Willkommen in der neuen KlassikWoche,

heu­te mit einer exklu­si­ven Recher­che zum Büh­nen­bild der Christoph-Waltz-„Fidelio“-Produktion in Wien von Frank Bar­kow – han­delt es sich um Pira­te­rie geis­ti­gen Eigen­tums? Und dann natür­lich: der ganz nor­ma­le Coro­na-Wahn­sinn.

WALTZ-FIDELIO: EIN PLAGIAT?

2013 ent­warf der Archi­tekt Khoa Vu „Dou­ble Nega­ti­ve“ (oben), die Büh­ne von Frank Bar­kows „Fide­lio“ von 2020 gleicht dem im Detail.

Ist die „Fide­lio“-Pro­duk­ti­on am Thea­ter an der Wien in der Regie von Chris­toph Waltz (bekannt­lich eines der ers­ten Coro­na-Opfer und als Geis­ter-Oper von ORF, fide­lio und arte über­tra­gen) eine gro­ße Lüge? Hat der Büh­nen­bild­ner und Archi­tekt Frank Bar­kow sei­ne opu­len­te, wei­ße Helix-Trep­pe nur geklaut? Auf jeden Fall gibt es einen Ent­wurf des Archi­tek­ten Khoa Vu, der Bar­kows Büh­nen­bild bis ins Detail gleicht – und: bereits aus dem Jahr 2013 stammt. Das beein­dru­cken­de Licht-Loch mit wei­ßen Trep­pen ist auf Vus Web­site zu sehen, eine Vor­stu­die zu einem Biblio­theks­bau unter dem Titel „Dou­ble Nega­ti­ve“. Außer­dem wur­de es immer wie­der auf der Social-Media-Platt­form Pin­te­rest geteilt. Ist es mög­lich, dass das Pro­duk­ti­ons­team des Thea­ters an der Wien mit inter­na­tio­na­len Stars und inter­na­tio­na­ler Auf­merk­sam­keit hem­mungs­los abge­kup­fert hat – und dass es bis­lang nie­man­dem auf­fiel? 

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Ich habe Kon­takt mit Khoa Vu auf­ge­nom­men, der aus allen Wol­ken gefal­len ist. Er habe bereits davon gehört, schrieb er mir, „ich war scho­ckiert, als ich die Bil­der gese­hen habe. Man muss ernst­haft davon aus­ge­hen, dass Bar­kow mei­ne Idee kopiert hat. Das Team Barkow/Leibinger hat mich dafür nicht kon­tak­tiert, geschwei­ge denn eine Zusam­men­ar­beit ange­bo­ten.“ 

Nach eini­gen Tagen bekam ich eine Ant­wort aus dem Büro Bar­kow. Dort gesteht man – juris­tisch cle­ver – ein, dass man nicht aus­schlie­ßen kön­ne, das Bild von Vu „im Zuge unse­rer Recher­che“ gese­hen zu haben. Das Büh­nen­bild sei aller­dings mehr durch die Arbeit des Büh­nen­bild­ners Josef Svo­bo­da geprägt, „des­sen Arbei­ten uns Chris­toph Waltz am Anfang der gemein­sa­men Über­le­gun­gen vor­stell­te“. Das Büro Bar­kow gibt zu: „Das nun zum Ver­gleich her­an­ge­zo­ge­ne Bild ist eine Moment­auf­nah­me, die zuge­ge­be­ner­ma­ßen dem Foto des ‚Fide­lio‘ Sets sehr ähnelt.“ Gleich­sam besteht man aber dar­auf, dass bei­de Wer­ke indi­vi­du­el­le Ori­gi­na­le sei­en: „Unser Büh­nen­bild ist aber nicht als Ein­zel­auf­nah­me, son­dern als Sequenz gedacht. Es wur­de in engem Aus­tausch mit dem Regis­seur kon­zi­piert und dient der gesam­ten Insze­nie­rung mit ihren unter­schied­lichs­ten Sze­nen.“

