"Kunst" am Linzer Landestheater
Weißer Wahnsinn
5. Oktober 2026
Am Linzer Landestheater ist Yasmina Rezas Kult-Komödie „Kunst“ in einer außergewöhnlich intimen und vielschichtigen Inszenierung zu erleben.
1,20 mal 1,60 Meter bemisst der Ursprung der Misere. Eine weiße Leinwand ohne Rahmen. Weißes Nichts durchzogen von weißen Streifen. Kostenpunkt? 200.000 Euro. Bedeutender Maler natürlich – man versteht sich unter Kennern. Oder aber eben nicht. Zumindest bringt das blasse Werk die Beziehung dreier ehemals bester Freunde gefährlich an ihre Grenzen und wird zur Projektionsfläche diverser menschlicher Makel. All das geschieht in der Komödie „Kunst“, einem Stück, das die Autorin Yasmina Reza vor mittlerweile 32 Jahren geschrieben hat und das mittlerweile in über 40 Sprachen übersetzt und etliche Male ausgezeichnet zu einem der meist gespielten und erfolgreichsten Stücke überhaupt zählt. Seit Ende September ist es in einer herrlich pointierten und eindringlichen Inszenierung (Regie: Tanja Regele, Dramaturgie: Wiebke Melle) auch am Landestheater Linz zu sehen. Weil das Schauspielhaus selbst gerade aufgrund von Baustellen gesperrt ist, wird das Stück im Festsaal des Museums Francisco Carolinum aufgeführt. Eine geniale Ortswahl, schließlich lässt sich kaum wo die Frage besser diskutieren, wo die Kunst aufhört und der Wahnsinn beginnt, als eben dort, wo Kunst zu den Menschen sprechen soll – von den Wänden oder, wie diesmal, von der Bühne.
Der stolze Käufer des Bildes ist Serge (Helmuth A. Häusler), erfolgreicher Dermatologe, geschieden, wohlhabend und kunstbegeistert. Als er seinem Freund Marc (Alexander Julian Meile) das Werk präsentiert, ist dieser fassungslos. Der bodenständige Ingenieur sieht in dem monochromen Monstrum nichts weniger als einen Verrat an ihrer gesamten Freundschaft und einen unmissverständlichen Beleg für die zunehmende geistige Verirrung von Serge. Und dann ist da noch Yvan (Alexander Hetterle), beruflich wenig erfolgreich, harmoniesüchtig, in Bälde verheiratet und entsprechend dauernervös, der am liebsten gar keine Meinung haben möchte und sich hauptsächlich um die zunehmend bröckelnde Freundschaft sorgt.
Was ist Kunst? Woran bemisst sich ihr Wert? Wieviel Unterschiede verträgt eine Freundschaft? Und wann endet der Humor? Es sind gewichtige Fragen, die in dem tragikkomischen Stück in ungemein feinjustierten und pointierten Dialogen gewälzt, diskutiert, durchstritten und auf die Spitze getrieben werden. Das Bühnenbild im Festsaal besteht aus einer Wohnzimmereinrichtung inmitten leerer Holzlattenrahmen (Bühne und Kostüme: Angelika Daphne Katzinger). Dort treffen bei Wein und Oliven mal zwei, mal alle drei Freunde aufeinander, um sich zunehmend um Kopf und Kragen und ganz besonders ihre Freundschaft zu reden. Angesichts der weißen Kunst bricht aus den einstigen Weggefährten all das heraus, was sie bisher höflich zurückgehalten haben und bekommt die Fassade der reflektierten und bildungsbürgerlich überlegenen Mittelschicht heftige Risse. Wie Alexander Julian Meile, Helmuth A. Häusler und Alexander Hetterle diese Eskalation auf Raten mit ihren immer neuen Wendungen, Steigerungen, Zusammenbrüchen und Versöhnungsversuchen durchleben, wie sie das gesamte Portfolio an Emotionen durchschreiten und sich hingebungsvoll in die aberwitzigen Wortgefechte hineinsteigern, ist schlicht brillant. Als Zuschauer wiederum durchlebt man ein Wechselspiel der Gefühle und blickt nicht selten staunend in den Spiegel. Ein Erlebnis – nicht nur für Kunstfreunde.