Willkommen in der neuen KlassikWoche,

ich glaube, ich hatte einen Corona-Rappel! Und ich glaube, viele andere haben den auch: So langsam wird – zum Glück – wieder gespielt, manche kämpfen noch immer ums Überleben: der Aktionismus grassiert. Ich bin sicher: Corona – auch ohne Infektion – macht die Guten besser, die Nervigen nerviger, die Coolen cooler und die Idioten idiotischer. Und das Normale verlangt jeden Tag einen neuen Kampf. Wer und was ist uns wichtig? Die Menschen, die wir lieben, die Natur, der Sport – und, klar: die Musik! Das Virus lässt viele Künstler kämpfen, verlassen von Politik und großen Medien. Erst recht ein Grund, nicht gegeneinander, sondern füreinander zu kämpfen! Aus all diesen Gründen hier der ultimative NUR POSITIVE NEWSLETTER. Eine Hommage an alle, die gerade viel für andere Menschen tun und vielleicht gar nicht mehr spüren, was sie alles bewegen! 

GALERIE DER CORONA-KLASSIK-HELDEN

Diese Liste ist sehr persönlich – und, dieses vorweg, sie wird viele Menschen vergessen. Aber ich habe mir Hilfe geholt, unter anderem in einer Facebook-Umfrage. Da schrieb der Hornist Hans Jörg Wagner zum Beispiel: „Ich denke an Robert Baerwald und Miriam Zimmermann, die meine Kinder wunderbar online unterrichtet haben.“ Zwei Musik-Corona-Helden, stellvertretend für alle Musiklehrer, die neue Wege gegangen sind! +++ Fernab aller Star-Egos gab es für mich spannende Neuentdeckungen wie den Organisten Rudolf Lutz, der für die J.S. Bach-Stiftung mit seinen One-Man-Shows aus St. Gallen so unprätentiös für seine Leidenschaft begeistert. +++ Eine echt sinnliche Idee: Nachts in der Philharmonie mit dem Pianisten Kai Adomeit. +++ Jemand wie der Geiger Ray Chen hat uns allen, besonders dem guten alten Fernsehen, aber auch den Klassik-Leuten im Netz gezeigt, wie neue Formate aussehen könnten. Sein YouTube-Kanal ist beste Unterhaltung auf höchstem Niveau! +++ Der Journalist Claus Fischer schrieb mir, dass er durch Albrecht Koch getröstet wurde, der im Lockdown an der großen Silbermannorgel im Freiberger Dom ein grandioses Orgelkonzert mit Werken zur Passionszeit im Livestream gespielt hat.

+++ Bewegend war Benedikt Kristjánsson, der in der Johannespassion in der Leipziger Thomaskirche am Karfreitag aufgetreten ist. +++ Der Geiger Augustin Hadelich hat politisch wichtige Statements abgegeben, vor allen Dingen aber hat er trotz technischer Schwierigkeiten wunderbare Musik gemacht . +++ Anna Prohaska hat so wunderschön und authentisch von ihrem Balkon gesungen. +++ Als großartiger Musikerklärer hat sich der Pianist Kit Armstrong präsentiert – und so diszipliniert in seiner Musik-Serie, Musique ma partie!, in der er die großen Werke der Klassik erklärt. +++ Das Wichtigste in schweren Tagen ist: Humor. Und den haben Leute wie der Bass René Pape gehabt, die uns durch ihre Polter-Art immer wieder herausfordern uns gleichzeitig aber auch herrlich zum Lachen bringen – durch das Semperoper-Singen mit Zahnbürste (mit Camilla Nylund und dem sich dauerfönenden Klaus Florian Vogt) oder, wenn Pape – in bester Monty-Python-Manier – seine Stimme mit Olivenöl ölt. +++ Mit der Gambistin Maddalena Del Gobbo habe ich einen sehr unterhaltsamen Talk geführt, weil sie Corona genutzt hat, um selber sehr unterhaltsam auf Instagram zu talken – unter anderem mit Lorenzo Viotti. +++ Klar, Anna Netrebko ist eine Corona-Gewinnerin, singt wieder überall – aber ihre Familienausflüge auf dem Instagram-Profil haben uns mindestens ebenso prächtig unterhalten: inzwischen sind die Balkone fertig gemalt, Zeit wieder aufzutreten. +++ Tröstend die bescheidene Zufriedenheit von Piotr Beczała, der gemeinsam mit seiner Frau in Polen ausgeharrt hat und nun seine wunderbare Aufnahme-Vincerò! vorstellt +++ Von Geiger Itzhak Perlman haben wir gelernt, dass es in der Krise nicht nur um große Musik, sondern auch um leisen Humor geht. +++ Den Fokus auf andere richten, das war die Idee von Artists for Refugees, die Nikolaj Lund und Antonia Paulus gegründet haben. +++ Ein umstrittener Held der Corona-Zeit war sicherlich Tenor Andreas Schager, schon deshalb, weil er mit seinem Kerzen-Trick nicht nur eine Debatte begonnen, sondern auch die gute alte Knoff-Hoff-Show wiederbelebt hat. +++ Herrlich zupackend war Cameron Carpenter, der mit seiner International Touring Organ durch die Gegend gezogen ist und vor Sozialeinrichtungen gespielt hat. +++ Lohnenswert die Videos von Dirigentin Eva Meitner, die uns unter anderem in klugen Gesprächen, aber auch auf ihrer Toy-Piano-Sammlung begeistert. +++ Entgegen aller Gratis-Konzerte haben The Twiolins, Marie-Luise Dingler und Christoph Dingler professionelle Online-Konzerte mit Vivaldi und Neuer Musik gegeben und ein Bezahlmodell gefunden – Chapeau! +++ Und auch Marco Battistella vom Westbahn-Studio hat mit seinen akustisch perfekten Live-Streams gezeigt, dass wir alternative Wege gehen können – und müssen. +++ Der Pianist Alexander Krichel hat als erster in einem Autokino gespielt. +++ Oper rund um, allen voran Anna Katharina Bernreitner, hat uns mit ihrer wunderbaren Online-Fledermaus aus den härtesten Lockdown-Tagen gezeigt, dass es in der Oper in erster Linie um Menschen geht. +++

