KlassikWoche 48/2021

Was bringen Roth und Hammer? Und wie poli­tisch korrekt ist Berlin?

von Axel Brüggemann

29. November 2021

Claudia Roth als Grünen-Kulturstaatsministerin, Kristina Hammer als Präsidentin der Salzburger Festspiele, Weihnachten in Berlin ohne Nussknacker

Will­kommen in der neuen Klas­sik­Woche,

es war viel los diese Woche: Claudia Roth wird Kultur­staats­mi­nis­terin, Kris­tina Hammer Fest­spiel­prä­si­dentin in Salz­burg – außerdem streicht den Nuss­kna­cker, ein Cellist verbreitet Fake-News, und der Corona-Wahn­sinn geht weiter.

NEUGIER AUF CLAUDIA ROTH 

Claudia Roth und Igor Levit

Okay, dann oute ich mich hier mal: Ich kann mich grund­sätz­lich mit vielen Grünen Zielen iden­ti­fi­zieren, aber was die Grüne Kultur­po­litik betrifft – da bin ich eher skep­tisch. Ich habe zu oft erlebt, dass dort, wo die Grünen etwas zu sagen hatten, Hand an die Kultur gelegt wurde. Zuerst habe ich das – noch als Student – beob­achtet, als die Grünen in das Amt des Kultur­bür­ger­meis­ters abge­schafft haben, auch in meiner Heimat­stadt Bremen wird Kultur – seit die Grünen mitre­gieren – eher klein geschrieben, und nun also eine Grüne Kultur­staats­mi­nis­terin? Claudia Roth, Ex-Mana­gerin der Band Ton Steine Scherben, wird das Amt von Monika Grüt­ters über­nehmen. Was wir wissen: Roth ist für Grünen-Pianist so etwas wie eine Über­mutter, und sie ist durchaus klas­si­kaffin. Ich habe sie mehr­fach bei den Bayreu­ther Fest­spielen erlebt, wo Roth nicht nur als Festival-Jetset­terin unter­wegs war, sondern als durchaus schlag­fer­tige und inter­es­sierte Musik-Lieb­ha­berin.

In einer unre­prä­sen­ta­tiven Umfrage auf meiner Insta-Seite war das Meinungs­bild (es haben mehrere hundert Menschen mitge­macht) noch ausge­gli­chen: Kritiker und Befür­worter hielten sich die Wage. Es ist zu hoffen ist, dass Roth, anders als ihre Vorgän­gerin, Monika Grüt­ters, das Amt nicht zur eigenen Macht­be­stä­ti­gung unter­hält, sondern wich­tige Aufgaben jetzt auch anpackt: Statt um altpreu­ßi­schen Kultur­glanz sollte es in Zukunft eher darum gehen, Kultur als Grund­ge­setz-Ziel anzu­pa­cken, um die Neuord­nung der KSK und vor allen Dingen eine perspek­ti­vi­sche Absi­che­rung solo­selbst­stän­diger Künst­le­rInnen. Dazu natür­lich das unbe­dingte Eintreten für die Kultur­ein­rich­tungen des Bundes und breite Unter­stüt­zung der Klassik-Betriebe in Ländern und Kommunen.

BERLINER WEIH­NACHT OHNE NUSS­KNA­CKER 

Nussknacker-Ballett an der Berliner Staatsoper

Was ist denn das, Berlin?!? Die Direk­torin des Berliner Staats­bal­letts, Chris­tiane Theo­bald, will Tschai­kow­skys Weih­nachts-Ballett „Der Nuss­kna­cker“ dieses Jahr nicht spielen. Der Grund: Das Ballett sei „ein klarer Fall von Rassismus“, beson­ders in der Berliner Fassung, einer wissen­schaft­lich fundierten, russisch gelei­teten Rekon­struk­tion des Origi­nals von 1892. Ey, Leute, ich habe mit meiner fünf­jäh­rigen Tochter neulich „Dumbo“ auf Disney+ geschaut, wo vorher eine Tafel einge­blendet wurde, dass nun geraucht würde, dass klischee­hafte und rassis­ti­sche Stereo­type gezeigt würden, von denen Disney sich distan­ziere, aber der Film sei eben aus den 1950er-Jahren. Ja, genau, das ist, was Kultur bedeutet: Wir müssen uns heute immer wieder neu zum Alten posi­tio­nieren. Wenn wir es ausra­dieren, können wir uns auch nicht dazu verhalten.

