Sofia Gubaidulina ist die Grande Dame der Avantgarde. Unbeirrbare Eigenständigkeit kennzeichnet ihr kompositorisches Schaffen. 

Sofia Gubaidulina folgt dem Ausdruck ihrer inneren Wahrheit. Mit eigenwilligen Spieltechniken sucht sie nach neuen Klängen, erprobt Formen und Strukturen und schafft in ihren Werken immer wieder neue Verbindungen von Text und Musik. Den Wunsch zu komponieren trug sie bereits von frühester Jugend an in sich.

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Sofia Gubaidulina: Der Zorn Gottes, uraufgeführt mitten im Lockdown vom Radio-Symphonieorchester Wien unter Oksana Lyniv im leeren Wiener Musikverein beim Musikfestival Wien Modern

Als Tochter eines tatarischen Ingenieurs und einer russischen Lehrerin in Tschistopol geboren, studierte Sofia Gubaidulina von 1949 bis 1954 am Konservatorium von Kasan Klavier und Komposition. Anschließend setzte sie ihre Ausbildung bei Nikolai Pejko und Wissarion Schebalin am Moskauer Konservatorium fort. Zu ihren wichtigsten Vorbildern in jenen Jahren gehörte Dmitri Schostakowitsch, dem sie auf Vermittlung Pejkos ihre Examensarbeit vorspielte. Seine anschließenden Worte wurden für sie wegweisend: „Seien Sie Sie selbst, haben Sie keine Angst, Sie selbst zu sein.“

Als Schostakowitsch 1960 Mitglied der Kommunistischen Partei wurde, bedeutete dies für die meisten Angehörigen ihrer Generation eine große Enttäuschung. Doch in Anbetracht der grausamen Umstände, in denen er lebte, verzieh Gubaidulina ihm seine Schwäche: „… ich akzeptiere ihn – denn ich sehe ihn als personifizierten Schmerz, die Verkörperung der Tragödie und des Terrors unserer Zeit.“ Diese Tragik, die auch sein Denken bestimmte, beeindruckte sie sehr: „Wie tief er die existenzielle Tragik der Menschen in der Welt erfühlte und in seinen Werken zum Ausdruck brachte, gehört zu einen bewunderungswürdigsten Fähigkeiten.“

Mystikerin der Musik

Ihren individuellen musikalischen Ausdruck fand Gubaidulina 1965 in den Miniaturen Fünf Etüden für Harfe, Kontrabass und Schlagzeug. „Von diesem Augenblick an habe ich verstanden, dass ich auf niemand anderen mehr achten und nur noch das machen werde, was mir gefällt“, zitiert ihr Biograf Michael Kurtz ihren Entschluss. In der Folge entstanden die Werke Sonate für Schlagzeug (1965), Pantomime für Kontrabass und Schlagzeug (1966) sowie die Kantaten Nacht in Memphis (1968), eine Vertonung altägyptischer Grabinschriften, und Rubayat (1969), mit denen Gubaidulina sich der mystischen Dichtung Persiens zuwandte.

Als „Mystikerin der Musik“ wurde Gubaidulina immer wieder bezeichnet. „Die Musik hat sich auf natürliche Weise mit der Religion verbunden, der Klang wurde zu etwas Sakralem“, äußerte sie bereits in frühen Jahren. Später sprach sie häufig davon, dass der Kunst eine religiöse Aufgabe zukomme und sie im „Staccato“ des Lebens das „Legato“ wiederherstellen solle. Unter dem Eindruck der Gespräche mit der Pianistin Maria Judina unterzog sie sich am 25. März 1969 in der Moskauer Kirche des Propheten Elias der Taufe. Das kammermusikalische Werk Concordanzia aus dem Jahr 1971 belegt ihre geistig religiöse Einstellung zum Komponieren und markiert zugleich den Beginn eines neuen Abschnitts in ihrem Schaffen.

