KlassikWoche 04/2022

Viele alte Männer – und trotzdem: Hoff­nung!

von Axel Brüggemann

24. Januar 2022

Erina Yashima, die neue Erste Kapellmeisterin an der Komischen Oper, das Karriereende des Schlagzeugers Martin Grubinger, Tosca im Theater an der Wien

Will­kommen in der neuen Klas­sik­Woche,

heute öffnen wir die Türen zum Klassik-Knast, streiten uns mit einem Kollegen und freuen uns, dass wenigs­tens in einigen Opern­häu­sern wieder Tumult ist! 

ENDGÜLTIG: MAUSER FÄHRT EIN

Der wegen sexu­eller Nöti­gung verur­teilte Ex-Präsi­dent der Münchner Musik­hoch­schule Sieg­fried Mauser muss seine Haft am 1. Februar antreten. Das hat das Landes­ge­richt Salz­burg entschieden. Insge­samt vier Frauen hatten Mauser wegen sexu­eller Nöti­gung ange­zeigt, aber er war der eigent­li­chen Inhaf­tie­rung durch seine Einsprüche (vor allen Dingen auf Grund gesund­heit­li­cher Beschwerden) bislang entgangen.

Auf der Seite Harfenduo haben „Laura und Daniel“ den Fall kritisch begleitet. Sie kommen nun zum Ergebnis: „Was von dem Fall bleibt, ist vor allem großes Leid und teils viele verlo­rene Jahre bei allen Betrof­fenen – unab­hängig davon, ob sie den juris­ti­schen Weg erfolg­reich gegangen sind. Diese Tatsache darf nicht in Verges­sen­heit geraten. Sieg­fried Mauser ist vor allem eines: Ein Täter. Man muss viel­leicht nicht hämisch werden, aber Mitleid muss man mit ihm auch nicht haben. Wir gehen davon aus, dass er zu jeder Zeit wusste, was er tat. Dies betrifft sowohl die Taten selbst, als auch seine mediale Selbst­dar­stel­lung, wie wir in unserem Blog­bei­trag ‚Ein netter älterer Herr‘ ausführ­lich nach­ge­zeichnet haben.“ 

LESE­EMP­FEH­LUNG: CORO­NA­TA­GE­BUCH AUS TÜBINGEN

Dieter und Peer Mia Ripberger

Wie lustig das Ernste zuweilen ist oder wie ernst das Absurde werden kann, das macht ein wirk­lich gut gelaunter Text über die schlechte Laune während der Corona-Pandemie im Zimmer­theater Tübingen klar. Hier ein Auszug aus dem Text von Dieter und Peer Mia Ripberger: „Die Häuser sind ja überall voll, klar, aber seit 2Gplus, plus­minus, 50 Prozent Kapa­zität, 25 Prozent Kapa­zität, kein Abo, Noshows, kata­stro­phaler Frei­ver­kauf, Maske, FFP2, die-Kinos-ja-auch, keine Rumsprache, Absagen und Programm­um­stel­lungen, Nach­fra­ge­mangel, Bier­re­pu­blik, es ist einfach zu kompli­ziert geworden. Der Präsi­dent: ‚Die Klebe­kraft der Couch.‘ Der andere Präsi­dent: ‚Redu­zieren wir unsere Kontakte!‘ Die gewe­sene Kanz­lerin: ‚Wir brau­chen dras­ti­schere Maßnahmen.‘ Der Kanzler: ‚Schönen Dank für Ihre Frage.‘ Der Gesund­heits­mi­nister, mahnend: ‚Noch reichen die Maßnahmen aus, aber…‘. Der Drosten: ‚Omikron hat breite Reifen.‘ Der Palmer: ‚Jetzt hilft nur noch beten.‘ Der Papst: ‚Macht Kinder, nicht Katzen.‘Zum ganzen Text in der Deut­schen Bühne hier entlang.

