Andris NelsonsDer junge Gralsretter am Gewandhaus

Andris Nelsons
Foto: Jens Gerber

Andris Nelsons vereint Gegenwart und triumphale Vergangenheit.

Beim Schluss­ap­plaus ver­de­cken die ihm von Gewand­haus­di­rek­tor Andre­as Schulz und Orches­ter­vor­stand Tobi­as Haupt ans Herz gedrück­ten Blu­men­ga­ben Gesicht und Ober­kör­per. Zwei Jah­re nach Ver­trags­un­ter­zeich­nung wird der let­ti­sche Diri­gent Andris Nel­sons (39) als 21. Gewand­haus­ka­pell­meis­ter Amts­nach­fol­ger von Felix Men­dels­sohn Bar­thol­dy und künst­le­ri­scher Lei­ter eines der bedeu­tends­ten Orches­ter der Welt. Das Luxus­la­bel Deut­sche Gram­mo­phon fei­ert den Beginn die­ser Traum­al­li­anz mit einer Ein­spie­lung der sieb­ten Sin­fo­nie von Anton Bruck­ner.

Die Leip­zi­ger Fest­wo­chen vom 18. Febru­ar bis zum 23. März gel­ten auch dem Jubi­lä­um „275 Jah­re Gewand­haus­or­ches­ter“. Die Fül­le an Kon­zer­ten, Rah­men­pro­gram­men und Talk­run­den ist impo­nie­rend. Par­al­lel zur Aus­stel­lung im Gewand­haus-Foy­er druckt der Ver­lag Kam­prad gera­de eine neue Geschich­te des Gewand­haus­or­ches­ters. Groß­ta­ten wie Her­bert Blom­stedts neue (von cre­scen­do-Autor Atti­la Csam­pai hoch­ge­lob­te) Ein­spie­lung aller Beet­ho­ven-Sin­fo­ni­en gab es auch schon 1919/20 mit einem Bruck­ner-Zyklus.

Motor für die neue und aller­neu­es­te Musik“

Andris Nel­sons hat als Chef bei­der Renom­mier­or­ches­ter mit einer Bos­ton-Woche bereits die Ach­se zwi­schen dem Bos­ton Sym­pho­ny Orches­tra und dem Gewand­haus­or­ches­ter akti­viert. Und in Leip­zig wird die gan­ze Spiel­zeit zu einer glanz­vol­len Gera­de von im Gewand­haus urauf­ge­führ­ten Meis­ter­wer­ken. Andris Nel­sons will unbe­dingt wie­der mehr musi­ka­li­sche Gegen­wart am süd­li­chen Augus­tus­platz der Mes­se­stadt: Wie zu Zei­ten Men­dels­sohns, Gades, Schu­manns, Wag­ners und Regers soll das Gewand­haus­or­ches­ter ein Motor für die neue und aller­neu­es­te Musik sein. Zudem bestä­ti­gen Edel­gast­spie­le im Fest­spiel­haus Baden-Baden und der Ham­bur­ger Elb­phil­har­mo­nie das Cha­ris­ma des musi­ka­li­schen Leucht­kör­pers.

