KlassikWoche 22/2022

Kommen Sie doch näher!

von Axel Brüggemann

29. Mai 2022

Alexander Pereiras Großgrundbesitzer-Gebaren, Teodor Currentzis’ Russland-Tournee, Klaus Mäkelä wohl neuer Chefdirigent des Concertgebouworkest.

Will­kommen in der neuen Klas­sik­Woche,

lassen Sie uns am Ende dieses News­let­ters ein biss­chen näher­kommen – denn Nähe brau­chen wir doch alle! Vorher aber tauschen wir noch mal nötige Argu­mente aus für ein Koor­di­na­ten­system der Musik. Und wenn Sie nur wenig Zeit haben (oder keine Lust mehr auf das Thema Klassik und Krieg haben), dann ist es okay, wenn Sie sich beim Deutsch­land­funk die Rede von Lukas Bärfuss über Geld, Kunst und Frei­heit anhören – ein Hand­buch für Zeiten des Wandels, der in der Kultur beginnen muss: Nein, bei uns! Das einfache Motto: Sei frei, until you die! 

Zoff um Alex­ander Pereira

Alexander Pereira

Restau­rant­be­suche auf Ibiza, 3.800 Euro für ein Berliner Aukti­ons­haus, Rech­nungen bei Fisch­händ­lern, Metz­gern und in Bäcke­reien, Ex-Salz­burg-Chef und derzei­tiger Inten­dant des Maggio Musi­cale in Florenz, , steht unter Beschuss. Im Jahr 2021 habe der Inten­dant mit der Kredit­karte seines Thea­ters 60.000 Euro ausge­geben, allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres seien es 14.000 Euro gewesen – das berichtet die Tages­zei­tung La Repub­blica.

Die Vorwürfe kommen ursprüng­lich von der italie­ni­schen Rechts­partei Fratelli d’Italia, doch nun wollen auch die Gewerk­schaften des Thea­ters Trans­pa­renz. Der Bürger­meister von Florenz, Dario Nardella, erklärte, er werde Pereiras Rech­nungen über­prüfen. „Ich werde den Inten­danten bitten, mir die Belege vorzu­weisen, wie wir es immer getan haben“, sagte Nardella. Ja, auch dieses Groß­grund­be­sitzer-Gebaren gehört wohl zur alten Klassik-Welt, die gerade stau­nend ihren eigenen Unter­gang beob­achtet. 

1: Fragen an unser Koor­di­na­ten­system

Markus Hinterhäuser und Teodor Currentzis

Die Lage ist ange­spannt, der Ton unver­söhn­lich, und – es ist verständ­lich – der Krieg in der Ukraine macht mürbe. „Gebt Russ­land einfach die Krim“, fordern schon einige und reden von „Annä­he­rung und Wahrung des Status quo“, wollen „Zuge­ständ­nisse an Putin“. Der Krieg scheint wieder ferner zu rücken, viele in West­eu­ropa wollen einfach ihr altes Leben zurück, und, ja, „kann nicht die Klassik, bitte auch sein, wie sie immer war?“ Es ist schwer, das Thema „Krieg und Klassik“ weiter zu beleuchten, das stört, das nervt – das tut viel­leicht auch weh. Aber auch auf Grund eines großen Textes im aktu­ellen Cicero (Bezahl­ar­tikel, der hier als Twitter-Thread zusam­men­ge­fasst ist), in dem ich sämt­liche Fakten zur Russ­land-Abhän­gig­keit von und recher­chiert habe, noch einmal der Versuch, die Dinge ohne Schaum vor dem Mund zu ordnen.

