KlassikWoche 51/2021

Der Klassik-Jahres­rück­blick und eine Kritik der Kritik

von Axel Brüggemann

20. Dezember 2021

Der strukturelle Missbrauch in der Klassik, der Sinn von Kritiken, ein Rückblick auf das Klassik-Jahr 2021

Will­kommen in der neuen Klas­sik­Woche,

bevor ich Ihnen schöne Weih­nachten und einen guten „Rutsch“ wünsche, hier noch der letzte News­letter des Jahres: Mit einer Kritik der Kritik, leider auch immer noch mit infi­zierten Corona-Debatten, aber auch einem seltenen Bild, das Kohl, Schröder und Merkel gemeinsam zeigt! 

MUSI­KA­LI­SCHE ZERRIS­SEN­HEIT

Semperoper Dresden

Okay, bringen wir erst einmal dieses Corona-Thema hinter uns: Im Netz regt sich unter vielen Musi­kern Wider­stand gegen Musi­ke­rInnen, die das Mani­fest des „Netz­werk Musik in Frei­heit“ unter­schrieben haben – darunter viele solo­selbst­stän­dige Musik-Pädago­gInnen, aber auch Musi­ke­rinnen und Musiker von Orches­tern wie dem Beet­hoven Orchester , dem Olden­bur­gi­schen Staats­theater, dem Orchester des Natio­nal­thea­ters , der Kammer­phil­har­monie , den Dresdner Phil­har­mo­ni­kern oder den Münchner Phil­har­mo­ni­kern. Stein des Anstoßes ist die Formu­lie­rung des Mani­fests und seine (bewussten?) Fehler. Unter anderem wird fälsch­li­cher­weise behauptet, „das gemein­same Musi­zieren und das gemein­same Erleben von Musik“ seien „in weiten Teilen verfas­sungs­widrig verboten worden“ (bislang sind alle Verfas­sungs­klagen in Sachen Kultur geschei­tert!).

Das Mani­fest, das unter anderem vom Saxo­fo­nisten Roger Hanschel initi­iert und von AFD-Poli­ti­kern beworben wird, richtet sich sowohl gegen die 2G- als auch die 3G-Regel. Tatsäch­lich scheint es sich um Künst­le­rinnen und Künstler zu handeln, die sich beson­ders von den Hilfs­maß­nahmen ausge­schlossen fühlen, wenn sie schreiben: „Für viele Musiker bedeutet dies bereits jetzt den Verlust ihrer wirt­schaft­li­chen Exis­tenz­grund­lage.“ Während die Unter­schrif­ten­liste des Mani­festes wächst (in erster Linie sind es weit­ge­hend unbe­kannte Musi­ke­rInnen aus dem Mittelbau), wird der Aufschrei gegen diese Aktion in sozialen Medien immer größer, unter anderem auf dem Twitter-Account von BR-Mann Bern­hard Neuhoff, der selber schreibt: „Dass so viele nette Menschen, die ich kenne, offenbar keinerlei Mitge­fühl mit hunderten von Mitmen­schen haben, die auf Inten­siv­sta­tionen qual­voll ersti­cken, finde ich erschre­ckend. Dieses ‚Mani­fest« ist nicht nur in allen wesent­li­chen Aussagen sach­lich falsch, sondern auch Zeugnis einer hemmungs­losen Ichbe­zo­gen­heit, in der Herz­lo­sig­keit und Wirk­lich­keits­ver­lust zusam­men­finden.“ (in einer älteren Version dieses Textes hieß es, es hätten auch Mitglieder der Phil­har­monie Bremen das Mani­fest unter­zeichnet, das ist falsch – die distan­zieren sich explizit von diesem Aufruf)

MACHT­MISS­BRAUCH IN BERLIN?

