Der Pianist Lucas Debargue ist dem Werk des Barockkomponisten Domenico Scarlatti mit Besessenheit auf der Spur. Das Ergebnis legt er auf einem erstaunlichen Album vor.

Die Kellnerin hat kaum den Kaffee gebracht. Das Aufnahmegerät ist noch nicht eingeschaltet, da sprudelt es schon aus Lucas Debargue (Foto oben: © Xiomara Bender) heraus: „Nach vier Jahren in Konzerthallen ist dies mein erstes wirklich großes Projekt“, sagt er und deutet auf die Box mit vier CDs auf dem Tisch. „Scarlatti. 52 Sonatas.“

Der Pianist Lucas Debargue: »Scarlatti wiederholt sich nie. Da ist immer eine neue, unerwartete Idee!«

Das Album, fährt der Pianist fort, sei nicht weniger als „eine Liebeserklärung an den Komponisten“. Der hat zu Lebzeiten 555 Sonaten geschrieben. Debargue kennt sie alle, 37 Stunden Musik, fast sämtlich Meisterwerke, wie er findet. Seine Plattenfirma Sony dachte an ein Doppelalbum, aber das genügte ihm nicht. Er wollte das gesamte Scarlatti-Universum auffächern, seinen vollen Klangreichtum. „Scarlatti“, schwärmt Debargue, „wiederholt sich nie. Da ist immer eine neue, unerwartete Idee!“

Beim Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau spaltete Lucas Debargue die Jury.

Der bald 29-jährige Franzose, der 2015 den vierten Platz beim Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau belegte und dabei publicitywirksam die Jury spaltete, hat schon Chopin, Liszt und Ravel aufgenommen. Er hat für seine zweite CD mit Werken von Bach, Beethoven und Medtner einen ECHO KLASSIK als „Nachwuchskünstler des Jahres“ gewonnen. Aber Giuseppe Domenico Scarlatti, daran lässt er keine Zweifel, spielt für ihn in einer ganz eigenen Liga.

Lucas Debargue hat Scarlatti hinterherrecherchiert.

Über das Leben des Barockkomponisten aus Neapel ist nur wenig bekannt. Debargue hat ihm hinterherrecherchiert, so gründlich er konnte. Hat sich in das Standardwerk „Domenico Scarlatti. Leben und Werk“ des amerikanischen Cembalisten Ralph Kirkpatrick vergraben. Das ist allerdings schon Anfang der 1970er-Jahre erschienen und, wie Debargue findet, stellt einige falsche Hypothesen auf. Zum Beispiel liegen heute in Venedig und Parma die einzigen beiden Manuskripte, die von Scarlattis Sonaten existieren. Allerdings stammen sie nicht aus dessen eigener Hand. Sie datieren aus den Jahren zwischen 1752 und 1756. Dass in nur vier Jahren aber 555 Sonaten entstanden sein sollen, hält der Pianist für absurd: „Es sind Kopien, die von älteren Sonaten angefertigt wurden.“

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Der Pianist Lucas Debargue: »Ein Mysterium gibt mir Raum.«

Debargue hat anhand stilistischer Elemente versucht herauszufinden, welche die frühesten sein könnten, welche Chronologie sich möglicherweise ergibt. Hat sich an Eckdaten entlanggehangelt, wie der Veröffentlichung von Scarlattis 30 Essercizi, 1738 anlässlich seiner Ernennung zum Ritter, oder dem Jahr 1752, als Padre Antonio Soler sein Schüler wurde. Er war es vermutlich, der die Kopien anfertigte. Damit sind Leben und Wirken freilich nicht durchdrungen, vieles bleibt im Dunkeln. Und genau das reizt Debargue: „Ein Mysterium gibt mir Raum. Im Gegensatz zu Werken, die ständig gespielt werden, von Chopin oder Rachmaninow, lassen Scarlattis Sonaten Luft zum Atmen.“

Aufgenommen hat Lucas Debargue das Album in nur vier Tagen. 

Aufgenommen hat er das Album in der Berliner Jesus-­Christus-Kirche, an nur vier Tagen, in Sessions von neun Uhr morgens bis 23 Uhr abends, fast ohne Unterbrechung. Geschwindigkeit und Verausgabung sind die bestimmenden Themen im Leben dieses Musikers, der seit sieben Jahren „wie im Rausch“ lebt, der schnell denkt und spricht, der eine Zigarette aus der Packung fingert und gleich die nächste, ohne die erste angezündet zu haben.

