KlassikWoche 48/2022

Nur Verlierer, überall

von Axel Brüggemann

28. November 2022

Reaktionen auf die Berichterstattung über Teodor Currentzis, die Debatte um die Orchester des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, Fragen nach der Zukunft an der Berliner Staatsoper.

Will­kommen in der neuen Klas­sik­Woche,

das war eine ziem­lich aufre­gende Woche, wie Sie viel­leicht mitbe­kommen haben. Die CRESCENDO-Recher­chen zu und musi­cAe­terna haben für aller­hand Nach­fragen gesorgt – auch inter­na­tional. Wir schauen heute aber auch auf den Flopp der Hamburger Klima­schützer, haben einige Fragen an unsere Rund­funk­or­chester und berichten leider von weiteren Spar­maß­nahmen in München. 

Ein Kriegs­lied für Moskau

Es war ziem­lich was los in dieser Woche. In der letzten News­letter-Ausgabe hat Baden-Baden-Inten­dant Bene­dikt Stampa noch erklärt, dass die Musi­ke­rInnen von Teodor Curr­entzis Orchester musi­cAe­terna „keinen Angriffs­krieg führen“. Zuvor hatte ein Geiger bereits ein Video veröf­fent­licht, in dem er die Hotel­hei­zung mit dem Satz „Ich zerstöre Deutsch­lands Wirt­schaft“ aufge­dreht hatte. Mein Kollege von der NMZ und ich haben ein wenig weiter recher­chiert (hier unser CRESCENDO-Text): Zwei Tenöre von musi­cAe­terna haben Anfang November auf ihrem VKon­­­takte-Kanal ein prorus­si­sches Kriegs­lied veröf­fent­licht. Der melo­dra­ma­ti­sche Song ist mit Mili­tär­trom­meln unter­legt und wird mit den Worten ange­kün­digt: „Für die Jungs, die jetzt an der Front für uns kämpfen.“ Im Lied heißt es: „Wieder brennt die Heimat, ich stehe auf, ich gehe. Bete für mich. Der Faschismus stürzt wieder auf uns zu. Zeit, das Mutter­land zu retten. Bete für mich. Ich werde meinen Vater und meine Mutter umarmen…“ Insge­samt fanden wir allein im Kern-Ensemble mehr als zehn Musi­ke­rInnen, die sich offen putin­freund­lich posi­tio­nieren: Einige haben zum Kriegs­aus­bruch eine russi­sche Flagge auf ihr Profil gestellt, andere unter­stützen Pro-Kriegs-Kommen­­tare, manche sind mit dem Social-Media-Auftritt der brutalen Söld­ner­gruppe Wagner verbunden (die Gräu­el­taten und Kriegs­ver­bre­chen in der Ukraine begeht).

Unsere Recherche hat für aller­hand Reak­tionen gesorgt, die DPA hat das Thema weiter recher­chiert, BR KlassikSüddeut­sche Zeitung, Abend­zei­tung und der Der Stan­dard haben das Thema aufge­nommen. Hier erkläre ich den Fall noch mal in Deutsch­land­funk. Dort­munds Inten­dant Raphael von Hoens­broech hat mehrere Ensem­ble­mit­glieder suspen­diert – Baden-Baden, Dort­mund und die Salz­burger Fest­spiele wollen musi­cAe­terna vorerst nicht mehr einladen. In weiteren Posts der Kriegs­lied-Tenöre werden Alex­ander Strauch und ich als „pro-ukrai­ni­sche, euro­päi­sche Faschisten“ beschimpft. Teodor Curr­entzis schweigt zu all diesen Vorfällen. (Das Bild oben ist ein Screen­shot, in dem Alex­ander Strauch verschie­dene „Selfies“ aus dem Netz neben­ein­ander gestellt hat.)

Kommentar: Und wie geht es weiter? 

