Daniil Trifonov

»Als Musiker kommt man nie an«

von Teresa Pieschacón Raphael

10. Oktober 2018

Der erst 27-jährige Daniil Trifonov hat in Salzburg ­Rachmaninow eingespielt. Der Komponist ist die Brücke zu seiner russischen Heimat.

„Sein Anschlag hat Zart­heit und auch das dämo­ni­sche Element“, zeigte sich unge­wöhn­lich beein­druckt. Jetzt hat der erst 27-jährige in Salz­burg ­Rach­ma­ninow einge­spielt. Der Kompo­nist ist die Brücke zu seiner russi­schen Heimat.

CRESCENDO: Gerade haben Sie in Mozarts Geburts­haus ein Werk aus Ihrer neuen Rach­ma­ninow-CD gespielt. Es wimmelt vor Touristen. Wie inspi­rie­rend ist dieser Ort für Sie als Musiker und Kompo­nist?

Daniil Trifonov: Der Ort ist ok. Ich bin hier zum ersten Mal.

Ihre erste Klavier­kom­po­si­tion – da waren Sie noch ein Kind – widmeten Sie Mozart.

Zu Mozart bekommt man als Kind sehr leicht Zugang. Erst, wenn man älter ist, merkt man, wie kompli­ziert seine Musik ist.

Auch Rach­ma­ninow widmeten Sie ein Klavier­stück. Und damit von der Getrei­de­gasse in Salz­burg nach New York in die 505 West End Avenue …

… dorthin, wo Rach­ma­ninow lebte. Natür­lich war ich da. Leider gibt es dort kein Museum. Nur eine Plakette weist darauf hin, dass er dort gelebt hat.

„Für jeden ange­henden Kompo­nisten ist seine Harmo­nie­lehre eine Art Bibel“

Er wurde auch in New York auf dem Kensico-Friedhof begraben.

Ja, das ist nicht weit entfernt. Will man aber etwas über Rach­ma­ninow erfahren, muss man in die , an den Vier­wald­stät­tersee. Dort hatte er ein Haus gebaut, die Villa Senar, Sitz der Serge Rach­ma­ninoff Foun­da­tion. Auch sein original Steinway-Flügel steht da. Um als Inter­pret einem Kompo­nisten näher­zu­kommen, ist es gar nicht notwendig, seine Alltags­ge­gen­stände zu erleben. Viel wich­tiger ist, ihn zu hören.

In der Sowjet­union hat man Rach­ma­ninow als Abtrün­nigen und Dissi­denten beschimpft. Heute wünscht man sich, dass sein Erbe wieder zurück nach Russ­land kommt.

Ja, ich habe davon gehört.

1917 hatte Rach­ma­ninow im Zuge der bolsche­wis­ti­schen Revo­lu­tion seine Heimat verlassen. 500 Rubel hatte er dabei und die Partitur von Rimski-Korsa­kows Le Coq d’Or.

Das wusste ich nicht, aber es passt. Rimski-Korsakow konnte fantas­tisch instru­men­tieren und orches­trieren. Für jeden ange­henden Kompo­nisten ist seine Harmo­nie­lehre eine Art Bibel. Nicht nur in Russ­land.

„Rach­ma­ni­nows Musik bildet für mich die Brücke zu meiner Heimat Russ­land“

Sie mussten Russ­land zwar nicht verlassen, aber dennoch: Was hätten Sie mitge­nommen?

Rach­ma­ni­nows Musik bildet für mich die Brücke zu meiner Heimat Russ­land. Wirk­liche Liebe aber habe ich für Skrjabin, seit ich mit elf Jahren sein Poème de l’Exstase hörte. Diese Partitur hätte ich mitge­nommen. Und da wir vorhin von Kompo­nis­ten­mu­seen spra­chen: In Moskau kann man das Haus besich­tigen, in dem Skrjabin lebte. Es wurde über­haupt nichts verän­dert. Sein Klavier steht dort, man kann sich genau vorstellen, wie er damals gelebt hat. Eine ganz beson­dere Atmo­sphäre.

Skrjabin und Rach­ma­ninow waren etwa gleich alt. Sie kannten sich vom Konser­va­to­rium und hatten so ihre Riva­li­täten …

Die beiden hatten ganz unter­schied­liche musi­ka­li­sche Visionen. Skrjabin propa­gierte neue Wege der Tona­lität, Rach­ma­ninow nannte man den letzten Roman­tiker. Als aber Skrjabin 1915 starb, war Rach­ma­ninow so erschüt­tert, dass er eine Tournee lang nur noch seine Werke spielte.

Nachdem Rach­ma­ninow seine Heimat verlassen hatte, wurde er zu einem der begehr­testen Klavier­vir­tuosen seiner Zeit. Dennoch war er voller Selbst­zweifel.

Nach einer vernich­tenden Kritik seiner 1. Sinfonie 1897 stürzte er in eine tiefe Schaf­fens­krise. Erst 1900 voll­endete er sein 2. Klavier­kon­zert. Viel­leicht waren diese Schwie­rig­keiten wichtig für den krea­tiven Prozess. Jeder Mensch empfindet das anders.

„Skrjabin propa­gierte neue Wege der Tona­lität, Rach­ma­ninow nannte man den letzten Roman­tiker“

„Die großen russi­schen Künstler waren in der Fins­ternis versunken“, schreibt der Dichter Alex­ander Blok, „aber sie fanden Kraft in dieser Dunkel­heit, denn sie glaubten an das Licht.“

Das Zitat stammt aus der Zeit um die Jahr­hun­dert­wende. Die russi­sche Lite­ratur war sehr düster, die Einstel­lung zum Leben fata­lis­tisch. Heute passt das nicht mehr, jeden­falls nicht auf mich.

