Woher kommt eigentlich ...

Das Komi­sche in der Musik?

von Stefan Sell

23. Juni 2017

Der Tonprediger Carl Loewe besaß das Talent, trotz aller Ernsthaftigkeit im Tonsatz, die verrücktesten Verse auszuwählen und das obwohl er bei den gleichen Dichtern schöpfte wie seine Kollegen.

„Die Redak­tion dieser mit Recht geschätzten Zeit­schrift hat mir den Wunsch geäus­sert, dass ich die Resul­tate meines Nach­den­kens über das innere Wesen und die äusseren Bezie­hungen der Musik in diesen Blät­tern öffent­lich machen möchte,“ schrieb 1823 der Philo­soph Johann Jakob Wagner in der Allge­meinen Musi­ka­li­schen Zeitung. In Fort­set­zungen verewigte er seine skur­rilen Ideen zur Musik, wo in der Ausgabe vom 29. Oktober unter E‑Dur zu lesen ist: „dass die Gläser, die in E‑Dur anstoßen würden, in A‑Dur müssten ausge­trunken werden“, was wiederum dem Schreiber dieser Zeilen hier genügt, um bestä­tigt zu finden, dass Dur lustig und Moll traurig ist.

Für Mozarts drei­stim­migen Kanon Leck mir den Arsch fein recht schön sauber hat Mozart selbst nur den Text geschrieben, eine Kontra­faktur zur Musik des Arztes Wenzel Trnka von Krzo­witz. Die Ärzte, nach eigenen Aussagen „die beste Band der Welt“, sind heute noch Garant für Witz und Humor in der Musik. Woher kommt bloß das Komi­sche in der Musik? Hat Musik selbst Humor oder ist es nicht, wie im Falle Mozarts, eher der Text, der die Musik lustig macht?

Singen ohne Script

scherzte: „Musik ist ange­nehm zu hören, doch ewig braucht sie nicht zu währen.“ Ein Scherzo als Satz­be­zeich­nung in der Musik ist selten scherz­haft. Monte­verdi war es, der 1607 die ersten Scherzi musi­cali schrieb, Canzo­netten, die ihre Vorläufer in den canti carna­scia­le­schi, den Floren­tiner Karne­vals­lieder fanden, also so etwas wie ein früh­köl­sches Drink doch ene met oder Mer losse de Dom in Kölle.

Als Charly Chaplin nach zwei Jahr­zehnten stummen Spiels zum ersten Mal in dem Film Modern Times seinen Mund aufmachte, sang er: „Se bella giu satore, je notre so cafore … je la tu la ti la twah“. Dieser dada­is­tisch ange­hauchte Nonsens brachte auf der Stelle Humor in die Musik. Den eigent­li­chen Text hatte sich Chaplin vor seinem Auftritt sicher­heits­halber auf die Manschette schreiben lassen. Doch war die bei seinem wild eupho­ri­schen Auftritt aus dem Ärmel in die Menge geflogen. Als er soweit war, los zu singen, schob er lässig, möglichst unauf­fällig den Ärmel seines Jackets hoch, stellte fest, der Text war weg und verlän­gerte tanzend das sowieso schon tänzelnde Intro, um vergeb­lich zu suchen, wo der Text wohl hinge­flogen war. Was blieb, war ohne Skript zu singen.

Schaut man in das Perso­nen­re­gister eines Musik­hand­bu­ches, scheint die dortige Auflis­tung der Namen kaum belus­ti­gend. Anders jedoch, wenn in seinem Song Tschai­kowsky aus dem Musical The Lady in the Dark vermeint­lich russi­sche Kompo­nisten aufzählen lässt. Amerikas Komiker Nummer eins, Danny Kaye schaffte die 50 Namen in knapp einer Minute zu singen, der Regis­seur und Schau­spieler Larry Raben blieb sogar deut­lich darunter.

Bach schlecht­tem­pe­riert

Der „Tonpre­diger“ besass das Talent, trotz aller Ernst­haf­tig­keit im Tonsatz, die verrück­testen Verse auszu­wählen und das obwohl er bei den glei­chen Dich­tern schöpfte wie seine Kollegen. Statt sich für Matthias Clau­dius Der Mond ist aufge­gangen zu entscheiden, nahm er dessen Der Zahn soll Alex­ander heißen. Doch nein, es geht auch mit Musik allein, das bewiesen Haydn, Mozart und viele andere bis hin zu den Marx Brothers, Spike Jones und zeigen heute noch Hans Liberg oder Carrington Brown. Nachdem von die Mond­schein­so­nate gehört hatte, verwen­dete er die Harmo­nien in umge­kehrter Reihen­folge als Akkord­be­glei­tung für den Beatles-Song Because.

Wer Bachs Prälu­dium in c‑Moll (BWV 847) aus dem Wohl­tem­pe­rierten Klavier kennt, kann sich an der fanta­sie­vollen Krea­tion des Sample-Pioniers Pierre Scha­effer erfreuen und wer nicht lachen muss, muss zumin­dest schmun­zeln über den virtuos humor­vollen Ideen­reichtum des Musique concrète Begrün­ders, der in einem seiner letzten Werke, dem Bilude von 1979 der Frage nach ging, wie klänge das Prälu­dium, wenn es „schlecht­tem­pe­riert“ wäre. Das erreichte er nicht durch Verstimmen, sondern mithilfe der frühen Sample-Möglich­keiten eines Tonbands, wodurch er die Aufnahmen des Klavier­parts unver­än­dert wie präpa­riert aus unter­schied­li­chen Klang­räumen in vari­ie­renden Geschwin­dig­keiten mit rollenden Topf­de­ckeln, dem Klacken eines Metro­noms und Eisen­bahn­ge­räu­schen montiert – völlig homogen, einzig­artig und reich an Ironie. Die Idee dazu verband er mit der meta­phy­si­schen Gedan­ken­welt eines Gurdjieff, für den das Klavier einer der Schlüssel, wenn nicht der Schlüssel zur Welt war. In Abwand­lung eines weiteren Wilhelm Busch Zitats könnte man fest­halten: „Musik wird oft als schön empfunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden.“

Fotos: B. Kobel