Sofia Gubaidulina mit Wjatscheslaw Artjomow und Viktor Suslin
Sofia Gubaidulina Mitte der 1970er-Jahre mit ihren Komponistenkollegen Wjatscheslaw Artjomow und Viktor Suslin bei der Erprobung neuer Klänge
(Foto: © Viktor Suslin)

Mitte der 1970er-Jahre gründete sie mit den Komponisten Wjatscheslaw Artjomow und Viktor Suslin das Improvisationsensemble Astraea: „Die Bedingung für Astraea war, dass wir nur unbekannte Instrumente benutzten wie kaukasische  oder mittel- und ostasiatische Volks- und Ritualinstrumente. Natürlich beherrschten wir diese Instrumente nicht. Worauf es uns ankam, war, sie zu berühren und ihre Klangräume zu erforschen. Diese Erfahrung spielte für mich eine sehr große Rolle. Was ich berühre und zum Klingen bringe, ist meine Seele.“ Die klangliche Improvisation empfand sie „auf geheimnisvolle Weise mit einer höheren Instanz des Daseins verbunden“.

Durchsichtig vor Hunger und Erschöpfung beschrieb der Freund und Komponistenkollege Nikolaj Karetnikow in den 1970er-Jahren ihre Erscheinung. Jahrzehntelang blieben ihr in der Sowjetunion Anerkennung und öffentliches Interesse versagt. Ihre Werke wurden kaum gespielt. Den Lebensunterhalt verdiente sie sich mit dem Schreiben von Filmmusik. „Das totalitäre Regime bestimmte die gesamte schöpferische Tätigkeit“, erläuterte sie in einem Gespräch. „Nur Künstler, die sich den kulturpolitischen und ideologischen Vorgaben der Partei unterwarfen und in ihren Werken das Regime priesen, hatten eine Chance, aufgeführt, ausgestellt oder veröffentlicht zu werden. Das führte zu einer totalen Hemmung jedes schöpferischen Entfaltens, gleichgültig auf welchem Gebiet. Ich spürte damals sehr deutlich die negativen Züge dieser Situation und fasste den Entschluss, mich nicht in den ‚offiziellen Kulturkreisen‘ zu bewegen. Wenn ich als Komponistin wirken und musikalische Substanz gestalten wollte, musste ich frei sein.“ So schritt sie, ungeachtet der Schwierigkeiten und der politischen Repressionen, denen sie ausgesetzt war, unbeirrt auf ihrem Weg voran.

Reise durch die Seele

Mir scheint, dass ich die ganze Zeit durch meine Seele reise, in eine bestimmte Richtung, immer weiter und weiter“, sagte sie einmal. „Einerseits ist es immer das gleiche und andererseits – gleichsam immer neue Blätter, wie in der Natur…“. Das Violinkonzert Offertorium (1980), das 1981 im Rahmen der Wiener Festwochen mit Gidon Kremer zur Uraufführung kam, Die sieben Worte Jesu Christi am Kreuz (1982), Stimmen … verstummen… (1986), Pro et contra (1989), Und das Fest ist in vollem Gange (1993) sowie In Erwartung (1994) stellen religiös inspirierte Kompositionen dar.

In den 1980er-Jahren wendete sich allmählich das Blatt. 1984 durfte sie zu den Musikfestwochen nach Helsinki und damit zum ersten Mal in den Westen reisen. Zwei Jahre darauf erhielt sie die Genehmigung zu Gidon Kremers Kammermusikfestival ins österreichische Lockenaus zu reisen. Bei den Donaueschinger Musiktagen wurde 1992 ihr Orchesterlied Stunde der Seele mit Texten von Marina Zwetajewa aufgeführt. 1997 widmete sie dem Cellisten Mstislaw Rostropowitsch zu dessen 70. Geburtstag ihre Vertonung von Franz von Assisis Sonnengesang. Am 9. Februar 1998 spielte Rostropowitsch in der Alten Oper in Frankfurt am Main die Uraufführung. „Mich als Cellisten lässt dieses Werk eine neue Stufe betreten, denn ich muss hier auch Schlagzeug spielen“, erläuterte Rostropowitsch. „Beim ersten Höhepunkt des Werkes muss ich mehrmals das Tamtam anschlagen.“ Nach dieser von Gubaidulina „Responsorium“ genannten Episode kehrte er zu seinem Instrument zurück und erreichte in der „Verherrlichung des Todes“ das höchste Register seines Instruments. 