Was mich persön­lich wundert, ist, dass Fakten offen­sicht­lich keine Rolle mehr spielen oder grund­le­gend unter­schied­lich bewertet werden. Im Falle Curr­entzis jene, dass der Vorstand von musi­cAe­terna mit Wladimir Putins besten Freunden besetzt ist, dass Geld von der VTB Bank kommt, dass das Haus, in dem musi­cAe­terna seit 2020 in St. Peters­burg behei­matet ist (das alte Radio­haus), einer Holding gehört, in der Putins Geliebte, Alina Kaba­jewa, Vorsit­zende ist, dass Curr­entzis 2020 mit dem Umzug in Putins Kosmos nach St. Peters­burg seine alte, regime­kri­ti­sche Rolle voll­kommen aufge­geben hat, dass Inten­danten wie vor einigen Wochen noch sagten, sie warten auf eine Erklä­rung von Curr­entzis – und dass der beharr­lich schweigt. Mehr noch: Er geht mit seinem Orchester auf Russ­land-Tournee – gesponsort von Gazprom. Inklu­sive Foto­termin vor der Ewigen Flamme von Wolgo­grad, die Gazprom kostenlos für die Gefal­lenen der Russi­schen Armee mit Gas belie­fert. Das Argu­ment, Curr­entzis wolle „seine“ Musi­ke­rInnen schützen, dürfte kaum noch ziehen, denn der Groß­teil von musi­cAe­terna ist ein Tele­fon­buch­or­chester. All diese Abhän­gig­keiten scheinen weder den Inten­danten der , des Konzert­hauses in Dort­mund oder des SWR Sympho­nie­or­ches­ters zu inter­es­sieren (und: Ja, auch einem Groß­teil des Publi­kums scheinen sie egal zu sein). DAS ist, was mich verwun­dert: Die Frage, ob es okay ist, weiter mit Curr­entzis Geld zu verdienen, scheint gar nicht gestellt zu werden. In anderen Genres wäre das kaum vorstellbar. Der Spiegel etwa hat gerade berichtet, dass die bekann­teste russi­sche Vertre­terin der inter­na­tio­nalen Tech­no­szene, Nina Kraviz, in vielen west­li­chen Clubs nicht mehr auflegen darf, da sie sich nur wolkig zum Krieg in der Ukraine äußert. Und auch in der Bildenden Kunst wird derzeit sehr genau hinge­schaut, wer in welche Werke und Ausstel­lungen inves­tiert (und die Geld­geber der Salz­burger Fest­spiele sind hier längst nicht mehr will­kommen). Doch in der Klassik schaut man lieber weg, und zum Teil werden jene, die hinschauen, als Nest­be­schmutzer diskre­di­tiert. Ist DAS wirk­lich die Klassik-Welt, die wir alle wollen? 

2: Fragen an unser Koor­di­na­ten­system

Und, ja, auch ist wieder aufge­treten: Paris, Mailand – bald Verona. In der Zeitung Le Monde hatte sie erklärt, sie habe Putin nicht gewählt, hätte eine russi­sche Seele, das Geld an den Donbas – sie wollte nur der Oper helfen, habe den Betrag an den Falschen über­wiesen, sei keine Nutz­nie­ßerin des Systems Putin, und über­haupt, dass MET-Inten­dant so streng mit ihr sei, das verstehe sie nicht… und und und …. Auch hier geht es einfach nur darum, wie wir unser Koor­di­na­ten­system einrichten. Im Falle Netrebko würde ich eine andere Frage als bei Curr­entzis (der sich nie erklärt hat) stellen, nämlich: Wenn jemand jahr­zehn­te­lang vom System Putin profi­tiert hat und es durch seine öffent­li­chen Auftritte auch gestützt hat – ab wann nimmt man ihm die Distan­zie­rung ab?

Netrebko hat für meinen Geschmack einfach zu lange herum­ge­eiert, sich selber und ihre Karriere über die Not der Menschen in der Ukraine gestellt, und ich nehme ihr auch die aktu­elle Argu­men­ta­tion nicht ab, lese zwischen den Zeilen zu viel „Ich bin doch so unpo­li­tisch und will endlich wieder singen“, vermisse die Selbst­kritik ihrer alten State­ments. Aber, hey – sie singt, und das ist legitim… Dass ausge­rechnet Scala-Inten­dant , einer der wohl unin­spi­rier­testen Strip­pen­zieher der Opern­welt, nun erklärt (zu lesen in der Aargauer Zeitung), er hoffe, dass Netrebkos Auftritt bei ihm Signal­wir­kung für andere Häuser habe, ist für mich nur ein weiteres Zeichen, dass ich derzeit keine Lust auf diese Art von Oper habe und auch nicht auf ein Konzert mit Anna Netrebko. Aber ich muss da ja auch nicht hin…

