KlassikWoche 7/2021

Der Krach von Dresden und Aufstehen für die Kunst

von Axel Brüggemann

15. Februar 2021

Christian Thielemann und seine Selbstdemontage, das bequeme Leben von Michael Börgerding, der Eilantrag von aufstehenfuerdiekunst.de

Will­kommen in der neuen Klas­sik­Woche,

auch wir kommen nicht am Zoff in vorbei, schi­cken einem Inten­danten eine Flasche Rotwein und veröf­fent­li­chen exklusiv die aktu­ellen Forde­rungen von aufste​hen​fu​er​die​kunst​.de. 

DER KRACH VON DRESDEN 

Intendant Peter Theiler und der Dirigent Christian Thielemann

Abon­nenten dieses News­let­ters haben in den letzten Monaten immer wieder (zum Teil auch sehr kritisch mit mir) die Bericht­erstat­tung über verfolgt. Wischen wir mal den Schaum vom Mund und fragen aus einer Mischung aus Besorgnis und Mitleid: „Herr Thie­le­mann, warum enga­gieren Sie nicht einfach mal einen Berater? Einen Emotions-Puffer, der Sie vor den nächsten Schritten der Selbst-Dekon­struk­tion schützt?“ Das Schema ist ja immer das Gleiche: Wutaus­bruch, Selbst­über­schät­zung und Fron­tal­an­griff – dann die krachende Nieder­lage und verbrannte Erde. , und letztes Jahr bei den Salz­burger Oster­fest­spielen: Thie­le­mann sorgte mit Pauken, Angriffs-Trom­peten und falscher Einschät­zung seines Rück­halts dafür, dass Niko­laus Bachler sich als Inten­dant durch­setzte.

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Staud – Composer in Resi­dence
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Nicht nur der Diri­gent, sondern auch seine Kapelle haben so den lukra­tiven Standort verloren (etwas lustig, dass Thie­le­mann im mdr-Inter­view jetzt jeden Streit mit Bachler leugnet). Und in Bayreuth deuten inzwi­schen sogar Wagner-Verbände Thie­le­manns Verhalten als selbst­zer­stö­re­risch. Seine Strei­te­reien mit Diri­genten-Kollegen, seine Kommen­tare in Zeiten der Führungs­lo­sig­keit der Fest­spiele – all das führte dazu, dass er den Posten des Musik­di­rek­tors derzeit nicht mehr innehat. Und bleibt auch eher vage und unkon­kret, wenn sie sagt, dass die Fest­spiele weiterhin mit Thie­le­mann zusam­men­ar­beiten wollen. Monika Beer speku­liert im „Frän­ki­schen Tag“ (Print-Ausgabe) bereits, wann das Park­platz-Schild für den Musik­di­rektor von den Fest­spiel­haus-Mauern abge­schraubt wird.

Und nun hat Thie­le­mann auch noch Das Desaster von Dresden“ (Manuel Brug) vom Zaun gebro­chen, einen Frontal-Angriff auf seinen Intim­feind, den Inten­danten . Thie­le­mann will unbe­dingt Strauss’ Helden­leben spielen, Theiler hat ange­boten: „Viel­leicht ein Stück mit klei­nerer Beset­zung?“ Aber der Diri­gent bestand auf dem Helden­leben, und Theiler verbot kurzer­hand die Proben. Er argu­men­tierte, 100 Menschen im Orchester könne er den Leuten in , die unter Home­of­fice und Home­schoo­ling im Lock­down leiden, nicht erklären. Inzwi­schen ist der Scher­ben­haufen auch in Dresden perfekt: Einige Orches­ter­mu­siker der Staats­ka­pelle wollen ihr Recht auf Arbeit vor Gericht einklagen, das Tisch­tuch zwischen Chef­di­ri­gent und Inten­dant ist zerschnitten, und der poli­ti­sche Rück­halt für Thie­le­mann bröckelt. Überall nur Verlierer! Mensch, Thie­le­mann – don’t pretend to be cool, be endlich mal cool!

INTEN­DANTEN ZWISCHEN AfD UND ROTWEIN  

Intendant Michael Börgerding

Die Frage ist ja legitim: Muss es denn in diesen Tagen UNBE­DINGT das Helden­leben sein? Gäbe es keinen Kompro­miss? Hat Theiler (und das schreibe ich nicht leicht­füßig!) nicht Recht, wenn er befürchtet, dass Diri­gent und Orchester sich in Gefahr begeben, von Pegida und Corona-Protest­lern verein­nahmt zu werden? Genau das ist in gerade passiert. Hier will Inten­dant Kevin-Kai Laufen­berg (Sie wissen schon!) unbe­dingt sofort den „Ring“ von Wagner aufführen – gegen den Willen von Orchester, Chef­di­ri­gent und Politik. Das Ergebnis: Kevin-Kai hat einen neuen „Kultur-Freund“. Ausge­rechnet AfD-Mann unter­stützt den Inten­danten und schreibt auf Face­book: „Der ‚Ring‘ und die Auffüh­rung (…) sind zentrale Bestand­teile der deut­schen Kultur, deshalb ist die Posi­tion des Inten­danten Laufen­berg für mich absolut nach­voll­ziehbar.“ Na dann mal: „Heil Wagner!“ Die Nerven liegen blank, Kompro­misse scheinen kompli­ziert, aber viel­leicht sind sie gerade in diesen Tagen der beste Weg zur Lösung!