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Gelitten hat Dirigent Yoel Gamzou, als sein Debüt mit den „Sieben Toden der Maria Callas“ an der Bayerischen Staatsoper gestrichen wurde – gestern hat er dafür ein bewegendes Video mit Gustav Mahler ins Netz stellen dürfen – sehenswert! +++ Und weil wir das Gute wollen, danken wir an dieser Stelle auch Intendant Nikolaus Bachler, der uns zu so schönen Video-Eigen-Produktionen inspiriert hat (und gerade ein Interview gegeben hat), ebenso wie unserem neuen Freund (AAAACHTUNG– zur Feier des Tages mal in richtig richtig!!!) Uwe Eric Laufenberg, der sein Haus in Wiesbaden als eines der ersten geöffnet hat (los Uwe Eric – das mit der Mitarbeiterführung kriegst Du auch noch hin!) +++ Wir haben es an dieser Stelle immer schon geschrieben: König der Corona-Intendanten ist Barrie Kosky mit seinen herrlichen Videos. +++ Stellvertretend für all die Ensembles, Orchester, Chöre und Theater, die uns gezeigt haben, dass sie für uns spielen wollen, sollen hier die Bamberger Symphoniker mit ihrem Video Reflexions of Hope stehen. +++ Am Ende, kein Geschleime, aber es sind eben immer auch die persönlichen Entdeckungen und die Bestätigungen von Freundschaften, die in diesen Situationen auf dem Prüfstand stehen: Und deshalb danke ich gerade an dieser Stelle CRESCENDO-Herausgeber Winfried Hanuschik, der nach einem unserer Telefonate ohne zu zögern und mit viel eigener Hingabe die erste große Spenden-Aktion überhaupt auf die Beine gestellt hat – wir konnten 40 Musikern mit 500 Euro in der größten Not helfen. +++ All das ist nur ein unvollkommener Ausschnitt, aber ein Beweis, wie kreativ und groß und sinnlich die Kunst – nein, die Künstlerinnen und Künstler – sind! Abgesehen von jenen, die eben nicht sichtbar werden konnten oder wollten und deren Verstummen ebenfalls ein akustisches Signal dieser Tage darstellt. Es gäbe so viel, was größere Aufmerksamkeit, als eine Nische in Netz verdient hätte.

GUTES AUS SALZBURG UND BAYREUTH

Auf meinem Weg aus der Großstadt in die Natur bin ich durch Salzburg und Bayreuth gefahren. Die Salzburger Festspiele werden stattfinden und zwar größer als gedacht. Ich habe einen müden, aber glücklichen Intendanten Markus Hinterhäuser getroffen. Er ist Corona-Held, weil er ein Mammut-Programm auf die Beine gestellt hat: Unendlich viele Konzerte, zwei Opern: „Elektra“ mit Franz Welser-Möst und „Così fan tutte“, die keine „Covid fan Tutte“ wird, wie Hinterhäuser erklärt. Klar, auch er weiß, dass „das Ganze in dieser Zeit auf sehr, sehr dünnem Eis“ gebaut ist. Hinterhäuser hofft, dass die Salzburger Festspiele positiv auf andere Festivals wirken.

