KlassikWoche 46/2020

Es geht weiter. Irgendwie.

von Axel Brüggemann

8. November 2020

Die Wutrede von Anna Prohaska, die schönen Worte von Frank-Walter Steinmeier, der Preis für Joana Mallwitz.

Will­kommen in der neuen Klas­sik­Woche,

heute geht es um eine Wutrede, um Opti­mismus in schweren Zeiten und ein voll­kommen neues Strea­ming-Angebot.

ANNA PROHASKAS WUNDER­BARE WUTREDE

Die Geigerin hat eine Wutrede der Sängerin auf Face­book geteilt, in der es zur Sache geht: „Ist ja beru­hi­gend zu wissen, dass der Abtei­lungs­leiter ‚Aktu­elle Kultur und Politik‘ eines der wich­tigsten deutsch­spra­chigen Radio­sender Thorsten Jant­schek (Anmer­kung der Red.: Deutsch­land­funk Kultur) eher ein igno­ranter Philister als infor­mierter Philo­soph ist“, schrieb Prohaska. „Da muss man als Hörer über sich ergehen lassen, wie er von dem bequemen Lehn­stuhl seiner Fest­an­stel­lung mit Monats­ge­halt in einem nöligen Jammerton vor sich hin doziert (den er übri­gens so sehr bei den Kultur­schaf­fenden anpran­gert).

Während des kultu­rellen Shut-Downs sollen ‚Drama­turgen Stücke entwi­ckeln« und ‚Beleuchter‘ im Theater doch ihre ‚Anlagen in Ordnung bringen‘, Muse­ums­be­su­chern rät er ‚Kunst einfach mal sein zu lassen und im Internet zu surfen« (…) Auf allen Ebenen, Herr Jant­schek: Beruf verfehlt.“ Ach ja, und dann können wir nun wohl auch das endgül­tige Ende einer anderen sich seit Jahren selber irrele­vant machenden Kultur­sen­dung besie­geln: Ob „aspekte“ im ZFD die Verschie­bung in den frühen Sams­tag­morgen durch die neue Sendung von Jan Böhmer­mann ( Magazin Royale) über­lebt – frag­lich! 

CORONA-TICKER

Immerhin tut sich was: Frank-Walter Stein­meier macht zumin­dest schöne Worte über die Kultur („wir brau­chen sie mehr denn je“), und die Bundes­re­gie­rung will 75 Prozent des vergleich­baren Vorjahres-Monats­ge­haltes an Solo-Selbst­stän­dige für Ausfälle im November 2020 auszahlen. Das hat nicht etwa (die sich gern damit schmückt) erar­beitet, sondern Wirt­schafts­mi­nister Peter Altmaier. Ob die Rege­lung reicht und büro­kra­tisch funk­tio­niert – ich hoffe es sehr! +++ Für mich einer der besten Jour­na­listen, nicht nur seit der Corona-Krise, ist Markus Thiel vom Merkur. In einem lesens­werten Artikel hat er nun dem Sänger und Juristen Wolf­gang Schwa­ninger Raum gegeben, der erklärt: Rund 50 Prozent der Sänge­rinnen und Sänger bekamen seit dem ersten Lock­down keinerlei Ausfall­zah­lungen, die Theater verschanzten sich hinter Klau­seln, die recht­lich frag­würdig sind, doch inzwi­schen streben manche Bühnen indi­vi­du­elle Verein­ba­rungen mit hohen Geld­zah­lungen an, weil sie eine Nieder­lage vor Gericht befürchten.

+++ Einen Wut-Text hat auch Jurist Peter Raue in der BZ verfasst (geteilt von ): „Shop­ping-Malls, Sport­ge­schäfte, Outlets bleiben (als angeb­lich system­re­le­vant) offen. Theater und Oper müssen schließen. Gale­rien dürfen offen bleiben (zurecht), die Museen müssen dicht machen. Schiere Willkür! In jedem Ikea-Laden oder Media-Markt treffen sich in einer Stunde mehr Menschen (meist ohne Abstands­re­geln einzu­halten) als Besu­cher in einem Museum an einem Tag.“ +++ Was ich vom Thomas Oster­meier-Inter­view im Deutsch­land­funk halten soll, weiß ich nicht genau. Faul­heit oder Weit­sicht? Der Inten­dant der Schau­bühne sagte, die „Unsi­cher­heit dieser Wellen des Lock­down light“ sei für das Theater einfach nicht gut: „Da wäre es besser, wenn man sagen würde, oder das wäre zumin­dest mein Vorschlag: Leute, lasst uns die Winter­mo­nate zuma­chen und das im Sommer kompen­sieren.“ +++ In wird heute Abend eine Lich­ter­kette gegen das Schweigen in der Kultur statt­finden. 

