Der Chor des Bayerischen Rundfunks feiert sein 75. Jubiläum. Howard Arman, der künstlerische Leiter des Chors, betont im Gespräch die Bedeutung von Rundfunkchören, erzählt von den Aufnahmen des Albums „Miserere“ mit Werken Arvo Pärts und beschreibt die Herausforderungen der Zeit. 

CRESCENDO: Herr Arman, der Chor des Bayerischen Rundfunks feiert in diesem Jahr sein 75. Jubiläum. Er ist der älteste der drei Klangkörper des Bayerischen Rundfunks, und seine Wurzeln reichen zurück bis ins Jahr 1924. Wie empfinden Sie eine solche Tradition? Ist sie eine Last, oder trägt sie einen?

Howard Arman: Tradition ist etwas Lebendiges. Sie befindet sich ständig in Bewegung: Während der Alltag verlangt, was für den Moment wichtig ist, bildet Tradition oft die Grundlage, auf der wir arbeiten. Für den BR-Chor hat die Tradition nicht nur im musikalischen Sinn Bedeutung, sondern ebenso in der Rezeptionsgeschichte der Chormusik. Bei der Aufführung alter und neuer Werke kann der Chor auf viele wichtige Stationen wie etwa die Zusammenarbeit mit großen Orchestern der Welt zurückschauen: Stationen, die für ihre jeweilige Zeit von großer Bedeutung waren. Das ist die historische Tradition. Die Zukunft schaffen wir jeden Tag neu.

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Howard Arman und der Chor des Bayerischen Rundfunks proben das Chorwerk Miserere von Arvo Pärt 

Sie haben bereits mit einigen Rundfunkchören – des NDR, WDR, ORF, RIAS – zusammengearbeitet. Was zeichnet Rundfunkchöre aus?

Da ist zum einen das unfassbare Privileg relativer Sicherheit und Ordnung. Wir können in stabiler Besetzung täglich arbeiten und damit eine Binnendynamik entwickeln, wie sie projektbezogenen Ensembles nicht möglich ist. Zudem sind wir über Aufnahmen, CDs, Auftritte und eigenen Veranstaltungen vernetzt mit einem breiten Publikum. Unsere Rolle in der Kulturwelt ständig vor diesem Hintergrund zu überdenken, scheint mir nicht nur eine Pflicht zu sein: Es ist der Motor, der unsere Programmgestaltung vorantreibt.

Viele Rundfunkchöre gibt es nicht mehr. Geht da etwas Wichtiges verloren, oder hat sich die Einrichtung überholt?

Rundfunkchöre sind Leuchttürme. Ich sehe sie als Teil der großen Chorlandschaft an. So lange sie ihre wichtige,  einzigartige Funktion wahrnehmen, und das tun sie, bleiben sie unverzichtbar. Doch sie müssen in der Zeit und mit der Zeit leben. Darin sehe ich auch unsere Aufgabe beim BR-Chor: nicht nur das Konzertrepertoire zeitgemäß zu bedienen, sondern ebenso Nischen zu erkunden und neue Wege zu beschreiten; zu diesen gehören auch Projekte, die kein anderes Ensemble verwirklichen kann.

Orchestern schreibt man manchmal eine eigene Klangkultur oder Klangtradition zu. Gilt das auch für Chöre?

Ein Chor ist ein komplexes Gefüge, weil jede einzelne Stimme eine eigene Klangkultur besitzt. So ändern und erweitern sich mit jeder Kombination von Stimmen die Möglichkeiten der Klangbildung. Zu diesem physikalisch faszinierenden Phänomen tritt die menschliche Dimension. Wir können nicht von Stimmen reden, ohne von den Menschen zu sprechen. All dem kann aber zweifelsohne ein unverwechselbarer, ensembleeigener Klang zugrunde liegen – sogar über Generationen von Sängern hinweg.

Chor des Bayerischen Rundfunks
Besitzt „ein hohes Maß an klanglicher Intuition“: der Chor des Bayerischen Rundfunks

Wie würden Sie die Klangkultur des BR-Chores beschreiben?

Der BR-Chor besitzt ein hohes Maß an klangliche Intuition. – Sie merken, ich spreche schon wie von einem einzigen Organismus! – Diese ist von großer Bedeutung, wenn es um die Verwirklichung von bestimmten Klangvorstellungen geht, die oft vom Dirigenten nur durch händische oder mimische Gesten angedeutet werden. Der BR-Chor ist eine Gemeinschaft von Sängern, die ständig musiziert: Proben sind häufig genauso bewegend wie Aufnahmen oder Konzerte. Aus dieser Wandlungsfähigkeit resultiert die heute so wichtige Fähigkeit, die Musikliteratur einer großen stilistischen Bandbreite mit Individualität abzudecken. Großartig in der Musik des Barocks und der Klassik, beeindruckt der BR-Chor ebenso in Uraufführungen und experimenteller Musik.

