Willkommen in der neuen KlassikWoche,

heute geht es um eine Wutrede, um Optimismus in schweren Zeiten und ein vollkommen neues Streaming-Angebot.

ANNA PROHASKAS WUNDERBARE WUTREDE

Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja hat eine Wutrede der Sängerin Anna Prohaska auf Facebook geteilt, in der es zur Sache geht: „Ist ja beruhigend zu wissen, dass der Abteilungsleiter ‚Aktuelle Kultur und Politik‘ eines der wichtigsten deutschsprachigen Radiosender Thorsten Jantschek (Anmerkung der Red.: Deutschlandfunk Kultur) eher ein ignoranter Philister als informierter Philosoph ist“, schrieb Prohaska. „Da muss man als Hörer über sich ergehen lassen, wie er von dem bequemen Lehnstuhl seiner Festanstellung mit Monatsgehalt in einem nöligen Jammerton vor sich hin doziert (den er übrigens so sehr bei den Kulturschaffenden anprangert). 

Während des kulturellen Shut-Downs sollen ‚Dramaturgen Stücke entwickeln‘ und ‚Beleuchter‘ im Theater doch ihre ‚Anlagen in Ordnung bringen‘, Museumsbesuchern rät er ‚Kunst einfach mal sein zu lassen und im Internet zu surfen‘ (…) Auf allen Ebenen, Herr Jantschek: Beruf verfehlt.“ Ach ja, und dann können wir nun wohl auch das endgültige Ende einer anderen sich seit Jahren selber irrelevant machenden Kultursendung besiegeln: Ob „aspekte“ im ZFD die Verschiebung in den frühen Samstagmorgen durch die neue Sendung von Jan Böhmermann (ZDF Magazin Royale) überlebt – fraglich! 

CORONA-TICKER

Immerhin tut sich was: Frank-Walter Steinmeier macht zumindest schöne Worte über die Kultur („wir brauchen sie mehr denn je“), und die Bundesregierung will 75 Prozent des vergleichbaren Vorjahres-Monatsgehaltes an Solo-Selbstständige für Ausfälle im November 2020 auszahlen. Das hat nicht etwa Monika Grütters (die sich gern damit schmückt) erarbeitet, sondern Wirtschaftsminister Peter Altmaier. Ob die Regelung reicht und bürokratisch funktioniert – ich hoffe es sehr! +++ Für mich einer der besten Journalisten, nicht nur seit der Corona-Krise, ist Markus Thiel vom Merkur. In einem lesenswerten Artikel hat er nun dem Sänger und Juristen Wolfgang Schwaninger Raum gegeben, der erklärt: Rund 50 Prozent der Sängerinnen und Sänger bekamen seit dem ersten Lockdown keinerlei Ausfallzahlungen, die Theater verschanzten sich hinter Klauseln, die rechtlich fragwürdig sind, doch inzwischen streben manche Bühnen individuelle Vereinbarungen mit hohen Geldzahlungen an, weil sie eine Niederlage vor Gericht befürchten. 

+++ Einen Wut-Text hat auch Jurist Peter Raue in der BZ verfasst (geteilt von Anne-Sophie Mutter): „Shopping-Malls, Sportgeschäfte, Outlets bleiben (als angeblich systemrelevant) offen. Theater und Oper müssen schließen. Galerien dürfen offen bleiben (zurecht), die Museen müssen dicht machen. Schiere Willkür! In jedem Ikea-Laden oder Media-Markt treffen sich in einer Stunde mehr Menschen (meist ohne Abstandsregeln einzuhalten) als Besucher in einem Museum an einem Tag.“ +++ Was ich vom Thomas Ostermeier-Interview im Deutschlandfunk halten soll, weiß ich nicht genau. Faulheit oder Weitsicht? Der Intendant der Schaubühne sagte, die „Unsicherheit dieser Wellen des Lockdown light“ sei für das Theater einfach nicht gut: „Da wäre es besser, wenn man sagen würde, oder das wäre zumindest mein Vorschlag: Leute, lasst uns die Wintermonate zumachen und das im Sommer kompensieren.“ +++ In Basel wird heute Abend eine Lichterkette gegen das Schweigen in der Kultur stattfinden. 

DIE KULTUR DES TROSTES NACH DEM ANSCHLAG 

Der terroristische Anschlag in Wien war schockierend. Und dennoch provozierte er auch tröstende Momente, besonders bei Kultureinrichtungen. Während Plácido Domingo und Michael Schade in einem Restaurant ausharren mussten, überbrückten Kammermusikensembles der Wiener Philharmoniker an der Staatsoper die Zeit nach der „Bajazzo“-Aufführung mit Roberto Alagna einfach mit Quartetten (u.a. dem Kaiserquartett von Haydn), und auch im Konzerthaus und im Burgtheater, die von Menschen stundenlang nicht verlassen werden konnten, blieb man ruhig, solidarisch und zutiefst menschlich. Die Ereignisse des Abends in den Kultureinrichtungen fasst dieser Text zusammen, und ich persönlich empfehle Ihnen diesen offenen Brief der Schwester einer Getöteten – DAS nenne ich GRÖSSE. 