Ich empfehle dazu den Kommentar der FAZ von Wiebke Hüster. Und weil wir gerade bei Weih­nachten sind: Jonas Kauf­manns klischee­weißes Puppen­spiel kann auch keine echte Weih­nachts-Alter­na­tive sein! Der Tantiemen-Tenor wird immer mehr zur One-Man-Wham-XMas-Show: alle Jahre wieder! Anstren­gend. Aber seinem eigenen Gaben­tisch wird es nicht schaden. 

DOPPELTE KLASSIK-FAKE NEWS

Der Cellist und das ehema­lige Mitglied des Leip­ziger Streich­quar­tetts, Matthias Moos­dorf, ist für die AfD in den Bundestag einge­zogen und hat auf seiner Face­book-Seite nun ein angeb­li­ches „Melde­for­mular für Hospi­ta­li­sie­rungen“ veröf­fent­licht und behauptet, dass sechs Booster-Impfungen bis 2023 vorge­sehen wären, als die erste noch nicht einmal von der „STIKO“ empfohlen gewesen sei. Das Problem: Das Foto, das Moos­dorf gepostet hat, ist ein lange bekanntes Fake. Inzwi­schen hat der Poli­tiker das Bild sang- und klanglos von seiner Seite gelöscht – war was?

Und noch andere scho­ckie­rende Fake-News kursierten diese Woche durch das Netz. Es hieß, der Bass sei gestorben. Das war natür­lich Quatsch, schließ­lich wurde er noch quietsch­fidel in der Berliner Opern­kan­tine gesichtet. Wie so etwas passieren kann? Eine deut­sche „Opern­freundin“ sah die Todes­nach­richt eines Sängers, verwech­selte das Bild mit Salminen und setzte die falsche Nach­richt ins Face­book, wo sie sich unge­prüft verbrei­tete und sogar von renom­mierten Diri­genten aufge­nommen und verbreitet wurde. Leute, gerade in diesen Zeiten: Vertraut doch bitte profes­sio­nellen Jour­na­listen! 

SALZ­BURGS NEUE FEST­SPIEL­PRÄ­SIDENTN

Kristina Hammer, neue Präsidentin der Salzburger Festspiele

Eine echte Über­ra­schung: die Juristin Kris­tina Hammer wird Helga Rabl-Stadler als Fest­spiel­prä­si­dentin in Salz­burg folgen. Damit ist klar, dass die Rolle der Präsi­dentin in erster Linie logis­tisch und finan­ziell ange­legt ist. Sie soll Spon­soren locken und die Sanie­rung der Fest­spiel­häuser in gutes Fahr­wasser bringen. Von der Klassik ist Hammer weit­ge­hend unbe­leckt, dafür hat die Juristin aus -Würt­tem­berg gute Öster­reich-Kontakte. Sie ist mit einem Öster­rei­cher verhei­ratet, will ihren Lebens­schwer­punkt nach Salz­burg verlegen und hat unter anderem für das Kauf­haus Gern­gross in Wien gear­beitet. Von 2000 an arbei­tete sie sieben Jahre in für Aston Martin, Jaguar und Land Rover, von 2007 an leitete sie das globale Marke­ting Commu­ni­ca­tions Team von Mercedes-Benz in . Sicher ist, dass sie den amtie­renden Prot­ago­nisten kaum im Weg stehen wird: Inten­dant Markus Hinter­häuser wird keine künst­le­ri­sche Einmi­schung zu befürchten haben, und auch der kauf­män­ni­sche Direktor Lukas Crepaz wird wahr­schein­lich von Hammer unter­stützt werden. Eine Win-Win-Win-Situa­tion also in Salz­burg – und dennoch: Künst­le­risch müssen die Fest­spiele langsam einen Zacken zulegen – sonst hilft das beste Manage­ment nichts. 

DER CORONA-KLASSIK-TICKER

Plakat der Berliner Philharmoniker: Impfen schützt auch die Kultur!

