3e Scène ist die digitale Plattform der Opéra Garnier und der Opéra Bastille in Paris. Sie versammelt erstaunliche Filmkunstwerke, zu denen sich Künstler verschiedener Bereiche inspirieren ließen. Komprimiert auf wenige Minuten Dauer, öffnen diese Clips bezaubernde Sichtweisen auf das Thema Oper und Ballett.

Inspiriert vom Epos des römischen Dichters Lukrez: Clinamen von Hugo Arcier
(Filmausschnitt, © 3e Scène)

Woher, frag ich dich, stammt die Freiheit der Willensbestimmung, / Die uns lebenden Wesen auf Erden hier überall zusteht, / Und die jedem zu gehen gestattet, wohin er Lust hat, / Die uns Bewegungsänderung erlaubt und weder dem Orte, / Noch auch der Zeit nach beschränkt ist, vielmehr dem Verstand es anheimstellt?“

Quelle der Inspiration: der römische Dichter Lukrez

Die Verse aus dem Epos Von der Natur der Dinge des römischen Dichters Lukrez lässt Hugo Arcier seinem Film Clinamen nachfolgen.

Ein fantastisches Werk dreidimensionaler Computergrafik
(Filmausschnitt, © 3e Scène)

Lukrez versuchte mit dem der Vernunft und Humanität verpflichteten Aufklärungswerk, den Menschen in schwieriger Zeit die Angst vor dem Tod zu nehmen. Die ersten beiden Bücher handeln von der Welt der Atome und ihren Bewegungen.

Die Bewegungen der Atome im Rhythmus von Trommelschlägen

Und so beginnt auch Hugo Arcier seinen Film. Er lenkt den Blick in den Welttraum, in dem sich im Rhythmus von Trommelschlägen die „Atome“ bewegen. Clinamen bezeichnet jene Abweichung, mit der Lukrez das Element des Zufalls einbezieht.

ANZEIGE
Der Digitalkünstler Hugo Arcier bei der Übernahme des Prix Cube
(Foto: © cybht)

Hugo Arcier ist Digitalkünstler. Für seinen Film verwendet er dreidimensionale Computergrafiken, mit denen er fantastische Sichten auf das Opernhaus sowie dessen Verwandlungen schafft.

Lassen nach und nach die Tänzer ahnen: die sich bewegenden Atome
(Filmausschnitt, © 3e Scène)

Die sich bewegenden „Atome“ lassen nach und nach drei Tänzer ahnen – Anna Chirescu, Simon Fetz und Pierre Guilbault. Zur Musik von Xavier Thiry tanzen sie durch das Opernhaus, das Hugo Arcier in immer neuen Verwandlungen zeigt.

Eine neue Sicht auf die Oper

Clinamen ist einer der Filme von 3e Scène. 2015 haben die Opéra Garnier und die Opéra Bastille in Paris die Plattform ins Leben gerufen. Geschaffen wurden dafür Filme, mit denen Künstler aus verschiedenen Bereichen jeweils eine eigene Sicht auf die Oper eröffnen.

Probe vom ersterbenden Ende von Gustav Mahlers Neunter Sinfonie im Film von Jean-Stéphane Bron
(Filmausschnitt, © 3e Scène)

Vers la silence ist der Titel eines Films von Jean-Stéphane Bron. Er zeigt eine Orchesterprobe mit Gustav Mahlers Neunter Sinfonie und die Anstrengung des Dirigenten Philippe Jordan, das Orchester pianissimo spielen zu lassen, wenn die Sinfonie am Ende erstirbt. Sein Ziel ist eine Stille, die so spannungsvoll wirken soll, dass auch das Publikum sie nicht mit Geräuschen durchbrechen kann.

Spannungsvolle Stille mit Philippe Jordan am Pult
(Filmausschnitt, © 3e Scène)

Was die Filme auszeichnet, ist ihre Ästhetik, die dem Internet angepasst ist. Die meisten haben den Charakter von Clips. Komprimiert auf wenige Minuten Länge, erzählen sie eine lyrische und emotional ergreifende Geschichte. In Zeiten wie diesen, da Opernhäuser nach Wegen suchen, im Internet zu wirken, kann die Plattform ein Vorbild und Anregung sein.

Zwei Tanzwelten treffen aufeinander

Breakdance und Ballett treffen aufeinander: Grand Hotel Barbès von Ramzi Ben Sliman
(Filmausschnitt, © 3e Scène)

In Grand Hôtel Barbès lässt der Filmregisseur Ramzi Ben Sliman zwei Tanzwelten aufeinander treffen: den auf den Straßen der schwarzen Ghettos von New York entstandenen Breakdance, der mit dem Kopf nach unten wütend in den Boden hineingetanzt wird und das klassische Ballett mit seinen aufsteigenden Bewegungen und seiner Betonung von Leichtigkeit und Erhabenheit.

Großartiger Darsteller und Balletttänzer: Lorenzo Da Silva Dasse
(Filmausschnitt, © 3e Scène)

Ein junger Schwarzer, großartig dargestellt und getanzt von Lorenzo Da Silva Dasse, wird frühmorgens aus einem schäbigen Hotel im Norden von Paris auf die Straße geworfen.

Rausgeworfen: morgens im Quartier Barbès im Norden von Paris
(Filmausschnitt, © 3e Scène)

Als das Viertel allmählich erwacht, trifft er auf Breakdancer, die einen Wettstreit um den besten Tänzer ausfechten. Mit seinen letzten Münzen kauft er sich ein, und es erklingt Mozarts Musik…

…und es erklingt Mozarts Musik: Lorenzo Da Silva Dasse
(Filmausschnitt, © 3e Scène)

Kritisiert wurde anfangs die Dominanz des Balletts auf 3e Scène. Tatsächlich nehmen die Filme, die sich mit dem Tanz befassen, breiten Raum ein. Zum einen stand die Plattform bei Ihrer Gründung unter der Leitung des damaligen Ballettdirektors Benjamin Millepied. Zum anderen aber erscheint der Tanz ohne konkrete in Worte gefasste Geschichte, wie sie die Oper meist erzählt, eine inspirierende Projektionsfläche abzugeben für andere Künstler.

Das romantischste Projekt

Hannah O’Neill und Germain Louvel im Film Ascension von Jacob Sutton
(Filmausschnitt, © 3e Scène)

Ascension betitelt der Fotograf Jacob Sutton seinen Film. Die Idee dazu sei ihm während einer Probe gekommen, erzählt er. Als der den beiden Tänzern Hannah O’Neill und Germain Louvel zusah, habe er den Wunsch verspürt, die Choreografie zur sphärischen Musik des elektronischen Musikers Jon Hopkins in verschiedenem Umfeld zu zeigen.

Aufstieg in den Himmel vom Dach der Oper: Hannah O’Neill und Germain Louvel
(Filmausschnitt, © 3e Scène)

Sein Film setzt ein in der Dunkelheit der Unterbühne, erhebt sich zum üppig mit Gold beladenen Grand Foyer und steigt schließlich auf das Dach, von wo das Paar in den Himmel zu entschwinden scheint. Es sei das romantischste Projekt, an dem er jemals gearbeitet habe, betont Sutton.

Noch vieles gibt es auf der Plattform zu entdecken: www.operadeparis.fr/en/3e-scene/

Vorheriger ArtikelOffener Brief der Musikfestivals an die Politik
Nächster ArtikelDas mit der Einsamkeit
Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit ihrer Promotion 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

Artikel kommentieren

Please enter your comment!
Please enter your name here