Hiyoli TogawaEin Klang wie Schokolade

Hiyoli Togawa
Foto: Anne Hornemann

Für die junge Bratscherin Hiyoli Togawa ist das Spiel auf ihrem Instrument wie nach Hause zu kommen. Darüber hinaus tanzt und malt sie leidenschaftlich.

Über ihr Instru­ment spricht Hiyo­li Toga­wa wie über einen guten Wein. „Der Klang der Brat­sche hat etwas Urwüch­si­ges, Erdi­ges. Manch­mal schme­cke ich sogar Scho­ko­la­de her­aus.“ Das Musi­zie­ren füh­re sie mit allen Sin­nen zur Natur zurück, selbst mit­ten in einer Groß­stadt. Neben Trom­meln und Marim­bas sit­zen wir in dem geräu­mi­gen, schall­ge­dämpf­ten Stu­dio in Ber­lin, das sie sich mit ihrem Ehe­mann, dem Schlag­zeu­ger Ale­xej Geras­si­mez, teilt. „In die­ser Stadt muss man sich stän­dig neu erfin­den. Hier wer­den genau die Ener­gi­en frei­ge­setzt, die wir für unse­re krea­ti­ve Arbeit brau­chen.“

Toga­wa, die als Toch­ter eines Japa­ners und einer Aus­tra­lie­rin in Düs­sel­dorf auf­wuchs, ent­deck­te als Teen­ager ihre Lei­den­schaft für die Brat­sche. Wenn die Eltern, bei­de pro­fes­sio­nel­le Musi­ker, nicht zu Hau­se waren, hol­te sie heim­lich ein Instru­ment ihres Vaters her­vor. „Vor­her hat­te ich Gei­gen­un­ter­richt, der mich aller­dings nicht beson­ders begeis­ter­te. Als ich dann zum ers­ten Mal die Brat­sche in die Hand nahm, hat mich der dunk­le­re Klang der C‑Saite sofort fas­zi­niert. Ich erin­ne­re mich noch genau an die Schwin­gun­gen, die plötz­lich durch mei­nen Kör­per hin­durch­gin­gen.“

An der Köl­ner Musik­hoch­schu­le erhielt sie bei Rai­ner Moog und Antoi­ne Tame­s­tit den nöti­gen tech­ni­schen Schliff, bevor sie ihre Stu­di­en in Bel­gi­en beim Arte­mis Quar­tett und anschlie­ßend bei Hariolf Schlich­tig in Mün­chen fort­setz­te. Toga­wa tritt inzwi­schen als Solis­tin und Kam­mer­mu­si­ke­rin in Euro­pa und Asi­en auf, manch­mal gemein­sam mit ihrem Mann, der als Per­cus­sio­nist eben­falls inter­na­tio­nal gefragt ist. Im ver­gan­ge­nen August hat sie in Lapp­land ein Solo­stück urauf­ge­führt, das der fin­ni­sche Kom­po­nist Kale­vi Aho für sie geschrie­ben hat. Beim Label Naxos erscheint im Janu­ar ihr Debüt­al­bum mit früh­ro­man­ti­schen Vio­la-Sona­ten von Geor­ge Ons­low und Felix Men­dels­sohn Bar­thol­dy sowie sechs Noc­turnes von Johann Wen­zel Kal­li­wo­da, die sie mit der Pia­nis­tin Lilit Gri­go­r­yan auf­ge­nom­men hat.

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Das Klang­spek­trum der Brat­sche ver­eint unter­schied­li­che Pole, die Höhen und Tie­fen des Lebens. Immer wenn ich mein Instru­ment spie­le, habe ich das Gefühl, nach Hau­se zu kom­men“, sagt Toga­wa. „Auf die­se Rei­se in mein eige­nes Inne­res möch­te ich das Publi­kum mit­neh­men. Die­ser Wunsch gibt mir über­haupt erst den Antrieb dazu, in unse­rer Zeit Musik zu machen.“

Eini­ge Jah­re lang musi­zier­te die umtrie­bi­ge Künst­le­rin im Quar­tett, bevor sie neue Her­aus­for­de­run­gen such­te. „Allein schon wegen mei­ner mul­ti­kul­tu­rel­len Her­kunft habe ich so vie­le unter­schied­li­che Sei­ten, dass mir die Kam­mer­mu­sik als Aus­drucks­mit­tel nicht aus­reicht.“ Nach dem Tur­nier­tan­zen, dem sie sich frü­her inten­siv wid­me­te, spielt inzwi­schen die Male­rei in ihrem Leben eine immer wich­ti­ge­re Rol­le. „Ein tech­nisch anspruchs­vol­les Pro­gramm zu prä­sen­tie­ren, ist nicht alles. Die Zuhö­rer wol­len vor allem erfah­ren, was uns als Musi­ker inner­lich bewegt. Man muss echt sein“, ist sie über­zeugt. „Ich könn­te mir bei­spiels­wei­se ein Pro­jekt vor­stel­len, das Bogen­stri­che mit Pin­sel­stri­chen oder mit Tanz zusam­men­bringt. Auch das wäre ein Teil mei­nes Ichs.“

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Corina Kolbe
In Berlins Konzertsälen und Opernhäusern ist die freie Musikjournalistin Corina Kolbe seit Jahren zu Hause. Von der Hauptstadt aus steuert die studierte Romanistin oft Richtung Süden, um über Aufführungen in historischen Theatern ihrer zweiten Heimat Italien oder Klassikfestivals in den Schweizer Alpen zu berichten. Ausführliche Interviews mit Künstlern vor und hinter der Bühne runden ihr Portfolio ab.

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