Rémy Ballot war auf dem besten Wege, eine Karriere als Geiger zu machen. Da traf er Sergiu Celibidache, griff fasziniert zum Taktstock und wurde zu einem der besten Dirigenten unserer Zeit.

Es war ein ganz spontaner Entschluss, mit Rémy Ballot reden zu wollen. Ahnungslos hatte ich seine jüngsten Alben – ein Programm mit klassischen Sinfonien sowie Anton Bruckners Streichquintett und -quartett – eingelegt und war wie vom Donner gerührt. Einen so guten Mozart und Haydn wie hier vom Klangkollektiv Wien (die Jupiter-Sinfonie und Die Uhr) habe ich seit Jahrzehnten von keinem Orchester gehört, beim Bruckner-Quintett handelt es sich schlicht um die beste Aufnahme, die je von dieser verkappten Sinfonie gemacht wurde. 

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Rémy Ballot probt bei den St. Florianer Brucknertagen im Stift St. Florian Anton Bruckners Achte Sinfonie.

Also auf nach Wien! Dort hat der französische Geigenvirtuose und Dirigent seit nunmehr fast zwei Jahrzehnten seine Heimat gefunden, und in seinem vor gut drei Jahren gegründeten Klangkollektiv Wien wirken einige der besten Musiker der Stadt zusammen. Ballot resümiert: „Nachdem er unter meiner Leitung Wagners Siegfried-Idyll gespielt hatte, schlug mir der Klarinettist der Wiener Philharmoniker Norbert Täubl vor, gemeinsam ein Kammerorchester zu gründen. Ein besonderer Wunsch war dabei, eine interpretatorische Alternative im Repertoire der Wiener Klassik anzubieten. Unser allererstes Projekt war die Einspielung einer Schubert-CD, das Gründungskonzert fand im Oktober 2018 im Wiener Konzerthaus statt.“ 

»In dem Quartett, das wir neu entdeckten, begegnen wir noch nicht dem Sinfoniker Bruckner.«

Am Tag nach unserem offiziellen Treffen fahren wir raus zur legendären Wotruba-Kirche und genießen den Brutalismus der zeitlos experimentellen Architektur in vollen Zügen. Selbst im Dickicht des urwaldartigen Geländes tauchen noch Maskierte auf. Ballot liebt die Kunst und die Natur ganz allgemein und bringt allem ein reges Interesse entgegen. Als Conductro-in-residence der Brucknertage in St. Florian eilt ihm mittlerweile der Ruf voraus, ein führender „Bruckner-Experte“ zu sein – doch wer seinen Beethoven, Wagner oder Debussy gehört hat, weiß, dass dies mit Expertentum nichts zu tun hat. Er ist schlicht einer der besten Dirigenten unserer Zeit, der mir gerade erzählt, wie es zur Aufnahme der Bruckner’schen Kammermusik kam. 

Altomonte Quartett
Das Altomonte Quintett im Corona-Sommer 2020: Rémy Ballot, Iris Schützenberger, Peter Aigner, Stefanie Kropfreiter und Jörgen Fog
(Foto: © Videoausriss, Gramola)

Da es im Sommer 2020 coronabedingt nicht möglich war, in St. Florian eine Bruckner-Sinfonie zu spielen, gründete ich aus Musikern des Altomonte-Orchesters ein Quintett. Wir hatten wenig Vorbereitungszeit, doch sind alle mit meiner musikalischen Zugangsweise vertraut, und wir mussten nicht mehr über Grundsätzliches reden. Nach dem Konzert bot uns Richard Winter von Gramola an, das Quintett mit Bruckners frühem Streichquartett aufzunehmen, und schließlich entstand die Aufnahme im ‚Herbst-Lockdown‘. In dem Quartett, das wir neu entdeckten, begegnen wir noch nicht dem Sinfoniker Bruckner, den wir kennen – im Gegensatz zum Quintett. Die Kombination hat großen Reiz, wenn man die Dinge so sehen will, wie sie sind.“ Mittlerweile hat Rémy Ballot das Ballot Quintett gegründet, mit dem nicht nur Aufnahmen der Quintette von Mozart oder Schubert vorgesehen sind, sondern auch unbekanntere Streichquintette wie beispielsweise von Philipp Jarnach, Günter Raphael oder Kalevi Aho.

»Die Liebe zur Musik, die in Wien überall spürbar ist, und die musikalische Tradition haben mich angezogen.«

Als Ballot im Österreichischen Rundfunk gebeten wurde, Aufnahmen seiner Wahl vorzustellen, suchte er fast nur historische Dokumente aus. Dies hat freilich nichts mit Nostalgie oder Konservatismus zu tun: „Die Musiker sind damals nicht mit der Schallplatte aufgewachsen, sondern immer nur mit dem einmaligen Erlebnis des musikalischen Moments, der stets unwiederbringlich ist. Auf diese Weise ist ihr Musizieren so authentisch, wie wir uns das heute kaum noch vorstellen können.“ Entsprechend sind es auch längst verstorbene Musiker wie Arturo Benedetti Michelangeli, Wilhelm Furtwängler, Eduard Erdmann, David Oistrach, Adolf Busch oder Arthur Nikisch, die er als seine Vorbilder nennt. Und natürlich Sergiu Celibidache, der ihn entscheidend prägte. Unter den heutigen Musikern, die er besonders schätzt, nennt Ballot spontan Daniel Barenboim, Hilary Hahn, Frank Peter Zimmermann, Ivo Pogorelich, Valery Gergiev – und die Wiener Philharmoniker: „Die Liebe zur Musik, die in Wien überall spürbar ist, und die musikalische Tradition haben mich angezogen. Deshalb bin ich von Paris nach Wien gekommen.“ 

