Carillons – die großen Glockenspiele

Musik aus dem Himmel

von Guido Krawinkel

24. Mai 2018

Carillons – die großen Glockenspiele in Türmen oder Kirchen – hört man kilometerweit. Zu Gesicht bekommt man die Menschen, die sie spielen, aber so gut wie nie.

Carillons – die großen Glockenspiele in Türmen oder Kirchen – hört man kilometerweit. Zu Gesicht bekommt man die Menschen, die sie spielen, aber so gut wie nie.

51 Stufen braucht Caril­lo­neur Werner Lamm zu seinem Arbeits­platz. Der befindet sich inmitten der Ham­burger City, auf der ersten Tur­m­ebene des Mahn­mals St. Nikolai. Bis 1943 stand hier eine neu­go­ti­sche Kirche, die im Bom­ben­hagel auf die Han­se­stadt weit­ge­hend zer­stört wurde. Nur der gut 147 Meter hohe Turm – immer noch der fünft­höchste der Welt – blieb außer ein paar Mau­er­resten stehen und erin­nert als Mahnmal an die Schre­cken des Zweiten Weltkrieges.

1993 wurde dort ein Carillon instal­liert, das mit 51 Glo­cken und einem Gesamt­ge­wicht von 13 Tonnen eines der größten Deutsch­lands ist – der chro­ma­ti­sche Ton­um­fang beträgt mehr als vier Oktaven. Das größte steht in an der Saale und umfasst 76 Glocken.

Vor allem seit dem Film Will­kommen bei den Sch’tis ist das Carillon wieder ver­mehrt in den Fokus der Öffent­lich­keit gerückt. Doch kann das nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass die Zunft der Caril­lo­neure Zukunfts­sorgen hat. Die Kunst des Glo­cken­spiels wird von immer weniger Musi­kern beherrscht, auch weil vie­ler­orts eine Auto­matik das über­nommen hat, was früher von Hand erle­digt wurde.

Carillons

Foto: Guido Krawinkel

Leicht hat man es als Caril­lo­neur nicht: Üben? Fehl­an­zeige! Wollte Werner Lamm einmal unge­stört proben, müsste er nach oder reisen, wo es eigens ein­ge­rich­tete Spiel­tische gibt, an denen er unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit üben kann. Lamm, der im Haupt­beruf Kir­chen­mu­siker in ist, behilft sich zuweilen, indem er an seiner Orgel ein Brett und Decken über die Kla­via­turen legt. Auch sein Arbeits­platz im Turm des Mahn­mals St. Nikolai ist nicht unbe­dingt ein idyl­li­scher Ort: Im Sommer heiß, im Winter kalt, befindet er sich in einem kleinen Glas­kasten, der ihn vor dem ohren­be­täu­benden Lärm der Glo­cken schützt, inmitten derer er sitzt. Sein Publikum bekommt den in luf­tiger Höhe spie­lenden Musiker indes nie zu Gesicht.

Von hier aus schlägt er auf eine Art Kla­viatur ein, die aus­sieht wie eine Tas­tatur für Grob­mo­to­riker: große höl­zerne Zapfen („Stokken“), auf die er mit seinen Fäusten und Füßen ein­schlägt. Dies erfor­dert jedoch mehr Fein­ge­fühl, als man denkt. Die Klöppel, die den Glo­cken­körper anschlagen, sind bis auf wenige Zen­ti­meter an den Korpus her­an­ge­zogen, die Ver­bin­dung von den Tasten zu den Klöp­peln erfolgt mit­tels Seil­zügen aus Metall. Die Masse, die hierbei bewegt werden muss, reicht von wenigen Gramm bis zu einigen Kilo­gramm – eine Her­aus­for­de­rung für jeden Caril­lon­neur, der Anschlags­nu­ancen je nach Größe der Glocke und der gewünschten Laut­stärke genau dosieren muss. Pia­nisten und Orga­nisten, die schon von Berufs wegen Tastenins­trumente spielen, sind des­halb klar im Vor­teil. Auch, weil vieles, was Lamm spielt, impro­vi­siert ist – für Orga­nisten ist das ohnehin ihr täg­lich Brot.

Hinzu kommt eine wei­tere Beson­der­heit, die mit dem Klang der Glo­cken zusam­men­hängt: ihre Ober­töne. Das sehr spe­zi­elle Spek­trum der Ober­töne einer Glocke führt dazu, dass nicht alles gut klingt, was auf dem Noten­pa­pier gut aus­sieht. Auch hier ist die Erfah­rung eines Caril­lon­neurs gefragt. Lamms Devise: Lieber mal was weg­lassen, weniger ist bekannt­lich mehr.

Ins­ge­samt gibt es in laut offi­zi­eller Zäh­lung 43 Caril­lons, die per Defi­ni­tion min­des­tens 23 Glo­cken haben müssen. Ange­fangen hat man im Mit­tel­alter mit gerade einmal vier Glo­cken, 1510 ent­stand im flä­mi­schen Oudenaarde schließ­lich rich­tige Carillon. Vor allem im 17. und 18. Jahr­hun­dert flo­rierten Caril­lons, gerade in Nord­frank­reich, Flan­dern und den Nie­der­landen. Und hier ist die Dichte an Glo­cken­spielen auch am größten: Nicht weniger als 806 gibt es. Weltrekord.

Fotos: Katharina Hertz-Eichenrode