Calixto Bieito gehört zu den wenigen Regisseuren, denen man das Attribut Werktreue tatsächlich zuschreiben kann. Was in der Musik und im Text steht, holt er auf die Bühne. Damit gewann er Feinde, die von Skandal sprachen, aber vor allem Fans, die die Wahrhaftigkeit seiner Arbeiten schätzen. 

CRESCENDO: Señor Bieito, der spanische Dichter Federico García Llorca schreibt von „der beständigen Suche nach etwas, das unsere Seele von ihrem Schmerz befreien könnte“. Ist es diese Suche, die Sie zur Bühne treibt?

Calixto Bieito: Lorca hat wunderbare Sätze geschrieben. Die Suche nach Glück und Harmonie ist jedoch ebenso wenig mit meiner Arbeit verbunden wie das Weinen und der Schmerz. Es ist das Leben, das uns diese Augenblicke beschert. Was mich zu Bühne zieht, ist meine Leidenschaft für die Musik und das Theater. Und vor allem liebe ich die Probenarbeit.

Calixto Bieito

Calixto Bieito: »Die Intuition spielt eine wichtige Rolle in meiner Arbeit.«

(Foto: © Pérez de Eulate / Teatro Argentino)

Sie stellen auf der Bühne dar, wovon der Text und vor allem die Musik wirklich handeln. Wie bereiten Sie eine Inszenierung vor?

Meine Vorbereitung besteht aus einer breiten Palette an Emotionen, Erinnerungen, Erfahrungen und Gedanken. Zahlreiche Einflüsse kommen in ihr zusammen. Meist ist sie mit anderen Künsten verbunden, dem Alltagsleben und persönlichen Erfahrungen sowie Träumen. Eine meiner ersten Operninszenierungen war Joseph Haydns Il mondo della luna (Die Welt auf dem Mond.). Die Ideen dazu kamen mir in vielen Nächten, die ich im Varieté El Molino in Barcelona zubrachte. Die Shows inspirierten mich, und ich fertigste kleine Zeichnungen an. Manchmal suche ich auch bestimmte Orte auf, um ihre Atmosphäre in mich aufzunehmen. Als ich zum Beispiel am Nationaltheater in Oslo eine Bearbeitung des Romans Mysterier (Geheimnisse) von Knut Hamsun auf die Bühne brachte, fuhr ich nach Hamarøy im Nordland, wo das Elternhaus Hamsuns steht, in dem dieser seine Kindheit verbrachte. Ich hielt mich viele Stunden in dem Haus auf, befühlte die Wände und besah die Familienbilder. Anschließend streifte ich durch die ländliche Umgebung. Ich erspürte die Kräfte der Landschaft und des Meeres. Auch den Friedhof besuchte ich. Diese Reise half mir, meine Ideen und Einsichten zu formen und zu verbinden. Die Intuition spielt eine wichtige Rolle in meiner Arbeit.

Können Sie, wenn Sie sich einer Oper zuwenden, sofort sehen, was unter der Oberfläche geschieht? Tatsächlich geraten die Intuition und die Gedanken in den ersten Momenten der Arbeit schnell in Fluss. Sie scheinen oft auch zu stimmen. Aber manchmal ist es schwierig zu sehen, was hinter der Musik und dem Libretto versteckt liegt. So ist zwar der Beginn meines Weges intuitiv. Aber dann setze ich ihn akademisch fort. Es beginnt mit einer ausgiebigen Feldforschung auf dem Gebiet der Oper, um die es geht. Hernach stelle ich Verbindungen her zu bestimmten Büchern, Fotografien, Gemälden, Filmen, philosophischen Werken, der Musik anderer Epochen, Tanzbewegungen, Geträumtem. Ich greife auch aktuelle Nachrichten auf und beschäftige mich mit allen möglichen Wissensbereichen. Viel habe ich über die Fortschritte in der Erforschung des Universums und der Biologie gelesen. Eines meiner Lieblingswerke ist das Gedicht De rerum natura (Über die Natur der Dinge) von Lukrez. Dieses Werk weckt in mir die Erinnerung an Erlebnisse in meiner Vergangenheit und an Träume. Der Prozess gipfelt schließlich in den Proben.

Mozarts Don Giovanni zeigten Sie 2001 in London und 2002 in Hannover als „Hedonisten der Zerstörung“. Was brachte Sie dazu?

