Die mutige Matilda (Valerie Kloiber) lässt sich auch von der fiesen Schuldirektorin Frau Knüppelkuh (Gernot Romic) nicht einschüchtern

Matilda - Das Musical am Landestheater Linz

Wild, dyna­misch, präsent

von Dorothea Walchshäusl

28. September 2026

„Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit“, so lautet ein launiges Bonmot. Die Geschichte der hochbegabten und überaus pfiffigen Matilda, die leider in einer nur schwer unerträglichen Familie gelandet ist, lässt genau diese Hoffnung Wahrheit werden.

Mitte September hat Matildas Geschichte am Landes­theater Linz als Musical seine Première gefeiert, noch bis März ist das rasante Fami­li­en­stück in einer Insze­nie­rung und Choreo­grafie von Melissa King dort zu sehen.

Dass der Stoff das Zeug zum Bühnenhit hat, zeigt bereits die reiche Adap­ti­ons­ge­schichte des ursprüng­li­chen Romans: 1988 wurde das Buch von veröf­fent­licht, 1996 lief Danny DeVitos gleich­na­miger Spiel­film in die Kinos. 2010 schließ­lich kam „Matilda“ erst­mals als Musical auf die Bühne, umge­schrieben vom briti­schen Autor Dennis Kelly und auskom­po­niert von . Erst 15 Jahre später folgte die deutsch­spra­chige Erst­auf­füh­rung des Musi­cals in Baden mit deut­schen Lied­texten aus der Feder von Sabine Ruflair; außerdem gibt es seit 2022 eine Verfil­mung des Musi­cals. Die Auffüh­rung in Linz reiht sich mühelos in diese Erfolgs­ge­schichte ein und greift die grell­bunten Farben und knal­ligen Effekte der Inter­pre­ta­tionen der vergan­genen Jahr­zehnte mit Hingabe auf.

Im Zentrum des Stücks steht Matilda (am Premie­ren­abend heraus­ra­gend: Valerie Kloiber), ein extrem schlaues und ebenso fein­sin­niges Mädchen mit ausge­prägtem Gerech­tig­keits-Sinn und – wenn es denn sein muss – tele­ki­ne­ti­schen Kräften. Hinein­ge­boren in eine Familie mit ausge­spro­chen dämli­chen, ordi­nären und ober­fläch­li­chen Eltern (herr­lich über­zeichnet: Rodri­guez-Yanez und Astrid Nowak), sind höhere Bildung und innere Werte bei ihren Eltern fehl am Platz. Statt­dessen dreht sich alles um Geld und Optik. „Gesichts­tü­cher statt Geschichts­bü­cher“ lautet die Devise zuhause, Matilda flüchtet sich derweil in Fanta­sie­welten, lernt schon mit wenigen Jahren lesen und taucht immer tiefer ein in den magi­schen Kosmos der Bücher und Geschichten. Als sie schließ­lich in die Schule kommt, trifft sie dort ebenso auf die tyran­ni­sche Schul­lei­terin Frau Knüp­pelkuh (genial böse: Gernot Romic) wie auf das liebe­volle Fräu­lein Honig (Patrizia Unger), die erst­mals erkennt, was in Matilda steckt.

Es sind extreme emotio­nale Kontraste und rasante Wechsel zwischen schwarzem Humor, berüh­rend innigen Momenten und dem unum­stöß­li­chen Mut des kleinen starken Mädchens, die sich auch in dem eindrucks­vollen Bühnen­bild (Stephan Prattes) wider­spie­geln: Riesige grau-schwarze Buch­rü­cken und Titel­seiten ragen dort in die Luft und demons­trieren die Kraft und Macht der Fantasie, davor verwan­delt sich die Dreh­bühne mal zum Klas­sen­zimmer, Schultor oder Büro der verhassten Direk­torin, links vom Orches­ter­graben wird je nach Szene die heimi­sche Wohnung von Matilda hoch­ge­fahren, rechts als Antipol die Biblio­thek als eigent­liche Heimat von Matilda. Während Matilda zuneh­mend mehr Kinder zur Revolte gegen die verhasste Direk­torin moti­viert und schließ­lich die harte Erwach­se­nen­welt durch­bricht, prägen immer mehr bunte Farben das Bühnen­bild.

Einge­bettet in packende Choreo­gra­fien und getragen von einer erst auf das zweite Hören hin eingän­gigen Musik, die reich ist an Sprech­ge­sang und atmo­sphä­ri­schen Nummern, faszi­niert die Geschichte der Matilda auf der Linzer Bühne als beispiel­hafte Erzäh­lung über Resi­lienz und nicht zuletzt als hinge­bungs­volle Liebes­er­klä­rung an das Lesen und die Macht der Fantasie. So heraus­ra­gend das gesamte Ensemble dabei aufspielt – die größten Stars des Abends sind, wenig über­ra­schend, die jüngsten Künstler: Über 300 Kinder hatten sich für die Rollen der Matilda und ihrer Mitschüler beworben, schließ­lich neun­zehn davon wurden ausge­wählt, wobei sich Leonie Cydlik, Valerie Kloiber und Ines Röbl in der Titel­rolle abwech­seln. Was sie an Präsenz, an Witz und Unver­braucht­heit auf die Bühne bringen, lässt die Zuschauer jubeln, staunen und nichts weniger feiern als den Zauber der Kind­heit selbst.

Fotos: Barbara Pálffy