Thomas Oberender

Ein sehens­werter Bericht lief diese Woche im -Magazin „Kontraste“: im Zentrum der ehema­lige Inten­dant der , Thomas Oberender. Im Beitrag von Tina Fried­rich und Nathalie Daiber packen ehema­lige Mitar­bei­te­rInnen aus und berichten von struk­tu­rellem Macht­miss­brauch – Oberender weist alle Vorwürfe zurück.

Das wirk­lich Span­nende an dem Bericht ist, dass die Autorinnen auch Ex-Staats­mi­nis­terin Monika Grüt­ters eine Mitschuld an derar­tigen Struk­turen geben. Nicht unwahr­schein­lich, dass sie die Berichte und Beschwerden kannte – und Oberender trotzdem zweimal verlän­gerte. Es ist an der Zeit, dass Kultur­po­litik wieder Verant­wor­tung über­nimmt, statt sich im Schein­wer­fer­licht eines kranken Systems zu sonnen!

ANTI­SEMIT WAGNER – UND NUN?

Straßenschild: Richard-Wagner-Straße

Der Berliner Anti­se­mi­tis­mus­be­auf­tragte legt ein Dossier mit 290 Straßen vor, die nach Persön­lich­keiten mit juden­feind­li­chen Bezügen benannt sind – unter ihnen Martin Luther, die Brüder Grimm und auch . Muss die Straße nun umbe­nannt werden? Nein, findet Sven Fried­rich, Leiter von „Haus Wahn­fried“ in : „Es ist selbst­ver­ständ­lich legitim und richtig, den Anti­se­mi­tismus in nicht nur als irgendwie abstraktes Phänomen zu begreifen“, schreibt er auf seiner FB-Seite, „sondern auch ganz konkret an Persön­lich­keiten der deut­schen Geschichte und Kultur fest­zu­ma­chen. Dazu gehört natür­lich auch Richard Wagner. Die Umbe­nen­nung von Straßen und Plätzen ist aber in meinen Augen nur dann legitim, wenn sie nicht einer teil­weise ideo­lo­gi­schen, teil­weise absurden poli­tical correct­ness dient, sondern sich auf Täter und unmit­tel­bare Vordenker beschränkt. Andern­falls wird Geschichte entsorgt und berei­nigt, damit aber verfälscht – und der geäu­ßerten Absicht einer ja weiß Gott notwen­digen gesell­schaft­li­chen Diskus­sion gerade der Boden entzogen und so ein Bären­dienst erwiesen.

KRITIK DER REINEN KRITIK 

Blick ins Parkett der Staatsoper Wien

Vor zwei Wochen hatte ich an dieser Stelle über den Wiener „Don Giovanni“ geschrieben – ein erschre­ckend lang­wei­liger Opern­abend, wie ich fest­stellte. Aber es regte sich Kritik an meiner Kritik im Netz: Junge Sänger, die mit Sängern der Oper befreundet sind, erklärten mir, dass die Stimmen durchaus sehr gut gewesen seien und fragten, was sie von einer Kritik wie meiner halten sollten. Gute Frage: Welchen Sinn haben Kritiken? Soll man öffent­lich über sie streiten? Soll man ihnen wider­spre­chen? Natür­lich soll man! Wenn das Medium der Kritik über­haupt einen Sinn macht, dann lehrt es uns, dass es objek­tive und subjek­tive Maßstäbe gibt, unab­ding­bare Fakten und ästhe­ti­sche Haltungen. Und es gibt auch unter­schied­liche Kritiken.