Don Giovanni ist eine nihilistische und selbstzerstörerische Oper. Sie ist aufgeladen mit Sarkasmus, Eleganz und Vulgarität. Ihr Libretto ist großartig. Was man in dem Werk sodann entdeckt, ist Leben, Menschlichkeit und damit Gewalt und Liebe, Mitleid, Brutalität, Einsamkeit und – Wahrheit.

Die Entführung aus dem Serail

Calixto Bieito: »Die Entführung aus dem Serail wurde für mich zu einer starken Liebesgeschichte im brutalen Antlitz des wilden Kapitalismus.«

(Die Entführung aus dem Serail, Komische Oper Berlin 2004, Foto: © Monika Rittershaus)

Mozarts Entführung aus dem Serail ließen Sie 2004 in Ihrer Inszenierung an der Komischen Oper im Bordell spielen…

Die Entführung aus dem Serail war für mich von Anfang an eine Liebesgeschichte. Klar schien, dass wir eine Oper vor uns hatten mit vielen Elementen, die uns mit ihr verbinden. Die Musik ist kraftvoll und ironisch, das Libretto dagegen dürftig. In ihm stehen Worte wie Liebe, Sklaverei, Freiheit, Folter und Vergebung. Ich beschloss, die orientalischen Moden und das Dekorative aus Mozarts Zeit beiseite zu lassen. Es geht um eine Liebesgeschichte im Zusammenhang mit Sklaverei. Nach einer Reihe von Vorbereitungen stellte ich mir ein Umfeld tatsächlicher sexueller Sklaverei vor: Was wäre, wenn ein selbstmörderischer Boss eines großen Bordells sich in eines seiner soeben eingetroffenen Mädchen verliebt? Eine solch verschlungene Liebesgeschichte erinnerte mich an einen Film, der großen Eindruck bei mir hinterließ, nachdem ich ihn in jungen Jahren gesehen hatte: Bernardo Bertoluccis Ultimo tango a Parigi (Der letzte Tango in Paris). Nicht die Düsterkeit der Szenen ergriff mich, sondern der Schmerz, der hinter ihnen verborgen lag. Ich besah die Gemälde von Francis Bacon, las erneut die Texte von Albert Camus und Simone de Beauvoir und der existenzialistischen Poesie. Zu den Proben in Berlin lud mein Dramaturg eine kleine Gruppe Prostituierter ein, mit denen wir sprechen konnten. So wurde Die Entführung aus dem Serail für mich zu einer starken Liebesgeschichte im brutalen Antlitz des wilden Kapitalismus.

Elias

Calixto Bieito: »Magische Momente in den Proben bescheren uns das Gefühl, wir könnten die Zeit anhalten.«

(Elias, Theater an der Wien 2019, Foto: © Werner Kmetitsch)

Christian Gerhaher, mit dem Sie 2019 im Theater an der Wien Elias in Szene setzten, berichtet von Ihrer Bereitschaft, Ihre Ideen auch über Bord zu werfen, wenn sich in den Proben etwas Neues auftut. Ist das Proben für Sie ein Prozess mit offenem Ausgang?

Die Proben mit allen Beteiligten sind der letzte Abschnitt der Vorbereitung und zugleich deren Höhepunkt. Natürlich habe ich, sobald ich mit ihnen beginne, ein klares Allgemeinkonzept und viele Bilder und Farben, die ich vermitteln möchte. Aber ich bin offen, entspannt und durchlässig. Ich ziehe nicht auf Biegen und Brechen alles so durch, wie ich es im Sinn habe. Es geht um ein gemeinsames Schaffen, Erfinden und Fantasieren. Wenn ich schon genau weiß, was ich sehen möchte, warum sollte ich mich dem allen unterziehen?

Zu spüren, wo die meiste Energie im Raum ist“, beschrieben Sie einmal die Gabe, die einen Regisseur ausmache…

Man muss aufmerksam sein gegenüber allen authentischen kreativen Vorgängen, die in einem Probenraum geschehen. Um diese Empfindsamkeit zu erlangen, bedarf es eines intensiven Trainings. Man braucht Großzügigkeit, Disziplin und geistige Freiheit.

Gibt es einen speziellen Augenblick, wenn etwas sichtbar wird und Sie wissen: Das ist es?

Glücklicherweise erleben wir viele magische Momente in den Proben. Sie bescheren uns das Gefühl, wir könnten die Zeit anhalten und dehnen. Adan Kovacsics, ein großartiger Freund und mein erster Mentor, ist überzeugt, dass die Kunst einem zusätzliche Lebenszeit schenkt. Das sind die Augenblicke, in denen alles fließt.