ANZEIGE

Erst­mals in der Geschich­te des Gewand­haus­or­ches­ters amtiert seit 2017 ein Gewand­haus­kom­po­nist, der Münch­ner Jörg Wid­mann. Für die Fest­wo­chen gab Nel­sons vier Urauf­füh­run­gen in Auf­trag, die von Wolf­gang Rihm ver­zö­gert sich aus Krank­heits­grün­den. Neben ihm kom­men Jörg Wid­mann (ab 8. März mit Par­ti­ta – Fünf Remi­nis­zen­zen für gro­ßes Orches­ter) und der Tiro­ler Tho­mas Lar­cher (ab 15. März mit Chi­as­ma für Orches­ter) zu Urauf­füh­rungs­eh­ren, vor allem aber der Wahl­leip­zi­ger Stef­fen Schlei­er­ma­cher. Er ist wie Robert Schu­mann ein akti­ver Kom­po­nist für den gro­ßen Gewand­haus­saal. Zugleich ste­cken in ihm und sei­ner akzen­tu­iert tro­cke­nen Begeis­te­rung, mit der er seit Jah­ren die Kam­mer­rei­he „musi­ca nova“ im Men­dels­sohn­saal quick­le­ben­dig hält, viel von der Salon­lö­win Cla­ra Wieck, deren 200. Geburts­tag als nächs­tes gro­ßes Leip­zi­ger Musik­ju­bi­lä­um für 2019 sei­ne gro­ßen Schat­ten vor­aus­wirft. Vom hohen Paar Robert und Cla­ra trennt Stef­fen Schlei­er­ma­cher aller­dings sein mit einer Mes­ser­spit­ze Sar­kas­mus gewürz­ter Rea­li­täts­sinn. Zum ers­ten Kon­zert­abend am 22. Febru­ar stand die Urauf­füh­rung sei­nes Reli­ef für Orches­ter für die Gegen­wart, Alban Werks Vio­lin­kon­zert mit der let­ti­schen Gei­ge­rin Bai­ba Skri­de für die klas­si­sche Moder­ne, Men­dels­sohn Schot­ti­sche Sin­fo­nie für die roman­ti­schen Zen­tral­kom­pe­ten­zen des Gewand­haus­or­ches­ters.

So stellt man sich den Beginn vibrie­rend schö­ner Flit­ter­wo­chen vor“

Das Publi­kum reagier­te in fei­ner Abstu­fung: Viel Applaus für Schlei­er­ma­cher, der neben ein­präg­sa­men Ton­wie­der­ho­lun­gen der Blech­blä­ser über Schlag­werk­ef­fek­ten in sei­ner Par­ti­tur vie­le klei­ne Soli für die Musi­ker quer und sprung­haft ver­teil­te. Eine prag­ma­ti­sche Kom­po­si­ti­on, deren Abkehr vom Genie-Image zu einer eige­nen lie­bens­wer­ten Pose wird und gera­de durch enga­gier­te Nüch­tern­heit über­zeugt. Des­halb macht Stef­fen Schlei­er­ma­chers Reli­ef für Orches­ter auch Spaß.

Andris Nel­sons holt aus dem noch im klas­si­zis­ti­schen Ide­al ver­haf­te­ten Satz Men­dels­sohns üppi­ge, fast sla­wi­sche Dich­te. Sein Men­dels­sohn hat die musi­ka­li­sche Bekannt­schaft mit den viel spä­ter auf­tre­ten­den Kom­po­nis­ten Dvořák und Brahms schon hin­ter sich. Jeder Akkord, jeder Ton ist getra­gen von der eige­nen Sub­stanz und gewinnt auch unter den Phra­sie­rungs­bö­gen an Eigen­le­ben. Eine sol­che Trans­pa­renz zwi­schen Holz­blä­sern und Strei­chern, dazu noch geziel­te Dia­log­be­reit­schaft gehört zu den musi­ka­li­schen Kar­di­nal­tu­gen­den eines Spit­zen­or­ches­ters. So stellt man sich den Beginn vibrie­rend schö­ner Flit­ter­wo­chen vor, zu denen das Ent­ste­hen einer tie­fen Lie­bes­be­zie­hung denk­bar ist.

 

Vorheriger ArtikelDer Perfektionist
Nächster ArtikelDer verschollene Norweger
Avatar
Roland H. Dippel brennt für Kontraste im groß(artig)en wie im klein(formatig)en Musik-, Tanz- und Konzert-Theater. Auf Entdeckungsreisen zu idyllischen Nischen und verwegenen Momenten folgt er freudig apollinischen Verheißungen und dionysischen Lockrufen. Boulevard, Belcanto, Brauchtum, ästhetische Exzesse in Literatur und Kunst sind Ziele seiner realen und fiktiven Abenteuer-Streifzüge. Er schätzt greifbare Bücher mehr als E-Books.

Artikel kommentieren

Please enter your comment!
Please enter your name here