30 JAHRE NACH DEM WELT­UN­TER­GANG

Der Regisseur Peter Konwitschny

Wissen Sie, wer Heinz Sich­rovsky ist? Wenn Sie, wie unser­eins, regel­mäßig die wich­tigen deutsch­spra­chigen Feuil­le­tons durch­ackern, dann: sicher nicht. Es sei denn, Sie wohnen in Öster­reich, lesen auch die „Kronen Zeitung“, schauen zu Nacht­zeiten ORF oder blät­tern beim Friseur mal in „News“: Der alte, weiße Boule­vard-Hallodri Sich­rovsky erin­nert ein wenig an das Sprich­wort von , der sinn­gemäß erklärte, dass man in Öster­reich Sich­rovsky lesen sollte, denn für den findet selbst der Welt­un­ter­gang 30 Jahre später statt. Das war schon so, als er den Wechsel bei den Salz­burger Oster­fest­spielen verpennt hat, und es ist jetzt so wie im „Fall Konwit­schny“ in (Sie erin­nern sich: An dieser Stelle haben wir vor über einem Monat davon berichtet, dass raus­ge­schmissen wurde, weil er eine dunkel­häu­tige Chor­sän­gerin belei­digte, andere Medien berich­teten auch). Nun wirft sich Kultur-Popu­list Sich­rovsky für Konwit­schny (von dem schon lange auch ernst­haf­tere Ausraster bekannt sind) in den News-Schüt­zen­graben, erklärt Nürn­berg-Inten­dant zu „nichts Gutem“ und vertei­digt in einem Bausch noch schnell alle Ausraster von Claus Peymann – dabei ist er sich nicht zu schade, noch schnell die Verfol­gung von Künst­lern durch die Nazis ins Feld zu führen. Wer gegen die „riesen­for­ma­tigen Quoten­bringer“ (Peymann und Konwit­schny) schmollt, solle „mit der zart besai­teten Nürn­berger Chor­dame einen Gesang­verein gründen“, empfiehlt Sich­rovsky. Als Medien-Macho möchte man gern anmerken, wie schade es ist, dass weder der ORF noch sein Chef bei „News“ die Eier eines Jens-Daniel Herzog haben!

PERSO­NA­LIEN DER WOCHE I

Dirigentin Erina Yashima

Gut Ding braucht Weile! Es hat eben etwas länger als in , oder Köln gedauert mit der Revo­lu­tion bei den Domspatzen. Nun erklärt der Regens­burger Domka­pell­meister Chris­tian Heiß in der FAZ, warum der Regens­burger Domchor erst jetzt auch Mädchen aufnimmt: „Nachdem jetzt unser gesamter Campus mit Chor­be­reich, Gymna­sium, Tages­be­treuung und Internat erwei­tert und reno­viert wurde, haben wir räum­lich und perso­nell die entspre­chenden Kapa­zi­täten, um diese Entschei­dung zu treffen.“ (Ein biss­chen Domspatzen in der Play­list am Ende des Arti­kels)

Die Diri­gentin Erina Yashima wird Erste Kapell­meis­terin an der Komi­schen Oper in . Nun hat sie dem VAN-Magazin ein Inter­view gegeben, in dem sie unter anderem erklärt: „Bei meinem Vordi­rigat an der Komi­schen Oper mit der Zauber­flöte habe ich relativ schnell gemerkt, dass das Orchester sehr flexibel ist und total mitkommt. Man bekommt da vorher eine DVD mit der Produk­tion, mit der man sich ein biss­chen die Tempi zurecht­legen kann. Aber mir war dann beim Diri­gieren schnell klar: Die kennen die Musik so gut, wissen genau, wo die Tempi vari­ieren können, sind total flexibel. Das hat wirk­lich Spaß gemacht. Wir haben das vorher nie geprobt in der Beset­zung und es war trotzdem, als kenne man sich.“ +++ Es dauert nicht mehr lange, und der Schlag­zeuger wird seine Karriere beenden, der Presse erklärt er: „Mein Talent habe ich ausge­reizt.“ (ich habe Grubinger noch Mal auf unsere Play­list gesetzt) +++ Die Wiener Phil­har­mo­niker müssen einen Teil ihrer geplanten Tournee in und kommender Woche kurz­fristig absagen – „aufgrund der hohen und stetig anwach­senden Covid-19-Fall­zahlen im Orchester“, wie es von den Phil­har­mo­ni­kern heißt. Betroffen sind die Konzerte in Köln (24. Januar), (25. Januar) und Paris (26. Januar).