PERSONALIEN DER WOCHE

Den diesjährigen Sonderpreis des Kulturpreises Bayern erhält Joana Mallwitz, die Generalmusikdirektorin am Staatstheater Nürnberg. „Sie ist eine inspirierte und inspirierende Musikerin sowie eine begnadete Musikvermittlerin“, sagte Kunstminister Bernd Sibler (CSU) in München. +++ Dass Moritz Eggert neuer Präsident des Komponistenverbandes ist, hatten wir letzte Woche bereits exklusiv gemeldet, inzwischen hat es auch Kollege Norman Lebrecht mitbekommen und schwurbelt irgendwas darüber, dass der „bad boy“ milder werden sollte. – Lieber Norman, vielleicht solltest Du einfach mal einen besseren Deutsch-Übersetzer organisieren, so langsam wird das Slipped-Disc-Unterfangen echt unseriös! 

+++ Nachdem die Salzburger Festspiele sich mit ihrem Logo und der Frage seiner nationalsozialistischen Bezüge (die Künstlerin Leopoldine Wojtek stand dem Hitler-Regime nahe) auseinandergesetzt haben, schickte Ioan Holender mir einen Text, in dem er argumentiert: „Markus Hinterhäuser sagte zum Thema Logo: ‚Vergangenheit lässt sich nicht bewältigen.‘ Das ist richtig. Aber ich frage, warum die Salzburger Festspiele eine durch die NS-Vergangenheit fragwürdige Zeichnung trotz allem weiter verwenden?“ +++ Beleuchtungs-Genie Manfred Voss ist verstorben. Sein Meisterwerk war der „Jahrhundert“-Ring von Patrice Chéreau in Bayreuth, Heiner Müller nannte ihn „King of Light“. Ein Nachruf hier

FOYER.DE

Es ist leider wieder Lockdown-Zeit! Wieder sind Kultur-Fans gezwungen, zu Hause zu bleiben, und KünstlerInnen können nicht auftreten. Bereits während des ersten Lockdown waren Streams ein Riesenthema – die CRESCENDO-Redaktion hat es zu ihrem gemacht. Sie hat die Debatten pro und contra der Kultur-Streams verfolgt und sich überlegt, wie das Grundproblem, nämlich vor allem die Willkürlichkeit der einzelnen Aktionen, in den Griff zu bekommen wäre und wie man die zahlreichen, vielfach sehr guten und innovativen, aber schwer auffindbaren Einzel-Initiativen bündeln und prominent platzieren könnte. Das Ergebnis jeder Menge Neugier, noch mehr Kleinarbeit, vor allem aber Freude am Entdecken präsentiert die CRESCENDO-Redaktion jetzt mit der neuen Plattform FOYER.DE, dem neuen Kultur-Portal. Hier gibt es tatsächlich Kultur auf einen Klick – nämlich alle in Deutschland empfangbaren Streams übersichtlich zusammengeführt. Ob es sich um die Angebote von Fernsehsendern handelt, um die von Orchestern, Opern- oder Balletthäusern, um Bezahl-Streams einzelner Künstler oder um was auch immer aus der Welt der Klassik – FOYER.DE bringt Ordnung in das Klassik-Streaming: Experten sortieren die einzelnen Angebote nach Kategorien, stellen besonders sehens- und hörenswerte Produktionen vor und sind so eine bislang einmalige Adresse für alle, die auch im Lockdown nicht auf Klassik verzichten wollen. FOYER.DE ist DAS kostenlose Streaming-Magazin für das Klassik-Netz nach dem bewährten Prinzip der Fernsehzeitung. FOYER macht nicht nur das Leben von Kulturliebhabern leichter, sondern will Interesse wecken, indem es das Streaming-Angebot von Theatern, Orchestern und Compagnien sowie das einzelner Musiker einem größeren Publikum zugänglich macht.

ICH FREUE MICH AUF DEN LOHENGRIN“

Und wenn Sie noch ein wenig Unterhaltung suchen, hier noch mein Gespräch, das ich mit Roberto Alagna über seine neue CD geführt habe, über den Bajazzo und das Lohengrin-Debüt, das im Dezember an der Staatsoper in Berlin stattfinden soll.

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In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüggemann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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