Anton Batagov

Er setzt die Gesetze der Physik außer Kraft

von Christoph Schlüren

15. März 2018

Außerhalb Russlands ist Anton Batagov kaum bekannt. Für ­unseren Kolumnisten ist er der größte Pianist aller Zeiten.

Als ich jüngst das neue Bach-Doppel­album von auf den Tisch bekam, das nichts weiter enthält als die Partiten Nr. 4 und 6 und den figu­rierten Choral­satz Jesus bleibet meine Freude, war ich frap­piert. Ich kannte Bata­govs groß­ar­tige Aufnahme der Kunst der Fuge, die – leider längst vergriffen – diesem magnum opus in einer Weise gerecht wird, wie keine andere. Aber über eine Stunde für die 6. Partita? Kann das noch mit rechten Dingen zugehen? Kann er die Span­nung halten, die Form als erleb­baren Zusam­men­hang gestalten?

Batagov kann. Und setzt damit jedes über­lie­ferte physi­ka­li­sche Maß außer Kraft. Sein Bach ist sogar span­nungs­voller und dichter als der aller seiner Kollegen, wenn der Hörer in der Lage ist, alles, was er kennt, im Moment des Hörens loszu­lassen. Dieses Spiel tran­szen­diert unmit­telbar die mate­ri­elle Welt. Die Fähig­keit der kontra­punk­ti­schen Gestal­tung ist über­wäl­ti­gend. Es klingt wie impro­vi­siert und dabei niemals will­kür­lich manie­riert, sondern voll­kommen orga­nisch. Fast durch­ge­hend spielt Batagov jeweils Mal in äußerst breitem Tempo und die Wieder­ho­lung deut­lich schneller, und auch dieser neue Gegen­satz funk­tio­niert.

Der 1965 gebo­rene Anton Batagov, der unter den Pianisten Svja­to­slav Richter als seinen musi­ka­li­schen Leit­stern nennt, war Tschai­kowsky-Preis­träger und immer schon ein Rebell gegen den kommer­zi­ellen Musik­be­trieb. Von 1997 bis 2009 trat er zwölf Jahre lang nicht mehr öffent­lich auf. Heute kennt ihn nur das russi­sche Publikum. Sein Moskauer Konzert zum 80. Geburtstag von war Wochen vorher ausver­kauft. Wer ihn hört, wundert sich nicht über diese Ausnah­me­stel­lung in einem Land, das mit Sokolov und Trifonov die Welt beein­druckt.

„Kann das noch mit rechten Dingen zugehen?“

Seit hat es keinen so voll­endeten Pianisten wie Batagov gegeben. Wenn wir Technik als die Fähig­keit der exakten Repro­duk­tion der einfachsten wie komple­xesten Gebilde und Zusam­men­hänge defi­nieren, wüsste ich keinen Kollegen heute, der ihm gleicht. Dass sich unsere Musik­hoch­schulen nicht um einen „Professor Batagov“ reißen, ist so skan­dalös, als hätten die Wissen­schaftler noch nicht die Bedeu­tung von Einsteins Rela­ti­vi­täts­theorie begriffen.

Anton Batagov ist mehr als nur ein phäno­me­naler Musiker. Als Kompo­nist bewegt er sich zwischen Minimal Music, Progres­sive Rock, indi­schen und fern­öst­li­chen Tradi­tionen und den Errun­gen­schaften der klas­si­schen Musik. Sein gran­dioses Album „Thayata“ mit der tibe­ti­schen Sängerin Yung­chen Lhamo, sein maßstab­set­zendes Ravel-Album „The New Ravel“, seine zeit­losen Messiaen- und Feldman-Einspie­lungen werden jüngst flan­kiert von Philip-Glass-Einspie­lungen, die in ihrer hypno­ti­schen Kraft diesen Kompo­nisten in nie gese­henem Licht erscheinen lassen.

Fotos: Ira Polyamaya