­hung, sondern auch für die Konzert­säle. Der Ort, in dem man spielt, hat eine sehr hohe Funk­tion für eine Gesell­schaft. Er ist viel mehr als ein Ort, an dem man einfach nur Musik hört! Das geht viel tiefer. Musik wird dort gespielt, aber warum und wie wird sie gespielt? Welche soziale Funk­tion hat sie für die Gesell­schaft? Beim Aufbau eines Auffüh­rungs­ortes ist es sehr wichtig, die rich­tigen Fragen zu stellen!

Vor 15 Jahren haben wir einen hervor­ra­genden Konzert­saal in Montréal aufge­baut. Wir hatten das Glück, dass Gemein­schafts­ge­fühl, der Wunsch des Publi­kums, der Politik und der Inter­preten in die gleiche Rich­tung gingen. Alle waren sich einig: Wir brau­chen das und zwar jetzt! Das war mitten in der Finanz­krise 2007/2008, also sozu­sagen ein Ding der Unmög­lich­keit! Trotzdem haben wir den Konzert­saal inner­halb von zwei Jahren aufge­baut. Das ist nur möglich, wenn alle an einem Strang ziehen!

Zeit­ge­nös­si­sche Musik ist für Sie von großer Bedeu­tung. Bei wem sehen Sie ein beson­ders großes Poten­zial?

Aktuell sehe ich sehr viele inter­es­sante Kompo­nisten und auch eine fantas­ti­sche neue Genera­tion von Inter­preten. Da bin ich viel opti­mis­ti­scher als noch vor einem Jahr. Eine posi­tive Seite des Lock­downs war, dass ich Zeit hatte zu recher­chieren, wer heute kompo­niert. Ich habe mir viele Parti­turen ange­sehen, Zoom-Termine mit Kompo­nisten verein­bart und Aufträge erteilt. Ich sehe nicht ein, nicht zwei, sondern viele begabte Stimmen für die Zukunft!

Ende September erscheint Ihr neues Buch 10 Lessons of my Life – Was wirk­lich zählt. Was erwartet uns darin?

Es geht um Educa­tion, aber nicht um die an einer Hoch­schule oder in einer tradi­tio­nellen akade­mi­schen Struktur, denn wir sollen ja unser Leben lang lernen. Wenn man sich nicht mehr entwi­ckelt, beginnt man zu sterben. Das ist ja auch das große Thema, wenn man in Pension geht. Sind der Lern­pro­zess und die Iden­tität nur mit einem bestimmten Job verbunden, oder wird man durch andere weiter aktiv sein? Ein großer Teil dieses Prozesses ist die Frage, wie man nach der akade­mi­schen Phase weiter­lernt. Das hängt viel von einzelnen Persön­lich­keiten ab, von Vorbil­dern oder Mentoren, die wie Leucht­türme sein können und die einem helfen, seinen Weg zu gehen. Über das Leben verteilt haben wir viele solcher Vorbilder, aber nicht viele zugleich. Wir lernen unter­schied­liche Dinge, aber am Ende zählt, was davon uns wirk­lich ausmacht.

Olivier Messiaen: „La Trans­fi­gu­ra­tion de Notre Seigneur Jésus-Christ”, Chor und , Kent Nagano (BR Klassik)

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Kent Nagano, Buchcover

„Kent Nagano, Inge Kloe­pfer: „10 Lessons of my Life. Was wirk­lich zählt” (Berlin Verlag)

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