Geht jetzt alles wieder von vorne los? Lock­down in Öster­reich und in Deutsch­land: Absagen, Strei­chungen, Vertrös­tungen. In wird ein Konzert 20 Minuten vor der Première abge­blasen. Warum die Auffüh­rung „Viktoria und ihr Husar“ in (Choreo­grafie: Sofia Pintzou) vor dem letzten Akt spontan auf Grund von Corona abge­bro­chen wurde, erschließt sich mir nicht. Es ist ein Trau­er­spiel! 2G+ wäre eine ziem­lich sichere Möglich­keit, weiter­ma­chen zu können. Aber es wird wieder geschlossen: entweder aus „Eigen­ver­ant­wor­tung“ der Häuser oder auf poli­ti­schen Druck. +++ „Aufstehen für die Kunst“ lehnt die will­kür­liche Reduk­tion der Saal­be­le­gung in  auf 25 Prozent ab und begrüßt eben­falls Sicher­heits­maß­nahmen wie 2G+. +++ Konkrete Schritte hatte die unter­nommen, Inten­dant Serge Dorny teilte mit, dass alle gekauften Tickets von 24. November bis einschließ­lich 15. Dezember stor­niert würden. „Wir bedauern diese Entwick­lung, auf die wir keinen Einfluss hatten, sehr“, so Dorny. Inzwi­schen ist der Vorver­kauf wieder aufge­nommen worden, mit 25prozentiger Auslas­tung und 2G+ Regel (diese Infor­ma­tion erreichte uns erst nach Veröf­fent­li­chung des News­let­ters).

Gefreut habe ich mich über eine Mail des emeri­tierten Luzerner Hoch­schul­rek­tors Alois Koch, der mir seine Abhand­lung über die Effekte von Corona auf die Klassik schickte, in der unter anderem steht: „Was bleibt, ist die Hoff­nung. Die Hoff­nung, dass diese schwere Pandemie-Krise auf allen künst­le­ri­schen und musi­ka­li­schen Ebenen auch Anlass zu Selbst-Refle­xion, zu neuen Ideen und Initia­tiven und damit viel­leicht sogar zu nach­hal­tigen neuen Perspek­tiven für die ‚holde Kunst‘ der Musik führt.“ +++ Ach so, und dann noch zu all den Mails, die mich nach dem letzten News­letter erreichten. Ich hatte geschrieben, dass ein Grund des öster­rei­chi­schen Lock­downs die verhält­nis­mäßig hohe Zahl von Unge­impften auf den Inten­siv­sta­tionen sei. Das war einem Leser zu viel, er schrieb mir, wie ich es wagen könne, eine andere Meinung als seine zu vertreten und drohte mir, den News­letter zu kündigen, „wenn das noch mal vorkommt“. Lieber Leser, also ich lese gern andere Meinungen, reibe mich an ihnen und debat­tiere sie – das ist der Sinn von Kommen­taren! Also: Ich ertrage Sie gern weiter – und würde mich freuen, wenn Sie es auch täten.

GRAMMY, OPUS UND CO – PREIS-KRITIK

Grammy Awards

Wahr­schein­lich ist Ihnen aufge­fallen, dass ich dieses Jahr an dieser Stelle nicht weiter über den berichtet habe (ebenso wie FAZ oder Süddeut­sche es seit Jahren halten). Die Gründe habe ich in diesem News­letter bereits klar gemacht: Ein Preis, für den die Preis­träger zahlen müssen, eine Jury, deren Entschei­dungen nicht trans­pa­rent sind und eine TV-Verwer­tung, die nicht mehr zeit­gemäß ist.

Und nun stehen auch die Grammys in der Kritik. Was taugen derar­tige Preise eigent­lich, fragt BR-Redak­teur Bern­hard Neuhoff. In einem lesens­werten Kommentar arbeitet er sich am US-Preis ab: „Mit Blick auf die Klassik-Kate­go­rien greift man sich an den Kopf: Kaum ein euro­päi­sches Orchester ist vertreten. Aber immerhin weiß man jetzt, dass Nash­ville ein eigenes Sympho­nie­or­chester hat. Kann man die Klassik-Grammys über­haupt ernst nehmen? Natür­lich nicht!“ 