Sofia Gubaidulina mit dem Dirigenten Philipp Ahmann und dem Cellisten Ivan Monighetti
Sofia Gubaidulina mit dem Dirigenten Philipp Ahmann und dem Cellisten Ivan Monighetti bei der Probe zum Festkonzert, das der NDR Chor mit der Reihe NDR das neue werk 2011 zu Ehren ihres 80. Geburtstags gab
(Foto: © Kristien Daled, NDR)

Der Herausforderung, ihr religiöses und musikalisches Streben in einem opus summum zusammenzuführen, stellte sich Gubaidulina im Auftrag der Internationalen Bach-Akademie von Hellmuth Rilling, für das Projekt „Passion 2000“ die Leidensgeschichte nach Johannes zu vertonen. Um der Berichterstattung des Johannes eine „absolut außerzeitliche Konzeption“ gegenüberzustellen, verbindet sie in ihrer Komposition das Evangelium mit der Vision des Hellsehers Johannes vom Jüngsten Gericht. „Die lang ausgehaltenen Töne eines Instruments werden von Glissando-Klängen eines anderen durchkreuzt; die Schnittpunkte werden jedes Mal akzentuiert“, erläutert sie. Auf diese Weise entsteht eine Art „Responsorium“, in dem die Episoden der Johannes-Passion die Rolle der Fragen spielen, während die Rolle der Reaktionen auf die Fragen von den Abschnitten der Apokalypse übernommen wird. Abgefasst in Kirchenslawisch, ist die Komposition vor allem als persönliches Bekenntniswerk zu verstehen. „Ich liebe Jesus so wie ihn Johannes sieht“, begründete Gubaidulina ihre Interpretation. „Die Kluft zwischen den Konfessionen macht mich traurig, das Urchristenrum war anders gestimmt. Jesus lebt in unseren Herzen und nicht im Dogma. So habe ich mich entschlossen, ein überkonfessionelles Werk zu schreiben.“

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Ann-Sophie Mutter über das ihr gewidmete zweite Violinkonzert In tempus praesens von Sofia Gubaidulina, das sie beim Lucerne Festival mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle uraufführte.

2005 fasste sie die drei Kompositionen Die Leier des Orpheus, The Deceitful Face of Hope and of Despair sowie Das Gastmahl während der Pest zu dem Triptychon Nadejka zusammen und widmete es ihrer 2004 verstorbenen Tochter Nadeschda. Im Rahmen des BBC Composer’s Weekend in London kam es unter der Leitung von Martyn Brabbins zur Uraufführung. Für Anne-Sophie Mutter komponierte sie 2007 ihr zweites Violinkonzert In tempus praesens, das mit den Berliner Philharmonikern unter Sir Simon Rattle beim Lucerne Festival zur Uraufführung kam. 

Lucerne Festival 2007 mit Anne-Sophie Mutter
Beim Lucerne Festival 2007: Anne-Sophie Mutter und die Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle brachten Sofia Gubaidulinas zweites Violinkonzert In tempus praesens zur Uraufführung
(Foto: © Georg Anderhub / Lucerne Festival)

2017 schrieb sie das Tripelkonzert für Violine, Cello und Bajan, ein Instrument, das sie besonders schätzt: „Mit keinem anderen Instrument lässt sich dieses ‚Atmen’ erzeugen.“ Ihr Beethoven gewidmetes Orchesterwerk Der Zorn Gottes wurde 2020 beim Musikfestival Wien Modern während der Pandemie vom Radio-Symphonieorchester Wien unter Oksana Lyniv im leeren Wiener Musikverein gespielt und via Stream verbreitet.

„Sofia Gubaidulina“, Vadim Repin, Gewandhausorchester, Andris Nelsons (Deutsche Grammophon)

Fotos: Bruno Caflisch, F. Hoffmann-La Roche Ltd, Wien Modern

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