Einst als koloniales Raubgut nach Europa gelangt, begeistert das jahrhundertealte javanische Gamelan heute mit archaischer Pracht.

Das Gamelanspiel erfreut sich hierzulande wachsender Beliebtheit. Von den über 80 Gamelangruppen in Europa wirken rund 20 in Deutschland. Museen und Ensembles veranstalten Workshops und Festivals. Komponisten lassen sich vom klanglichen Reiz der bronzenen Schalen und Gongs inspirieren, und Universitäten suchen das Phänomen wissenschaftlich zu fassen. Das javanische Gamelan ist ein Ensemble von Schlaginstrumenten, das einen Tonraum von sechs Oktaven umspannt. Seine Faszination liegt neben dem vollen und lang anhaltenden Klang, der die Spieler umhüllt und trägt, in seiner magischen Kraft. Das Gamelan ist kein toter Gegenstand. Es besitzt eine Seele und trägt einen Namen. Die Gamelantradition kennt Werke, die ein ganzes Menschenleben symbolisieren, von der Kindheit bis zum Alter. Während des Spiels vollzieht sich ein geistig-seelischer Prozess, der zu Gelassenheit und innerer Harmonie führt. Darin liegt der traditionelle Sinn des Gamelanspiels: sich verbunden zu fühlen mit dem Urgrund des Seins. Das Spiel des Gamelans ist eine Kollektivkunst. Jeder spielt nach bestem Wissen, Können und Empfinden.

„Jeder spielt nach bestem Wissen, Können und Empfinden“

Ein Großes Gamelan besteht aus zwei in sich geschlossenen Ensemblehälften. Die eine ist im sogenannten Sléndro gestimmt, einem Tonsystem, das innerhalb einer Oktave fünf Tonstufen in gleich großen Intervallen enthält und einen strahlenden Klangcharakter aufweist. Die Stimmung der anderen Hälfte wird Pélog genannt. Sie gliedert die Oktave in sieben Tonstufen, deren Intervalle unterschiedlich groß sind, und erzeugt einen ernsten, melancholischen Klang. Die Instrumente sind so aufeinander abgestimmt, dass Reibungen und Schwebungen entstehen, was ihnen Lebendigkeit verleiht. Umgestimmt werden können sie nicht. Daher ist jeder Typ in mindestens zwei Exemplaren vorhanden, die im rechten Winkel zueinander vor dem Spieler stehen. Gespielt wird immer nur eine Gamelan-Hälfte. Im Zentrum stehen die Trommeln. Der Trommler ist der musikalische Leiter des Ensembles. Unterstützt wird er von verschiedenen Einzelgongs, deren Schläge die Gerüstmelodie gliedern. Am Rande einzelner Melodieabschnitte ertönt der Große Gong, die hinaussendende und heimholende Kraft. Vor den Gongs sind die Träger der Gerüstmelodie platziert, die Metallstabspiele sowie Gongspiel, Xylofon und Kastenzither zur Verdichtung der Melodie. Vermutlich verschmolzen im Großen Gamelan zwei Gamelans, die bei Auftritten des Herrschers außerhalb und innerhalb des Palasts gespielt wurden. Daraus entstanden zwei Stile: der Bonangan-Stil, der sich durch große Lautstärke und harte Schläge auszeichnet, und der Klenèngan-Stil, bei dem die Instrumente nur sanft angeschlagen werden.

„Eine regelrechte Blüte erfährt es seit etwa zwei Jahrzehnten“

Nach Europa gelangten die Gamelans als koloniales Raubgut. Der britische Gouverneur der indonesischen Insel Java, Thomas Stamford Raffles, kehrte 1816, als Java wieder an Holland fiel, mit einer 30 Tonnen schweren Sammlung, in der sich ein komplettes Gamelan-Set befand, nach London zurück. Die Sammlung kam nach seinem Tod ans British Museum. Auch das Gamelan des Pariser Konservatoriums, das 1888 auf der Weltausstellung vorgeführt wurde und sich heute in der Cité de la musique befindet, stammte von „einem hohen Funktionär der Verwaltung“ Niederländisch-Indiens, wozu Indonesien damals gehörte. Das erste westliche Werk über das Gamelan verfasste der Musikethnologe Jaap Kunst 1924 nach Feldforschungen in Indonesien. Zu einer breiteren Bekanntheit trug 1928 die Schallplattenserie „Musik des Orients“ bei, die eine Gamelan-Aufnahme aus Java enthielt.

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Seit den 1950er-Jahren wird das Gamelanspiel auch im Westen praktiziert. Eine regelrechte Blüte erfährt es seit etwa zwei Jahrzehnten. So suchen Komponisten wie Slamet Abdul Sjukur, ein Schüler Olivier Messiaens und Gründervater der zeitgenössischen indonesischen Musik, der Klangkünstler Philemon Mukarno oder Iwan Gunawan, der wichtigste zeitgenössische Komponist West-Javas, nach Wegen, dem Gamelan in Verbindung mit westlicher Musik eine neue aufregende Zukunft zu bescheren.

Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

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