Außergewöhnliche Hörerlebnisse

Andreas Ziegler

Andreas Ziegler, Musikproduzent und Verleger, setzt sich mit seinem Label TYXart für Klangästhetik und die Umsetzung der Vorstellungen seiner Künstler ein. 2019 brachte er die Sinfonien des im selben Jahr verstorbenen Komponisten Heinz Winbeck heraus. Die Fünf-CDs-Box wurde als Weltersteinspielung des Jahres 2020 mit einem Opus Klassik ausgezeichnet. 

Andreas Ziegler ist Musikproduzent und Verleger. Unter seinem Label TYXart mit Sitz in Regensburg erschienen im Frühjahr dieses Jahres erstmals die gesamten Sinfonien des aus Landshut stammenden Komponisten Heinz Winbeck. Winbeck, der 1946 in Piflas zur Welt kam, war Zeit seines Lebens sehr bescheiden und hatte kein großes Interesse an den Veröffentlichungen seiner Werke, weshalb er auch kein Aufhebens um seine Person betrieb. Doch Freunde und ehemalige Schüler wie Franz Hummel oder Tobias Schneid drängten den Komponisten.

Der Komponist Heinz Winbeck
2019 verstorben: der Komponist Heinz Winbeck

Welch ein Glück, dass er sich doch noch am Ende entschieden hat, seine Werke zu veröffentlichen“, sagt Christel Borchers, die selbst auf einer Einspielung zu hören ist und Winbeck als musikalischen Förderer erlebt hat. „Seine Werke sind so wunderbar und wichtig, dass sie unbedingt in die Welt getragen werden müssen.“ Auch für Ziegler war es eine Notwendigkeit, diese zur Neuen Musik gehörenden Werke zu veröffentlichen: „Er ist ein Meister seiner Zeit und steht in der Folge von Bruckner und Mahler. Sicher handelt es sich hier nicht um Unterhaltungsmusik, im Gegenteil: Man muss hinhören und sich konzentrieren. Aber wenn man einmal angefangen hat, kann man nicht aufhören. Sogartig wird man weiter und weiter getrieben“.

Innere Zerrissenheit und ein Hadern mit dem Sein

Es sind monumentale, gar essenzielle Werke, die die großen Themen des Lebens behandeln. Obwohl der Hörer Zeuge wuchtiger Kämpfe wird und von einer inneren Zerrissenheit, vom Hadern mit dem Sein, vom Hinterfragen von Glaube und Gesellschaft erfährt, ist die Melodieführung inhaltlich wie kompositorisch fein aufeinander abgestimmt und wirkt nie disharmonisch. Vielschichtig und in einem weitgefächerten Bogen an Klangfarben sind die Werke angelegt, die neben gesanglichen Soli auch anspruchsvolle Texte vom expressionistischen Dichter Georg Trakl verarbeiten. Einer der Sprecher ist Udo Samel. 

Heinz Winbeck bei der Uraufführung seiner Dritten Sinfonie
Der Rezitator Wolf Euba, Dennis Russell Davies und Heinz Winbeck bei der Uraufführung seiner Dritten Sinfonie Grodek 1088
(Foto: © Gerhilde Winbeck)

Zwei Jahre hat es bis zum Erscheinen gedauert. In diesen zwei Jahren mussten sämtliche Einspielungen bei den entsprechenden Verlagen angefragt, gehört und bewertet werden; um die Fragen der Rechte, Lizenzen und Einholung nachträglicher Zustimmung zu Veröffentlichungszwecken kümmerte sich Ziegler. Er lacht, wenn er an den Beginn seiner Zusammenarbeit mit Winbeck denkt: „Seine musikalischen Freunde kannten auch mich und brachten uns mit der Annahme zusammen, dass sich diese beiden eigensinnigen Charaktere gut verstehen würden“. Winbeck selbst war jedoch zögerlich zu Beginn und ließ sich erst dann überzeugen, als er sah, dass der junge Produzent Partituren lesen konnte und darüber hinaus viel von Musik zu verstehen schien, erinnert sich Ziegler.

Produktionen eine Chance geben

Der inzwischen 46-Jährige hat viel für seinen Wissensstand getan: Trotz seiner umfangreichen Ausbildung, die ihn, von klein auf muszierend, von der Ausbildung zum Tontechniker über das Studium der Elektrotechnik zum Tonmeisterstudium brachte, hatte er noch lange das Gefühl, immer noch nicht genug zu wissen, so dass er nicht nur dankbar mentorische Unterstützung älterer Kollegen annahm, sondern weiterhin Meisterklassen, wie die bei Quincy-Jones-Toningenieur Bruce Swedien, besuchte. Mit dem Label TYXart will Ziegler sich vom Mainstream abheben und Produktionen eine Chance geben, die nicht der musikalischen Massenware zuzuordnen sind, aber genau hiervon geschluckt werden.