Diese Woche hat die FAZ (um das gleich klar zu stellen: mein Lieb­lings-Klassik-Feuil­leton!) versucht, den Wiener „Don Giovanni“ gut zu finden. Es hieß, dass allen voran die Mezzo­so­pra­nistin Kate Lindsey die Auffüh­rung zu einem Ereignis gemacht habe (wobei die FAZ beharr­lich von Frau „Lindsay“ statt von „Lindsey“ schrieb – kann passieren, ich weiß, wovon ich rede!). Doch hier wurde ausge­rechnet jene Sängerin gefeiert, die am Tag meiner Auffüh­rung (objektiv) im zweiten Teil kaum noch durch­drang, auch weil ihr Mezzo für die oft als Sopran besetzte Rolle der Elvira einfach zu schwer erschien. Aber, hey, das mag Tages­form gewesen sein. Was das Subjektiv-Ästhe­ti­sche betrifft, versuchte der FAZ-Kollege mit aller Kraft, irgend­etwas Span­nendes an Barrie Koskys Insze­nie­rung zu finden, tat sich dabei aber offen­sicht­lich schwer, rela­ti­vierte jeden Kritik­punkt und konnte einfach nicht glauben, dass sich auch ein Star-Regis­seur mal verrennen kann. Absurd wurde es, als die FAZ behaup­tete, der Grund für die vielen Wackler im Staats­opern-Orchester (eine objek­tive Tatsache, die ich teile) läge darin, dass  ohne Takt­stock diri­gierte. Im Ernst?!? wackelte auch ohne Stab nicht. Lag es nicht eher daran, dass Jordan einfach jegliche Mozart-Tradi­tion igno­rierte, einfach keinen intel­lek­tu­ellen Griff auf die Partitur bekam und sich zu sehr in seinen Turne­reien vor dem Orchester gefiel? Was ich sagen will: Kritik ist ein wunder­bares Genre, das zum ästhe­tisch-subjek­tiven Streit einlädt, am liebsten auf Basis objek­tiver Beob­ach­tungen. Und klar, auch Kritiken dürfen kriti­siert werden. Welcher Kritik man am Ende glaubt? – Tja: Das bleibt jedem selber über­lassen. Wenn das Fest der Liebe vorbei ist, können wir uns ja mal eine Kritik von Helmut Mauró von der „Süddeut­schen“ vornehmen:-) Ach so, das Foto oben war übri­gens das Parkett der zur jüngsten „Parsifal“-Première (auf der Seite von Kritiker Norman Lebrecht). Auch das Publikum übt Kritik – mit dem Fuß. 

PERSO­NA­LIEN DER WOCHE

Goldener Saal im Wiener Musikverein

Heute etwas öster­reich­lastig: Eine trau­rige Nach­richt zu Weih­nachten: Der legen­däre Wiener Plat­ten­laden „EMI-Austria“ in der Kärnt­ner­straße schließt zum 24. Dezember – das Label wurde schon lange aufge­löst. Ein weiterer Beleg für die Ernst­haf­tig­keit der Zeiten­wende in der Klassik. +++ Der frühere SPÖ-Kultur­mi­nister Josef Oster­mayer ist zum neuen Präsi­denten der Wiener Konzert­haus­ge­sell­schaft gewählt worden. Er folgt damit auf Chris­tian Konrad.

Das Neujahrs­kon­zert der mit  wird vor Publikum statt­finden. Einzig die Steh­plätze müssen coro­nabe­dingt leer bleiben. Für Konzert­be­su­cher gilt die 2G-Regel sowie eine FFP2-Masken­pflicht. Der Ball der Wiener Phil­har­mo­niker fällt dagegen (ebenso wie der ) komplett aus. 

UND (LEIDER) NOCH MEHR CORONA-NEWS

Der beschäf­tigt sich in einem Beitrag mit den Impf­quoten in Sach­sens Orches­tern, beson­ders gering (60 Prozent) soll sie in sein. +++ Vom 17. Januar an verlangt die MET in von seinen Künst­le­rInnen nicht nur eine Impfung, sondern auch den Booster-Shot

UND WO BLEIBT DAS POSI­TIVE, HERR BRÜG­GE­MANN?

