Harald Prisching

Pforte der großen Gefühle

von Walter Weidringer

26. Oktober 2021

Seit 15 Jahren ist Harald Prisching Portier bei der Wiener Staatsoper. In seiner Loge begegnet er den Emotionen der Künstler ebenso wie den Sehnsüchten und der beharrlichen Geduld der Fans.

Das Bühnen­türl: ein leben­diger Wiener Mythos, ein Synonym für die Bezie­hung zwischen Opern­stars und ihren Fans. Hier spannten einst die Verehrer von Leo Slezak dem Tenor die Pferde aus, um ihn in der Kutsche in einem Triumphzug durch die Stadt nach Hause ziehen zu können. Das war noch zu Zeiten der Hofoper. Hier kassierte aber auch der damals 17-jährige Eber­hard Waechter, später gefei­erter Bariton und Staats­opern­di­rektor, nach einem Fidelio eine saftige Watschen von der Sopra­nistin Anny Konetzni, weil er beim geschätzten, aber für seinen Geschmack damals allzu oft diri­gie­renden Josef Krips gebuht hatte – so geschehen im Theater an der , dem Ausweich­quar­tier der Staats­oper, als das Haus nach dem Krieg in Schutt und Asche lag.

Harals Prisching
Seit 15 Jahren am Bühnen­türl: Harald Prisching

Emotionen liegen bis heute manchmal blank in der Gegend der Portiers­loge im Haus am Ring, auf der Seite der Kärntner Straße, wo die Künst­le­rinnen und Künstler norma­ler­weise ein und aus gehen. Für Harald Prisching, seit 15 Jahren in dieser verant­wor­tungs­vollen Posi­tion tätig, ist das alltäg­lich. Ioan Holender hat ihn einge­stellt, nach Domi­nique Meyer ist nun Bogdan Roščić sein dritter Direktor. „Noch jeder hat uns geschätzt und gewusst, was wir alles abkriegen“, betont er. Menschen­kenntnis sei für den Job nötig, starke Nerven, ein gutes Gedächtnis, beson­ders für Namen und Gesichter – zumal in Covid-Zeiten. „Dieser Tage habe ich mit Maske und Brille nicht sofort erkannt“, erzählt Prisching schmun­zelnd. „Wer weiß, ob ich über­haupt alle wieder­erkenne, wenn die Masken hoffent­lich bald einmal nicht mehr nötig sein sollten“, scherzt er – aber er hat auch da ein Mittel parat, das perfekt zu einem Opern­por­tier passt: „Ich lausche schon aus der Entfer­nung auf die Stimmen, das macht es einfa­cher.“

Beson­deres Finger­spit­zen­ge­fühl

Ein zweites Stand­bein als situa­tiver Psycho­the­ra­peut schadet frei­lich auch nicht: „Gleich in meiner Anfangs­zeit kam einmal eine Ballett­tän­zerin weinend zu mir, hat mir ihre Lebens­ge­schichte erzählt und war so dankbar, dass ich ein offenes Ohr für sie hatte.“ Beson­deres Finger­spit­zen­ge­fühl erfor­dert darüber hinaus das Bühnen­türl im engeren Sinne, diese spezi­elle Begeg­nungs­zone, die Prisching mitver­waltet. Zwei Tage vor unserem Gespräch hat seinen Abschied von der Staats­oper gefeiert. „Von der Früh weg gab es Fans vor der Tür, die wissen wollten, ob er schon da sei oder nicht, Blumen wurden abge­geben, Brief­um­schläge mit Foto­sta­peln und Stift zum Unter­schreiben – alles. Wobei die Unseren eh Bescheid wussten, dass er schon da war“, sagt er. „Die Unseren“, das sind die altein­ge­ses­senen, erfah­renen Stamm­gäste am Bühnen­türl, Prisching kennt diesen harten Kern seit Jahren: „Das ist eine Gruppe von acht bis zehn Leuten, die wirk­lich von allen Künst­le­rinnen und Künst­lern Auto­gramme sammeln, von den berühmten genauso wie von den neuen. Sie sind vorbild­lich diszi­pli­niert und freund­lich, und ich muss oft grinsen, wenn ich mithöre, wie sie die junge Genera­tion oder auch Gäste von anderswo aufklären, nach welchen Regeln das alles abläuft: ‚Hier kommen die Künstler heraus, setzen sich viel­leicht in das Kammerl zum Auto­gram­me­geben, dann kann man bei der Nebentür hinein und dann beim eigent­li­chen Ausgang hinaus. Und wichtig: immer machen, was der Portier sagt!‘“