Drang nach höchster Qualität

Das Unterfangen, außergewöhnliche Hörerlebnisse zu produzieren und zu verlegen, mag fragwürdig anmuten – in einer Zeit des zunehmenden Wandels und wachsender Streaming-Angebote. Ziegler lässt sich davon nicht beeindrucken, er hält an seinem Vorhaben fest. Man spürt, dass er für die Musik und außergewöhnliche Klangerlebnisse lebt. Sein Drang, in höchster Qualität zu produzieren, wird auch von Künstlern geschätzt. Einer von ihnen Udo Samel, der kürzlich im Studio für TYXart einsprach: „Es ist großartig, dass man hier noch findet, was größtenteils im Untergang befindlich ist. Das, was hier geschaffen, mit welchem Anspruch gearbeitet wird, das war früher die Aufgabe von den großen öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten“, so der Schauspieler.

Andreas Ziegler: »Sicher sind so manche Produktionen in ihrer Außergewöhnlichkeit nur für einen kleinen Hörerkreis bestimmt. Aber für diesen schaffen wir wahrlich Hörgenuss.«

Es scheint ein gewisser Wahnsinn von Nöten zu sein, um in Downloadzeiten an die Haptik zu glauben und Platten und CDs zu produzieren, die auf den ersten Blick mehr Arbeit als Gewinn versprechen. „Sicher sind so manche Produktionen in ihrer Außergewöhnlichkeit nur für einen kleinen Hörerkreis bestimmt“, sagt Ziegler. „Aber für diesen schaffen wir wahrlich Hörgenuss. Und natürlich gehört ein bisschen Verrücktheit dazu. Das kann aber auch unter Leidenschaft zu verbuchen sein, die notwendig ist, Dinge umzusetzen, an die man glaubt.“

Andreas Ziegler bei der Entgegennahme des Opus Klassik 2020
Bei der Entgegennahme des Opus Klassik 2020: der Schauspieler und Sprecher Udo Samel, die Sängerin Christel Borchers, die Witwe des Komponisten Gerhilde Winbeck, der Verleger und Produzent Andreas Ziegler sowie Clara Criado, die Künstlerbetreuerin bei TYXart
(Foto: © Gabrielle Pinkert)

Für seinen Mut wurde Diplom-Tonmeister Ziegler jedoch belohnt: Die von ihm produzierte und unter seinem Label veröffentlichte CD-Box, die die kompletten Sinfonien von Heinz Winbeck in Einspielungen vom ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter Dennis Russell Davies und anderen Klangkörpern enthält, wurde als „Weltersteinspielung des Jahres 2020“ mit einem Opus Klassik gewürdigt. Winbeck konnte diese Würdigung nicht mehr miterleben, denn er starb am 26. März 2019 im Alter von 73 Jahren in Regensburg. „Nicht in unserem Leben“, sagt Gerhilde Winbeck schmunzelnd und fährt fast schon wissend fort: „Ich bin mir sicher, er ist da draußen irgendwo und schaut uns zu; er weiß es. Er hatte schon immer besondere Gaben und Verbindungen in dieser Welt, in diesem Kosmos; er war in einer Art mit besonderer Weisheit überlegen“.

Mehr Mut für Neuartiges und Unbekanntes

Andreas Ziegler fühlt sich durch die Auszeichnung in seiner Arbeit und seiner Idee, sich für außergewöhnliche Hörerlebnisse unter seinem Label einzusetzen, bestätigt. Was für ihn ein hochwertiges Hörerlebnis auszeichnet, ist der Klang. „Für qualitätsvolle Aufnahmen ist es wichtig, die Instrumenteneigenschaften, die Eigenheiten beim Spielen, die menschliche Stimme, wenn sie eingebaut wird, genauso wie die gesamte Raumakustik zu erfassen. Und man sollte sich auskennen, um eine gewisse Klangästhetik entwickeln, um die Vorstellungen von Künstlern und eigene Ideen gut umsetzen zu können.“ Für die Zukunft wünscht er sich, dass den unabhängigen Labels, die großartige Arbeit leisten, mehr Beachtung geschenkt wird und dass Dirigenten und Konzerthäuser den Mut an den Tag legen Neuartiges und Unbekanntes aufzuführen.

Weitere Informationen zum Label TYXart unter: www.tyxart.de

Heinz Winbeck: „The Complete Symphonies“ (TYXart)

Foto Titelbild: Gabrielle Pinkert