DIE KULTUR DES TROSTES NACH DEM ANSCHLAG 

Der terro­ris­ti­sche Anschlag in Wien war scho­ckie­rend. Und dennoch provo­zierte er auch trös­tende Momente, beson­ders bei Kultur­ein­rich­tungen. Während und in einem Restau­rant ausharren mussten, über­brückten Kammer­mu­sik­ensem­bles der an der Staats­oper die Zeit nach der „Bajazzo“-Auffüh­rung mit einfach mit Quar­tetten (u.a. dem Kaiser­quar­tett von Haydn), und auch im Konzert­haus und im Burg­theater, die von Menschen stun­den­lang nicht verlassen werden konnten, blieb man ruhig, soli­da­risch und zutiefst mensch­lich. Die Ereig­nisse des Abends in den Kultur­ein­rich­tungen fasst dieser Text zusammen, und ich persön­lich empfehle Ihnen diesen offenen Brief der Schwester einer Getö­teten – DAS nenne ich GRÖSSE. 

PERSO­NA­LIEN DER WOCHE

Joana Mallwitz

Den dies­jäh­rigen Sonder­preis des Kultur­preises Bayern erhält , die Gene­ral­mu­sik­di­rek­torin am Staats­theater . „Sie ist eine inspi­rierte und inspi­rie­rende Musi­kerin sowie eine begna­dete Musik­ver­mitt­lerin“, sagte Kunst­mi­nister (CSU) in . +++ Dass neuer Präsi­dent des Kompo­nis­ten­ver­bandes ist, hatten wir letzte Woche bereits exklusiv gemeldet, inzwi­schen hat es auch Kollege Norman Lebrecht mitbe­kommen und schwur­belt irgendwas darüber, dass der „bad boy“ milder werden sollte. – Lieber Norman, viel­leicht soll­test Du einfach mal einen besseren Deutsch-Über­setzer orga­ni­sieren, so langsam wird das Slipped-Disc-Unter­fangen echt unse­riös!

+++ Nachdem die sich mit ihrem Logo und der Frage seiner natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Bezüge (die Künst­lerin Leopol­dine Wojtek stand dem Hitler-Régime nahe) ausein­an­der­ge­setzt haben, schickte mir einen Text, in dem er argu­men­tiert: „Markus Hinter­häuser sagte zum Thema Logo: ‚Vergan­gen­heit lässt sich nicht bewäl­tigen.‘ Das ist richtig. Aber ich frage, warum die Salz­burger Fest­spiele eine durch die NS-Vergan­gen­heit frag­wür­dige Zeich­nung trotz allem weiter verwenden?“ +++ Beleuch­tungs-Genie Manfred Voss ist verstorben. Sein Meis­ter­werk war der „Jahrhundert“-Ring von in , nannte ihn „King of Light“. Ein Nachruf hier

FOYER​.DE

Es ist leider wieder Lock­down-Zeit! Wieder sind Kultur-Fans gezwungen, zu Hause zu bleiben, und Künst­le­rInnen können nicht auftreten. Bereits während des ersten Lock­down waren Streams ein Riesen­thema – die CRESCENDO-Redak­tion hat es zu ihrem gemacht. Sie hat die Debatten pro und contra der Kultur-Streams verfolgt und sich über­legt, wie das Grund­pro­blem, nämlich vor allem die Will­kür­lich­keit der einzelnen Aktionen, in den Griff zu bekommen wäre und wie man die zahl­rei­chen, viel­fach sehr guten und inno­va­tiven, aber schwer auffind­baren Einzel-Initia­tiven bündeln und promi­nent plat­zieren könnte. Das Ergebnis jeder Menge Neugier, noch mehr Klein­ar­beit, vor allem aber Freude am Entde­cken präsen­tiert die CRESCENDO-Redak­tion jetzt mit der neuen Platt­form FOYER​.DE, dem neuen Kultur-Portal. Hier gibt es tatsäch­lich Kultur auf einen Klick – nämlich alle in empfang­baren Streams über­sicht­lich zusam­men­ge­führt. Ob es sich um die Ange­bote von Fern­seh­sen­dern handelt, um die von Orches­tern, Opern- oder Balletthä­u­sern, um Bezahl-Streams einzelner Künstler oder um was auch immer aus der Welt der Klassik – FOYER​.DE bringt Ordnung in das Klassik-Strea­ming: Experten sortieren die einzelnen Ange­bote nach Kate­go­rien, stellen beson­ders sehens- und hörens­werte Produk­tionen vor und sind so eine bislang einma­lige Adresse für alle, die auch im Lock­down nicht auf Klassik verzichten wollen. FOYER​.DE ist DAS kosten­lose Strea­ming-Magazin für das Klassik-Netz nach dem bewährten Prinzip der Fern­seh­zei­tung. FOYER macht nicht nur das Leben von Kultur­lieb­ha­bern leichter, sondern will Inter­esse wecken, indem es das Strea­ming-Angebot von Thea­tern, Orches­tern und Compa­gnien sowie das einzelner Musiker einem größeren Publikum zugäng­lich macht.

„ICH FREUE MICH AUF DEN LOHEN­GRIN“

Und wenn Sie noch ein wenig Unter­hal­tung suchen, hier noch mein Gespräch, das ich mit Roberto Alagna über seine neue CD geführt habe, über den Bajazzo und das Lohen­grin-Debüt, das im Dezember an der Staats­oper in statt­finden soll.

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

[email protected]​crescendo.​de

Fotos: Nikolaj Lund