Howard Arman

»Auf die Gegen­wart reagieren«

von Ruth Renée Reif

25. April 2021

Der Chor des Bayerischen Rundfunks feiert sein 75. Jubiläum. Howard Arman, der künstlerische Leiter des Chors, betont die Bedeutung von Rundfunkchören und beschreibt die Herausforderungen der Zeit.

CRESCENDO: Herr Arman, der Chor des Baye­ri­schen Rund­funks feiert in diesem Jahr sein 75. Jubi­läum. Er ist der älteste der drei Klang­körper des Baye­ri­schen Rund­funks, und seine Wurzeln reichen zurück bis ins Jahr 1924. Wie empfinden Sie eine solche Tradi­tion? Ist sie eine Last, oder trägt sie einen?

: Tradi­tion ist etwas Leben­diges. Sie befindet sich ständig in Bewe­gung: Während der Alltag verlangt, was für den Moment wichtig ist, bildet Tradi­tion oft die Grund­lage, auf der wir arbeiten. Für den BR-Chor hat die Tradi­tion nicht nur im musi­ka­li­schen Sinn Bedeu­tung, sondern ebenso in der Rezep­ti­ons­ge­schichte der Chor­musik. Bei der Auffüh­rung alter und neuer Werke kann der Chor auf viele wich­tige Stationen wie etwa die Zusam­men­ar­beit mit großen Orches­tern der Welt zurück­schauen: Stationen, die für ihre jewei­lige Zeit von großer Bedeu­tung waren. Das ist die histo­ri­sche Tradi­tion. Die Zukunft schaffen wir jeden Tag neu.

Howard Arman und der Chor des Baye­ri­schen Rund­funks proben das Chor­werk Mise­rere von Arvo Pärt 

Sie haben bereits mit einigen Rund­funk­chören – des , WDR, ORF, RIAS – zusam­men­ge­ar­beitet. Was zeichnet Rund­funk­chöre aus?

Da ist zum einen das unfass­bare Privileg rela­tiver Sicher­heit und Ordnung. Wir können in stabiler Beset­zung täglich arbeiten und damit eine Binnen­dy­namik entwi­ckeln, wie sie projekt­be­zo­genen Ensem­bles nicht möglich ist. Zudem sind wir über Aufnahmen, CDs, Auftritte und eigenen Veran­stal­tungen vernetzt mit einem breiten Publikum. Unsere Rolle in der Kultur­welt ständig vor diesem Hinter­grund zu über­denken, scheint mir nicht nur eine Pflicht zu sein: Es ist der Motor, der unsere Programm­ge­stal­tung voran­treibt.

Viele Rund­funk­chöre gibt es nicht mehr. Geht da etwas Wich­tiges verloren, oder hat sich die Einrich­tung über­holt?

Rund­funk­chöre sind Leucht­türme. Ich sehe sie als Teil der großen Chor­land­schaft an. So lange sie ihre wich­tige, einzig­ar­tige Funk­tion wahr­nehmen, und das tun sie, bleiben sie unver­zichtbar. Doch sie müssen in der Zeit und mit der Zeit leben. Darin sehe ich auch unsere Aufgabe beim BR-Chor: nicht nur das Konzert­re­per­toire zeit­gemäß zu bedienen, sondern ebenso Nischen zu erkunden und neue Wege zu beschreiten; zu diesen gehören auch Projekte, die kein anderes Ensemble verwirk­li­chen kann.

Orches­tern schreibt man manchmal eine eigene Klang­kultur oder Klang­tra­di­tion zu. Gilt das auch für Chöre?

Ein Chor ist ein komplexes Gefüge, weil jede einzelne Stimme eine eigene Klang­kultur besitzt. So ändern und erwei­tern sich mit jeder Kombi­na­tion von Stimmen die Möglich­keiten der Klang­bil­dung. Zu diesem physi­ka­lisch faszi­nie­renden Phänomen tritt die mensch­liche Dimen­sion. Wir können nicht von Stimmen reden, ohne von den Menschen zu spre­chen. All dem kann aber zwei­fels­ohne ein unver­wech­sel­barer, ensem­ble­ei­gener Klang zugrunde liegen – sogar über Genera­tionen von Sängern hinweg.