Rémy Ballot wuchs als Kind musikliebender Eltern auf, begann im Alter von fünf Jahren mit dem Geigenunterricht und studierte bei Gérard Poulet am Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse de Paris. „Ich war sehr glücklich, als ich erfuhr, dass er mich unbedingt aufnehmen wollte, obwohl bei der Aufnahmeprüfung ein Kandidat mit höherem Ranking bessere Chancen gehabt hatte. Poulet war unglaublich anspruchsvoll und hatte großen Respekt für die Kunst – ‚à l’ancienne‘. Er hatte sehr gute Studierende, einer besser als der andere, das war sehr motivierend. Viele von ihnen sind namhafte Solisten geworden. Fast wöchentlich sollte ich eine neue Paganini-Caprice einstudieren, natürlich zusätzlich zu vielen anderen Stücken. 2013 habe ich sie dann alle im Konzert in Angers gespielt – eine Herausforderung, mit der ich meine Grenzen ausloten wollte.“ 

»Die von Sergiu Celibidache entwickelte Phänomenologie ist ein zentrales Werkzeug, um die Semantik eines Stückes zu erspüren.«

1994 ergab es sich, dass der 16-Jährige mit einem Quartett bei einem Kurs Sergiu Celibidache in Paris vorspielte, und sein Leben nahm eine völlig neue, unvorhergesehene Bahn: „Ich hatte keine Ahnung, wer Celibidache wirklich war, aber alles, was er sagte, hat mich fasziniert und war extrem logisch und organisch. Aus Neugier habe ich einen seiner Schüler gebeten, mir ein paar technische Grundlagen des Dirigierens beizubringen. Nachdem ich mit der Zeit ein ihm bekanntes Gesicht geworden war, forderte mich Celibidache auf, das anwesende Streichquartett zu dirigieren. Es war Schuberts Der Tod und das Mädchen, das ich nur vom Hören kannte. Danach hat er mich als Schüler aufgenommen. Was mich am meisten geprägt hat, ist die Tatsache, dass „das Ende im Anfang ist“,  wie Celibidache nicht müde wurde zu erwähnen – dass also Zusammenhang jenseits der Zeit stattfindet.“ 

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Ausschnitte aus Beethovens Eroica: Rémy Ballot dirigiert das Klangkollektiv Wien.

Eine Zugangsweise, die in einigen Bereichen inkompatibel ist mit den nivellierenden Ideologien der sogenannten „historischen Aufführungspraxis“. Sich dem zu stellen, reizt Ballot besonders: „Die Herausforderung als Dirigent liegt für mich darin, die Musiker dazu zu bringen, die Musik mit neuen Augen zu sehen, und sie zu überzeugen, dass es vielleicht noch einen anderen Weg gibt als den mehrheitlich goutierten. Die von Celibidache entwickelte Phänomenologie ist ein zentrales Werkzeug, um die Semantik eines Stückes zu erspüren, um zu finden, was wirklich ‚da ist‘. Viele Musikstücke sind für uns keine ‚Muttersprache‘ mehr, weil sie zeitlich immer weiter entfernt sind. Mit der Phänomenologie gibt es hier viel weniger Spekulation.“ 

Altomonte Orchester und Rémy Ballot
Rémy Ballot am Pult des Altomonte Orchesters bei den St. Florianer Brucknertagen
(Foto: © Reinhard Winkler)

Auch wenn er weit mehr als ein Bruckner-Spezialist ist, setzt Rémy Ballot natürlich in diesem Sommer in der Stiftsbasilika in St. Florian mit dem Altomonte Orchester die hochgelobte Serie seiner Bruckner-Einspielungen mit der Vierten Symphonie fort: „Ich bin Klaus Laczika, dem künstlerischen Leiter der Brucknertage, Brucknerexperten und Visionär, sehr dankbar, dass er mir im August 2011 meine erste große Chance, in Österreich zu dirigieren, gegeben hat. 2013 haben wir dann die Erstfassung von Bruckners Dritter Symphonie mitgeschnitten. Gramola brachte die Aufnahme heraus, die sofort mit einem ‚Diapason d’or découverte‘ ausgezeichnet wurde. An diesem Punkt entstand die Idee eines Zyklus und einer kontinuierlichen Zusammenarbeit mit dem Altomonte Orchester, dem Orchester des Festivals. Es ist dadurch möglich, Jahr für Jahr immer besser zu werden und eine Art ‚Tradition‘ zu etablieren.“

Rémy Ballot, Anton Bruckner, Cover

Anton Bruckner: Streichquartett F‑Dur WAB 112, Streichquartett c‑Moll WAB 111, Rémy Ballot, Altomonte Ensemble (2020, Gramola)

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Rémy Ballot, Klangkollektiv Wien, Cover

Wolfgang Amadeus Mozart: „Figaro“-Ouvertüre, Sinfonie Nr. 41, „Jupiter“, Joseph Haydn: Sinfonie Nr. 101 „Die Uhr“, Klangkollektiv Wien, Rémy Ballot (Gramola)

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Auftrittstermine und weitere Informationen zu Rémy Ballot unter: remyballot.com 

Fotos: Reinhard Winkler

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