Viele Kultur­schaf­fende können sich noch immer nicht vorstellen, dass Kultur und Klassik ein Haupt-Propa­gan­da­mittel in Putins Krieg sind. Dabei sind die Zeichen deut­lich: In russi­schen Medien kursiert ein Video, in dem die Söld­ner­gruppe Wagner einen blutigen Hammer in einem Geigen­koffer ans EU-Parla­ment schickt. Noch konkreter ist die aktu­elle Duma-Debatte, in der eine „Kulturfront gegen Europa“ debat­tiert wurde. „Nur so können wir, die kultu­rellen Persön­lich­keiten, dem aggres­siven Ansturm der teuf­li­schen Anti­kultur wider­stehen“, erklärte Putin-Freund Valery Gergiev, und Regis­seur Andrei Koncha­lovsky sagte: „Russ­land ist Erbe der großen, euro­päi­schen Kultur und sein einziger und wich­tigster Vertei­diger.“ Putin hat Milli­arden durch seinen Vorzeige-Cellisten Sergei Roldugin in Panama verste­cken lassen und finan­ziert seit 2020 Teodor Curr­entzis und sein Ensemble musi­cAe­terna in St. Peters­burg. Europas Inten­danten haben lange unter­schätzt, dass Orchester und Chor, geleitet von einem Vorstand aus Zentral­bank­chefin, VTB-Vorstand und St.-Petersburg-Gouverneur, längst ein Propa­ganda-Orchester ist und dass Curr­entzis Schweigen Methode hat. Es geht nicht um den Schutz seiner Musi­ke­rInnen, sondern er pflegt bewusst Putins Indif­fe­renz in der Kultur. Das nächste Konzert von musi­cAe­terna findet wieder in Moskau statt, bezahlt von VTB. In Europa scheint das Ensemble nun wohl passee.

Markus Hinter­häuser argu­men­tiert, Teodor Curr­entzis würde für das Benehmen seines Orches­ters in „Geisel­haft“ genommen. Doch das stimmt nicht. Spätes­tens nach den aktu­ellen Vorfällen, nach der Beschimp­fung von demo­kra­ti­schem Jour­na­lismus als „faschis­tisch“, müsste auch Curr­entzis als Chef des Orches­ters seine Stimme erheben. Doch er schweigt selbst auf Anfrage von Deutsch­land­funk oder DPA. Dass musi­cAe­terna nun durch das von Red Bull teil­fi­nan­zierte Utopia ersetzt wird, erin­nert an den Wechsel von Raider zu Twix. Dass Hinter­häuser oder der SWR weiter an Curr­entzis fest­halten, bedeutet: Bei jedem seiner Konzerte reist die Unsi­cher­heit mit, werden neue Fragen gestellt, werden Nach­for­schungen nötig sein. Fragen wie: Warum berichtet der SWR als Nach­rich­ten­sender so wenig über die Causa Curr­entzis? Wer zahlt die zweite Hälfte des Utopia-Budgets? Wie abhängig ist Curr­entzis von Putins Geld (oder anderen Vorteilen) in Russ­land? Es ist an der Zeit, dass Teodor Curr­entzis sich posi­tio­niert und Trans­pa­renz überall dort einzieht, wo er auftritt. Ansonsten ist er in Zeiten des Krieges nicht tragbar. Wer die Hand für ihn ins Feuer legt, könnte sich daran verbrennen.

Der Akti­visten-Flopp von Hamburg

Ich habe persön­lich grund­le­gend Sympa­thie mit den Klima-Akti­visten der „letzten Gene­ra­tion“, verstehe die Angst vor der Zukunft und, ja, ich finde es durchaus logisch, diesen Kampf auch in der Kultur zu führen. Es ist aller­dings schon auch lustig, wenn das große und ernste Anliegen dann aus Dumm­heit derart schrumpft wie neulich in Hamburg: Zwei Akti­visten haben sich an das Diri­genten-Geländer geklebt. Ein Protest für kurze Zeit: Der Orches­ter­wart zog das Geländer aus dem Podest und stellte die beiden im Probe­raum ab.

Das Bild der Protestler kursiert seither im Netz und ist Wasser auf die Mühlen ihrer Kritiker. Geigerin reagierte souverän: „Ich kann es nach­voll­ziehen. Aber ich weiß nicht, ob das die rich­tige Lösung ist.“ Hier die Aktion übri­gens noch mal im Video.

Quo vadis, Rund­funk­or­chester?

Wir hatten die Debatte von an dieser Stelle schon einmal aufge­nommen: Wie viele Rund­funk­or­chester wollen wir uns leisten? Nun stellt auch Die Zeit diese Frage (hinter der Bezahl­schranke), und selbst Mr. Tages­themen, Ulrich Wickert, mischt sich ein. In Bild am Sonntag sagt er, die Politik müsse „Tabula rasa“ machen und solle „Radio Bremen und den Saar­län­di­schen Rund­funk abschaffen“. Wickert kriti­siert außerdem, „dass das Elbphil­har­monie Orchester vom NDR bezahlt wird, obwohl die Elbphil­har­monie der Stadt Hamburg gehört“.

