Carillons
Foto: Katharina Hertz-Eichenrode

Carillons – die großen Glockenspiele in Türmen oder Kirchen – hört man kilometerweit. Zu Gesicht bekommt man die Menschen, die sie spielen, aber so gut wie nie.

Carillons – die großen Glockenspiele in Türmen oder Kirchen – hört man kilometerweit. Zu Gesicht bekommt man die Menschen, die sie spielen, aber so gut wie nie.

51 Stufen braucht Carilloneur Werner Lamm zu seinem Arbeitsplatz. Der befindet sich inmitten der Hamburger City, auf der ersten Turmebene des Mahnmals St. Nikolai. Bis 1943 stand hier eine neugotische Kirche, die im Bombenhagel auf die Hansestadt weitgehend zerstört wurde. Nur der gut 147 Meter hohe Turm – immer noch der fünfthöchste der Welt – blieb außer ein paar Mauerresten stehen und erinnert als Mahnmal an die Schrecken des Zweiten Weltkrieges.

1993 wurde dort ein Carillon installiert, das mit 51 Glocken und einem Gesamtgewicht von 13 Tonnen eines der größten Deutschlands ist – der chromatische Tonumfang beträgt mehr als vier Oktaven. Das größte steht in Halle an der Saale und umfasst 76 Glocken.

Vor allem seit dem Film Willkommen bei den Sch’tis ist das Carillon wieder vermehrt in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Doch kann das nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Zunft der Carilloneure Zukunftssorgen hat. Die Kunst des Glockenspiels wird von immer weniger Musikern beherrscht, auch weil vielerorts eine Automatik das übernommen hat, was früher von Hand erledigt wurde.

Carillons
Foto: Guido Krawinkel

Leicht hat man es als Carilloneur nicht: Üben? Fehlanzeige! Wollte Werner Lamm einmal ungestört proben, müsste er nach Hannover oder Kiel reisen, wo es eigens eingerichtete Spiel­tische gibt, an denen er unter Ausschluss der Öffentlichkeit üben kann. Lamm, der im Hauptberuf Kirchenmusiker in Hamburg ist, behilft sich zuweilen, indem er an seiner Orgel ein Brett und Decken über die Klaviaturen legt. Auch sein Arbeitsplatz im Turm des Mahnmals St. Nikolai ist nicht unbedingt ein idyllischer Ort: Im Sommer heiß, im Winter kalt, befindet er sich in einem kleinen Glaskasten, der ihn vor dem ohrenbetäubenden Lärm der Glocken schützt, inmitten derer er sitzt. Sein Publikum bekommt den in luftiger Höhe spielenden Musiker indes nie zu Gesicht.

Von hier aus schlägt er auf eine Art Klaviatur ein, die aussieht wie eine Tastatur für Grobmotoriker: große hölzerne Zapfen („Stokken“), auf die er mit seinen Fäusten und Füßen einschlägt. Dies erfordert jedoch mehr Feingefühl, als man denkt. Die Klöppel, die den Glockenkörper anschlagen, sind bis auf wenige Zentimeter an den Korpus herangezogen, die Verbindung von den Tasten zu den Klöppeln erfolgt mittels Seilzügen aus Metall. Die Masse, die hierbei bewegt werden muss, reicht von wenigen Gramm bis zu einigen Kilogramm – eine Herausforderung für jeden Carillonneur, der Anschlagsnuancen je nach Größe der Glocke und der gewünschten Lautstärke genau dosieren muss. Pianisten und Organisten, die schon von Berufs wegen Tastenins­trumente spielen, sind deshalb klar im Vorteil. Auch, weil vieles, was Lamm spielt, improvisiert ist – für Organisten ist das ohnehin ihr täglich Brot.

Hinzu kommt eine weitere Besonderheit, die mit dem Klang der Glocken zusammenhängt: ihre Obertöne. Das sehr spezielle Spektrum der Obertöne einer Glocke führt dazu, dass nicht alles gut klingt, was auf dem Notenpapier gut aussieht. Auch hier ist die Erfahrung eines Carillonneurs gefragt. Lamms Devise: Lieber mal was weglassen, weniger ist bekanntlich mehr.

Insgesamt gibt es in Deutschland laut offizieller Zählung 43 Carillons, die per Definition mindestens 23 Glocken haben müssen. Angefangen hat man im Mittelalter mit gerade einmal vier Glocken, 1510 entstand im flämischen Oudenaarde schließlich das erste richtige Carillon. Vor allem im 17. und 18. Jahrhundert florierten Carillons, gerade in Nordfrankreich, Flandern und den Niederlanden. Und hier ist die Dichte an Glockenspielen auch am größten: Nicht weniger als 806 gibt es. Weltrekord.

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Guido Krawinkel schreibt über alles, was mit Musik zu tun hat. Dem Studium der Musikwissenschaften in Bonn folgten Tätigkeiten in der Tonträgerbranche, beim Radio und im Verlagswesen sowie eine Ausbildung zum nebenberuflichen Kirchenmusiker. Als freier Journalist arbeitet Guido Krawinkel für Zeitungen, Zeitschriften und Konzerthäuser, schreibt Rezensionen, CD-Booklets und Programmeinführungen und ist Mitglied in der Jury des Preises der Deutschen Schallplattenkritik. Der begeisterte Chorsänger hält es mit Loriot: Ein Leben ohne Chor ist möglich, aber sinnlos.

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