Die Reaktionen von Teilen des Publikums legen nahe, dass Sie mit Ihren radikalen Inszenierungen ein Tabu gebrochen haben. Können Sie sich erklären, worin es bestand?

Ich habe bei meiner Arbeit niemals Tabus im Sinn. Auch kann ich mich nicht erinnern, mit meinen künstlerischen Teams jemals über Tabus gesprochen zu haben. Ich versuche, an die Wurzeln der „Bäume“ zu gelangen, um ihr Inneres zu erkunden, den Stamm und die Blätter zu durchforschen und zu verfolgen, wie der Saft fließt. Es gibt verschiedene Gesellschaften, Kulturen und spirituelle Gemeinschaften, und alle haben ihre Eigenheiten und ihre so genannten Tabus.

Sie haben sich vorwiegend den großen klassischen Opern von Mozart, Verdi und Wagner sowie Wiederentdeckungen gewidmet. Hèctor Parras Wilde scheint Ihre einzige Inszenierung einer Uraufführung zu sein. Ist es interessanter für Sie, den alten Opernstoffen auf den Grund zu gehen?

Keineswegs. Tatsächlich würde ich mit Bernardo Atxaga gerne eine Oper über Wälder, Flüsse und Tiere schaffen. Und für 2022 arbeite ich an einem Libretto von Pier Paolo Pasolinis Versdrama Orgia mit der Musik von Hèctor Parra. Ich liebe Pasolinis Poeme sehr. Sein Film Il Vangelo secondo Matteo (Das 1. Evangelium – Matthäus) hat mich tief bewegt. Was Orgia erzählt, ist erschütternd und tragisch. Es zeigt Krankheit und Grausamkeit und zugleich das leidende und verlorene Selbst. Von dieser Dualität Pasolinis war ich immer fasziniert. Ich glaube, Parra empfindet das genauso, obwohl wir nie darüber gesprochen haben.

Der feurige Engel

Calixto Bieito: »Es ist eine alte Sehnsucht der Menschheit, alles Wissen und Denken zu kontrollieren.«

(Der feurige Engel, Oper Zürich 2017, Foto: © Monika Rittershaus)

Zu Ihren Wiederentdeckungen gehört Sergej Prokofjews Oper Der feurige Engel 2017 am Opernhaus Zürich. Sie erzählt die Geschichte einer religiösen Hysterikerin, und Sie zeigen als Ursache dieser Hysterie ihren unbewältigten sexuellen Missbrauch als Kind.

In der Oper geht es nicht allein um sexuellen Missbrauch. Gezeigt wird darüber hinaus, wie eine kleine, in sich selbst eingeschlossene, mittelmäßige, bürokratisierte Gemeinschaft das Bild dieses Mädchens Renata zerstört, weil deren Vorstellung frei ist und weil sie anders ist.

Sigmund Freud betonte, welch neurotisierende Wirkung die Unterdrückung von Sexualität habe. Sie sprechen in Bezug auf Ihre Inszenierungen mehrfach von einer neurotisierten Gesellschaft…

Freud widmete Jahre seines Lebens der Forschung und fand Bezeichnungen für etwas, das in früheren Gesellschaften existierte. Er war ein Mann seiner Zeit. Wir sind in andere Prozesse eingebunden, in denen Freuds Begriffe Teil unserer Alltagssprache sind. Unsere Gegenwart wird bestimmt von der technischen Entwicklung und dem wissenschaftlichen Fortschritt, verbunden mit dem Ende der ideologischen Stürme des letzten Jahrhunderts. Wir müssen mit der Unsicherheit des digitalen Zeitalters leben. Und wir sind neurotische Tiere. Es ist eine alte Sehnsucht der Menschheit, alles Wissen und Denken zu kontrollieren. Bereits Alexander der Große verfolgte mit der Bibliothek von Alexandria und der hellenistischen Globalisierung dieses Ziel. Das digitale Zeitalter kommt dieser Sehnsucht ebenfalls entgegen. Darum ist es schwer, aus dem Rad rauszukommen.

Sie kamen bereits mit drei Jahren zu den Jesuiten und wurden von ihnen erzogen und unterrichtet. Hat das Aufwachsen in einer Umgebung verbotener Sexualität Ihre Arbeit geprägt?

