Bağlama

Wie aus Tausend­und­einer Nacht

von Alexander Rapp

8. Februar 2018

In einem Studio in Berlin Kreuzberg arbeitet Taner Akyol. Auf seinem Schoß ruht eine Bağlama, die typische anatolische Langhalslaute.

In einem Studio in Kreuz­berg arbeitet . Auf seinem Schoß ruht eine Bağlama, die typi­sche anato­li­sche Lang­hals­laute. Taner Akyol ist nicht nur einer der besten Bağla­ma­spieler, sondern auch mehr­fach ausge­zeich­neter Kompo­nist, dessen Kinder­oper Ali Baba und die vierzig Räuber 2012 mit großem Erfolg an der Komi­schen Oper Berlin urauf­ge­führt wurde. 2017 spielte er in der Berliner Phil­har­monie mit seinem Trio zusammen mit dem legen­dären türki­schen Pianisten Fazıl Say, der mit der Sängerin Serenad Bağcan seine Verto­nungen türki­scher Gedichte aufführte. Der Klang von Taner Akyols Instru­ment evoziert unver­meid­lich orien­ta­li­sche Bilder aus Tausend­und­einer Nacht. Dabei ist die Bağlama das wich­tigste Begleit­in­stru­ment in der klas­si­schen Musik des osma­ni­schen Hofes und der türki­schen und zentral­asia­ti­schen Volks­musik von Anato­lien über Arme­nien und Aser­bai­dschan bis in den Iran.

Für die Turk­völker, deren iden­ti­täts­stif­tende Tradi­tionen münd­lich über­lie­fert und weiter­ge­geben werden, ist die Bağlama vom Begleit­in­stru­ment, zu dem die tradi­tio­nellen Geschichten und Gedichte gesungen werden, selbst zum Symbol für ihre Iden­tität geworden. Der Klang der Bağlama ist im gesell­schaft­li­chen Leben vieler Menschen bis heute präsent. Vor allem für die Aleviten, bei denen die Feier des Gottes­dienstes nicht in der Moschee, sondern im Kreis der Familie voll­zogen wird, ist die Bağlama als zentrales Element des Gottes­dienstes und anderer Rituale selbst Teil der Familie. In Taner Akyols Studio hängt ein fast lebens­großes Foto zweier Männer aus dem Jahr 1938. Sie halten sich an der Hand, Vater und Sohn. Kurz nach der Aufnahme verschwanden sie im Massaker von Dersim, getötet oder vertrieben. Solche Geschichten gibt es in vielen alevi­ti­schen Fami­lien, und sie werden durch die tradi­tio­nellen Lieder lebendig gehalten. Gerade in , dem wich­tigsten Exil­land für viele Anato­lier, hat deren Volks­musik eine beson­dere Aktua­lität. Der Klang der Bağlama steht somit auch für eine Paral­lel­kultur. Viele Aleviten anato­li­scher Abstam­mung, die in Deutsch­land aufge­wachsen sind, haben die Heimat und Kultur ihrer Eltern und Groß­el­tern aus den alten Liedern kennen­ge­lernt.

Wie bei vielen Volks­mu­siken gibt es auch für die Volks­musik der Turk­völker so gut wie keine schrift­li­chen Quellen. Erst in den letzten 30 bis 40 Jahren haben einige Musiker und Wissen­schaftler begonnen, die Lieder aufzu­schreiben und dazu Nota­tionen entwi­ckelt, die die Beson­der­heiten der Musik und der Spiel­weise der Bağlama wieder­geben und auch für Musiker nach­voll­ziehbar machen, die nicht mit dieser Musik­tra­di­tion vertraut sind.

Bağlama

Foto: Taner Akyol

Die Bağlama ist die mittelgroße einer Gruppe 
von als Saz bezeichneten Langhalslauten, 
die vom Balkan bis nach Afghanistan verbreitet 
sind, insbesondere in der Türkei und in 
der armenischen, iranischen, kurdischen, 
aserbaidschanischen und afghanischen Musik. 
Die Bağlama hat sechs bis sieben Saiten, 
die in drei „Chöre“ zusammengefasst sind.