PERSO­NA­LIEN DER WOCHE

Lego-Spiel zum Franz-Xaver-Mozart-Denkmal

Schön, wenn Geschichten weiter laufen: Letze Woche habe ich an dieser Stelle zum ersten Mal über den Kampf berichtet, den die Diri­gentin für eine Skulptur von Mozart-Sohn Franz Xaver Mozart in der Ukraine führt. Diese Woche haben viele andere Medien berichtet, und viele Promi­nente, unter anderem , haben sich der Sache ange­schlossen. Erstaun­lich, wie viel Gegen­wind es noch immer in Lemberg gegen Neue Kunst gibt – abzu­lesen allein an den Kommen­taren bei Face­book. Die entschei­dende Stadt­rats­sit­zung über die Zukunft der Skulptur wurde auf Dienstag verschoben. Dafür haben Fans der Skulptur schon eine LEGO-Edition gebas­telt (siehe Foto) +++ Die fran­zö­si­sche Zeit­schrift „Le Point“ rechnet mit dem amtie­renden Inten­danten der Baye­ri­schen Staats­oper, Serge Dorny, ab. Als Direktor der Opéra de habe er unver­hält­nis­mäßig viel Geld unter die Leute gebracht, unter anderem für kost­spie­lige Reisen und 5‑Sterne-Hotels. In München wundert man sich indes eben­falls über einige Personal-Entschei­dungen des Inten­danten und vor allen Dingen darüber, warum Dorny die ausge­zeich­nete Website der Oper derart unüber­sicht­lich neu gelauncht hat. 

Barrie Koskys Chef­dra­ma­turg der Komi­schen Oper, Ulrich Lenz, wird neuer Inten­dant der Grazer Oper. Ein Glücks­fall für Öster­reich, für das Haus in Berlin ein weiterer Abgang, der die plan­lose Zukunft offen­bart. +++ Letzte Woche habe ich mich ein biss­chen lustig gemacht über den Auftritt von Roberto Blanco als Vertei­diger des „schwarzen Beet­hoven“ beim Podcast der öster­rei­chi­schen Zeitung „Der Falter“. Dann hat meine Tochter aus Frank­reich mir dieses Video geschickt – Beet­hoven als PoC, ein alter Hut! +++ Der Diri­gent John Lidfors ist Preis­träger des Deut­schen Chor­di­ri­gen­ten­preises 2021. Die Diri­gentin Fran­ziska Kuba erhielt den Publi­kums-Preis, weitere Fina­listin war Julia Selina Blank. Der Deut­sche Chor­di­ri­gen­ten­preis wurde zum vierten Mal vom Deut­schen Musikrat in Zusam­men­ar­beit mit dem Berlin vergeben. +++ Guin­ness-Rekord mit Beigeschmack: 12.000 Musi­ke­rinnen und Musiker des vene­zo­la­ni­schen „El Sistema“ haben in der Haupt­stadt Caracas Tschai­kow­skys „Slawi­schen Marsch“ gespielt. Den wahren Rekord aber hält das Orchester im Miss­brauch seiner Musi­ke­rInnen durch die Orches­ter­lei­tung und in Sachen Propa­ganda für ein menschen­ver­ach­tendes System. Ein Trau­er­spiel! +++ Neue Preis­schilder in Nürn­berg: Die Schät­zungen der Kosten für das neue Opern­haus in belaufen sich inzwi­schen auf 500 Millionen, und darüber gibt es nun hand­festen poli­ti­schen Streit. +++ Der öster­rei­chi­sche Opern­sänger und Schau­spieler Hans Kraemmer ist tot. Er starb nach langer Krank­heit im Alter von 88 Jahren in Wien. +++ Er war Mr. Musical und für mich beson­ders und ein Leben lang der Libret­tist der „West Side Story“. Stephen Sondheim ist tot. Er war eine Legende des Broad­ways. Noch im September hatte er ein neues Musical namens „Square One“ ange­kün­digt, nun ist er mit 91 Jahren in seinem Land­haus in Connec­ticut gestorben. 

UND WO BLEIBT DAS POSI­TIVE, HERR BRÜG­GE­MANN?

Der Große Zapfenstreich

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn! Am kommenden Donnerstag ist Großer Zapfen­streich für Angela Merkel. Und: Sie wählte folgende drei Songs: „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ von Hilde­gard Knef, „Du hast den Farb­film vergessen“ von Nina Hagen und „Großer Gott, wir loben Dich“. Gerhard Schröder wählte damals „Summer­time“ aus „Porgy and Bess“, die „Moritat von Mackie Messer“ und „My Way“, bei Helmut Kohl waren es „Des Großen Kurfürsten Reiter­marsch“, die „Ode an die Freude“ und „Nun danket alle Gott“. Übri­gens, der Diri­gent hat in der FAZ gerade seine persön­li­chen Begeg­nungen mit der Klassik begeis­terten Kanz­lerin beschrieben. 

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif! 

Ihr

[email protected]​crescendo.​de

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