Sie haben sich bereits während Ihres Studiums am Trinity College in London und später als künstlerischer Leiter der Innsbrucker Festwochen mit Alter Musik auseinandergesetzt. Zugleich haben Sie eine Reihe von Werken zur Uraufführung gebracht. Sind das auseinanderliegende Punkte des Spektrums, oder geht das zusammen?

Ich empfinde jede Aufführung als eine Art Uraufführung. Ob ein Stück in der Vergangenheit einmal oder 1000-mal gehört wurde, ändert nichts an der Intensität der Herangehensweise, mit der man sich mit ihm auseinandersetzt. Natürlich wandeln sich im Lauf der Epochen die Stilmittel und das technische Bewusstsein. Aber wenn man ein Stück singt oder spielt, wird es zum Jetzt und Hier.

Was ich bei Uraufführungen besonders genieße, ist die Nähe. Dazu gehört auch die Zusammenarbeit mit den Komponisten. Diese absolute Sicherheit, dass zwischen der Musik und dem Hörer, Dirigenten oder Sänger kein Abstand ist, empfinde ich als unglaublich wohltuend; wir atmen die gleiche Luft. Bei Kompositionen der Vergangenheit müssen wir Umwege erkunden, um sie in der Gegenwart aufzuführen. Aber bei zeitgenössischen Werken ist die Unmittelbarkeit gegeben.

Arvo Paert
Arbeitet akribisch an klanglichen Voraussetzungen: der Komponist Arvo Pärt
(Foto: © Marco Borelli)

Ein zeitgenössischer Komponist, mit dem sich der BR-Chor bereits seit beinahe vier Jahrzehnten verbunden fühlt, ist Arvo Pärt. Auch Sie haben mit ihm zusammengearbeitet. Wie haben Sie ihn empfunden?

Pärt ist ein überaus reizvoller Partner bei Proben. Wir haben mehrere Werke mit ihm vorbereitet. Es ist aufschlussreich, was er mir überlässt und wozu er sich spontan äußert. Tatsächlich arbeitet er extrem akribisch an den klanglichen Voraussetzungen. Fragen der Balance und des Klangcharakters schenkt er viel Beachtung. Wenn es dagegen um Ausdruck und Tempo geht, entwickelt sich ein Dialog mit mir als Interpreten.

Ich telefoniere oft mit ihm, um Fragen zu diskutieren und zu klären. Dabei kommen wir schnell an die Grenzen, an denen der Versuch, musikalische Empfindungen mit Worten auszudrücken, diese einengt. Aber diese Mitteilungen, die ich von ihm außerhalb der Proben erhalte, sind besonders wertvoll für mich, weil es in diesen Gesprächen um seine Gefühle geht. Seine Äußerungen sind nicht technischer Natur, sondern bilden einen Subtext zum Werk. Weil Pärt seine Musik auf ein Minimum reduziert, ist alles, jede einzelne Regung, in ihr wichtig. Es gibt eine Begründung für jeden Ton. Und wenn man weiß, aus welcher seelischen Verfassung diese Regungen kommen, kann man besser mit ihnen umgehen.

Pärts Musik polarisiert. Einige können mit ihrer Einfachheit nichts anfangen. Andere sind dagegen begeistert von seinem „Tintinnabuli“-Stil der glockenähnlichen Dreiklänge und der meditativen Stimmung. Ist seine Musik eine Projektionsfläche für das eigene Selbst?

Wenn ich eine Messe von Palestrina höre, empfinde ich die Musik wie eine Einladung an die Seele, in das Wort einzutauchen. Das Wort wird nicht unmittelbar illustriert, sondern die Musik wird zum Schlüssel, der ein Tor öffnet, tiefer in das Wesen des Inhaltes vorzudringen. Auf dieselbe Weise wirkt Pärts Vokalmusik, die ohne das Wort ja keine eigene Existenz haben kann. Darüber hinaus findet man in Pärts Musik viele präzise Bilder, die im Unterbewusstsein mitarbeiten, weil sie der Tradition der frühen Vokalmusik entlehnt sind.

Für unser neues Pärt-Album haben wir Festina lente für Streichorchester und Harfe aufgenommen, und die Isorhythmie, in der jede Streicherstimme einen eigenen dynamischen Verlauf nimmt, ist eine mittelalterliche Kompositionsmethode. Indem Pärt seine harmonischen Mittel mit dieser alten Technik verbindet, verleiht er seiner Musik ein Gefühl von Zeitlosigkeit. Auch bei Tribute to Caesar erinnert die Organisation der Töne an die A‑cappella-Passionen des 17. Jahrhunderts. Pärt kleidet sie in ein neues harmonisches Gewand und gibt ihr einen neuen dramatischen Duktus.