Ich möchte Sie jetzt nicht auf die rote Couch legen …

(Lächelt)

Rach­ma­ninow jeden­falls ließ sich von Dr. Dahl behan­deln, der ihn unter Hypnose setzte.

Damals waren solche Methoden ganz neu. Es schien ja zu helfen. Das 2. Klavier­kon­zert wurde fertig und weitere Werke folgten.

Wie finden Sie Ihre Balance?

In der taois­ti­schen Medi­ta­tion finde ich die Balance. Das kann man natür­lich nicht mit der Hypnose verglei­chen.

„In der taois­ti­schen Medi­ta­tion finde ich die Balance“

Bei der Hypnose über­lässt man dem Arzt die Kontrolle. Das würde zu Ihnen auch nicht passen.

Kontrolle ist wichtig. Und Selbst­be­ob­ach­tung – damit meine ich Selbst­kritik. Beides gibt mir Sicher­heit, ich kann so Fehler vermeiden. Man muss die eigenen Schwä­chen kennen. Ich denke mir immer wieder etwas Neues aus, um meine Hand beweg­li­cher, flexi­bler zu machen. Ich hänge Billard­ku­geln in einer Tüte ans Hand­ge­lenk, um die Kraft der Hände zu trai­nieren, gehe ins Schwimmbad, um unter Wasser Übungen zu machen. Auch der Rücken kann zum Problem werden. Wenn man lange am Flügel sitzt, schlei­chen sich Fehl­hal­tungen ein, und dann kann die Energie nicht aus dem Rücken strömen. Ich glaube aller­dings, dass Rach­ma­ninow in seiner Verzweif­lung sich selbst nicht mehr helfen konnte.

Über 20 Jahre blieb er in Behand­lung bei Dr. Dahl. Dennoch war er nach eigenem Bekenntnis sehr nervös bei Schall­plat­ten­auf­nahmen.

Dabei hat er die meisten seiner Werke aufge­nommen! Wie und in welchem Zustand, das habe ich mich nie gefragt. Ich bin nur sehr glück­lich, dass er es getan hat. Er war ein großer Pianist. Auch, wenn er viel­leicht nicht zufrieden war, den Aufnahmen merkt man die Unsi­cher­heit nicht an. Sein ­2. Klavier­kon­zert hat er zweimal einge­spielt: 1924 und 1929 – in Tempo und Dynamik liegen Welten dazwi­schen.

Was ist Ihnen lieber: Studio oder Bühne?

Ich habe mit beidem kein Problem. Auch nicht, wenn live aufge­nommen wird, wie jetzt bei unserer Rach­ma­ninow-Produk­tion aller Klavier­kon­zerte mit dem Phil­adel­phia Orchestra unter . Nur Nr. 1 haben wir im Studio aufge­nommen. Ich war faszi­niert davon, wie gut das Orchester Rach­ma­ni­nows Idiom noch im Ohr hatte. 1913 hatte er ja mit dem Phil­adel­phia Orchestra unter sein 3. Klavier­kon­zert einge­spielt. Auch sein 4. Klavier­kon­zert hat er in Phil­adel­phia urauf­ge­führt.

„Als Musiker kommt man nie an. Jedes Klavier­kon­zert hat seinen Stil“

„Desti­na­tion Rach­ma­ninow – Depar­ture“ nennen Sie die erste CD mit den Konzerten Nr. 2 und 4, „Desti­na­tion Rach­ma­ninow – Arrival“ die zweite CD mit den Konzerten Nr. 1 und 3. Werden Sie dann ange­kommen sein?

Als Musiker kommt man nie an. Jedes Klavier­kon­zert hat seinen Stil. Mein Favorit ist Nr. 4. Weil Liszt es gespielt hat und wegen der expe­ri­men­tellen Harmonie, den kantigen Melo­dien, jazzigen Akkorden und mecha­ni­schen Momenten, die seiner­zeit absolut modern waren.

Wenn Sie das Leben der Klavier­vir­tuosen des 19. und 20. Jahr­hun­derts mit Ihrem verglei­chen müssten …

Abge­sehen von den sozialen und poli­ti­schen Umständen: Es war so span­nend zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts! Damals ist so viel passiert, jeder war neugierig auf das, was kommt, auf das, was Picasso gerade malt oder Stra­winsky, oder Schön­berg kompo­niert. Es war die Zeit der großen Urauf­füh­rungen. Nicht nur in Europa, auch in Russ­land mit und seinen faszi­nie­renden fantas­ti­schen Expe­ri­menten. Da wäre ich gerne dabei gewesen!

Rach­ma­ninow hingegen warf man „Melan­cholie der Untä­tig­keit“ vor und „Resi­gna­tion“. Für viele war er nur der „Holly­wood-Kompo­nist“.

Das hängt sehr davon ab, wie man ihn inter­pre­tiert, vor allem sein 2. Klavier­kon­zert! Auch aus Für Elise von Beet­hoven könnte man Kitsch machen. Sie nannten ihn so, weil viele roman­ti­sche Filme, etwa Das verflixte siebte Jahr von Billy Wilder mit seinem
2. Klavier­kon­zert unter­legt wurden. Er erreichte eben mit seiner Musik das Herz der Menschen. Aber was ist so schlimm daran?

Fotos: Dario Acosta