"Jugend ohne Gott" an den Münchner Kammerspielen

Verlo­rener mit Mitschuld

von Antoinette Schmelter-Kaiser

21. Oktober 2026

Felicitas Bruckner inszeniert„Jugend ohne Gott“ an den Münchner Kammerspielen als beunruhigendes Vexierbild, bei dem es mehr als eine Wahrheit und kein Happyend gibt.

Huma­ni­täre Werte, faires Mitein­ander: Das möchte der Lehrer außer Fach­wissen in Geogra­phie und Geschichte seinen Schü­lern vermit­teln. Doch die nur Z, N, T und B Genannten sind schon mit natio­nal­so­zia­lis­ti­schem Gedan­kengut infi­ziert. Statt dage­gen­zu­halten, verlegt sich der Lehrer aus Angst vor Repres­sionen aufs Zuschauen und Begleiten – auch bei einem Kriegs­trai­ning in der Wildnis, das in der Ermor­dung eines Schü­lers eska­liert.
Auf dieser zentralen Hand­lung von Ödön von Horváths Roman „Jugend ohne Gott“ basiert die gleich­na­mige Fassung von Feli­citas Brucker und Viola Hassel­berg an den Münchner Kammer­spielen. Sie ergänzt Horváths Vorlage um die Perspek­tiven und heutigen Stimmen der Schüler, die Elias Krischke, Jelena Kuljić, Maren Solty und Martin Weigel – neben weiteren Rollen – mit vollem Körper­ein­satz spielen. Ihrer Kraft und Vehe­menz steht Thomas Schmauser als Lehrer zuse­hends verloren gegen­über, aufge­rieben zwischen (Selbst-)Zweifeln, Ängsten und Druck durch ein dikta­to­ri­sches System. Am Ende ist der Verlo­rene aber nicht nur Opfer, sondern trägt auch eine Mitschuld am gewalt­samen Tod seines Schü­lers.
Feli­citas Bruckner setzt nicht nur auf die Kraft der Sprache in Mono­logen, Dialogen und Erzähl­pas­sagen. Zusätz­lich erwei­tert sie die Bühne in den Zuschau­er­raum, den die Schüler immer wieder durch­queren, spie­gelt oder ergänzt die Hand­lung durch drei Video­pro­jek­tionen über der Bühne, springt zwischen drei Zeit­ebenen, setzt Zwischen­schnitte ein. Resultat ist ein Vexier­bild, bei dem es mehr als eine Wahr­heit und keine Erlö­sung durch Happy­ends gibt.
Zu Beginn des Premie­ren­abends kam , Inten­dantin der Münchner Kammer­spiele, mit Julien Chavaz, Gene­ral­inten­dant am Theater Magde­burg, auf die Bühne. Der berich­tete erschüt­tert vom bedroh­li­chen Wahl­er­folg der AfD in Sachsen-Anhalt, durch den er massive Restrik­tionen für Kultur­schaf­fende befürchtet. Seine Sorge: Rechts­ra­di­kale Strö­mungen könnten sich wie die Corona-Pandemie auch andern­orts als Flächen­brand verbreiten. Durch dieser düsteren Einstim­mung bekam die erste Auffüh­rung von „Jugend ohne Gott“ eine beson­dere Brisanz.

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Weitere Aufführungen: 31.10., 7./23./29.11., 2./17./20.12.2026, 15./16.1.2027
Infos: https://www.muenchner-kammerspiele.de/de/programm/51771-jugend-ohne-gott

Fotos: Julian Baumann