KlassikWoche 21/2019

Poli­tiker wollen Theater regieren

von Axel Brüggemann

20. Mai 2019

Was für eine Woche! Große Polit-Oper in Öster­reich und der Abge­sang von Pop-Diva Madonna beim ESC. Und die Klassik? Sie redet über zu wenig Kohle für Musiker, kämpft gegen poli­ti­sche Beein­flus­sung und dreht ein biss­chen am Personal-Karus­­sell.

Will­kommen in der neuen Klassik-Woche,

was für eine Woche! Große Polit-Oper in Öster­reich und der Abge­sang von Pop-Diva Madonna beim ESC. Und die Klassik? Sie redet über zu wenig Kohle für Musiker, kämpft gegen poli­ti­sche Beein­flus­sung und dreht ein biss­chen am Personal-Karus­­sell. 

WAS IST

CONCERT­GE­BOUW ZAHLT SEINE MUSIKER NICHT

Neulich bekam ich einen Link zuge­schickt, der in Musi­ker­kreisen kursiert und für aller­hand Wut sorgt. Es handelt sich um einen Blog-Eintrag auf der Seite hellos­tage, der sich wiederum auf einen Artikel des hollän­di­schen News-Portals NOS bezieht. Hier wird berichtet, dass der Concert­ge­bouw in die Musiker seiner Lunch-Konzerte nicht bezahlt. Mehr noch: Der Chef des Hauses, Simon Reinink, vertei­digt seine Vorge­hens­weise und erklärt, dass die Musiker bei diesen Veran­stal­tungen doch Erfah­rung sammeln würden. Absurd wird all das, wenn der Concert­ge­bouw die kosten­losen aber gespon­serten Konzerte auf seiner Home­page unter der Kate­gorie „Soziale Verant­wor­tung“ auflistet. Junge Musiker macht es wütend, dass selbst die größten Häuser auf ange­mes­sene Bezah­lung verzichten. So sei es kein Wunder, dass klei­nere Veran­stalter eben­falls glaubten, einen Musiker – anders als einen Instal­la­teur – nicht bezahlen zu müssen. Er macht ja nur Musik!

Passend dazu ein sehr lesens­werter Artikel einer Musik­schul­leh­rerin und ihrer Arbeits­be­din­gungen, der diese Woche in der taz erschienen ist. Der Text beginnt wie folgt: „Heike Linke hat über sieben Jahre studiert und arbeitet seit 20 Jahren als Musik­schul­leh­rerin. Ihr Traumjob hat einen Preis: Vermut­lich Alters­armut.“ Und was lernen wir daraus? Links verschi­cken und auf die Situa­tion aufmerksam machen hilft – aber es ist auch der Mut junger Musiker gefragt, unbe­zahlte Ange­bote einfach kate­go­risch und kollektiv abzu­lehnen! 

 GEGEN PER BOYE HANSEN

In seinem Blog schreibt Manuel Brug über den aktu­ellen Zoff am Prager Natio­nal­theater. Die 400 Mitar­beiter begehren gegen den desi­gnierten Inten­danten Per Boye Hansen auf und fordern seinen Rück­tritt. Brug schreibt: „Nach Ansicht der Unter­zeichner des Briefes habe Hansen keine grund­le­gende Vision und führe die Oper in einer Krise. Ihm wird auch mangelnde Kommu­ni­ka­tion, stän­dige Umpla­nungen und wenig Souve­rä­nität in der Gestal­tung des Spiel­plans vorge­worfen. Alles Dinge, die auch laut wurden im Zusam­men­hang mit seinem unfrei­wil­ligen Abgang an der Oper in im Jahr 2017.

