Parsifal bei den Münchner Opernfestspielen

Musik wow, Szene mau!

von Maria Goeth

6. Juli 2018

"Musik wow, Szene mau" lautet das Fazit der “Parsifal"-Neuinszenierung bei den Münchner Opernfestspielen 2018.

Die Münchner Opern­fest­spiele eröffnen mit Richard Wagners „Parsifal“.

Um eins gleich vorweg zu nehmen: Viel besser kann man den „Parsifal“ wohl nicht besetzen. Das ist nicht nur eine Frage der promi­nenten Namen, sondern von regel­recht maßge­schnei­derten Figuren-Charak­te­ris­tika: als voll­tö­nender, eindring­li­cher Gurnemanz, als ausdrucks­stark leid­durch­drun­gener Amfortas mit gewohnt sprach­lich perfekter Dekla­ma­tion, als dämo­ni­sche Kundry und als ernüch­tert-verschlagen-rach­süch­tiger Klingsor. Und natür­lich in der Titel-Partie, der voll Lyrik und Emphase den Wandel vom „reinen Tor“ zum wissenden Gral­s­könig durch­läuft.

Klang­be­glü­ckend aber auch alle Neben­rollen, der leiden­schaft­lich-kraft­strot­zende Opern­chor und natür­lich das Baye­ri­sche Staats­or­chester unter seinem Gene­ral­mu­sik­di­rektor , das mit einer Bril­lanz und Inten­sität musi­ziert, dass es eine wahre Lust ist.

Der Muff der 70er-Jahre
Und ja, man hatte sich viel verspro­chen vom Bühnen­bild des schon im Vorfeld durch die Presse auf- und abdis­ku­tierten Maler- und Bild­hauer-Promis . Was der geöff­nete Vorhang dann preis­gibt, tut zwar nicht weh, entlockt aber auch nicht mehr als ein müdes Gähnen: tusche­zeich­nungs­hafte Bäume in düsterer Schwarz-Weiß-Ästhetik, Klingsors Zauber­schloss als ruinen­haft gepin­selte Stein­frag­mente auf einem – später immerhin eini­ger­maßen elabo­riert in sich zusam­men­sa­ckenden – Bühnen-Prospekt und der fast voll­kom­mende Verzicht auf Requi­siten (kein Gral, kein Speer). Das müffelt nach den 70er-Jahren und wurde schon damals – etwa im Chéreau’schen Jahr­hun­der­t­ring – virtuoser bewäl­tigt.

„Regis­seur liefert fünf Stunden nett beleuch­tetes Steh­theater.“

Indem Baselitz das Bühnen­bild im dritten Aufzug kopf­stehen lässt, bleibt er zwar seinen „verkehrten“, wirk­lich­keits­abs­tra­hierten und seiner­zeit revo­lu­tio­nären Bildern der späten 70er treu, vermag gut 40 Jahre später aber nichts mehr Neues zu erzählen.

Ringel­piez ohne Anfassen
Regis­seur Pierre Audi hingegen hat sich wohl auf die Bild­ge­walt Baselitz’ verlassen, der im
Vorfeld übri­gens offen die Haltung „Alles muss dunkel und die Produk­tion extrem lang­weilig sein“ propa­gierte, und liefert fünf Stunden nett beleuch­tetes Steh­theater. Da hilft auch keine durch Körper­pro­thesen ange­deu­tete Nackt­heit in der Grals­szene – einer Art halb­sei­denem Ringel­piez ohne Anfassen – oder die der abge­half­terten, hänge­brüs­tigen Zauber­mäd­chen. Am glei­chen Haus wurde mit verformter Nackt­heit etwa im „Tann­häuser“ schon wesent­lich geist­rei­cher hantiert (siehe hier).

Weich­ge­spült
Unver­ständ­liche Eingriffe – Klingsors Zauber­schloss etwa ist von vorn­herein so „abge­rockt“ und unver­füh­re­risch, dass sein Unter­gang saftlos daher­kommt –, plumpe Effekte – beim Kuss Parsi­fals mit Kundry geht dem Helden durch einen dras­ti­schen Licht­wechsel wort­wört­lich „ein Licht auf“ – und mangelnde Perso­nen­füh­rung rauben der Produk­tion ihre szeni­sche Kraft. Schade! Audi und Baselitz hätten sicher auch szenisch einige der besten Darsteller der Welt zur Verfü­gung gehabt!

Fotos: Ruth Walz