Chor des Bayerischen Rundfunks
Besitzt „ein hohes Maß an klang­li­cher Intui­tion“: der Chor des Baye­ri­schen Rund­funks

Wie würden Sie die Klang­kultur des BR-Chores beschreiben?

Der BR-Chor besitzt ein hohes Maß an klang­liche Intui­tion. – Sie merken, ich spreche schon wie von einem einzigen Orga­nismus! – Diese ist von großer Bedeu­tung, wenn es um die Verwirk­li­chung von bestimmten Klang­vor­stel­lungen geht, die oft vom Diri­genten nur durch händi­sche oder mimi­sche Gesten ange­deutet werden. Der BR-Chor ist eine Gemein­schaft von Sängern, die ständig musi­ziert: Proben sind häufig genauso bewe­gend wie Aufnahmen oder Konzerte. Aus dieser Wand­lungs­fä­hig­keit resul­tiert die heute so wich­tige Fähig­keit, die Musik­li­te­ratur einer großen stilis­ti­schen Band­breite mit Indi­vi­dua­lität abzu­de­cken. Groß­artig in der Musik des Barocks und der Klassik, beein­druckt der BR-Chor ebenso in Urauf­füh­rungen und expe­ri­men­teller Musik.

Sie haben sich bereits während Ihres Studiums am Trinity College in London und später als künst­le­ri­scher Leiter der mit Alter Musik ausein­an­der­ge­setzt. Zugleich haben Sie eine Reihe von Werken zur Urauf­füh­rung gebracht. Sind das ausein­an­der­lie­gende Punkte des Spek­trums, oder geht das zusammen?

Ich empfinde jede Auffüh­rung als eine Art Urauf­füh­rung. Ob ein Stück in der Vergan­gen­heit einmal oder 1000-mal gehört wurde, ändert nichts an der Inten­sität der Heran­ge­hens­weise, mit der man sich mit ihm ausein­an­der­setzt. Natür­lich wandeln sich im Lauf der Epochen die Stil­mittel und das tech­ni­sche Bewusst­sein. Aber wenn man ein Stück singt oder spielt, wird es zum Jetzt und Hier.

Was ich bei Urauf­füh­rungen beson­ders genieße, ist die Nähe. Dazu gehört auch die Zusam­men­ar­beit mit den Kompo­nisten. Diese abso­lute Sicher­heit, dass zwischen der Musik und dem Hörer, Diri­genten oder Sänger kein Abstand ist, empfinde ich als unglaub­lich wohl­tuend; wir atmen die gleiche Luft. Bei Kompo­si­tionen der Vergan­gen­heit müssen wir Umwege erkunden, um sie in der Gegen­wart aufzu­führen. Aber bei zeit­ge­nös­si­schen Werken ist die Unmit­tel­bar­keit gegeben.

Arvo Paert
Arbeitet akri­bisch an klang­li­chen Voraus­set­zungen: der Kompo­nist Arvo Pärt
(Foto: Marco Borelli)

Ein zeit­ge­nös­si­scher Kompo­nist, mit dem sich der BR-Chor bereits seit beinahe vier Jahr­zehnten verbunden fühlt, ist Arvo Pärt. Auch Sie haben mit ihm zusam­men­ge­ar­beitet. Wie haben Sie ihn empfunden?

Pärt ist ein überaus reiz­voller Partner bei Proben. Wir haben mehrere Werke mit ihm vorbe­reitet. Es ist aufschluss­reich, was er mir über­lässt und wozu er sich spontan äußert. Tatsäch­lich arbeitet er extrem akri­bisch an den klang­li­chen Voraus­set­zungen. Fragen der und des Klang­cha­rak­ters schenkt er viel Beach­tung. Wenn es dagegen um Ausdruck und Tempo geht, entwi­ckelt sich ein Dialog mit mir als Inter­preten.

