Heiliger Zorn und verlo­rene Unschuld

von Christoph Schlüren

18. Februar 2019

Musik­ge­schichte ist eine hoch­kom­plexe Ange­le­gen­heit, die für Schul­buch­zwecke verein­facht wird. Bewe­gungen erzeugen Gegen­be­we­gungen, extreme Haltungen erzeugen extreme Gegen­po­si­tionen. Wir können uns heute schwer vorstellen, wie es für junge Kompo­nisten in den 1960er- und 1970er-Jahren war, wenn sie ihr Innerstes ausdrü­cken wollten und auf das trockene Dogma des Seria­lismus ihrer Lehrer stießen wie ein Schiff, das auf eine Sand­bank aufläuft. Die Genera­tion der in den 1940er-Jahren Gebo­renen stellt sich mitt­ler­weile als die kreativ Ergie­bigste eines ganzen Jahr­hun­derts heraus, obwohl gerade hier die großen Namen selten, kaum Ikonen der Moderne oder des Konser­va­tismus zu finden sind. Doch Kompo­nisten wie Anders Eliasson, Pehr Henrik Nord­gren, Tristan Keuris, Yevgeni Stan­ko­vich oder Peter Lieberson erweisen sich als Entde­ckungen mit einem Tief­gang, einer Origi­na­lität und Meis­ter­schaft, die noch lange nicht über­blickbar und nie einzu­ordnen sein werden.

Auch der jüdi­sche New Yorker Arnold Rosner (1945–2013) fand sich als junger Mann im Irrsinn des Dogmas wieder und orien­tierte sich als vom Estab­lish­ment Abge­lehnter zunächst an der archai­sie­rend reinen Schön­heit der Musik seines arme­nisch-stäm­migen Lands­manns Alan Hovha­ness. Doch Rosners Ausdrucks­po­ten­zial erwies sich als weit viel­schich­tiger. Und man hört in seiner Musik bis in die letzten Jahre nicht nur die Suche nach der Schön­heit und verlo­renen Unschuld, sondern auch den heiligen Zorn eines Künst­lers, der sich kompro­misslos gegen den herr­schenden Zeit­geist verwahrte. Rosner schuf Werke, in welchen sich Elemente mittel­al­ter­li­chen Tonsatzes und von Renais­sance-Poly­phonie, archa­isch-höfi­scher Tanz­musik, expres­sio­nis­ti­scher Explo­si­vität in osti­naten Tanz­rhythmen und kolli­die­render Drei­klang­sge­bilde, orga­ni­sche Entwick­lungen und abrupte Umbrüche begegnen. Eigent­lich müsste ein derar­tiges Kreuz­feuer unter­schied­lichster stilis­ti­scher Ingre­di­en­zien chao­ti­sche Collagen erzeugen, doch bei Rosner ist all dies – kraft eines unbän­digen Willens zur eigenen Formung – zu erstaun­lich kongru­enter Gestalt geformt. Der Hörer wird mitge­nommen in eine aben­teu­er­liche Welt, die zwar intensiv berührt, jedoch keinen Seel­en­trost spendet, sondern eher wie der Blick in ein kosmi­sches Drama anmutet.

Bei Toccata Clas­sics ist jetzt die dritte Folge seiner Orches­ter­werke erschienen, mit einem wunderbar myste­riösen, schlei­er­haft farben­rei­chen Nocturne, der ritu­al­haft auf antike metri­sche Struk­turen zurück­grei­fenden Ouver­türe Tempus perfectum, und der zum Bersten gespannten, drei­sät­zigen Sechten Sinfonie von 1976, die sozu­sagen das ganze Spek­trum von Josquin des Prés bis zur lavaartig heraus­ge­schleu­derten Expres­si­vität Allan Petters­sons umspannt. Viel­leicht den besten Einstieg in die gegen­sätz­li­chen Facetten von Rosners Welt bieten die Fünf Koans auf der Vorgänger-CD an, wo in fünf Sätzen erstaun­lich einander ergän­zende fremde Welten sich eröffnen und jeweils einen atem­be­rau­bend zusam­men­hän­genden Bogen errichten. Groß­artig auch die späten Unra­ve­ling Dances und die multi­me­tri­sche Meta­musik in Gema­tria von 1991. Herr­lich ist eine weitere Toccata-CD mit Kammer­musik. Und auf sind seine Sinfo­nien Nummer fünf und sieben erhält­lich, jeweils gekop­pelt mit Sinfo­nien des italo-ameri­ka­ni­schen Origi­nal­ge­nies Nicolas Flagello. Das alles ist unbe­dingt die Hörerfah­rung wert.

Rosner mag in seinem unstill­baren Zorn nur phasen­weise die verlo­rene Unschuld gefunden haben, die er so verzwei­felt einsam ersehnte. Diese Unschuld findet in schönster Weise, wer Juanjo Menas Neuauf­nahme von Juan Crisós­tomo de Arriagas (1806–1826) herr­li­cher Sinfonie von 1824 mit dem BBC Phil­har­monic hört (Chandos). Arriaga, die einzige ganz große Hoff­nung der spani­schen Musik zwischen dem Renais­sance-Zeit­alter und dem Impres­sio­nismus, starb mit 19 Jahren. Cheru­bini liebte seine Musik, und heutige Streich­quar­tette lieben seine drei wunder­baren Quar­tette. Doch die Sinfonie in d‑Moll, die zwischen Schu­bert und Mendels­sohn ihren Zauber entfaltet, ist wohl sein größtes Werk, und nun ist sie erst­mals auf feinstem Niveau zu hören.

Fotos: Bernadette Buchner