Die Münchner Opernfestspiele eröffnen mit Richard Wagners „Parsifal“.

Um eins gleich vorweg zu nehmen: Viel besser kann man den „Parsifal“ wohl nicht besetzen. Das ist nicht nur eine Frage der prominenten Namen, sondern von regelrecht maßgeschneiderten Figuren-Charakteristika: René Pape als volltönender, eindringlicher Gurnemanz, Christian Gerhaher als ausdrucksstark leiddurchdrungener Amfortas mit gewohnt sprachlich perfekter Deklamation, Nina Stemme als dämonische Kundry und Wolfgang Koch als ernüchtert-verschlagen-rachsüchtiger Klingsor. Und natürlich Jonas Kaufmann in der Titel-Partie, der voll Lyrik und Emphase den Wandel vom „reinen Tor“ zum wissenden Gralskönig durchläuft.

Klangbeglückend aber auch alle Nebenrollen, der leidenschaftlich-kraftstrotzende Opernchor und natürlich das Bayerische Staatsorchester unter seinem Generalmusikdirektor Kirill Petrenko, das mit einer Brillanz und Intensität musiziert, dass es eine wahre Lust ist.

Der Muff der 70er-Jahre
Und ja, man hatte sich viel versprochen vom Bühnenbild des schon im Vorfeld durch die Presse auf- und abdiskutierten Maler- und Bildhauer-Promis Georg Baselitz. Was der geöffnete Vorhang dann preisgibt, tut zwar nicht weh, entlockt aber auch nicht mehr als ein müdes Gähnen: tuschezeichnungshafte Bäume in düsterer Schwarz-Weiß-Ästhetik,  Klingsors Zauberschloss als ruinenhaft gepinselte Steinfragmente auf einem – später immerhin einigermaßen elaboriert in sich zusammensackenden – Bühnen-Prospekt und der fast vollkommende Verzicht auf Requisiten (kein Gral, kein Speer). Das müffelt nach den 70er-Jahren und wurde schon damals – etwa im Chéreau’schen Jahrhundertring – virtuoser bewältigt.

„Regisseur Pierre Audi liefert fünf Stunden nett beleuchtetes Stehtheater.“

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Indem Baselitz das Bühnenbild im dritten Aufzug kopfstehen lässt, bleibt er zwar seinen „verkehrten“, wirklichkeitsabstrahierten und seinerzeit revolutionären Bildern der späten 70er treu, vermag gut 40 Jahre später aber nichts mehr Neues zu erzählen.

Ringelpiez ohne Anfassen
Regisseur Pierre Audi hingegen hat sich wohl auf die Bildgewalt Baselitz’ verlassen, der im
Vorfeld übrigens offen die Haltung „Alles muss dunkel und die Produktion extrem langweilig sein“ propagierte, und liefert fünf Stunden nett beleuchtetes Stehtheater. Da hilft auch keine durch Körperprothesen angedeutete Nacktheit in der Gralsszene – einer Art halbseidenem Ringelpiez ohne Anfassen – oder die der abgehalfterten, hängebrüstigen Zaubermädchen. Am gleichen Haus wurde mit verformter Nacktheit etwa im „Tannhäuser“ schon wesentlich geistreicher hantiert (siehe hier).

Weichgespült
Unverständliche Eingriffe – Klingsors Zauberschloss etwa ist von vornherein so „abgerockt“ und unverführerisch, dass sein Untergang saftlos daherkommt –, plumpe Effekte – beim Kuss Parsifals mit Kundry geht dem Helden durch einen drastischen Lichtwechsel wortwörtlich „ein Licht auf“ – und mangelnde Personenführung rauben der Produktion ihre szenische Kraft. Schade! Audi und Baselitz hätten sicher auch szenisch einige der besten Darsteller der Welt zur Verfügung gehabt!

Maria Goeth
Sie ist eine "eierlegende Wollmilchsau" des Opern- und Konzertbetriebs: Maria Goeth wirkte als Dramaturgin, Regisseurin und Kuratorin, aber auch als Moderatorin, Gastspielleiterin und Inspizientin. Festanstellungen führten sie u.a. ins Orchestermanagement der Bayerischen Staatsoper, als Konzertdramaturgin ans Theater Heidelberg und ins Projektmanagement von „Jugend musiziert“. Darüber hinaus übernimmt die promovierte Musikwissenschaftlerin immer wieder Lehraufträge an der LMU München. Seit 2016 arbeitet Maria Goeth bei CRESCENDO, seit 2017 ist sie Leitende Redakteurin.

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