Der Pianist Lucas Debargue: »Ich will auf keinen Fall die Tiefe verlieren.«

In nur vier Jahren hat sich Debargue die technischen Fertigkeiten für den Tschaikowsky-Wettbewerb draufgeschafft und sich gleich danach in den Strom des Konzertlebens gestürzt. „Ich will mich schnell entwickeln, schnell verbessern“, erklärt er, „aber auf keinen Fall die Tiefe verlieren.“
Die 52 Sonatas, mit staunenswertem Nuancenreichtum und mitreißenden Stimmungsumschwüngen auf vier CDs verteilt wie ein Zyklus der Jahreszeiten, beweisen, dass er sich diesbezüglich vorerst keine Sorgen machen muss. Er hat sich auch vorgenommen, bald einen Gang herunterzuschalten. „Aber jetzt noch nicht.“

Der Pianist Lucas Debargue: »Ich fühlte mich wie in Trance, wie in einem luziden Traum, in dem man alles sieht und am liebsten jedes Detail notieren möchte.«

Lucas Debargue war zehn Jahre alt, als ihm Scarlatti zum ersten Mal begegnete, in der französischen Zeitschrift Pianiste. Die Sonate K431 war darin abgedruckt, die kürzeste von allen, nur 16 Takte, 50 Sekunden lang. Aber „ich war fasziniert von der Fülle der Informationen in diesem kleinen Stück“. Viel später, 2017, kaufte sich Debargue die elfbändige Gesamtausgabe der Sonaten. Nahm sich eine Woche frei, um die Partituren zweimal, dreimal zu lesen, sie schließlich komplett zu spielen. „Danach fühlte ich mich wie in Trance“, sagt er. „Wie in einem luziden Traum, in dem man alles sieht und am liebsten jedes Detail notieren möchte.“

Der Pianist Lucas Debargue: »Scarlattis Sonaten lösen unser Bewusstsein von Zeit und Raum auf.«

Die Brücke zwischen Traum und Realität, sagt er, sei jetzt die Scarlatti-Aufnahme. Aus der Vielzahl der Sonaten hat er zunächst 70 in die engere Wahl genommen, mit Assoziationen markiert, die er beim Spielen hatte: „Katze“, „wütend“, „gelb“. Für Debargue, das ist ihm wichtig, sind die Stücke keine „Miniaturen“. „Manche sind episch, manche wie Opern, wieder andere wie eine Toccata.“ Gemeinsam sei ihnen, „dass sie unser Bewusstsein von Zeit und Raum auflösen. Vielleicht dauert es fünf Minuten, eine Sonate zu spielen, aber es kann sich anfühlen wie Stunden“.

Der Pianist Lucas Debargue ist dem Werk des Barockkomponisten Domenico Scarlatti mit Besessenheit auf der Spur.

Der Pianist Lucas Debargue: „Nach vier Jahren in Konzerthallen ist dies mein erstes wirklich großes Projekt.“
(Foto: © Xiomara Bender)

Vor die 30 Essercizi hat der Komponist selbst die Warnung gesetzt: „Erwarte in diesen Werken keine Tiefgründigkeit, sondern eher geistreichen Spaß an der Kunst.“ Soll man Scarlatti da ernst nehmen? Debargue lacht. Der Mann, erklärt er, sei ein Spieler gewesen. Einer, der viel Geld beim Kartenspiel verpulverte, ständig Schulden hatte – aber eben auch wusste, wie man mit psychologischer Raffinesse zockt. „Der Satz meint eigentlich das Gegenteil“, ist Debargue überzeugt. „Es sagt uns: Da ist mehr. Warum sonst sollte er die angeblich fehlende Tiefe betonen?“

Der Pianist Lucas Debargue: »Nicht das Instrument gibt die Befehle, sondern die Musik.«

Geschrieben sind die Sonaten für das Cembalo. Was Debargue mit seinem präzisen Spiel vollständig vergessen macht. Und der trotzdem sagt: „Das Klavier als solches interessiert mich nicht.“ Was er meint: „Nicht das Instrument gibt die Befehle, sondern die Musik.“ Über Kompositionen, die nur darauf zielen, die Finger möglichst verrückt über die Tasten toben zu lassen, um Virtuosität zu demonstrieren, rümpft er verächtlich die Nase. Er habe kürzlich einen englischen Ausdruck gehört, der dazu passe: „dick swinging“.

Ein leidenschaftlicher Musiker, der sich nicht nur für Domenico Scarlatti begeistern kann

Debargue ist in den vielen Porträts seit dem Tschaikowsky-Wettbewerb gern als Außenseiter des Klassikbetriebs beschrieben worden, als genialischer Autodidakt und vormaliger Supermarktkassierer, als Freigeist einer Pariser Jazzformation oder arroganter Schnösel, der sich über die „vielen kleinen Affen“ im Konzertbetrieb mokierte. Was er zweifellos ist: ein leidenschaftlicher Musiker – und selbst Komponist –, der sich nicht nur für Domenico Scarlatti, den „Mystery Man“, sondern auch für die Kunstfertigkeit eines Peter ­Gabriel begeistern kann. „Es gibt nur gute oder schlechte Musik“, sagt Debargue.

Domenico Scarlatti: „52 Sonaten“, Lucas Debargue (Sony)
www.amazon.de

Weitere Informationen und Auftrittstermine: www.lucasdebargue.com

Mehr über Scarlatti und andere neapolitanische Komponisten des 18. Jahrhunderts: crescendo.de

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