Nemanja Radulović Musik ­gegen die Angst

Der junge serbische Geiger Nemanja Radulović bringt auf seinem aktuellen Album den Kaukasus zum Klingen. Während der jugoslawischen Zerfallskriege erfuhr er, wie Musik Liebe statt Angst befördern kann.

CRESCENDO: Nemanja Radulović, wir treffen uns in der Mitte jenes Weges, den Sie im Alter von 14 Jahren zurücklegten …

Neman­ja Radul­o­vić: Unse­re Rou­te führ­te in der Tat durch Deutsch­land. Mei­ne Eltern ver­lie­ßen Bel­grad nach den jugo­sla­wi­schen Zer­falls­krie­gen, damit ich mei­ne Musik­stu­di­en fort­set­zen konn­te. An der Hoch­schu­le in Saar­brü­cken stu­dier­te ich bei Joshua Epstein. Anschlie­ßend zogen wir wei­ter nach Paris, wo ich in die Klas­se von ­Patri­ce Fon­t­ana­ro­sa am Kon­ser­va­to­ri­um auf­ge­nom­men wur­de.

Unterhalten Sie noch Kontakt zur serbischen Musikszene?

Ein Teil mei­ner Fami­lie lebt in Ser­bi­en. Des­halb rei­se ich noch regel­mä­ßig dort­hin und gebe auch vie­le Kon­zer­te. Das Musik­le­ben in Bel­grad ist über­aus leben­dig. Die Thea­ter und Kon­zert­sä­le sind voll. Kunst und Musik hal­fen den Men­schen, die beschwer­li­chen Jah­re des Krie­ges und der Tei­lung des Lan­des zu über­ste­hen. Und auch mei­ner Fami­lie war die Musik ein Lebens­eli­xier.

Serbische Komponisten der klassischen Musik tauchen hierzulande kaum auf. Gibt es da noch etwas zu entdecken?

Kom­po­nis­ten in Ser­bi­en haben es schwer. Sie bekom­men viel zu wenig Unter­stüt­zung. Den­noch sind eini­ge von ihnen sehr kraft­voll. Isi­do­ra Žebel­jan etwa hat trotz wid­ri­ger Umstän­de ihren Weg gefun­den. Sie schreibt Orches­ter- und Kam­mer­mu­sik und kom­po­niert für die Büh­ne. Ihre Oper Zora D wur­de in Ams­ter­dam und Wien auf­ge­führt. Vor dem Krieg hat­ten wir noch Ana Sokolo­vić. Ihre Opern wur­den in Lon­don und Mont­re­al gespielt, wo sie auch lebt. Ich arbei­te seit Jah­ren mit Alek­san­dar Sed­lar zusam­men.

Wir müs­sen ein klas­si­sches Werk nicht in die Gegen­wart über­tra­gen, als wür­de der Kom­po­nist über unse­re tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten ver­fü­gen“

Auf Ihrem neuen Album „Baïka“, was „Märchen“ bedeutet, ist er mit den Werken Savcho 3 und Turkey vertreten …

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Sed­lar ist ein genia­ler Musi­ker mit so vie­len Facet­ten. Er schreibt nicht nur klas­si­sche Kom­po­si­tio­nen, son­dern ist auch Diri­gent, Rock­gi­tar­rist und Pop­sän­ger und arbei­tet in Bel­grad an einem Thea­ter. Die­se geis­ti­ge Offen­heit spürt man in sei­ner Musik, die einen emo­tio­nal sofort ergreift.

Wie kam es, dass er Rimski-Korsakows Suite Scheherazade für Sie neu arrangierte?