Die offen­sicht­li­che Ähn­lich­keit des Rau­mes – und zwar bis in kleins­te Details – machen es schwer vor­stell­bar, dass Vus Bild nicht als kon­kre­te Vor­la­ge für die Wie­ner Insze­nie­rung gedient haben soll. Umso wich­ti­ger scheint eine Debat­te über Urhe­ber­rech­te in der Oper zu sein. Wann ist ein Kunst­werk eine Kopie, wann eine eige­ne Leis­tung? Kommt es in Pro­duk­ti­ons­pro­zes­sen vor, dass man irgend­wann sel­ber an die eige­ne Urhe­ber­schaft einer frem­den Idee glaubt? Das Thea­ter an der Wien ver­weist auf die Ant­wort des Büros Bar­kow und ver­zich­tet zunächst auf eine eige­ne Stel­lung­nah­me. Ein der­ar­ti­ger Fall sei am Haus bis­her aller­dings noch nie auf­ge­taucht, heißt es. Mir gegen­über hat Vu Inter­es­se an einem Gespräch mit Frank Bar­kow bekun­det, dem Khoa Vus Kon­takt eben­falls wei­ter­ge­lei­tet wur­de. (Die kom­plet­ten State­ments der Künst­ler hier.)

ABTRITTE UND ANGRIFFE

Abge­tre­ten: Öster­reichs Kul­tur­staats­se­kre­tä­rin Ulri­ke Lun­acek – auch Moni­ka Grüt­ters steht in der Kri­tik.

Kanz­ler, äh, Minis­ter­prä­si­dent Mar­kus Söder hat einen Neu­start der Künst­ler-Hil­fen ver­spro­chen, unter ande­rem 1.000 Euro monat­lich für Solo-Selbst­stän­di­ge. Ob es die­ses Mal bes­ser klappt als vie­le ande­re Ankün­di­gun­gen? Die Öster­rei­cher haben inzwi­schen auf jeden Fall die Kon­se­quenz gezo­gen: Kul­tur­staats­se­kre­tä­rin Ulri­ke Lun­acek hat­te den Rück­halt unter Künst­lern ver­lo­ren, und Lan­des­haupt­frau Johan­na Mikl-Leit­ner gab ihr durch einen kri­ti­schen Fra­ge­bo­gen und dem Vor­pre­schen, dass das Gra­fen­egg Fes­ti­val statt­fin­den wer­de, den letz­ten Hieb. Inzwi­schen ist Lun­acek zurück­ge­tre­ten – ihre Nach­fol­ge­rin soll heu­te vor­ge­stellt wer­den.  Sie wird sich mit zwei wich­ti­gen Papie­ren aus­ein­an­der­set­zen müs­sen: Orches­ter haben Ange­bo­te zum Wei­ter­spie­len gemacht, und Künst­ler­agen­tu­ren for­dern eben­falls einen Hilfs­fonds.

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Der 12. KulturInvest!-Kongress ent­wi­ckelt vom 25.–27. Novem­ber 2020 gemein­sam mit 750 Kulturexpert*innen Zukunfts­vi­sio­nen für einen nach­hal­ti­gen Kul­turmarkt und wird Lösun­gen auf­zei­gen, um den Kul­turmarkt nach über­stan­de­ner Kri­se wie­der voll­stän­dig und nach­hal­tig in Gang zu brin­gen.

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Auch in Deutsch­land spitzt sich die Lage wei­ter zu: Kul­tur­staats­mi­nis­te­rin Moni­ka Grüt­ters ver­liert eben­falls an Zustim­mung. Im Netz kur­siert ein span­nen­der Arti­kel von 2018, in dem Jörg Hänt­z­schel das erbar­mungs­lo­se Macht­sys­tem der Poli­ti­ke­rin seziert. Und ganz aktu­ell geht auch die FAZ mit Grüt­ters ins Gericht. Patrick Bah­n­ers nimmt ihre Rhe­to­rik aufs Korn: „Die­je­ni­gen, deren Lebens­un­ter­halt an die­ser Maschi­ne hängt, haben einen Anspruch dar­auf, dass der Staat sie nicht fal­len lässt. Kann man aber Geld für die­se Not­hil­fe wirk­lich nur dadurch locker machen, dass man sie als Bei­trag zur Ret­tung der Demo­kra­tie aus­gibt? In der Hal­tung hin­ter sol­chen Sprü­chen fal­len Über­for­de­rung und Gering­schät­zung der Kul­tur zusam­men.