Nur eines ist für mich persön­lich noch viel schlimmer als die Dick­köp­fig­keit von Thie­le­mann und Laufen­berg: die Haltung von Bremens Inten­dant Micheal Börger­ding, der auf Insta­gram wissen ließ: „Ich denke, auch wir als Thea­ter­men­schen (…) sollten uns an den Gedanken gewöhnen, dass es im Augen­blick größere Frage­stel­lungen gibt als die Frage, wann wir wieder die Häuser öffnen.“ Über­setzt heißt das ungefä: „Leute, mir geht es zu Hause mit meinem Rotwein ziem­lich gut. So bequem wie gerade war mein Job noch nie! Und jetzt lasst mich endlich in Ruhe.“ Ich weiß, lieber , mit dieser Haltung werde ich kein -Influ­encer, aber viel­leicht steht der Inten­dant ja auch nicht für das echte feel­bremen.com“. Ich möchte auf jeden Fall mal wissen, was die Leute von aufste​hen​fu​er​die​kunst​.de dazu sagen würden (siehe unten). 

WIE SOLL RADIO KLINGEN?

Auch die Zukunft des Musik­jour­na­lismus war an dieser Stelle oft Thema. Diese Woche hat Frederik Hanssen einen lesens­werten Text im Tages­spiegel über die neue Seicht­heit im öffent­lich-recht­li­chen Radio veröf­fent­licht. Vor allen Dingen über das Programm-Schema beim und den Vormarsch der New Klassik, der Hanssen dieses Bonmot widmet: „New Clas­sics sind das Äqui­va­lent zum Veggie­burger. Was nach Klassik klingt oder sich im Mund wie Fleisch anfühlt, ist weder das eine noch das andere. Kann aber trotzdem glück­lich machen.“ Die Debatte ging sofort los, unter anderem auch (und das ist sehr anre­gend) bei Betrof­fenen. Einer unserer Lieb­lings-Radio-Männer, Claus Fischer, schreib auf Face­book: „Was für ein unguter pole­mi­scher Artikel, der zum Teil auch von blanker Unkenntnis des Programms geprägt ist! Erstens heißt die Welle schon seit über einem Jahr „“ und nicht mehr »Kultur­radio vom rbb’. Zwei­tens sind jeden Tag weiterhin sechs Stunden des Programms tags­über rein klas­sisch! ‚Klassik bis zwei‘ von 10–14 Uhr ist film­mu­sik­freie Zone, dafür sorge auch ich mit (!) und auch „Meine Musik“ von 14–16 Uhr ist täglich rein klas­sisch. Dazu kommen abends nach 20 Uhr die Konzert­über­tra­gungen bzw ‑aufnahmen! Die Mischung am Morgen und Abend ist als Klas­sik­jour­na­list und ‑mode­rator auch nicht mein Fall. Aber wem das nicht passt, der hat zu diesen Zeiten in der deut­schen Radio­land­schaft zwei sehr gute Ausweich­mög­lich­keiten, nämlich Klassik und BR Klassik!

PERSO­NA­LIEN DER WOCHE

Schock in – nach der Salome-Probe fühlte sich Diri­gent unwohl und wurde ins Kran­ken­haus gebracht, dort soll er mindes­tens bis Montag unter Beob­ach­tung stehen. Alles Gute, Maestro! +++ Letzte Woche haben wir an dieser Stelle ausführ­lich über die Reak­tionen von Musi­kern auf die Politik Russ­lands berichtet (danke für die sehr kontro­versen Briefe zu diesem Thema!). Diese Woche sprach sich u.a. der Pianist für die sofor­tige Frei­las­sung von Alexei Nawalny aus. +++ hatte die Sydney-Opera mit ihrer Mutter und ihrem Mann besucht und war begeis­tert von der „Lustigen Witwe“. Die Familie betei­ligte sich an den „stan­ding ovations“ am Ende der Vorstel­lung, was einem Zuschauer hinter Kidman miss­fiel. Es kam zu Hand­greif­lich­keiten. +++ Dieser News­letter hatte es als erstes berichtet: Ulrich Jagels wird neuer Geschäfts­führer der – nun gab er dem Nord­baye­ri­schen Kurier ein erstes Inter­view und sagte: „Da musste ich nicht lange über­legen.“ Jagels ist über­zeugt, dass 2022 wieder zum „normalen Spiel­be­trieb“ zurück­finden wird. +++ Der Tenor , der sich bei den Proben zu Carmen in der mit dem Corona-Virus ange­steckt hatte, ist nach dem Kran­ken­haus­auf­ent­halt auf dem Wege der Besse­rung, schrieb seine Frau in Social-Media Kanälen. Auch die Oper wünschte ihm gute Besse­rung in ihrer Pres­se­er­klä­rung. Die Carmen wird nun am 21.2. um 20:15 auf der Seite der Staats­oper gestreamt ( ist der Einspringer). +++ Letzten Samstag gab es zwei Opern-Live-Streams zur glei­chen Zeit. Hier sind sie zum Nach­schauen: Ein – nun ja – okayer Frei­schütz aus München (demnächst verfügbar) mit einer groß­ar­tigen (100 Minuten Podcast mit ihr hier) und einer wunder­baren (100 Minuten Podcast mit ihr hier), außerdem eine Welt­klasse-Jenůfa mit (100 Minuten Podcast mit ihr hier) und einem sehr enga­gierten aus Berlin. +++ ist tot. Eine Legende. Punkt. 