AfD ATTA­CKIERT DEUT­SCHE THEATER

In Frei­berg versucht die AfD derzeit offen­sicht­lich, eine Debatte am Mittel­säch­si­schen Theater zu verbieten. Anlass: Das Theater unter Inden­dant Ralf-Peter Schulze veran­stal­tete den poli­ti­schen „Dialog – Wir haben die Wahl“. Die Veran­stal­tung wurde zunächst von AfD-Mitglie­­dern gestört, danach forderten Stadt­räte der Partei, dass das Theater keine poli­ti­schen Gesprächs­runden veran­staltet. Der partei­lose Ober­bür­ger­meister schloss sich dieser Forde­rung an. Aber nun mischt sich auch Sach­sens Kultur­mi­nis­terin Eva-Maria Stange (SPD) ein, die dem Theater Rücken­de­ckung gibt: Stange spricht von einem „einma­ligen Vorgang in “ und sieht die Kunst­frei­heit gefährdet. „Wir benö­tigen den freien Meinungs­aus­tausch mit allen“. In seinem Artikel in den Dresdner Neuesten Nach­richten schreibt Autor Michael Bartsch: „Auch in wehrt sich die Freie Szene derzeit gegen einen Extre­­mismus-Vorwurf der AfD, die den unab­hän­gigen Künst­lern deshalb Förder­gelder strei­chen will. Verschie­dene Off-Bühnen und die AG Sozio­kultur haben wegen dieser Diffa­mie­rung eine Entschul­di­gung verlangt. Die AfD-Land­­tags­­frak­­tion versucht bereits seit dem vorigen Sommer, unbe­quemen sozio­kul­tu­rellen Vereinen finan­ziell das Wasser abzu­graben.

Am Frei­berger Theater musste auch eine Peti­tion des Thea­ters für die Kampagne „Erklä­rung der Vielen“ zurück­ge­zogen werden. In Öster­reich haben derweil – noch vor dem Ende der Türkis-Blauen Rechts-Rechts-Regie­rung – mehrere hundert Künstler einen Aufruf glei­chen Namens unter­zeichnet. Die Initia­tive „Die Vielen“ sieht die Frei­heit der Kunst und Kultur in Öster­reich bedroht: Nicht nur durch die Kürzung von Förder­gel­dern, Zensur­maß­nahmen oder das poli­tisch moti­vierte Einsetzen unqua­li­fi­zierter Personen in wich­tigen Funk­ti­ons­posten. Zu den Unter­zeich­nern gehören u.a. die Wiener Fest­wo­chen, die Ars Elec­tro­nica, und die Univer­sität Mozar­teum Salz­burg

BLACK­­FA­CING-DEBATTE FLAMMT AUF

Michael Stall­knecht nimmt in der Neuen Zürcher Zeitung die alte Black­­fa­cing-Debatte erneut auf. Darf man einem weißen Sänger bei einer Auffüh­rung des Otello das Gesicht schwarz anmalen? Anlass des Arti­kels: eine Auffüh­rung von Aischylos« Schutz­fle­henden an der Pariser Sorbonne wurde gewaltsam verhin­dert, weil eine Thea­ter­gruppe sich mit der antiken Auffüh­rungs­praxis ausein­an­der­setzen und die im Stück auftre­tenden Ägypter dunk­lere Masken tragen lassen wollte als die Grie­chen. Für Stall­knecht ist die die so genannte „Blackfacing“-Diskussion absurd: „Der fett­lei­bige Falstaff, der verkrüp­pelte Rigo­letto oder Zemlin­skys Zwerg könnten unter diesen Umständen schon bald unter Bilder­ver­bote fallen, bei denen auch nur die Ahnung eines Tabu­bruchs jeder­zeit einen Shit­s­torm nach sich ziehen könnte.“ 

WAS WAR 

RENO­VIE­RUNG DER KOMI­SCHEN OPER WIRD TEURER

In der Berliner Morgen­post berichtet Volker Blech, dass die Sanie­rung der Komi­schen Oper in  auch ohne Extra­wün­sche teurer werden wird als gedacht. Die fünf­jäh­rige Sanie­rung, die 2022 beginnen soll, wird wohl 238 statt der einst veran­schlagten 227 Millionen kosten. Skep­tisch macht, dass Kultur­se­nator Klaus Lederer (Linke) bereits davon spricht, dass 2022 ein ehrgei­ziges Ziel sei. Zum Vergleich: die Reno­vie­rung der Staats­oper kostete 440 Millionen statt der kalku­lierten 239 Millionen und dauerte sieben statt drei Jahre.

SALZ­BURGER OSTER-FEST­­SPIELE DOCH OHNE BACHLER?