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Aber war über­haupt alles so schlecht? Wenn man zurück schaut – eigent­lich nicht. Oben meine Top10-Aufnahmen des Jahres 2021. Es war – mal wieder – geprägt von Absagen, Impf-Zoff und Corona. Musi­ke­rinnen und Musiker haben sich in Impf­zen­tren enga­giert, andere gegen Impfungen und die Corona-Politik demons­triert. Musik als Spiegel unserer Gesell­schaft! Ärger­lich: Manche Inten­danten haben fest­ge­stellt, dass geschlos­sene Häuser lukra­ti­vere Häuser sind. Ernüch­ternd: Noch immer gibt es keine besseren Verträge für Solo­selbst­stän­dige. Der Sommer stimmte opti­mis­tisch: war mit einem split­ter­nackten Don Giovanni am Start (öffent­liche Nackt­heit war eine Mode­er­schei­nung des Jahres: Six-Pack-Pubertät auf Insta­gram!). Die haben schon im Sommer „2G-Plus-Plus“ erfunden (PCR-Test plus tages­ak­tu­eller Corona-Test), hinter den Kulissen schienen nicht einmal Kopf­läuse eine Chance zu haben. Im Graben stand mit zum ersten Mal eine Frau, dafür stat­tete ein alter weißer Mann (Blut-Künstler ) die „Walküre“ mit aller­hand Farbe und Plitsch und Platsch aus. Verlierer des Jahres war: Günther Grois­böck: Wagners Welten­gott Wotan war etwas zu groß für ihn, nun singt er wieder als ganz normaler Mensch – auch gut. Diri­gent schien eben­falls ein Verlierer: Salz­burg weg, Bayreuth weg und Dresden weg. Als er neben mir in meinem Wagner-Film saß, mampfte er aber zufrieden zwei Packungen Popcorn und schien voll­kommen im Reinen mit sich zu sein: Man muss eben nicht unbe­dingt Chef sein, um gute Musik zu machen! 

Am Ende des Jahres wurde alles anders: Wahl, neue Regie­rung – das ging zack zack. Kultur­staats­mi­nis­terin Monika Grüt­ters wurde von der Horn-Gruppe der aus dem Amt gejagt, und nun regiert Ton-Steine-Scherben-Mana­gerin Claudia Roth. Wird die Klassik nun so poli­tisch korrekt wie der neue James Bond? Roberto Blanco hat 2021 jeden­falls schon versucht, Beet­hoven als People of Color zu instal­lieren, Oksana Lyniv war – wie gesagt – die erste Frau in Bayreuth, aber so richtig in Fahrt kommt es mit den Künst­le­rinnen noch nicht: wurde erst einmal beim Konzert­haus­or­chester in „abge­stellt“, den Traumjob (Chef­di­ri­gent beim ) bekam dagegen ein ganz alter, sehr weißer Mann – einer mit Locken. 2021 – das Jahr, in dem die Klassik sich viele neue Fragen gefallen lassen musste. Kann es weiter gehen wie immer? Oder müssen sich Struk­turen, Rollen­bilder und Programme grund­le­gend ändern. Ich freue mich jeden­falls auf 2022 – da gibt es viel­leicht endlich einige Antworten.

Angela Merkel inmitten von Simone Schröder und Christiane Kohl

Ach ja, nach Angela Merkels Abdan­kung fand ich es schön, dass dieses Bild auf Face­book kursierte. Das Einzige, das Merkel, Schröder und Kohl gemeinsam zeigt. Gemeint sind natür­lich die Sänge­rinnen Simone Schröder und Chris­tiane Kohl, die Merkel 2010 beim Künst­ler­emp­fang trafen. Chris­tiane Kohl schrieb mir zu diesem Bild: „Frau Merkel saß zwischen , Chris­tian Thie­le­mann und Albert Dohmen völlig entspannt auf einer Bier­bank. Simone und ich hatten uns erst nicht getraut, aber Katha­rina Wagner nahm es dann in die Hand. Ein unver­ges­sener Abend.

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif – auch an Weih­nachten und natür­lich im neuen Jahr! Danke für Ihre Treue und ein besinn­li­ches Fest, wir lesen uns im neuen Jahr!

Ihr

[email protected]​crescendo.​de

Und hier noch die Play­list zum News­letter: