Gunter Herbig hat Kompositionen von Heitor Villa-Lobos für E‑Gitarre transkribiert, sie der vorgegebenen Klanggestalt enthoben, und unter dem Titel „Tristorosa“ ein Album aufgenommen. 

Wenn der interkulturelle Musikwanderer Gunter Herbig ein Album mit Werken von Heitor Villa-Lobos veröffentlicht, ist das im Vergleich zu seinen letzten Projekten ‚Mainstream‘. Vorausgegangen waren eine mehrteilige Anthologie mit neuseeländischer Gitarrenmusik der Moderne und Klaviertranskriptionen des armenischen Multiartisten George Ivanovich Gurdjeff in Arrangements für E‑Gitarre. Diesem von Herbig in letzter Zeit offenbar bevorzugten Instrument schreibt der in Brasilien geborene, in Deutschland und Portugal aufgewachsene und heute in Australien lebende Interpret und Pädagoge eine philosophische Dimension zu. Während die traditionelle, einfache Gitarre mit ihrem im Volumen begrenzten Spektrum für die Vergangenheit und die Gegenwart stehe, sei die E‑Gitarre mit ihren Möglichkeiten der dauernden Ausdehnung und artifiziellen Beeinflussbarkeit von Tönen nach deren Erzeugung das Instrument der Zukunft. Arrangements für E‑Gitarre sind demzufolge eine Investition für die musikalische Bestandssicherung.

Symbol für den kulturellen Schmelztiegel der Straßen

Ästhetisch und künstlerisch ist bei Heitor Villa-Lobos gegen diese Transformation nichts einzuwenden. Denn sogar Experten sind unsicher in der Kriteriendefinition dafür, wo im Schaffen von Villa-Lobos die Grenzen zwischen originären Kompositionen und Bearbeitungen anzusetzen seien. Zudem gehören dessen in Paris und nach einer intensiven Auseinandersetzung mit Johann Sebastian Bach entstandenen Kompositionen zu seinen bekanntesten und beliebtesten. Bach ist der Gegenpol zur den von brasilianischer Folklore beeinflussten Werken. Aber die Gitarre bedeutete für den Brasilianer Villa-Lobos auch Material gewordenes Symbol für den kulturellen Schmelztiegel der Straßen sowie deren faszinierendes Erlebnispotenzial – sinnlich wie unvollkommen.

Gunter Herbig

Sieht in der E‑Gitarre mit ihrer Ausdehnung und artifiziellen Beeinflussbarkeit von Tönen das Instrument der Zukunft: Gunter Herbig
(Foto: © Diana Ruth)

In den Tonschlangen, Akkorden, Zäsuren und Motivfragmenten der Suite populaire brésilienne implantierte Villa-Lobos die akustische Begrenztheit der traditionellen Gitarre genau wie Bach im Falle jene der ihm im 18. Jahrhundert zur Verfügung gestandenen Cembali. Das barocke Musikgenie und der brasilianische Nationalkomponist kämpften also an der gleichen Front mit Tempovorstellungen und explizit hoher Spielgeschwindigkeit gegen die ‚Unzulänglichkeiten‘ ihrer Instrumente. Deren klangliche Kapazitäten bestimmten demzufolge den musikalischen Gehalt der Kompositionen. Durch die E‑Gitarre enthebelt Herbig diese Verflechtung von Kompositionen und deren vom Komponisten berücksichtigter Klanggestalt. Obwohl die Kinderjahre seines Instruments, das in der Neuen Musik wie beim Münchener Festival aDevantgarde.16 einen Trendschub erlebt, vorbei sind, bleiben Herbigs tönende Bilder noch immer Straßenmusik. Allerdings in einem gentrifizierten Quartier mit gereinigten Trottoirs, Hundekotsäckchen-Boxen und leeren Avenidas, auf denen es nur selten zu elektrisierenden Begegnungen kommt, weil alle im Auto oder auf dem Velo ihre zielorientierten Wege nehmen.

Heitor Villa-Lobos: „Tristorosa“, Gunter Herbig (Aldilà Records)