Klaus Florian Vogt

»Wagners Helden sind sensibel und verletz­lich«

von Maria Goeth

13. Juli 2021

Klaus Florian Vogt ist einer der größten Tenöre unserer Zeit. Privat ruht er vollkommen in sich, fährt mit seinem Motorrad, fliegt mit seinem Flugzeug oder packt seine Familie ins eigene Wohnmobil.

CRESCENDO: Wagners Helden sind krass! Da ist Tann­häuser in seiner Zerris­sen­heit zwischen leiden­schaft­li­chem Sex und keuscher Liebe, Stolzing als nicht regel­kon­former „Revo­luzzer“ und Sieg­mund mit seiner Inzest-Geschichte. Selbst Lohen­grin ist ein zwie­späl­tiger Held, der die Forde­rung nach bedin­gungs­losem Urver­trauen über alles stellt. Wie fühlen Sie sich in diese Figuren ein?

: Ich versuche immer, mich mit dem ganzen Stück und auch dem ganzen Umfeld der Figur ausein­an­der­zu­setzen und dann einen Platz in ihrer Umge­bung für sie zu finden. Da fließt eine Menge meiner eigenen Persön­lich­keit und meiner Gedanken zu dem Charakter mit ein. Sieg­mund ist zum Beispiel jemand, der immer Gerech­tig­keit sucht und deshalb in Situa­tionen gerät, die er vorher nicht unbe­dingt wollte. Wenn sein Gerech­tig­keits­sinn gefor­dert wird, setzt er diesen mit aller Vehe­menz durch. Das ist tragisch, weil er dadurch immer wieder in schwie­rige Situa­tionen gerät, ein Getrie­bener ist. Ande­rer­seits ist er ein sehr gefühl­voller Mensch, sonst würde er die geschwis­ter­liche Nähe zu Sieg­linde viel­leicht gar nicht spüren. Auf eine Weise sind alle diese Figuren Wagners sehr sensible, sehr verletz­liche Helden

Klaus Florian Vogt als Lohengrin
Klaus Florian Vogt als Lohen­grin bei den Bayreu­ther Fest­spielen 2019
(Foto: © Enrico Nawrath / )

Mit welcher Figur können Sie sich beson­ders gut iden­ti­fi­zieren?

Lohen­grin hat mich immer beson­ders ange­spro­chen – seine Gerad­li­nig­keit, seine Ehrlich­keit und sein eben­falls sehr tiefes Gerech­tig­keits­emp­finden. Er hat eine Haltung, und die fordert er ein!

…bis zur letzten Konse­quenz! Er beharrt so radikal auf dem Vertrauen, dass er es über die Liebe stellt, die er viel­leicht sogar selbst empfindet. Dabei ist Zwei­feln doch etwas Urmen­sch­li­ches.

Das stimmt. Aber die Frage ist, ob Lohen­grin über­haupt eine Wahl hat. Wer auch immer das bestimmt: Wenn Vertrauen infrage gestellt wird, kann oder darf er nicht bleiben. Schei­tert er, muss er die Welt wieder verlassen. Das weiß er von Anfang an… Und ist deshalb so verzwei­felt, wenn er schei­tert.

Könnte er nicht entscheiden, trotzdem zu bleiben?

Lohen­grin ist kein so großer Revo­luzzer wie Stolzing. Viel­leicht hat er seinen Auftrag von einer höheren Instanz. Viel­leicht passiert es ihm nicht zum ersten Mal, dass er einen Ort auf diese Weise wieder verlassen muss. Das ist genau eine dieser Geschichten, die man sich zu einer Figur über­legen kann: Warum handelt er so? Wo kommt er her? Wo geht er hin? Das ist das Groß­ar­tige an diesen Wagner-Figuren: Sie sind viel­schichtig und unter­schied­lich auslegbar, sodass sie sehr viele Inter­pre­ta­ti­ons­mög­lich­keiten bieten.

Klaus Florian Vogt als Walther von Stolzing
Klaus Florian Vogt als Walther von Stolzing in Wagners Meis­ter­singer von bei den Salz­burger Fest­spielen 2019
(Foto: © Monika Ritters­mann / Bayreu­ther Fest­spiele)

Gab es nie eine Partie, bei der Sie Schwie­rig­keiten hatten, sich einzu­finden?

Nein. Es fällt mir höchs­tens dann schwerer, wenn eine Insze­nie­rung meiner eigenen Figu­ren­auf­fas­sung entge­gen­läuft. Dann muss ich mir Brücken bauen, um meinen Weg zur Figur zu finden. Und es gibt ja auch noch den Fall einer Nicht-Insze­nie­rung – Arbeiten, die als Regie­ar­beiten bezeichnet werden, aber eigent­lich nur eine Instal­la­tion sind, in denen keine wirk­liche Perso­nen­füh­rung statt­findet. Dann wird es schwierig, denn Oper bedeutet ja Musik­theater. Und gerade wollte, dass die Musik- und Text­ebene mit der szeni­schen gleich­be­rech­tigt behan­delt werden!

Eine Frage zur Text­ebene: Wagners Libretti sind – gelinde gesagt – extra­va­gant. Er wollte zu einer Art Ursprache finden. Wie gehen Sie da ran?

Ich mag diese Texte unheim­lich gern, weil sie so verschach­telt gebaut sind. Die für mich selbst zu entflechten und möglichst so zu singen, dass das Publikum sie trotzdem versteht, finde ich reiz­voll, und es spornt mich an. Durch ihre Komple­xität kann ich mir die Texte sogar besser merken als zum Beispiel ein Stro­phen­lied. Bei Wagner ist alles durch­kom­po­niert und jedes Wort anders musi­ka­lisch unter­legt. Das ist höchst einprägsam.