Wir erin­nern uns: Diri­gent Chris­tian Thie­le­mann würde Niko­laus Bachler als neuen Inten­danten der Salz­burger Oster­fest­spiele gern verhin­dern. Die Salz­burger Poli­tiker wollen dem derzei­tigen -Inten­danten derweil eine carte blanche geben. Immer öfter ist hinter vorge­hal­tenen Händen zu hören, dass Bachler darüber nach­denken würde, Salz­burg doch einen Korb zu geben. Wie es dann weiter­gehen könnte? Markus Hinter­häuser, Inten­dant der Salz­burger Sommer­fest­spiele, wird nach­ge­sagt, er hätte großes Inter­esse daran, die Oster­fest­spiele der gesamten Fest­­spiel-Idee einzu­ver­leiben. Es bleibt span­nend an der Salzach.

MUSIK UND SPORT

Vor einigen Wochen haben wir über die Angriffe des Bonner Sport­ver­eins auf die Subven­tionen des Beet­hoven-Orches­­ters in  berichtet. Danach über Musiker, die als Sportler aktiv sind. Wir haben die Idee entwi­ckelt, einen Klassik-Run zu orga­ni­sieren: 10 Kilo­meter durch ein klin­gendes Orchester! Nun erreichte mich ein Anruf der neuen Dezer­nentin für Sport und Kultur in Bonn, Birgit Schneider-Bönninger – sie will die Gemein­sam­keiten von Sport und Klassik stra­te­gisch fördern. Wer weiß, viel­leicht wird unseres kleine News­­­letter-Idee ja schon bald Wirk­lich­keit!

AN UNSEREN BÜHNEN

Am Theater an der  wurde Webers Oberon aus München über­nommen, unter anderem mit Annette Dasch. Ich frage mich in meiner Rezen­sion, warum gerade junge Regis­seure wie Niko­laus Habjan so unglaub­lich bieder daher­kommen. +++ In der Süddeut­schen feiert Julia Spinola den Diri­genten  für seine Bremer Inter­pre­ta­tion von Korn­golds Tote Stadt mit Karl Schi­nies als Paul. +++ In der FAZ schreibt Wolf­gang Fuhr­mann über Claus Guths Insze­nie­rung der Händel-Oper Rode­linda in Frank­furt, die noch nach Lyon und Barce­lona wandern wird: „Im Ganzen ist diese Produk­tion wunderbar gelungen. Musi­ka­lisch genügt sie allen Ansprü­chen, szenisch bietet sie eine vertiefte und in sich stim­mige Lesart – glück­lich, wer sich an Leid und Freud erfreuen will!“ +++ Eleo­nore Büning feiert im Tages­spiegel das pädago­gi­sche Konzept Unboxing Mozart mit  und dem  in Berlin. 

PERSO­NA­LIEN DER WOCHE

Ton Koopman ist neuer Päsi­dent der Leip­ziger Bach-Archiv-Stif­­tung und folgt damit auf John Eliot Gardiner. +++ Sarah Wedl-Wilson wird neue Rektorin der Berliner Hoch­schule für Musik . Die 49jährige war zuvor an der Univer­sität Mozar­teum Salz­burg und sitzt dort auch im Aufsichtsrat der Oster­fest­spiele. +++ Karls­ruhe bekommt einen neuen Musik­di­rektor: Georg Fritzsch wird Justin Brown beerben.

WAS LOHNT

Das hat mich echt umge­hauen: Busoni Klavier­kon­zert in C‑Dur ist ein Monu­ment, ein gigan­ti­scher Klotz, ein episches Werk (75 Minuten!), das durch alle Facetten des Seins führt. Gespickt mit proble­ma­ti­schen Stellen wie einem Männer­chor mit dubiosen Text-Passagen. Ein Grund, warum dieses Werk schnell verdrängt wurde. Nun wagen sich  und das  unter  an diesen Brocken – und fassen ihn mit emotio­naler Wucht, kluger Einord­nung und span­nender Gestal­tung an. Eine echte Entde­ckung, die aller­hand Reibung im Ohr und im Gehirn erzeugt!

In diesem Sinne, halten Sie die Ohren steif

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@​crescendo.​de

Fotos: Wiki Commons