Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

wer glaubt, dass es nicht balla-balliger geht als im letzten Newsletter – doch, das geht! Der schlechte Geschmack fand in Dresden diese Woche seinen Superlativ, unter anderem mit einer Preisverleihung an einen Diktator. Außerdem: Rätselraten um eine Sopranistin, eine Playlist für Katzen und ein viel zu teures Klo.    

WAS IST 

Bereits in Ägypten: Der Veranstalter des SemperOpernballs Hans-Joachim Frey bei Diktator Al-Sisi

DRESDEN UND DIE DIKTATOREN

Im letzten Newsletter hatten wir über das Hick-Hack beim SemperOpernball berichtet: Veranstalter Hans-Joachim Frey hat zunächst die armenische Sängerin Ruzan Mantashyan eingeladen, sie dann – angeblich auf Druck von Netrebko-Mann Yusif Eyvazov (er ist aus Aserbaidschan) wieder ausgeladen, bevor der Ball bekannt gab, dass sie nun doch wieder auf der Künstlerliste stünde. Alles wieder Friede-Freude-Opernkuchen? Von wegen! Der Bass René Pape und der Bariton Thomas Quasthoff haben Frey auf ihren Social Media Kanälen scharf kritisiert. Bei mir hat sich die Semperoper gemeldet: hörbar erschrocken über das, was am eigenen Haus vorgeht, und mit der eindringlichen Bitte, darauf hinzuweisen, dass die Oper mit dem Ball nichts zu tun habe – er sei lediglich eine Fremdveranstaltung. Wer glaubt, dass der Ball ein von Wladimir Putin gesteuertes Tanzvergnügen am einstigen Spionage-Standort des Kreml-Chefs in der DDR sein könnte, wird nun durch Freys letzten Fauxpas beflügelt: Frey will den St. Georgs-Orden des Opernballs an den ägyptischen Staatschef und Diktator Al-Sisi vergeben, der die Opposition unterdrückt, die Versammlungsfreiheit einschränkt und in Libyen auf der Seite von General Haftar steht – also wieder ein Putin-Freund. Liebe Semperoper: Sich zu distanzieren ist das eine, den eigenen Laden an derartige Bälle zu vermieten das andere. Zur Entscheidungshilfe: Selten gab es mehr zustimmende Leserbriefe als zu meiner Erklärung, mich nicht von Frey als Juror nach Sotschi einladen zu lassen. Also, bitte: Mehr Mut in Dresden!

RÄTSELRATEN UM PETRA LANG

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Nichts Genaues weiß man nicht. Fakt ist: Der Bayreuth-Isolde Petra Lang wurde die Probezeit als Leiterin der Gesangsklasse der Akademie für Tonkunst in Darmstadt gekündigt. Niemand weiß, warum – die Akademie beruft sich auf ihre Schweigepflicht, Lang will nicht sprechen. Ihre Studenten indes protestieren, wie Jens Joachim in der Frankfurter Rundschau berichtet: „‚Es ist noch Lang nicht vorbei!‘, ‚#SavePetra‘ und ‚Hilfe! Unsere Dozentin wird gefeuert!‘, stand auf Protestplakaten, die auf dem Platz vor dem Darmstädter Kongresszentrum zu sehen waren. Studierende der Akademie für Tonkunst machten jüngst Besucher des Neujahrsempfangs der Stadt darauf aufmerksam, dass ihrer Dozentin Petra Lang zum 31. Januar gekündigt worden ist. Am Mittwoch waren die Studierenden auch im Staatstheater unterwegs, um sich für eine Weiterbeschäftigung Langs einzusetzen.“ – bislang blieb all das ohne Erfolg. Noch immer schweigen beide Seiten.    

PINKELN IN BAYREUTH

Pinkeln wird für Touristen des Bayreuther Festspielhauses zukünftig zu einem logistischen Problem: Das alte Toilettenhäuschen (in dem auch der Buchladen untergebracht war) ist bereits abgerissen, ein neues Mehrzweck-Gebäude sollte für 540.000 Euro entstehen. Doch die Kosten steigen immer weiter – 130.000 Euro Mehrkosten werden erwartet. Nun hat die Stadt das Projekt erst einmal auf „Pause“ gestellt.      

WAS WAR

Klassik macht auch Ihre Katze glücklich – sagt jedenfalls Dirigent Yannick Nézet-Séguin

NÉZET-SÉGUINS SCHNURRENDE PLAYLIST

Für ein Tierheim in Pennsylvania hat der Dirigent Yannick Nézet-Séguin eine Playlist für Katzen veröffentlicht. Die Liste besteht aus 326 Titeln klassischer Werke, die der derzeitige Chefdirigent des Philadelphia Orchestra auch kommentiert hat. So wären Chopins Nocturnes, gespielt von Claudio Arrau, ideal für ein Nachmittagsschläfchen von Katzen. Impressionistische Musik aus Frankreich von Debussy, Fauré und Ravel würden zur Lieblingsmusik seiner eigenen drei Katzen gehören, so Nézet-Séguin. Aber es geht in der Playliste nicht nur anschmiegsam zu: So beinhaltet sie ebenfalls Auszüge aus Strawinskys Sacre du printemps, welche zu Mäusejagd-Spielen und Herumtollen anregen sollen.