Klaus Florian Vogt als Tannhäuser
Klaus Florian Vogt als Tann­häuser an der Baye­ri­schen Staats­oper 2017
(Foto: © Wilfried Hösl / )

Vor Ihrer Gesangs­kar­riere waren Sie neun Jahre lang als Hornist im Phil­har­mo­ni­schen Staats­or­chester ange­stellt. Was gab den Impuls, diese sichere Posi­tion aufzu­geben und eine zweite Karriere als Sänger zu beginnen?

Wagners Musik hat mich schon im Orchester immer sehr berührt. Den Ring und den Tann­häuser habe ich öfter im Graben gespielt und mit einem Ohr immer auch die Sänger auf der Bühne verfolgt. Dann wurde ich ermu­tigt, es selbst einmal mit dem Singen zu versu­chen. Dass es dann wirk­lich für Wagner gereicht hat, war natür­lich doppelt toll!

Wie viel Mut hat Sie der Schritt gekostet?

Es war schon eine schwie­rige Entschei­dung. Glück­li­cher­weise erhielt ich die Möglich­keit, mich für mein erstes Enga­ge­ment in für ein Jahr beim Phil­har­mo­ni­schen Staats­or­chester Hamburg beur­lauben zu lassen. So stand mir der Weg zurück offen. Gleich­zeitig konnte ich für mich auspro­bieren, wie es ist, wenn man jeden Tag zur Probe geht und singt und ob meine Stimme das auch physisch mitmacht. Diese „Probe­zeit“ hat mir so viel Spaß gemacht, dass die nächsten Schritte schnell klar waren. Meine Frau und meine vier Kinder haben mich bei meinen Entschei­dungen immer unter­stützt.

Klaus Florian Vogt als Parsifal
Klaus Florian Vogt als Parsifal an der Metro­po­litan Opera in 2018
(Foto: © Ken Howard / Metro­po­litan Opera)

In diesem Dossier denken wir an den 100. Todestag von Enrico Caruso. Was halten Sie von ihm?

Ich bewun­dere seine Gesangs­technik sehr. Für ihn liegt alles auf einer Linie, seine Technik kennt keine Register und funk­tio­niert ohne merk­liche Brüche in der Stimme. Das war damals etwas Neues!

Wie viel ist bei einer Sänger­stimme natur­ge­geben, und wie viel ist hartes Trai­ning?

Das ist schwierig. Ich glaube schon, dass man eine Bega­bung und eine bestimmte stimm­liche Voraus­set­zung haben muss. Trotzdem bin ich über­zeugt, dass jeder singen kann! Wenn jemand es nicht kann, heißt das nicht, dass nichts vorhanden ist, sondern viel eher, dass die Stimme untrai­niert ist. Mit Übung kann man viel errei­chen. Profes­sio­nell mit seiner Stimme umzu­gehen, erfor­dert aber viel Einsatz – und vor allem lang­fris­tige und konti­nu­ier­liche Arbeit!

Und große Helden­par­tien?

Als Sänger merkt man selbst, ob man sich mit diesen Partien wehtut. Zum Beispiel, ob man nach dem Tann­häuser noch spre­chen kann oder nicht, ob die Stimm­bänder dieser starken Belas­tung stand­halten. Dafür braucht man eine gute Technik. Singen ist sehr viel musku­läre Arbeit. Man muss die Stimme trai­nieren, sie pflegen und intakt halten. Wenn man dann auch noch die physi­schen Voraus­set­zungen mitbringt, kann man das Glück haben, dieses schwere Fach bedienen zu können.

Abseits der Musik haben Sie ein Faible für außer­ge­wöhn­liche Verkehrs­mittel: Sie fahren zum Beispiel eine Harley. Erfüllen Sie das Biker-Gang-Klischee?

Harley fahre ich allein. Das Image ist ein biss­chen verdorben durch die Rocker­szene, zu der ich ganz und gar nicht gehöre. Das schlechte Image hält mich aber nicht vom Fahren ab! Es macht mir Spaß, alles andere ist mir egal.

Und Sie fliegen gerne mit Ihrem eigenen Flug­zeug…

Das Fliegen war ein Jugend­traum von mir, ich wollte es immer schon können. Als ein Freund mit Flug­schein mich dann einmal mitge­nommen hat, war es endgültig um mich geschehen! Meinen Pilo­ten­schein habe ich dann tatsäch­lich während der proben­freien Zeiten in gemacht.

Dorthin und bei anderen Gast­spielen reisen Sie meist im eigenen Wohn­mobil an…

Ja, das ist meine mobile Dienst­woh­nung.

Vermissen Sie nach der Vorstel­lung nicht, im Hotel verwöhnt zu werden?

Nach einer Vorstel­lung finde ich es herr­lich, mit Menschen zusam­men­zu­sein und mit Kollegen noch etwas oder trinken zu gehen. Wenn man dann nach Hause kommt, ist im Hotel sowieso nichts mehr los. Im Wohn­mobil habe ich immer ein Stück meiner eigenen Welt, ein Stück Zuhause dabei. Das hat für mich viel mit Frei­heit zu tun. Außerdem ich bin sehr gerne in der Natur – und im Wohn­mobil ist die Entfer­nung nach draußen maximal kurz!

>

Ab 29. Juli 2021 ist Klaus Florian Vogt bei den Bayreuther Festspielen als Siegmund in Die Walküre zu erleben. Weitere Informationen unter: www.bayreuther-festspiele.de

Mehr zum Mythos vom hohen C unter: CRESCENDO.DE

Fotos: Cleve Barde / Royal Opera House