Ich vermute, dass alle Erfahrungen die Bildung einer Persönlichkeit beeinflussen. Manchmal erfuhr ich eine harte Erziehung. Aber meine Kindheit war auch verbunden mit Wäldern, Flüssen und dem Meer. Ich kam in Beziehung zum Theater, zum Kino, zur Musik, zur Literatur, zur Geschichte und zum Sport. Die Osterprozession in Sevilla war reines Barocktheater. In der Schule spielte ich Theater, befasste mich mit Ölmalerei, sang – mit ziemlicher Nervosität – im Chor und stellte in Vivaldis Vier Jahreszeiten den Schnee dar. Ich erhielt eine humanistische Erziehung, auch wenn ich nicht denke, dass ich dafür auf eine religiöse Schule hätte gehen müssen.

Calixto Bieito: »Das Schlüsselwort mit den Schauspielern, den Sängern und vielleicht mit allen Menschen ist Vertrauen.«

(Der Freischütz, Komische Oper Berlin 2012, Foto: © Wolfgang Silveri)

Der verstorbene Regisseur Harry Kupfer wollte auf der Bühne „alle Fragen der Welt“ durchspielen. Hans Neuenfels möchte die Ausschließlichkeit einer Kamera erreichen. Und Ihr Landsmann Carlus Padrissa strebt nach einer kollektiven Katharsis. Erheben Sie auch einen solchen Anspruch?

Ich verfolge keine bestimmte Absicht. Weder vertrete ich eine These, noch schreibe ich dem Publikum vor, was es denken soll. Ich versuche, auf die Bühne zu bringen, was ich um mich herum sehe, was mich bewegt oder schockiert. Ich beobachte und schließe dann die Augen… Im Publikum hat jeder das Recht, was er auf der Bühne sieht, zu interpretieren, wie er will.

Ihre Darsteller bringen Sie dazu, sich zu öffnen, ihr Innenleben zu offenbaren und über sich hinauszugehen. Wünschen Sie sich, dass Ihnen das auch beim Publikum gelingt?

Das Schlüsselwort mit den Schauspielern, den Sängern und vielleicht mit allen Menschen ist Vertrauen. Ich liebe es zu erleben, wie die Darsteller auf der Bühne uns mit ihrer Menschlichkeit und ihrer Freiheit treffen. Wenn wir das Publikum dazu bringen, etwas zu entdecken, von dem es nicht wusste, dass es existiert, dann ist es perfekt.

Sind Sie enttäuscht oder schockiert, wenn bei einer Aufführung das Publikum nicht bereit ist, Ihnen zu folgen und es Buh-Rufe gibt?

Ich mag keine Buh-Rufe. Man sagt, dass es verrückt ist, jedem gefallen zu wollen. Vielleicht bin ich ein Verrückter.

Hatten Sie Gelegenheit, mit Zuschauern, die Ihre Inszenierungen ablehnen, zu sprechen?

Nein, das hatte ich nicht. Allerdings erhielt ich einige wüste und kränkende Beleidigungen, Angriffe und Abqualifizierungen.

L'incoronazione di poppea

Calixto Bieito: »Ich versuche, im Einklang zu sein mit dem, was ich tue.«

(L’incoronazione di Poppea, Oper Zürich 2018, Foto: © Monika Rittershaus)

Wie gehen Sie damit um, als „Provokateur“ und „Skandalregisseur“ bezeichnet zu werden?

Manchmal muss man etwas bezeichnen oder einordnen. Ich kann das nicht kontrollieren, und es würde mich in ein soziales Leben führen, das ich mit meiner Arbeit nicht vereinbaren kann. Damit ist alles bedeutungslos, was ich dazu sage.

Und wie steht es um die Bezeichnung „Moralist“, als der Sie auch gesehen werden?

Der Begriff „Moralist“ hat viele Nuancen, und ich weiß nicht, welche gemeint ist, wenn ich damit in Verbindung gebracht werde. Auf jeden Fall versuche ich, im Einklang zu sein mit dem, was ich tue. Ich bin kein Ideenhändler. Die Menschheit ist fähig zum Besten ebenso wie zum Schrecklichsten, Brutalsten und Unerfreulichsten. Lassen Sie uns das Gute bewahren!

Fotos: Bernd Alois Zimmermann: Die Soldaten, Opernhaus Zürich (Foto: © Monika Rittershaus)

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Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Dr. Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Dr. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit ihrer Promotion 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

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