ABOUT LAST WEEK

Rolando Villazón in Salzburg

Ich habe an dieser Stelle sowohl über als auch über berichtet. Beide haben die gleiche Mana­gerin, und die hat mir (genauer gesagt: meinem Heraus­geber) einiges erklärt: Also, Anna Netrebko meinte das mit dem tempo­rären Rückzug auf Insta­gram offenbar nicht so lang­fristig wie es wirken konnte – sie wird „natür­lich“ in Berlin und in auftreten (inter­es­sant, dass die FAZ Bene­dikt Stampa, den Inten­danten des Fest­spiel­hauses , heute eben­falls just mit ihrem Post konfron­tierte). Und dann noch: Rolando Villazón habe die nach Angaben seiner Mana­gerin nicht auf Grund der geringen Auslas­tung abge­sagt, sondern einzig wegen der Corona-Warnungen der Politik (es gab aller­dings kein Verbot). Deswei­teren sei man derzeit bemüht, Eini­gungen über Verschie­bungen oder Ausfall­zah­lungen mit allen Künls­te­rInnen zu finden (gut zu hören: auch über die 20 Prozent hinaus, die mir von Agen­turen genannt wurden). Natür­lich habe ich auch noch einmal direkt bei der Mozart­woche nach­ge­fragt. Während mir Infor­ma­tionen vorlagen, dass Künst­le­rInnen erst aus der Presse von der Absage der Mozart­woche erfahren hätten, erklärt die Mozart­woche nun, dass alle Künst­le­rInnen oder ihre Agen­turen am Tag vor der Absage infor­miert worden seien. Außerdem gibt es nun auch mehr Klar­heit über den Karten­ver­kauf vor der Absage: 78 Prozent der Tickets seien verkauft worden, heißt es aus Salz­burg, aller­dings hätte es auf Grund der Corona-Situa­tion immer mehr Verun­si­che­rung beim Publikum gegeben. Soviel zu den Fakten. Bleibt die Kunst: In einem sehr netten Tele­fonat haben wir beschlossen, gemeinsam über die Ausrich­tung und die Visionen der Mozart­woche in einem der nächsten News­letter zu streiten – in diesem Sinne: Peace, ey!

FAIR PAY – EIN VORBILD FÜR DEUTSCH­LAND?

Der Deut­sche Bühnen­verein sollte sich das bitte mal ganz genau anschauen, was da gerade in Salz­burg statt­findet. Das öster­rei­chi­sche Bundes­land nimmt die ersten Schritte in Rich­tung „Fair Pay“. Eine Umfrage hatte ergeben, dass 2,5 Millionen Euro nötig seien, wenn alle Beschäf­tigten in allen Kultur­ein­rich­tungen ange­messen verdienen sollten. Nun stellt das Land zunächst 250.000 Euro zur Verfü­gung, es ist die erste Phase eines mehr­stu­figen Zuschuss-Plans. Für den ersten Teil der Umset­zung von „Fair Pay“ sind in Salz­burg insge­samt eine Million Euro vorge­sehen. Mehr als fünfzig Salz­burger Kultur­in­itia­tiven und ‑einrich­tungen werden davon künftig profi­tieren und können dann die Entloh­nungen ihrer Mitar­bei­te­rinnen und Mitar­beiter anheben. Perspek­ti­visch wird es aber wohl eine grund­le­gende Frage von Verträgen sein, faire Bezah­lung zu sichern – und da schläft der Bühnen­verein schon seit Jahren.