Ich kon­zen­trie­re mich mit die­sem Album auf den Raum zwi­schen dem Schwar­zen und dem Kas­pi­schen Meer. Eröff­net wird es mit dem Vio­lin­kon­zert von Chat­scha­tur­jan, der die Volks­wei­sen sei­ner arme­ni­schen Hei­mat in sei­ne Kom­po­si­tio­nen ein­brach­te. Wenn ich sei­ne Musik spie­le, sehe ich vor mei­nem geis­ti­gen Auge die arme­ni­schen Land­schaf­ten, die grü­nen Täler, tro­cke­nen Step­pen und stei­ni­gen Hoch­ebe­nen. Sche­he­ra­za­de hör­te ich in einem Kon­zert des Boru­san Istan­bul Phil­har­mo­nic Orches­tra. Die Musi­ker spiel­ten auf tra­di­tio­nel­len tür­ki­schen Instru­men­ten und mich begeis­ter­te das unge­mein. Was für eine herr­li­che Musik, dach­te ich. Sie packt Kin­der eben­so wie ­Ken­ner und das gro­ße Publi­kum. Die ­Fas­sung von Sed­lar ist ein abso­lu­ter Glücks­fall. Weil sie wirk­lich eine Geschich­te erzählt.

Brauchen wir immer neue Arrangements, um die klassische Musik lebendig zu halten?

Nein. Wir müs­sen ein klas­si­sches Werk nicht in die Gegen­wart über­tra­gen, als wür­de der Kom­po­nist über unse­re tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten ver­fü­gen. Den­noch lie­be ich Arran­ge­ments. Sie brin­gen Aspek­te unse­rer Gegen­wart in ein Werk ein. Die Art, wie eine Kom­po­si­ti­on gespielt und inter­pre­tiert wird, ver­än­dert sich ja im Lau­fe der Zeit. Hört man Auf­nah­men von gro­ßen Gei­gern, Pia­nis­ten oder Diri­gen­ten der Ver­gan­gen­heit, ent­deckt man ande­re musi­ka­li­sche Vor­stel­lun­gen als in heu­ti­gen Auf­nah­men. Sol­che Ent­wick­lun­gen sind wich­tig für den künst­le­ri­schen Pro­zess.

Angst ver­schließt. Wir müs­sen uns ­öff­nen für Begeg­nun­gen“

Sie suchen nach neuen Wegen der Musikvermittlung …

Musik war für mich immer da. Sie erin­ner­te mich an das, was wich­tig im Leben ist. Ich emp­fin­de eine Treue zu ihr und die Ver­pflich­tung, die­je­ni­gen für sie zu gewin­nen, denen sie Hil­fe sein kann. Da gilt es, gewis­se Tra­di­tio­nen zu erneu­ern oder neu zu schaf­fen. Das taten die gro­ßen Schöp­fer die­ser Tra­di­tio­nen wie Bach, Mozart oder Brahms auch. Sie enga­gier­ten sich für die künst­le­ri­sche Welt ihrer Epo­che.

Warum halten Sie dennoch an der CD als Medienform fest?

Das Stu­dio ermög­licht es, mit einer Inter­pre­ta­ti­on viel mehr ins Detail zu gehen. Auch wenn ich bereits mit einer Visi­on im Kopf kom­me, erschlie­ßen sich durch die Stu­dio­ar­beit immer noch tie­fe­re Ein­sich­ten. Zugleich ist eine sol­che Auf­nah­me wie ein Foto. Sie hält einen Augen­blick des Lebens fest.

Sie leben in Paris und haben die Stadt als vorurteilsfrei und ­voller Möglichkeiten beschrieben. Mittlerweile aber hört man von Xenophobie, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit. ­Wie erleben Sie das?

Das sind Ängs­te, die vor allem von den Medi­en geschürt wur­den. Ich ken­ne die­ses Phä­no­men nur zu gut aus den jugo­sla­wi­schen Zer­falls­krie­gen. Wird im Fern­se­hen etwas gezeigt, glaubt man es, auch wenn es den eige­nen Erfah­run­gen wider­spricht und man um die tech­ni­schen Mit­tel der Mon­ta­ge genau weiß. Aber wir soll­ten uns nicht von der Angst lei­ten las­sen, son­dern viel­mehr von der Lie­be. Nur sie bringt uns wei­ter. Angst ver­schließt. Wir müs­sen uns ­öff­nen für Begeg­nun­gen und an die Tür unse­rer Nach­barn ­klop­fen, um ein­an­der ken­nen­zu­ler­nen. Der Musik kommt dabei eine ganz wich­ti­ge Rol­le ­zu. Sie schafft ein Mit­ein­an­der – und ein gemein­sa­mes Erle­ben.

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Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

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