Willkommen in der neuen KlassikWoche,

heute mit vielen Personalien: Plácido Domingo springt zurück ins Leben, Christian Thielemann hüpft nach rechts – und wieder zurück, und Igor Levit taucht ab in den Schmerz des Kunst-Erlösers.  

LEVIT-MARATHON IM NAMEN ALLER

Der Schmerzensmann für alle – Igor Levit spielt Satie.

Haben Sie die endlose Dankbarkeit aller von Corona betroffenen Musiker mitgekriegt, für die Pianist Igor Levit seinen vermeintlich 20-Stunden-Klavier-Marathon (am Ende waren es 15 Stunden und 29 Minuten) mit Erik Saties ziemlich langweiligen „Vexations“ in Szene gesetzt hat? Nein? Sie haben auch nur die große Feuilleton-Show von Spiegel, New Yorker und Co. um Levit selber mitbekommen? War das politisch ultra korrekte, aber eben auch abgehalfterte Bekenntnis zur Solidarität mit anderen Künstlern vor dem Konzert etwa so fadenscheinig wie einst der Aufruf von Matthias Goerne und Co. für die „nicht ganz so bekannten“ Musiker? Auf jeden Fall war in Levits Interview mit der New York Times dann wieder mehr von „I“ und „me“, als von „the others“ die Rede. Mal im Ernst: Was wäre denn so schlimm daran gewesen, das Satie-Projekt einfach so anzukündigen: „Ich nutze die Gunst der Stunde, spiele ein Stück, das niemanden interessiert und bediene mit den Bildern des musikalischen Schmerzensmannes das eher sportliche Medien-Interesse meiner weltweiten Berlin-Mitte-Feuilleton-Follower.“    

DOMINGOS NEUES LEBEN

War was? – Domingo wird in Verona auftreten

Ein geschmackloser Scherz und ein echter Schock: Auf einem falschen Twitter-Account des designierten Staatsopern-Chefs Bogdan Roščić wurde der Tod von Plácido Domingo bekannt gegeben. Schnell stellte sich die böse Absicht heraus. Und zum Glück meldete der Sänger und Dirigent sich dann auch selber zu Wort – in einem ersten Interview nach seiner Corona-Erkrankung. „Ich habe begonnen, allen Dingen den richtigen Wert zu geben. In jedem Land beklagt man tausende Tote, auch in meiner Heimat Spanien. Allein sterben zu müssen, ohne Angehörige an der Seite zu haben, ist der unmenschlichste Aspekt dieses Virus.” – Das sagte Plácido Domingo dem Corriere della Sera.

Außerdem verglich er SARS-CoV‑2 mit dem 11. September: „Der 11. September war ein plötzlicher Messerstich für die Welt. Diese Pandemie erstickt langsam die Welt, wie ein undurchsichtiger Nebel, der den Kranken die Luft nimmt und unser Leben zerstört.” Ansonsten hat Domingo das alte Leben fast wieder: Der zum Bariton „gereifte“ Tenor wird unter anderem in der Corona-Gala der Arena von Verona auftreten – war irgendetwas anderes? 

THIELEMANN SPRINGT NACH RECHTS – UND WIEDER ZURÜCK

So sieht er sich gern: Christian Thielemann in seinem Bildband „Dirigieren“

So langsam tut er einem fast schon leid. Christian Thielemann muss sich zu Hause so sehr langweilen, dass er jetzt öffentlichkeitswirksam nach rechts außen Sprang. Er setzte sich für Jörg Bernig ein. Der Neurechte Lyriker wurde zum Kulturamtsleiter in Radebeul ernannt, was für allerhand Protest sorgte. Und Thielemann unterschrieb einen Brief, den Uwe Tellkamp initiiert hatte, und den auch der vom MDR geschasste Rechts-Satiriker Uwe Steimle unterzeichnete. Dafür kassierte der Dirigent großen Facebook-Jubel von AfD-Musikern wie Matthias Moosdorf. Doch wie schon einmal, als Thielemann um Verständnis für die PEGIDA-Demonstranten bat und später in einem Interview in der WELT zurückruderte, ließ er nun wissen, dass er seine Unterschrift aus dem Solidaritätsbrief zurückziehe. Angeblich sei er unzureichend informiert gewesen (oder ist er mit dem Füllfederhalter auf dem Papier ausgerutscht?). Die Frage ist, wer Thielemann denn jetzt zureichend darüber informiert hat, dass seine Haltung in einer vom Staat bezahlten Position vielleicht doch nicht ganz okay sein könnte. Wird Zeit, dass er endlich wieder dirigieren darf – hätte er auch dürfen, in Wien, bei den ersten Konzerten der Wiener Philharmoniker vor 100 Zuschauern im Musikverein – aber Thielemann gab dem Orchester einen Korb. Etwa weil eine der Bedingungen war, dass er, ebenso wie die Musiker, ohne Gage auftritt?      

RATTLE ZUM BR?

Sir Simon Rattle: Er dirigiert das erste Konzert des BR – wird das Orchester seine neue Heimat?