Ich tele­fo­niere oft mit ihm, um Fragen zu disku­tieren und zu klären. Dabei kommen wir schnell an die Grenzen, an denen der Versuch, musi­ka­li­sche Empfin­dungen mit Worten auszu­drü­cken, diese einengt. Aber diese Mittei­lungen, die ich von ihm außer­halb der Proben erhalte, sind beson­ders wert­voll für mich, weil es in diesen Gesprä­chen um seine Gefühle geht. Seine Äuße­rungen sind nicht tech­ni­scher Natur, sondern bilden einen Subtext zum Werk. Weil Pärt seine Musik auf ein Minimum redu­ziert, ist alles, jede einzelne Regung, in ihr wichtig. Es gibt eine Begrün­dung für jeden Ton. Und wenn man weiß, aus welcher seeli­schen Verfas­sung diese Regungen kommen, kann man besser mit ihnen umgehen.

Musik pola­ri­siert. Einige können mit ihrer Einfach­heit nichts anfangen. Andere sind dagegen begeis­tert von seinem „Tintinnabuli“-Stil der glocken­ähn­li­chen Drei­klänge und der medi­ta­tiven Stim­mung. Ist seine Musik eine Projek­ti­ons­fläche für das eigene Selbst?

Wenn ich eine Messe von Pale­strina höre, empfinde ich die Musik wie eine Einla­dung an die Seele, in das Wort einzu­tau­chen. Das Wort wird nicht unmit­telbar illus­triert, sondern die Musik wird zum Schlüssel, der ein Tor öffnet, tiefer in das Wesen des Inhaltes vorzu­dringen. Auf dieselbe Weise wirkt Pärts Vokal­musik, die ohne das Wort ja keine eigene Exis­tenz haben kann. Darüber hinaus findet man in Pärts Musik viele präzise Bilder, die im Unter­be­wusst­sein mitar­beiten, weil sie der Tradi­tion der frühen Vokal­musik entlehnt sind.

Für unser neues Pärt-Album haben wir Festina lente für Streich­or­chester und Harfe aufge­nommen, und die Isorhythmie, in der jede Strei­cher­stimme einen eigenen dyna­mi­schen Verlauf nimmt, ist eine mittel­al­ter­liche Kompo­si­ti­ons­me­thode. Indem Pärt seine harmo­ni­schen Mittel mit dieser alten Technik verbindet, verleiht er seiner Musik ein Gefühl von Zeit­lo­sig­keit. Auch bei Tribute to Caesar erin­nert die Orga­ni­sa­tion der Töne an die A‑cap­pella-Passionen des 17. Jahr­hun­derts. Pärt kleidet sie in ein neues harmo­ni­sches Gewand und gibt ihr einen neuen drama­ti­schen Duktus.

Arvo Pärt und der Chor des Bayerischen Rundfunks in Salzburg
Arvo Pärt bedankt sich bei den Chor­mit­glie­dern für die Auffüh­rung seines großen mehr­tei­ligen Chor­werks Mise­rere (Salz­burger Fest­spiele 2019)
(Foto: Marco Borrelli)

Diese Pärt-CD, an der auch das Rund­funk­or­chester und das Öster­rei­chi­sche Ensemble für Neue Musik mitwirken, enthält neben klei­neren Kompo­si­tionen unter­schied­li­cher Beset­zungen das große mehr­tei­lige Chor­werk Mise­rere. Was ist die Idee dieser Zusam­men­stel­lung?

