Seit 15 Jahren ist Harald Prisching Portier bei der Wiener Staatsoper. In seiner Loge begegnet er den Emotionen der Künstler ebenso wie den Sehnsüchten und der beharrlichen Geduld der Fans. 

Das Bühnentürl: ein lebendiger Wiener Mythos, ein Synonym für die Beziehung zwischen Opernstars und ihren Fans. Hier spannten einst die Verehrer von Leo Slezak dem Tenor die Pferde aus, um ihn in der Kutsche in einem Triumphzug durch die Stadt nach Hause ziehen zu können. Das war noch zu Zeiten der Hofoper. Hier kassierte aber auch der damals 17-jährige Eberhard Waechter, später gefeierter Bariton und Staatsoperndirektor, nach einem Fidelio eine saftige Watschen von der Sopranistin Anny Konetzni, weil er beim geschätzten, aber für seinen Geschmack damals allzu oft dirigierenden Josef Krips gebuht hatte – so geschehen im Theater an der Wien, dem Ausweichquartier der Staatsoper, als das Haus nach dem Krieg in Schutt und Asche lag.

Harals Prisching
Seit 15 Jahren am Bühnentürl: Harald Prisching

Emotionen liegen bis heute manchmal blank in der Gegend der Portiersloge im Haus am Ring, auf der Seite der Kärntner Straße, wo die Künstlerinnen und Künstler normalerweise ein und aus gehen. Für Harald Prisching, seit 15 Jahren in dieser verantwortungsvollen Position tätig, ist das alltäglich. Ioan Holender hat ihn eingestellt, nach Dominique Meyer ist nun Bogdan Roščić sein dritter Direktor. „Noch jeder hat uns geschätzt und gewusst, was wir alles abkriegen“, betont er. Menschenkenntnis sei für den Job nötig, starke Nerven, ein gutes Gedächtnis, besonders für Namen und Gesichter – zumal in Covid-Zeiten. „Dieser Tage habe ich Simone Young mit Maske und Brille nicht sofort erkannt“, erzählt Prisching schmunzelnd. „Wer weiß, ob ich überhaupt alle wiedererkenne, wenn die Masken hoffentlich bald einmal nicht mehr nötig sein sollten“, scherzt er – aber er hat auch da ein Mittel parat, das perfekt zu einem Opernportier passt: „Ich lausche schon aus der Entfernung auf die Stimmen, das macht es einfacher.“

Besonderes Fingerspitzengefühl

Ein zweites Standbein als situativer Psychotherapeut schadet freilich auch nicht: „Gleich in meiner Anfangszeit kam einmal eine Balletttänzerin weinend zu mir, hat mir ihre Lebensgeschichte erzählt und war so dankbar, dass ich ein offenes Ohr für sie hatte.“ Besonderes Fingerspitzengefühl erfordert darüber hinaus das Bühnentürl im engeren Sinne, diese spezielle Begegnungszone, die Prisching mitverwaltet. Zwei Tage vor unserem Gespräch hat José Carreras seinen Abschied von der Staatsoper gefeiert. „Von der Früh weg gab es Fans vor der Tür, die wissen wollten, ob er schon da sei oder nicht, Blumen wurden abgegeben, Briefumschläge mit Fotostapeln und Stift zum Unterschreiben – alles. Wobei die Unseren eh Bescheid wussten, dass er schon da war“, sagt er. „Die Unseren“, das sind die alteingesessenen, erfahrenen Stammgäste am Bühnentürl, Prisching kennt diesen harten Kern seit Jahren: „Das ist eine Gruppe von acht bis zehn Leuten, die wirklich von allen Künstlerinnen und Künstlern Autogramme sammeln, von den berühmten genauso wie von den neuen. Sie sind vorbildlich diszipliniert und freundlich, und ich muss oft grinsen, wenn ich mithöre, wie sie die junge Generation oder auch Gäste von anderswo aufklären, nach welchen Regeln das alles abläuft: ‚Hier kommen die Künstler heraus, setzen sich vielleicht in das Kammerl zum Autogrammegeben, dann kann man bei der Nebentür hinein und dann beim eigentlichen Ausgang hinaus. Und wichtig: immer machen, was der Portier sagt!‘“