Arvo Pärt und der Chor des Bayerischen Rundfunks in Salzburg
Bedankt sich bei den Chormitgliedern für die Aufführung seines großen mehrteiligen Chorwerks Miserere: Arvo Pärt Salzburger Festspielen 2019
(Foto: © Marco Borrelli)

Diese Pärt-CD, an der auch das Rundfunkorchester und das Österreichische Ensemble für Neue Musik mitwirken, enthält neben kleineren Kompositionen unterschiedlicher Besetzungen das große mehrteilige Chorwerk Miserere. Was ist die Idee dieser Zusammenstellung?

Die CD porträtiert den Komponisten Arvo Pärt und verschafft einen Überblick über die Werke, die der BR-Chor und das Rundfunkorchester von ihm gespielt haben. Sie ist eine Fortsetzung der Pärt-Aufnahmen, die der BR-Chor bereits herausgebracht hat. Ich bin froh, dass es gelungen ist, diese vielfältige Bandbreite zu erreichen. Denn es war in diesem Geburtstagsjahr 2020 von Pärt nicht leicht, Musik aufzunehmen. Wir hatten viele Auflagen zu erfüllen. Miserere ist eine Live-Aufnahme von den Salzburger Festspielen 2019. Pärt war bei dem Konzert anwesend und hat zuvor über Tage hinweg mit uns geprobt. Dadurch habe ich gemerkt, welches Anliegen ihm diese Komposition ist. Es war in Salzburg eine überaus beglückende Begegnung, und ich freue mich, dass wir dieses Klangdokument von dem Konzert haben. Ein relativ neues Stück auf der CD ist Ja ma kuulsin hääle … (Und ich hörte eine Stimme). Wir haben es für Pärt am Ende des Konzerts gesungen, und wie er mir sagte, habe er es noch nie von einem großen Chor gehört. Er war überaus bewegt. Vom Salzburger Publikum wurde er unglaublich gefeiert.

Howard Arman
Konnte auch während der Pandemie neue Ideen und Projekte entwickeln: Howard Arman, der künstlerische Leiter des Chors des Bayerischen Rundfunks
(Foto: © Astrid Ackermann)

Wie sehen Ihre weiteren Pläne mit dem BR-Chor aus?

Ursprünglich war diese Spielzeit 2020/21 als eine feierlich-fröhliche von mir gedacht. Wir hatten in den vergangenen Spielzeiten mit der Akademie für Alte Musik Berlin Mozarts Vesper, die c‑Moll-Messe und meine Vervollständigung seines Requiems, das der Carus-Verlag im Druck herausbringen wird, sowie Händels Occasional Oratorium aufgeführt. Und diese Zusammenarbeit wollen wir in unserem Jubiläumskonzert mit Händels Alexanderfest fortsetzen. Auch eine Schubertiade ist geplant und eine durchaus außergewöhnliche Zusammenarbeit mit dem Ensemble Franui. Was wir davon allerdings verwirklichen können, steht in den Sternen.

Die Einschränkungen, die die Pandemie allen auferlegt, treffen auch die Kultur…

Und doch geschah in letzter Zeit etwas sehr Erfreuliches. Aus der Situation heraus konnten wir neue Ideen und Projekte entwickeln. So schrieb Rupert Huber das Chorstück U+1F637, und ich komponierte das „Musikvideo“ Der Bildhauer. Beide Werke präsentierten wir als Web-Uraufführungen, und weitere Werke werden folgen. Auch brachten wir eine Edward-Elgar-CD heraus, mit der wir uns in der Besetzung und im Repertoire auf die gegenwärtige Situation einließen. Eine weitere CD-Veröffentlichung steht bevor mit Études latines von Reynaldo Hahn, einem Freund Claude Debussys und wunderbaren Liedkomponisten. Hinzu kommt meine Bearbeitung von Debussys La Damoiselle élue für zwei Klaviere, Frauenchor und Solisten.

In dieser Zeit der Einschränkungen im Musikbetrieb kann es nicht nur darum gehen, das Bisherige mittels Kompromisse fortzusetzen. Die Situation schreit geradezu nach neuen Sichtweisen, neuen Formen, neuer Musik. Und diese müssen – wie die Musik der Vergangenheit, mit der wir uns bisher täglich beschäftigt haben – aus und für ihre Zeit entstehen.

Am 28. April 2021 sendet das BR Fernsehen Chorwerke und Instrumentalmusik von Arvo Pärt. Mehr dazu unter: FOYER.de, dem digitalen Kulturportal von CRESCENDO

Am 2. Mai 2021 senden das BR Fernsehen und BR-alpha zum 75. Jubiläum des Chors des Bayerischen Rundfunks einen Rückblick. Mahr dazu unter: FOYER.de und FOYER.de, dem digitalen Kulturportal von CRESCENDO

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Foto Titelbild: Astrid Ackermann

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