3: Fragen an unser Koor­di­na­ten­system

Die Dirigentin Oksana Lyniv

Und dann sind da noch die Fragen: Sollen junge, russi­sche Musi­ke­rInnen zu euro­päi­schen Wett­be­werben einge­laden werden? (Natür­lich!) Soll man in dieser Zeit Tschai­kowsky spielen? (Logo!) Und soll man es thema­ti­sieren, dass es kultu­relle Kreise in der Ukraine gibt, die genau das alles nicht wollen? (Na klar!) Wie schwer es ist, zwischen den Koor­di­naten zu tanzen, ist gerade an der Diri­gentin zu sehen, die auf der einen Seite für ihr Land, die Ukraine, kämpft, gleich­zeitig aber auch – zu Recht – für Peter Tschai­kowsky.  „Wir müssen doch profes­sio­nell bleiben!“, sagt Lyniv der nmz. „Ich denke an die ukrai­ni­schen Künstler, die in Paris oder in Zürich studieren. Natür­lich müssen sie weiter Stra­winsky diri­gieren, es gibt keinen Diri­gier­wett­be­werb der Welt ohne dessen Werke. Ich glaube auch nicht, dass es der ukrai­ni­schen Kultur gut tun wird, wenn unsere jungen Künstler jetzt an der eigenen Entwick­lung gehin­dert werden. Und außerdem: Das einzige Stra­winsky-Museum der Welt ist in der Ukraine, in Ustyluh, sein Vater war Ukrainer. Er hat dort ‚Le sacre du prin­temps‘ kompo­niert – und jetzt ist seine Musik für uns prak­tisch verboten, obwohl sie auch schon im Zweiten Welt­krieg als ‚Entar­tete Musik‘ und zu Stalins Zeit wegen des Forma­lismus verboten war.“ 

Meine kleine Zusam­men­fas­sung: Es ist höchste Zeit, gemeinsam ein klares Koor­di­na­ten­system zu erar­beiten. Es geht nicht darum, zu richten, sondern einzu­ordnen, sich zu verstän­digen, was für eine Klassik-Welt wir wollen. Mein Vorschlag wäre es, dass gerade die Kunst natür­lich ein Ort der Gemein­sam­keit sein muss, der zu (auch unmög­li­chen) Begeg­nungen einlädt. Dafür aber ist es wichtig, jene Musi­ke­rInnen genau zu befragen, die sich gemein mit dem System Putin gemacht haben, von ihm profi­tieren und indif­fe­rent bleiben. Sie gefährden die Kultur als Terri­to­rium des Austau­sches und der Begeg­nung. Und ich wundere mich, warum so viele Künst­le­rInnen zwar die Fahnen der Ukraine in ihren Social-Media-Profilen haben, Benefiz-Veran­stal­tungen orga­ni­sieren, es aber nicht schaffen, den Betrieb, seine Verant­wort­li­chen und Veran­stalter in die Pflicht zu nehmen – wenn das aus Angst geschieht, eigene Enga­ge­ments zu verlieren, dann haben wir tatsäch­lich ein Problem mit unserem Klassik-Koor­di­na­ten­system. 

Perso­na­lien der Woche

Der Dirigent Klaus Mäkelä

News­letter-Lese­rInnen wissen mehr. Es war am 20. September 2021, als wir an dieser Stelle gemeldet haben, dass wohl der Finne neuer Chef­di­ri­gent des Concert­ge­bou­wor­kests werden wird. Es folgte keine Bestä­ti­gung, aber auch kein Dementi. Nun hat das Orchester ange­kün­digt, die Vertrags­tinte sei trocken, am 10. Juni wolle man den Neuen vorstellen – und aus den Reihen des Orches­ters hört man es – ebenso wie in nieder­län­di­schen Zeitungen – überall „Mäkelä“ flüs­tern. +++ Tenor hat keine Lust auf eine katho­li­ken­kri­ti­sche Tosca-Insze­nie­rung am Gran Teatre del Liceu in Barce­lona und hat via Twitter erklärt, dass er und seine Lebens­ge­fährtin Alek­sandra Kurzak ihre Mitwir­kung in Rafael R. Vill­al­obos Inter­pre­ta­tion zurück­ge­zogen haben. +++ Augs­burgs Inten­dant platzte auf Face­book der Kragen. Auch fünf Jahre nach Amts­an­tritt ist das Ende der Thea­ter­sa­nie­rung nicht absehbar. Bei Face­book zitierte er das Motto seiner neuen Spiel­zeit 202223 „Aufbruch!“ – und schrieb: „Diesen Aufbruch voll­ziehen wir schon seit einigen Jahren (…) wir entde­cken neue künst­le­ri­sche Ausdrucks­formen in allen Sparten, erfor­schen digi­tale Welten und öffnen uns in den Stadt­raum hinein mit parti­zi­pa­tiven Formaten.“ Und dann fragte er: „Doch wie sieht es mit dem Aufbruch am sanie­rungs­be­dürf­tigen, seit langem geschlos­senen Großen Haus aus? (…) Wann öffnet endlich das lang ersehnte Kleine Haus, das der gesamten Stadt­ge­sell­schaft offen stehen soll, seine Pforten? Wie man auf den Fotos von letzter Woche sehen kann, sieht es so aus, als täte sich nicht allzu viel.“ +++ Einer der best­be­zahlten US-Konzert­meister-Jobs wurde neu besetzt: David Radzynski vom Israel Phil­har­monic Orchestra wird Nach­folger des 2018 gefeu­erten ersten Geigers des Cleve­land Orche­s­tras, William Preucil.