Bevor­zugte Opern­ter­mine

Gegen­sei­tiger Respekt regiert, von allen Seiten. Die Stamm­kli­entel begleitet die adorierten Künstler durch ihre ganze Karriere, manche sind schon seiner­zeit als Statisten mit ihnen auf der Bühne gestanden oder tun es noch heute, nutzen ihre privi­le­gierte Stel­lung hinter der Bühne aber nicht aus, sondern reihen sich trotzdem in die allge­meine Schlange ein. Bei Ballett­stars sind bereits Acht- oder Zehn­jäh­rige (mit Eltern­teil) am Bühnen­türl, die Opern­fans sind Prischings Beob­ach­tung nach eher Erwach­sene, diese aber jegli­cher Alters­gruppen. Die Gene­ral­proben für junge Leute zu öffnen, wie Roščić es einge­führt hat, hält er jeden­falls für eine tolle Aktion – und die Gene­ral­proben sind auch seine persön­lich bevor­zugten Opern­ter­mine.

Viele Wege aus dem Haus

Aber ach!, das erprobte Auto­gramm-Einbahn­system ist in Pandemie-Zeiten obsolet, das Kammerl muss derzeit noch leer stehen. Der Zunei­gung tut das keinen Abbruch. Das meiste los ist nach wie vor bei jenen Namen, die auch außer­halb der Kultur­be­richt­erstat­tung zu finden sind – also kurz: von Domingo bis Netrebko. „Stars wie diese sind nicht nur allge­mein sehr umgäng­lich und freund­lich, sondern auch sehr geduldig beim Auto­gram­me­geben. Und umge­kehrt sind ihre Fans beson­ders treu: Ein Schild mit der Aufschrift: ‚Keine Auto­gramme wegen Covid‘ nützt da gar nichts, da stehen dann trotzdem 50, 100 Leute vor der Tür unter den Arkaden – Tempe­ratur egal.“ Auch den Bekannt­gaben der einzelnen Manager, dass am jewei­ligen Tag die Hoff­nung vergeb­lich sei, wird oft wenig Glauben geschenkt – wobei natür­lich so manche Stars dem Trubel hin und wieder gezielt entgehen wollen. „Es gibt viele Wege aus dem Haus“, hält sich Prisching bei diesem Punkt profes­sio­nell bedeckt. Enttäu­schungen kann es also geben – aber niemand würde deshalb belei­digt oder gar rabiat reagieren.

Unter­stüt­zung von der Polizei

Amüsiert blickt der Portier immer wieder auf jene, die wortlos an ihm vorbei ins Haus gelangen wollen und dann an der elek­tro­nisch gesi­cherten nächsten Tür schei­tern – woraufhin sie sich in der Regel ebenso stumm wieder aus dem Staub machen. „Nur hin und wieder schafft es jemand durch­zu­schlüpfen, doch ein paar Meter weiter war noch immer Schluss. Gerade beim Opern­ball muss man frei­lich hin und wieder mit ange­hei­terten Leuten disku­tieren, die unbe­dingt hinein­wollen. Da sind wir aber zu zweit und haben auch Unter­stüt­zung von der Polizei. Wirk­lich drama­ti­sche Szenen hat es auch da noch nie gegeben.“ Dafür Kurio­si­täten: zum Beispiel, wenn die Stars beim Portier Listen von zuge­las­senen Gästen abgeben – und Fans ihren Namen eigen­mächtig darauf­setzen wollen.

Bühnen­reife Szenen

Nie vergessen wird Prisching jeden­falls folgende Bege­ben­heit: „Ein Netrebko-Fan lag mir in den Ohren, wie drin­gend er sich ein Auto­gramm von ihr wünsche. In dem Moment kam persön­lich dazu, in Kostüm und Maske, hörte das Gespräch mit und fing an zu grinsen. Ich konnte nur mit Mühe ein ernstes Gesicht behalten: Der Arme stand direkt neben ihr und hat sie nicht erkannt!“ Aber gerade solch bühnen­reife Szenen belegen: „Eigent­lich bilden wir alle eine große Familie hier.“

Fotos: Christian Stemper