Daniel Barenboim

Mit Debussy auf Gedan­ken­reise

von Corina Kolbe

15. März 2018

Für Daniel Barenboim ist Claude Debussy ein verkanntes Genie. Wir sprachen mit dem ­Pianisten und Dirigenten über Impressionismus-Klischees und mächtige Vorbilder.

Für Daniel Baren­boim ist Claude Debussy ein verkanntes Genie. Wir spra­chen mit dem ­Pianisten und Diri­genten über Impres­sio­nismus-Klischees und mäch­tige Vorbilder.

crescendo: Herr Baren­boim, in dieser Saison diri­gieren und spielen Sie viele Werke von Debussy. Zu seinem 100. Todestag widmen Sie ihm auch ein Klavier­album. Wann haben Sie seine Musik kennen­ge­lernt?

: Als ich sehr jung war, spielte ich Children’s Corner. Ein Stück über Kinder, das eigent­lich gar nicht für Kinder bestimmt ist. Damals habe ich mir auch einen Satz aus Estampes vorge­nommen, nämlich Jardins sous la pluie, außerdem einige Préludes. Mit seiner Orches­ter­musik wurde ich erst später vertraut, als ich Chef­di­ri­gent des war (1975–1989, Anm. der Red.). In der Zeit habe ich häufig Werke von Debussy aufge­führt.

Gab es dafür Vorbilder?

Durch Debussys eigene Aufnahmen seiner Klavier­werke auf Welte-Mignon-Rollen habe ich als Pianist viel gelernt. Faszi­niert hat mich insbe­son­dere der zweite Satz von Estampes, La soirée dans Grenade. Der Klang, die Dynamik und das Ruba­to­spiel sind wunderbar. Aber bitte fragen Sie mich so etwas nicht, dann über­lege ich, warum ich das über­haupt selbst aufge­nommen habe? Auch und Claudio Arrau waren große Debussy-Inter­preten. Und wenn Estampes spielt, zeigt sie eine ebenso große Krea­ti­vität und musi­ka­li­sche Empfind­sam­keit wie der Kompo­nist selbst.

Sie kennen Martha Arge­rich seit Ihrer Kind­heit in Buenos Aires und musi­zieren oft mit ihr.

Gemeinsam haben wir so ziem­lich alles gespielt, was es an Klavier­werken von Debussy gibt, Origi­nal­stücke und Bear­bei­tungen. Ende März treten wir bei den Fest­tagen der Staats­oper wieder zusammen auf. Natür­lich steht Debussy auf dem Programm, unter anderem Six épigra­phes anti­ques und Prélude à l’après-midi d’un faune für Klavier zu vier Händen und La mer auf zwei Klavieren.

„Die Begeg­nung mit war mir sehr wichtig“

Welcher Diri­gent hat Sie beson­ders beein­flusst?

Die Begeg­nung mit Pierre Boulez war mir sehr wichtig. Er war ein analy­ti­scher Denker und sah das Moderne in Debussys Werken, ohne ihren Bezug zur Vergan­gen­heit aus dem Blick zu verlieren. Von den Debussy-Diri­genten meiner Genera­tion hat mich am stärksten beein­druckt. Für seine Auffüh­rungen von La mer und La damo­i­selle élue habe ich ihn sehr bewun­dert. Der größte Meister aber war Sergiu Celi­bi­dache, er schien für diese Musik geboren zu sein.

Celi­bi­dache wurde auch als Inter­pret von Maurice Ravel geschätzt. Welche Verbin­dungen sehen Sie zwischen den beiden Kompo­nisten?

Viel mehr inter­es­siert mich, was sie vonein­ander unter­scheidet. Ich vermeide es, ihre Werke in einem Programm zusam­men­zu­bringen, denn dann würden sie mir zu ähnlich klingen. Man kann höchs­tens Ravels Boléro mit Ibéria von Debussy verbinden, aber das ist eine Ausnahme. Anders als Ravel war Debussy nicht beson­ders an Farben inter­es­siert.

Dabei wird Debussy oft als „Impres­sio­nist“ bezeichnet. Ist das ein unzu­tref­fendes Klischee?

Dieses Etikett ist falsch, denn in Wirk­lich­keit ließ er sich nicht von der Malerei inspi­rieren. Seine Fantasie wurde durch die Lite­ratur und die Natur ange­regt. Er hat einmal einen wunder­baren Satz gesagt, den ich immer wieder gern zitiere: „Wenn man sich keine Reise leisten kann, muss die Imagi­na­tion einspringen.“

„Ich bin ein sehr glück­li­cher Mensch, weil ich mich jetzt mona­te­lang auf Debussy konzen­trieren kann“

Bei Debussy erlebt man nicht nur Gärten im Regen. Auch sonst spielt das Thema „Wasser“ bei ihm eine große Rolle.

Dieser Aspekt faszi­niert mich. Man braucht nur an La mer und Reflets dans l’eau aus der Samm­lung Images I zu denken. Wasser oder Wind kommen bei ihm häufig vor, auch in einigen Préludes wie etwa La cathé­drale engloutie und Le vent dans la plaine.

Auf Ihrem neuen Album ist unter anderem das erste Buch der Préludes zu hören. Fiel es Ihnen schwer, eine Auswahl zu treffen?

Nein, ich möchte schließ­lich für spätere Aufnahmen noch etwas übrig­lassen! In einem Konzert habe ich kürz­lich auch Deux arabes­ques, zwei char­mante frühe Stücke, sowie L’isle joyeuse gespielt. Ich bin ein sehr glück­li­cher Mensch, weil ich mich jetzt mona­te­lang auf Debussy konzen­trieren kann, als Pianist, Kammer­mu­siker und Diri­gent. Bei den Fest­tagen der Berliner Staats­oper führe ich mit Solisten, der Staats­ka­pelle und dem Staats­opern­chor die Bühnen­musik zu Le martyre de Saint Sébas­tien auf. Im Mai und Juni diri­giere ich das lyri­sche Drama Pelléas und Méli­sande. Meiner Ansicht nach hat Debussy bisher nicht den Platz in der Musik­welt, den er verdient. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass mehr Werke von ihm gespielt werden.