Das erste „Glaserl“ in Salzburg habe ich – aus ganz anderen Gründen – mit Sarah Wedl-Wilson getrunken, der Rektorin der Musikhochschule Hanns Eisler in Berlin und der Aufsichtsratsvorsitzenden der Salzburger Osterfestspiele. In dieser Woche hatten wir ja bereits gelernt, wie positiv es ist, dass Dirigent Christian Thielemann – und vor allen Dingen sein Intendant Peter Ruzicka – den Reporter einer österreichischen Klatschzeitung Namens „News“ gefunden haben, der den letzten Schlamm der verlorenen Schlacht noch druckt, ohne dass es jemanden interessiert (kein Link hier!). Mir hat Sarah Wedl-Wilson erklärt, was denn nun wirklich passiert ist bei den Osterfestspielen – und dass Thielemann durchaus hätte weitermachen können. Das ganze, fast zweistündige Gespräch, ist am 27. Juni übrigens auf Klassik Radio und im Podcast Brüggemanns Begegnungen zu hören.

Während irgendeine Journalistin Namens Katrin Sachse sich in der „Bunten“ irgendetwas über den Gesundheitszustand von Katharina Wagner zusammenlügt (auch hier kein Link!, dafür aber der Verweis, dass Leipzig Wagners „Lohengrin“ noch zeigen will), ist es schön, dass in Bayreuth wenigstens das neue „Holger von Berg-Gedächtnis-Klo“ fertiggestellt wurde (siehe Bild unten). Und noch schöner: Es könnte diesen Sommer, am 25. Juli, tatsächlich zur traditionellen Bayreuth-Eröffnung kommen. Denn dann soll – so ist zu hören – ein Konzert mit Christian Thielemann im Festspielhaus stattfinden. An historischem Ort, eventuell ohne Publikum, quasi unsichtbar: Da passt es, dass der Bayerische Rundfunk das Konzert auch nur im Radio übertragen will.

UND WAS WAR SONST NOCH GUT?

Ist das nicht absurd: Wir fliegen zum Mond, aber es gibt keine Möglichkeit, dass Musiker virtuell gemeinsam musizieren – immer gibt es eine Verzögerung? Zum Newsletter der guten Nachrichten passt es, dass es bald eine Lösung geben könnte! +++ Engagiert: Sänger Michael Volle und seine Frau Gabriela Scherer wollten Facebook eigentlich schon verlassen: Jetzt haben sie eine großartige Aktion begonnen. Auf der Seite Hear the Voice berichten Sängerinnen und Sänger emotional von ihrer Situation in der Corona-Zeit. Existenzielle Hilferufe an die Politik (wir werden das Projekt noch ausführlich begleiten). +++ Großartig: der Dirigent Jaap van Zweden ist offensichtlich sogar gegen das Votum der Musiker in Hongkong (60 Prozent sollen gegen ihn gestimmt haben) als Chefdirigent der Philharmoniker verlängert worden. +++ Toll auch die Nachricht im britischen Guardian, dass es noch gar nicht so schlimm um die Klassik steht (weniger gut: Sir Simon Rattle und andere Künstler glauben: Das Schlimmste steht uns noch erst bevor: Schließungen von Orchestern und Orchesterstrukturen im Fahrtwind der Wirtschaftskrise).

+++ Gut ist auch, dass Christian Thielemann sich keinen Kopf mehr um den Neurechten Kulturamtsleiter in Radebeul Jörg Bernig, den er unterstützt hat, zu machen braucht – denn der zieht seine Kandidatur nun eh zurück. +++ Christian Schwandt und Hans-Georg Wegner werden Kaufmännischer Geschäftsführer und Generalintendant am Mecklenburgischen Staatstheater. +++ Ist das nicht schön? Paris‘ neuer Intendant, Alexander Neef darf früher beginnen, weil sein Vorgänger Stéphane Lissner, der Schulden in Hunderttausender-Höhe angehäuft hatte, vorzeitig geht. +++ Wotan fährt im „Rheingold“ hinab nach Nibelheim – Quatsch! Die Deutsche Oper Berlin und Donald Runnicles beweisen: Wotan findet die Kröte auf dem Parkdeck! Kreativer Wagner-Start. Bravo! Aber wir wären nicht Brüggemanns KlassikWoche, wenn am Ende nicht doch noch ein – Tatatatataaaaaa – Plagiat auftauchen würde: Berlins Erda ist eine Copy-Paste-Erda von Frank Castorfs Bayreuth-Erda, oder? Schaut auf diesen Pelz (Rechts das Original an Nadine Weissmann, links die: Fälschung?)!

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif

Ihr

Axel Brüggemann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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