Am Donnerstag lohnt sich das Einschalten bei BR-Klassik. Dirigiert dann vielleicht der designierte Chef des BR-Symphonieorchesters das erste Geisterkonzert des Ensembles nach Corona? Auf jeden Fall fällt der Name Simon Rattle immer öfter, wenn über den Nachfolger von Mariss Jansons spekuliert wird (ebenfalls regelmäßig zu hören: Franz Welser-Möst). Seit zehn Jahren ist Rattle dem Symphonieorchester freundschaftlich verbunden, nun bringt er ein Programm mit Werken von Ralph Vaughan Williams und Wolfgang Amadeus Mozart mit – all das natürlich auch im kostenlosen Livestream.

INTENDANTEN UND POLITIK – WO BLEIBT DIE EMPATHIE? 

Hat bis zur nächsten Wahl nur wenig zu befürchten: Monika Grütters

Ich höre immer von immer mehr Sängerinnen und Sängern, Bühnenbildnerinnen und Regisseuren, dass viele ihrer Vorstellungen abgesagt werden – oft per Mail, in der Regel ohne einen Anruf der Intendanten, ohne Perspektiven. Nach meiner persönlichen Statistik scheinen besonders jene Theaterleiter, die sich in diesen Tage gern selber in Szene setzen (und dabei auf große Sänger-Namen setzen), besonders schlecht darin zu sein, Kommunikation mit jenen Künstlern zu pflegen, die sie nicht mehr beschäftigen können. Wie wirkt unter diesen unempathischen Voraussetzungen der Brief, den 20 Intendanten und Schauspieldirektoren an Angela Merkel geschickt haben? Vielen Theatern und Künstlern „steht das Wasser bis zum Hals“, heißt es da, „sowohl kurzfristig als auch und vor allem in der weiteren Perspektive“. Empathie fehlte nach wie vor auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters in ihrem Interview bei „aspekte“. Selten sprechen Politiker derart weltfremd von Menschen, deren Lobby sie eigentlich sein sollten: in diesem Fall von den Künstlern. „Das Problem mit Grütters ist“, so heißt es hinter vorgehaltener Hand von Parteikollegen, „dass wir im Grunde schon vor der nächsten Bundestagswahl stehen – und da kommt es nicht gut, derartige Ämter auszuwechseln. Das wird dann wohl erst nach der Wahl passieren.“  

MELDUNGEN DER WOCHE

Stephan Pauly: von Frankfurt nach Wien

Keine guten Nachrichten von der MET in New York: Künstler werden nicht bezahlt, und das Haus soll nun, wie die New York Times schreibt, bis Neujahr geschlossen bleiben. +++ Besonders hart von den Corona-Schließungen und Probeverboten betroffen sind die Kinderchöre. Darauf machten nun die Knabenchöre aus Dresden, Augsburg, Regensburg, Bad Tölz und Windsbach aufmerksam: „Schon in normalen Zeiten belegen die traditionsreichen Ensembles eine kleine aber feine Nische innerhalb der Klassikbranche. Jetzt in der Krise zeigt sich deutlich, wie zerbrechlich dieses jahrhundertealte Kulturgut ist.“ Die Chöre befürchten, dass durch Stimmbruch und auch Schulabschlüsse nach der langen Probenpause die Chöre nahezu vollständig neu wieder aufgebaut werden müssten. +++ So richtig rund lief es im Landtag nicht, als es um den Neubau des Münchner Konzertsaals ging. Er habe den Eindruck, dass mit dem Wechsel von Horst Seehofer auf Markus Söder die Euphorie für das Konzerthaus im Werksviertel verflogen sei, sagte der ehemalige Kunstminister und gegenwärtige Landtagsvizepräsident und FDP-Abgeordnete Wolfgang Heubisch. Rückendeckung dagegen von Susanne Hermanski in der Süddeutschen: „Das Münchner Konzerthaus war immer als Leuchtturm gedacht. Weithin soll dieser künden vom Anspruch des Kulturstaats Bayern und der Bedeutung von dessen Landeshauptstadt für die Klassikwelt, die mit ihren vielen Spitzenorchestern einzigartig ist. Jetzt könnte dieses Konzerthaus noch eine ganz andere Funktion erfüllen: Es könnte als Zeichen dafür erstrahlen, wie schön es ist, etwas Miteinander aufzubauen, entgegen aller Widrigkeiten.“ +++ Vor einem halben Jahr haben wir an dieser Stelle exklusiv vermeldet, dass Stephan Pauly die Alte Oper in Frankfurt verlässt und Chef des Musikvereins Wien wird. Nun ist es so weit, und die Frankfurter Allgemeine und die Frankfurter Rundschau rufen ihm nach und würdigen seine Arbeit. Konklusio: „Pauly wird jetzt in eine völlig andere Sphäre eintauchen, ‚die sehr traditionsbeladen daherkommt und gerade deshalb eine Herausforderung darstellt‘, eben den Wiener Musikverein mit seinem Goldenen Saal aus dem 19. Jahrhundert. Er wird auch hier versuchen, die Türen zu öffnen.“

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif.

Ihr

Axel Brüggemann

brueggemann@crescendo.de

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