Zu disku­tieren ist sicher­lich auch die Frage der jour­na­lis­ti­schen Glaub­wür­dig­keit, etwa im Falle von SWR-Chef­di­ri­gent Teodor Curr­entzis und der (sehr redu­zierten) Bericht­erstat­tung über seine Russ­land-Nähe im SWR. Es muss jetzt darum gehen, die Debatte nicht den poli­ti­schen Extremen zu über­lassen. Öffent­lich-recht­li­ches Fern­sehen und Radio sind exis­ten­ziell und wichtig für unsere Demo­kratie (und leisten gute und wich­tige Arbeit!). Aber um die jour­na­lis­ti­sche Serio­sität, die größte Tugend der Sender, zu bewahren und zu vertei­digen, müssen sie und ihre Verant­wort­li­chen scho­nungslos trans­pa­rent werden. 

Perso­na­lien der Woche

Blödes Timing: Die Deut­sche Gram­mo­phon versucht sich noch einmal an einer neuen Strea­ming-Platt­form und will das Publikum ausge­rechnet mit dem Ring aus Bayreuth unter locken. Dumm, dass auf arte noch (kostenlos) der aktu­elle Ring aus Berlin mit läuft. Ob die Deut­sche Gram­mo­phon nun ein Gegen­ent­wurf zu Unitels vom ORF mitge­tra­gener Platt­form Fidelio wird? Und ob das Angebot von einfach aufge­zeich­neten Opern und Konzerten über­haupt eine Zukunft hat? Ist es nicht nötig, Klassik-Strea­ming voll­kommen neu zu denken? Neues Medium, neue Formate? Viele offene Fragen. +++ Sparen in München: Das Kultur­re­ferat wird wohl vier Prozent einsparen müssen. Zahlen müssen das haupt­säch­lich die großen Insti­tu­tionen wie Kammer­spiele und Phil­har­mo­niker (zudem soll nicht wieder der ganze, aber doch der halbe Sechs-Millionen-Zuschuss ans Natio­nal­theater gestri­chen werden), denn die Freie Szene soll wieder geschont werden – und eine Million Euro zusätz­lich erhalten.

Wie geht es weiter an der Staats­oper Berlin: Steuert sie auf eine Krisen­zeit zu. Inten­dant weiß nicht, ob Chris­tian Thie­le­mann über­haupt Inter­esse am Haus hat, sagt er in der Berliner Zeitung. +++ Der frühere Kölner Opern­in­ten­dant Michael Hampe ist tot. Er starb am 18. November im Alter von 87 Jahren in der Schweiz. Der gebür­tige Heidel­berger war bis 1995 zwei Jahr­zehnte Inten­dant der Oper Köln, ebenso Inten­dant der Dresdner Musik­fest­spiele. Er hat als Opern­re­gis­seur auf zahl­rei­chen Bühnen in aller Welt insze­niert sowie bei Festi­vals etwa in Salz­burg.

Und wo bleibt das Posi­tive, Herr Brüg­ge­mann?

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Viel­leicht ja hier: Nachdem wir vor einiger Zeit Kurt Rydls Wutaus­bruch gegen die Wiener Staats­oper und deren Inten­dant bestaunt haben, dachte ich, man müsse die Debatte viel­leicht klug weiter­führen. Hat sich die Rolle von Opern­sän­ge­rinnen und Opern­sän­gern gewan­delt? ist an der MET in New York, an der Staats­oper Berlin, in Wien und Mailand zu Hause und erzählt in meinem Podcast „Alles klar, Klassik?“ (hier für alle Formate (apple Podcast, Spotify, amazon etc.) kostenlos zum Anhören – und zum Abon­nieren), dass ihm die „alte Familie“ fehle, die Ruhe für Vertrauen in der Klassik. Sein Vorbild: die Rolling Stones.

Alles Quatsch, sagt der Casting-Direktor des Thea­ters an der Wien, Peter Heilker: Im Vorder­grund steht noch immer die Qualität, und man sei an vielen Häusern bemüht, lange, gemein­same Wege mit Künst­le­rinnen und Künst­lern zu gehen. Außerdem verrät er, wie sich eine ideale Stimme anhört. Die Künstler-Agentin Helga Mach­reich vertritt Chris­tiane Karg, Marlis Petersen, Patricia Petibon, oder Florian Bosch. Sie sagt: Wichtig ist, dass hinter einer Stimme auch eine Persön­lich­keit steht. Dass Künstler wissen, was sie sagen wollen. Hören Sie gern mal rein, und debat­tieren Sie mit!

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@​crescendo.​de