Warme Worte reichen nicht

Wider das Vergessen: Die Quer­flö­tistin und Ikone des weiß­rus­si­schen Wider­standes, die Musi­kerin , die von einem Minsker Gericht zu elf Jahren Gefängnis wegen angeb­li­cher „Verschwö­rung mit dem Ziel der ille­galen Macht­er­grei­fung“ und „Grün­dung und Führung einer extre­mis­ti­schen Verei­ni­gung“ verur­teilt wurde, bekam letzte Woche den Karls­preis in Abwe­sen­heit verliehen. Gut so, denn gerade in Zeiten des Ukraine-Krieges tendieren wir, ihre Geschichte zu vergessen. Dabei zeigt sie, wie wichtig es ist, früh­zeitig hinzu­sehen, und wie viel Mut es braucht, gegen den Wind Miss­stände aufzu­zeigen. „Warme Worte reichen nicht“, hieß es mit Blick auf Deutsch­lands Haltung im Ukraine-Krieg von den anderen beiden Geehrten, Swet­lana Tich­anow­skaja und Vero­nika Tsep­kalo. Im VAN-Magazin hat ihre ehema­lige Kollegin vom ECLAT-Festival, Chris­tine Fischer, Kales­ni­kavas Mut beschrieben: „Sie wollte nicht die Edel­wi­der­ständ­lerin sein, die hinterher in ihren sicheren Job nach Stutt­gart zurück­kehrt.“

Und wo bleibt das Posi­tive, Herr Brüg­ge­mann?

Ja, wo zum Teufel bleibt es nur? Viel­leicht hier: Ist das Kultur­pu­blikum mehr als nur Zähl­masse? Nach Corona zeigt sich: Einrich­tungen, die ihr Publikum kennen, haben weniger Probleme als Kultur­ver­an­stalter, für die Zuschaue­rInnen eine quan­ti­ta­tive Größe sind. Aber wie schafft man Nähe zum Publikum? Was verbindet eine Pizzeria mit einem Theater? Und von welchen Beispielen können wir lernen. Ich debat­tiere das in meinem Podcast „Alles klar, Klassik?“ (hier die Sendung für alle Player) mit meinen Gästen: PR-Agentin Simone Doll­mann (PS Music) sagt, „wir müssen die Nähe neu entde­cken“, Professor Dr. Martin Zierold von der Hoch­schule für Musik und Theater in Hamburg fragt, warum Musi­ke­rInnen ihrem Publikum nicht mal eine hand­schrift­liche Karte schreiben und Stefan Englert, Geschäfts­führer des Gürze­nich Orches­ters in Köln, weiß, wie wichtig Nähe zum Publikum ist – er macht Musik mit ihm. Ach ja: Der Wandel ist längst in der Klassik ange­kommen. Das zeigt – auch das etwas Posi­tives – das Gespräch, das der RBB gerade über die Klima­kon­zerte des „Orches­ters des Wandels“ geführt hat – mit dem Gründer, dem Hornisten Markus Brug­gaier.

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

[email protected]​crescendo.​de

Fotos: Der Facebook-Auftritt von Anna Netrebko