KHUON SPÜRT KULTURFEINDLICHKEIT DER AfD

Der Präsident des Deutschen Bühnenvereins, Ulrich Khuon, kritisiert die AfD in einem Interview mit dem SWR. Die AfD beziehe eine „klare Position der Kunstfeindlichkeit“. Eines der politischen Mittel bestehe darin, die öffentlichen Einrichtungen mit Anfragen zu überziehen, mit dem Ziel, dass „eine Schere im Kopf“ entstehe, man selber vorsichtiger werde, um nicht anzuecken. In Russland oder Ungarn habe sich bereits gezeigt, dass eine solche Methode erfolgreich sein könne, wobei sich die Intendanten in Deutschland nach seiner Einschätzung nicht einschüchtern ließen, so Khuon. Zugleich stelle die AfD Anträge auf Mittelkürzungen, wenn Kunsteinrichtungen kein Entgegenkommen zeigten. „Die AfD versucht auch direkt in die Kunst einzugreifen, einzelne Inszenierungen zu verhindern oder zu verändern.

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PERSONALIEN DER WOCHE

Bitte anschauen! Der SWR hat den Komponisten Wolfgang Rihm für eine große Doku besucht und spricht mit ihm natürlich über Musik – aber auch über seine Krebskrankheit. Und er ist Pragmatiker wie immer: „Ja, soll ich mich jetzt zum Sterben zurücklehnen? Ich fühle mich nicht so … es geht mir gut. Soll ich jammern? So bin ich nicht konfiguriert!“ Der Film trägt den Titel „Das Vermächtnis“ und wurde von Victor Grandits und Magdalena Adugna gemacht. +++ Der erst 26-jährige Dirigent Thomas Guggeis wird 2020 Staatskapellmeister in Berlin. +++ Anne Sophie-Mutter hat ein Hollywood-Geheimnis geleaked: Welches Orchester wird den Soundtrack zu Steven Spielbergs Verfilmung der West Side Story übernehmen? Es sind die New York Philharmonic mit Gustavo Dudamel. +++ Die Bratschistin Tabea Zimmermann bekommt den Ernst von Siemens Musikpreis 2020. +++  Siegwald Bütow wird im Sommer 2020 neuer Direktor des Mozarteumorchesters Salzburg. +++ Die künstlerische Leitung des neuen Festivals Bayreuth Baroque wird Max Emanuel Cencic übernehmen. Das Barockfestival findet erstmals vom 3. bis 13. September 2020 im Markgräflichen Opernhaus statt. +++ Irgendwie war er auch ein Klassiker: Monty-Python-Gründer und ‑Regisseur Terry Jones ist mit 77 Jahren gestorben. +++ Er war die große, charakterliche Stimme meiner ersten Bayreuth-Besuche: Der einmalige und menschlich wunderbare Sänger Franz Mazura ist im Alter von 95 Jahren gestorben.  

POST VON ROŠČIĆ

Der designierte Intendant der Wiener Staatsoper, Bogdan Roščić, hat mir geschrieben – und dabei kurzerhand die halben Wiener Philharmoniker in CC gesetzt:-) Anlass seiner Mail war der letzte Newsletter. Roščić schrieb aus „hygienischen Gründen“ (was auch immer er mit diesem historisch besetzten Wort meint). Sein wichtigster Punkt: Dass Premieren in Wien siebenmal hintereinander gespielt werden sollen, sei „vollkommen aus der Luft gegriffen“. Warten wir einfach auf die ersten, konkreten Spielpläne – die Luft, die uns den Plan zugeweht hat, umweht Roščić jedenfalls auch. Fakt ist: Die Staatsoper wird sich hauptsächlich strukturell verändern, und die Nerven scheinen schon vor Amtsantritt ziemlich blank zu liegen. In seiner Mail erklärte der designierte Intendant mir noch die jedem bekannten Unterschiede von Opernorchester und Wiener Philharmonikern. Was er nicht schrieb und was ich im letzten Newsletter ebenfalls vergaß, ist, dass das Staatsopernorchester in Zukunft nicht nur durch den Concentus Musicus Konkurrenz bekommt, sondern auch durch Teodor CurrentzismusicAeterna (eine Idee, die Roščić von Markus Hinterhäuser in Salzburg abgekupfert hat). Wie auch immer: Die Wiener Philharmoniker haben derweil eine rauschende Ballnacht mit ihren künstlerischen Freunden gefeiert – nachzuschauen: hier.

Manchmal – gerade bei Gegenwind – ist es nötig, die Ohren steif zu halten.

Ihr

Axel Brüggemann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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