PERSO­NA­LIEN DER WOCHE II

Die Preis­träger des „Clas­sical Music Awards“ ICMA stehen fest: Der Diri­gent Ádám Fischer wird für sein Lebens­werk ausge­zeichnet, der Klari­net­tist Martin Fröst ist Künstler des Jahres, Nach­wuchs­künstler des Jahres: der Geiger Gennaro Cardar­o­poli. Frauen in der Preis­trä­ger­liste? Fehl­an­zeige! +++ Die Münchner Staats­oper ist nun auch auf TikTok, das ist Teil der neuen Online-Philo­so­phie von Inten­dant Serge Dorny. Sowas kann nie schaden – eine über­schau­bare Home­page wäre für den Anfang aller­dings auch eine Stra­tegie gewesen, oder? +++ Die desi­gnierte Inten­dantin des Aalto-Musik­thea­ters, Merle Fahr­holz, hat die ersten Ideen für ihre im Sommer begin­nende Amts­zeit vorge­stellt: „Ich möchte Menschen berühren, Leiden­schaft weiter­geben. Die Oper ist etwas sehr Sinn­li­ches. Es gibt kaum eine Kunst­form, die so viel­schichtig ist und in der sich Menschen auf so verschie­dene Weise wieder­finden können.

Sebas­tian Freitag heißt der neue Domor­ga­nist der Dresdner Kathe­drale. Der 36-Jährige tritt die Nach­folge von Johannes Trümpler an. Zu seinem neuen Arbeits­platz – der berühmten Silber­mann­orgel der Kathe­drale – sagt Sebas­tian Freitag: „Ich freue mich darauf, hier Musik zu machen. Man geht mit Ehrfurcht an dieses Instru­ment.“ +++ Die Verkün­dung des briti­schen Adels­ti­tels „Knight Bachelor“ hatte bereits ein Jahr zuvor statt­ge­funden. Im Dezember wurde der Chef der Deut­schen Oper Berlin, nun auch real von Prince Charles zum Ritter geschlagen. Außer den Brief­bögen habe sich nicht viel verän­dert, scherzte Sir Donald später in der „Morgen­post“ – briti­scher Humor scheint noch wich­tiger für den Titel als musi­ka­li­sches Können. 

UND WO BLEIBT DAS POSI­TIVE, HERR BRÜG­GE­MANN?

Ja, wo zum Teufel bleibt es nur! In einer Welt der voll­kom­menen Unsi­cher­heit war es ein Genuss, im Theater an der die „Tosca“ zu sehen: Voll bis auf den letzten Platz – geimpft und getestet und alle mit: guter Laune! Jubel für den chile­ni­schen Tenor Jona­than Tetelman und ein herr­li­cher Bravo-Buh-Streit im ganzen Theater um die Schnee-Insze­nie­rung von Martin Kušej. So muss Oper sein! Und noch etwas Gutes: Das prognos­ti­zierte Chorsterben im Osten scheint auszu­fallen! Die Verbands-Präsi­dentin des Säch­si­schen Chor­ver­bandes, Luise Neuhaus-Warten­berg, teilte mit, dass insge­samt sieben Laien­chöre mit 300 Sänge­rinnen und Sängern den Lock­down nicht über­standen hätten, das seien zwar Verluste, aber in „weitaus gerin­gerem Maße“, als erwartet. Bei den betrof­fenen Chören seien auch welche dabei gewesen, die schon vor der Pandemie mit Schwie­rig­keiten zu kämpfen hatten. Vor einem Jahr hatte sie noch befürchtet, dass 50 bis 60 Chöre verschwinden würden, „das ist bis dato nicht einge­treten“, freute sie sich im MDR.

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

[email protected]​crescendo.​de

UND HIER NOCH DIE PLAY­LIST ZUM NEWS­LETTER:

Fotos: Philipp Schmidt, Bernd Weissbrod/​Picture Alliance/​BR24, Todd Rosen­berg Photo­graphy