Die CD porträ­tiert den Kompo­nisten Arvo Pärt und verschafft einen Über­blick über die Werke, die der BR-Chor und das Rund­funk­or­chester von ihm gespielt haben. Sie ist eine Fort­set­zung der Pärt-Aufnahmen, die der BR-Chor bereits heraus­ge­bracht hat. Ich bin froh, dass es gelungen ist, diese viel­fäl­tige Band­breite zu errei­chen. Denn es war in diesem Geburts­tags­jahr 2020 von Pärt nicht leicht, Musik aufzu­nehmen. Wir hatten viele Auflagen zu erfüllen. Mise­rere ist eine Live-Aufnahme von den Salz­burger Fest­spielen 2019. Pärt war bei dem Konzert anwe­send und hat zuvor über Tage hinweg mit uns geprobt. Dadurch habe ich gemerkt, welches Anliegen ihm diese Kompo­si­tion ist. Es war in eine überaus beglü­ckende Begeg­nung, und ich freue mich, dass wir dieses Klang­do­ku­ment von dem Konzert haben. Ein relativ neues Stück auf der CD ist Ja ma kuulsin hääle … (Und ich hörte eine Stimme). Wir haben es für Pärt am Ende des Konzerts gesungen, und wie er mir sagte, habe er es noch nie von einem großen Chor gehört. Er war überaus bewegt. Vom Salz­burger Publikum wurde er unglaub­lich gefeiert.

Howard Arman
Howard Arman, der künst­le­ri­sche Leiter des Chors des Baye­ri­schen Rund­funks
(Foto: Astrid Acker­mann)

Wie sehen Ihre weiteren Pläne mit dem BR-Chor aus?

Ursprüng­lich war diese Spiel­zeit 202021 als eine feier­lich-fröh­liche von mir gedacht. Wir hatten in den vergan­genen Spiel­zeiten mit der Mozarts Vesper, die c‑Moll-Messe und meine Vervoll­stän­di­gung seines Requiems, das der Carus-Verlag im Druck heraus­bringen wird, sowie Händels Occasional Orato­rium aufge­führt. Und diese Zusam­men­ar­beit wollen wir in unserem Jubi­lä­ums­kon­zert mit Händels Alex­an­der­fest fort­setzen. Auch eine Schu­ber­tiade ist geplant und eine durchaus außer­ge­wöhn­liche Zusam­men­ar­beit mit dem Ensemble Franui. Was wir davon aller­dings verwirk­li­chen können, steht in den Sternen.

Die Einschrän­kungen, die die Pandemie allen aufer­legt, treffen auch die Kultur…

Und doch geschah in letzter Zeit etwas sehr Erfreu­li­ches. Aus der Situa­tion heraus konnten wir neue Ideen und Projekte entwi­ckeln. So schrieb Rupert Huber das Chor­stück U+1F637, und ich kompo­nierte das „Musik­video“ Der Bild­hauer. Beide Werke präsen­tierten wir als Web-Urauf­füh­rungen, und weitere Werke werden folgen. Auch brachten wir eine Edward-Elgar-CD heraus, mit der wir uns in der Beset­zung und im Reper­toire auf die gegen­wär­tige Situa­tion einließen. Eine weitere CD-Veröf­fent­li­chung steht bevor mit Études latines von , einem Freund Claude Debussys und wunder­baren Lied­kom­po­nisten. Hinzu kommt meine Bear­bei­tung von Debussys La Damo­i­selle élue für zwei Klaviere, Frau­en­chor und Solisten.

In dieser Zeit der Einschrän­kungen im Musik­be­trieb kann es nicht nur darum gehen, das Bishe­rige mittels Kompro­misse fort­zu­setzen. Die Situa­tion schreit gera­dezu nach neuen Sicht­weisen, neuen Formen, neuer Musik. Und diese müssen – wie die Musik der Vergan­gen­heit, mit der wir uns bisher täglich beschäf­tigt haben – aus und für ihre Zeit entstehen.

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Am 28. April 2021 sendet das BR Fernsehen Chorwerke und Instrumentalmusik von Arvo Pärt. Mehr dazu unter: FOYER.de, dem digitalen Kulturportal von CRESCENDO

Am 2. Mai 2021 senden das BR Fernsehen und BR-alpha zum 75. Jubiläum des Chors des Bayerischen Rundfunks einen Rückblick. Mahr dazu unter: FOYER.de und FOYER.de, dem digitalen Kulturportal von CRESCENDO

Fotos: Astrid Ackermann