Die Lieder stammen von soge­nannten Âşık, die je nach sozialer Lage verschie­dene Aufgaben haben. Sie fungieren als Bewahrer und Über­mittler der Tradi­tion, Unter­halter und poli­ti­sche oder reli­giöse Führer. In der Ausübung all dieser Funk­tionen ist der Klang der Bağlama gegen­wärtig, was dem Instru­ment eine Reihe von Beinamen einge­bracht hat: Wegge­fährte, Waffe, Koran mit Saiten. Die Wich­tig­keit des Instru­ments zeigt sich beson­ders in seiner Bezeich­nung als Saz, was im Persi­schen einfach Instru­ment bedeutet. In der alevi­ti­schen Denk­weise enthält Musik viele Elemente aus der Zahlen­mystik und der reli­giösen Symbolik. Das zeigt sich zum einen in der Anzahl der Saiten: Viele Bağlama sind mit drei Chören zu je vier Saiten bespannt, ein Symbol für die zwölf Nach­fahren des Propheten Ali, der wich­tigsten reli­giösen Auto­rität der Schiiten und Aleviten. Die Symbolik reicht so weit, dass die Bağlama den Propheten Ali selbst verkör­pert, wobei der Reso­nanz­körper ihn selbst und der Hals sein Schwert darstellt. Bereits in voris­la­mi­scher Zeit war die Kopuz, der Vorläufer der Bağlama, ein heraus­ra­gendes Instru­ment der Turk­völker. Vorläufer der Kopuz verbrei­teten sich im vierten Jahr­hun­dert vor Christus aus dem dama­ligen Turke­stan über in weitere von Turk­völ­kern besie­delte Gebiete. Aus diesem Instru­ment, das einen Korpus aus Leder hatte, mit Darm­saiten bespannt war und ohne Bünde gespielt wurde, entwi­ckelte sich im 17. Jahr­hun­dert die Bağlama. Der Name, der „gebunden“ bedeutet, leitet sich wahr­schein­lich davon ab, dass das Instru­ment mit der Einfüh­rung von Stahl­saiten und einem Holz­korpus auch mit durch Angel­schnur befes­tigten Bünden versehen wurde. Die Bağlama besteht aus einem halb­bir­nen­för­migen Korpus, einem langen Hals und dem Wirbel­kasten. Sie wird in verschie­denen Größen herge­stellt, die jeweils einen eigenen Namen haben: die kleine Cura, die Stan­dard­form Bağlama und die große Meydan Sazı. In neuerer Zeit werden auch Bass­bağlamas gebaut, um Ensem­ble­musik nach west­li­chem Vorbild spielen zu können. Die Bağlama ist meis­tens mit drei­ch­ö­rigen Stahl­saiten bezogen. Die Anzahl der Saiten vari­iert dabei je nach Stim­mung und Größe des Instru­ments. Sie wird entweder mit einem Plek­trum gespielt oder mit den Fingern nach der Şelpe-Spiel­weise gezupft.

Der beson­dere Klang­cha­rakter des Instru­ments und der damit gespielten Musik kommt neben der Bauart und Spiel­weise der Bağlama vor allem von den beson­deren Tonskalen, auf denen diese Musik beruht. Die zur Verfü­gung stehenden Inter­valle dieser Skalen sind feiner unter­teilt als das Tonma­te­rial der west­li­chen Musik, sie entspre­chen ungefä Vier­tel­tönen. Die klas­si­sche osma­ni­sche Kunst­musik, die an den Höfen entstand, kennt 600 dieser soge­nannten Maqam-Skalen. In der Volks­musik kommen nur sechs solcher Skalen zum Einsatz.

Heute nimmt sich eine Gene­ra­tion jüngerer Kompo­nisten, teil­weise türkisch­stämmig, aber auch immer mehr west­liche, der Bağlama an und kompo­niert für dieses Instru­ment. Die Bedin­gung eines Kompo­si­ti­ons­wett­be­werbs, der 2008 von der Zeit­ge­nös­si­schen Musik­stif­tung ausge­schrieben wurde, war die Verwen­dung der Bağlama als Solo­in­stru­ment. Seit 2015 ist eine Teil­nahme bei „“ mit diesem Instru­ment möglich, und seit 2016 gibt es die Möglich­keit zum Studium der Bağlama als Haupt­in­stru­ment für Lehramt an der .

Fotos: Taner Akyol