Ich habe mich ges­tern mit der Spre­che­rin für Kul­tur und Medi­en der CDU/C­SU-Frak­ti­on im Bun­des­tag unter­hal­ten. Eli­sa­beth Mot­sch­mann gesteht Feh­ler in der Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Künst­lern ein und drängt auf einen wei­te­ren Hilfs­fonds, beson­ders für frei­schaf­fen­de Künst­ler. Sie for­dert mehr Empa­thie für die Not­lei­den­den und mehr Kampf in der Poli­tik. „Es kann nicht ange­hen, Künst­ler in Hartz IV zu schi­cken“, sagt Mot­sch­mann, „wir müs­sen auf staat­li­che Hil­fen drän­gen.“ Dass Ange­la Mer­kel die Kul­tur zur Kanz­ler-Sache gemacht hat, begrüßt die CDU-Poli­ti­ke­rin.

ES GEHT LOHOOOS!

Wäh­rend – das muss man ihm las­sen – mein Freund Franz-Fried­rich Lau­fen­berg (ich weiß, und hier gibt’s auch noch ’nen Nach­klapp am Ende!!!) die Öff­nungs-Debat­te in Deutsch­land durch sein Ersatz-Pro­gramm am Staats­thea­ter Wies­ba­den anführt (der aktu­el­le Thea­ter-Fahr­plan der Poli­tik hier), war es in Öster­reich das Gra­fen­egg Fes­ti­val, das vor­ge­prescht ist und – noch vor den Salz­bur­ger Fest­spie­len – erklärt hat: Das Fes­ti­val fin­det statt. Wie und mit wel­chem Pro­gramm? Das wird am 3. Juni bekannt gege­ben. Salz­burg sel­ber plant eben­falls wei­ter ein abge­speck­tes Fes­ti­val, wie genau das aus­se­hen wird, soll Ende des Monats bekannt gege­ben wer­den. Die Bre­gen­zer Fest­spie­le haben der­weil erklärt, man kön­ne die­ses Jahr nicht spie­len. Ab 29. Mai sind in Öster­reich Ver­an­stal­tun­gen mit bis zu 100 Zuschau­ern erlaubt, ab 1. Juli sind bis zu 250 Zuschau­er mög­lich. In einem drit­ten Schritt sol­len ab 1. August Ver­an­stal­tun­gen mit bis zu 500 Zuschau­ern erlaubt sein – und unter beson­de­ren Auf­la­gen sogar mit bis zu 1.000 Men­schen im Publi­kum.

Eines der ers­ten Fes­ti­vals, das ankün­dig­te, die­sen Som­mer zu spie­len: Gra­fen­egg in Nie­der­ös­ter­reich

Für gro­ße, sub­ven­tio­nier­te Häu­ser und Fes­ti­vals bedeu­tet das, man kann – auch mit emp­find­li­chen Ver­lus­ten – spie­len, wenn die Poli­ti­ker die Kos­ten abseg­nen. Fakt ist näm­lich auch: Weni­ger Zuschau­er bedeu­ten weni­ger Ein­nah­men. Das Kla­vier-Fes­ti­val Ruhr will auch Pro­gramm zei­gen, unter ande­rem mit Rudolf Buch­bin­der. Inten­dant Franz Xaver Ohnes­org erklär­te mir am Tele­fon: „Momen­tan hof­fen wir, dass die Pia­nis­ten zwei Vor­stel­lun­gen für eine Gage spie­len – sodass wir fast das glei­che Publi­kum bedie­nen kön­nen.“ Was die Situa­ti­on für klei­ne­re Thea­ter bedeu­ten kann und war­um eine Öff­nung dort oft undenk­bar ist, zeigt das Rhein Neckar Thea­ter in einem erschüt­tern­den You­Tube-Video. Man hört, dass die Nach­fra­gen nach Kon­zer­ten unter Gesund­heits-Vor­schrif­ten groß sind. Und es bleibt immer auch ein Rest­ri­si­ko: Im Hin­ter­kopf haben wir die Geschich­te des Ams­ter­da­mer Gemengd Koor, der fünf Tage vor dem Lock­down im Con­cert­ge­bouw auf­trat. Von den 130 Sän­gern infi­zier­ten sich 102 mit Sars-CoV‑2, ein Sän­ger und drei Part­ner von Mit­glie­dern ver­star­ben. 