Bevorzugte Operntermine

Gegenseitiger Respekt regiert, von allen Seiten. Die Stammklientel begleitet die adorierten Künstler durch ihre ganze Karriere, manche sind schon seinerzeit als Statisten mit ihnen auf der Bühne gestanden oder tun es noch heute, nutzen ihre privilegierte Stellung hinter der Bühne aber nicht aus, sondern reihen sich trotzdem in die allgemeine Schlange ein. Bei Ballettstars sind bereits Acht- oder Zehnjährige (mit Elternteil) am Bühnentürl, die Opernfans sind Prischings Beobachtung nach eher Erwachsene, diese aber jeglicher Altersgruppen. Die Generalproben für junge Leute zu öffnen, wie Roščić es eingeführt hat, hält er jedenfalls für eine tolle Aktion – und die Generalproben sind auch seine persönlich bevorzugten Operntermine.

Viele Wege aus dem Haus

Aber ach!, das erprobte Autogramm-Einbahnsystem ist in Pandemie-Zeiten obsolet, das Kammerl muss derzeit noch leer stehen. Der Zuneigung tut das keinen Abbruch. Das meiste los ist nach wie vor bei jenen Namen, die auch außerhalb der Kulturberichterstattung zu finden sind – also kurz: von Domingo bis Netrebko. „Stars wie diese sind nicht nur allgemein sehr umgänglich und freundlich, sondern auch sehr geduldig beim Autogrammegeben. Und umgekehrt sind ihre Fans besonders treu: Ein Schild mit der Aufschrift: ‚Keine Autogramme wegen Covid‘ nützt da gar nichts, da stehen dann trotzdem 50, 100 Leute vor der Tür unter den Arkaden – Temperatur egal.“ Auch den Bekanntgaben der einzelnen Manager, dass am jeweiligen Tag die Hoffnung vergeblich sei, wird oft wenig Glauben geschenkt – wobei natürlich so manche Stars dem Trubel hin und wieder gezielt entgehen wollen. „Es gibt viele Wege aus dem Haus“, hält sich Prisching bei diesem Punkt professionell bedeckt. Enttäuschungen kann es also geben – aber niemand würde deshalb beleidigt oder gar rabiat reagieren.

Unterstützung von der Polizei

Amüsiert blickt der Portier immer wieder auf jene, die wortlos an ihm vorbei ins Haus gelangen wollen und dann an der elektronisch gesicherten nächsten Tür scheitern – woraufhin sie sich in der Regel ebenso stumm wieder aus dem Staub machen. „Nur hin und wieder schafft es jemand durchzuschlüpfen, doch ein paar Meter weiter war noch immer Schluss. Gerade beim Opernball muss man freilich hin und wieder mit angeheiterten Leuten diskutieren, die unbedingt hineinwollen. Da sind wir aber zu zweit und haben auch Unterstützung von der Polizei. Wirklich dramatische Szenen hat es auch da noch nie gegeben.“ Dafür Kuriositäten: zum Beispiel, wenn die Stars beim Portier Listen von zugelassenen Gästen abgeben – und Fans ihren Namen eigenmächtig daraufsetzen wollen.

Bühnenreife Szenen

Nie vergessen wird Prisching jedenfalls folgende Begebenheit: „Ein Netrebko-Fan lag mir in den Ohren, wie dringend er sich ein Autogramm von ihr wünsche. In dem Moment kam Anna Netrebko persönlich dazu, in Kostüm und Maske, hörte das Gespräch mit und fing an zu grinsen. Ich konnte nur mit Mühe ein ernstes Gesicht behalten: Der Arme stand direkt neben ihr und hat sie nicht erkannt!“ Aber gerade solch bühnenreife Szenen belegen: „Eigentlich bilden wir alle eine große Familie hier.“

Fotos: Christian Stemper

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