CORONA-WORTE DER WOCHE

State­ment

Gepos­tet von Hel­ge Schnei­der am Diens­tag, 12. Mai 2020

Hel­ge Schnei­der über sei­ne Per­spek­ti­ven

Mein Lieb­lings-Satz zu Coro­na stammt in die­ser Woche von Kom­po­nist und Kla­ri­net­tist Jörg Wid­mann. In einem Inter­view mit der NZZ sag­te er: „Nie hat­te ich Zeit. Jetzt habe ich sie – und kann nichts mit ihr anfan­gen. Frü­her dach­te ich immer, ich wür­de wohl eines Tages an einem Herz­in­farkt ster­ben. Heu­te tip­pe ich eher auf Leber­zir­rho­se.“ Beden­kens­wert das Face­book-State­ment von Hel­ge Schnei­der. Der erklär­te, voll­kom­men ernst, dass er unter den Hygie­ne-Anfor­de­run­gen nicht spie­len kön­ne, nicht in Auto­ki­nos auf­tritt – und gar nicht, bis nicht alles wie­der so sei, wie es ein­mal war. Kunst braucht, so argu­men­tiert er, Anspra­che, Reak­ti­on und Kör­per­lich­keit. Ich weiß um die Schwie­rig­kei­ten von Künst­lern (die der frei­en Jour­na­lis­ten sind ähn­lich) – und den­noch: irgend­wie, ganz innen, glau­be ich: Der Mann hat Recht! 

PERSONALIEN DER WOCHE

Pia­nist Alex­an­der Kri­chel spielt im Auto­ki­no.

Da haben wir letz­te Woche aber wie­der etwas los­ge­tre­ten: Nun setzt Manu­el Brug den vor­läu­fi­gen Schluss­punkt in der Debat­te über den Gesund­heits­zu­stand von Katha­ri­na Wag­ner und die öffent­li­chen Falsch-Dia­gno­sen von Chris­ti­an Thie­le­mann. Mehr ist nicht zu sagen. +++ Burg­schau­spie­le­rin Maria Hap­pel ist zur neu­en Lei­te­rin des Max Rein­hardt Semi­nars ernannt wor­den. Hap­pel tritt ihren Job am heu­ti­gen Mon­tag (18. Mai) an. +++ Pie­ta­ri Inki­nen bleibt bis 2025 Chef­di­ri­gent der Deut­schen Radio Phil­har­mo­nie:„Ich mag die Spon­ta­nei­tät der Musi­ker, ihre Offen­heit, ihre Viel­sei­tig­keit, ihr Stre­ben nach Qua­li­tät.“ +++ Pia­nist Alex­an­der Kri­chel hat ein sehr schö­nes Kon­zert in einem Auto­ki­no in Iser­lohn gege­ben (hier der WDR-Mit­schnitt) – am Ende wur­de „Applau­Hupt“… +++ Der Öster­rei­cher Johan­nes Pell wird neu­er Chef­di­ri­gent der Staats­ope­ret­te Dres­den. +++ Der Kul­tur­jour­na­list und Kri­ti­ker Derek Weber ist an Covid19 ver­stor­ben, die Salz­bur­ger Nach­rich­ten rufen ihm lie­be­voll nach.  

Was für tur­bu­len­te Wochen – bit­te, hal­ten Sie die Ohren steif.

Ihr 

Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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