Wie schafft man es, sich von Corona nicht unter­kriegen zu lassen?
Arnt Cobbers fragt nach. Bei , Stephan Graf von Bothmer und Thomas Guggeis

ANSTE­CKUNGS­ZAHLEN IN DER OPER

Diese Woche sorgten die Rechen-Modelle der TU Berlin für Aufsehen. Die Uni unter­suchte die Corona-Anste­ckungs­raten in verschie­denen Räumen. Beson­ders gut schnitten dabei Theater, Opern und Museen mit einer 30-prozen­tigen Bele­gung ab. Dort liegt der Quotient der „maximal ansteck­baren Personen“ bei nur 0,5. Zum Vergleich: Im Super­markt liegt die Zahl bei 1,0, im Fitness­studio (30 Prozent belegt) bei 1,4, in der Schule (50 Prozent belegt) bei 2,9 und in einem großen, zu 50 Prozent ausge­las­teten Büro bei 8,0. Die Risiken, sich in geschlos­senen Räumen anzu­ste­cken, vari­ieren je nach Ort sehr stark. Zahlen, die uns direkt zum nächsten Thema führen.

EXKLUSIV: AUFSTEHEN FÜR DIE KUNST – EILAN­TRAG VOR EINSEN­DUNG

Ich freue mich, dass unser kleiner News­letter inzwi­schen immer öfter zum Forum für Debatten wird. Diese Woche wurde ich von den Initia­toren der Initia­tive aufste​hen​fu​er​die​kunst​.de, von , Hans­jörg Albrecht, und Kevin Conners, ange­spro­chen: Sie sind wütend über den Umgang der Politik mit der Kultur, über die neuen Corona-Rege­lungen. An dieser Stelle formu­lieren sie exklusiv ihre Forde­rungen und drohen damit, ihren Eilan­trag gegen die Schlie­ßung der Kultur­in­sti­tu­tionen beim Baye­ri­schen Verwal­tungs­ge­richtshof einzu­rei­chen. Hier ihre Forde­rungen im Wort­laut:

Wir sind sehr enttäuscht von den Beschlüssen der letzten Ministerpräsident*innen-Konferenz, die keine klaren Perspek­tiven für die Öffnungen der Konzert- und Opern­häuser aufzeigen, obwohl mehrere wissen­schaft­lich beglei­tete Pilot-Test­pro­jekte vorliegen, sowie aktuell das vom Bundes­ver­band der Konzert- und Veran­stal­tungs­wirt­schaft (BDKV) erstellte »Mani­fest Restart«, ein praxis­ori­en­tiertes, hoch­dif­fe­ren­ziertes und deutsch­land­weit einheit­li­ches Konzept zur stufen­weisen Öffnung der Konzert­säle und Opern­häuser – diese rich­tungs­wei­senden Studien scheinen über­haupt nicht berück­sich­tigt zu werden.

Wir akzep­tieren keine Koppe­lung der Darstel­lenden Künste an den Einzel­handel oder die Gastro­nomie, weil sie nicht ihrer verfas­sungs­recht­li­chen Stel­lung entspre­chen. Vor allem sehen die Planungen für die Musik und Theater sogar nur Öffnungs-Szena­rien nach dem Einzel­handel vor, was wir wegen des Verfas­sungs­rangs der Künste nicht akzep­tieren können. Wir fordern statt­dessen konkrete Konzepte auf Basis der bestehenden wissen­schaft­li­chen Risi­ko­ana­lysen und Hygie­nekon­zepte – statt will­kür­li­cher, durch keinerlei wissen­schaft­liche Studien begrün­dete Staf­fe­lungen, die die Darstel­lenden Künste zum wieder­holten Male in ihrer Substanz benach­tei­ligen. Die auf glei­cher Ebene geschützten Gottes­häuser waren während­dessen durch­ge­hend geöffnet (mit nur 1,5 m Abstand als einziger Besu­cher­be­gren­zung). Derzeit wird von der Politik der Veran­ke­rung der Kunst­frei­heit im Grund­ge­setz nicht ausrei­chend Rech­nung getragen. Es ist zwar zu begrüßen, daß die Kulturminister*innenkonferenz in Ihrem Papier ausdrück­lich die Wieder­her­stel­lung der Kunst­frei­heit gefor­dert hat, konkrete und das Grund­ge­setz berück­sich­ti­gende Hand­lungs­vor­schläge gibt es aber dessen unge­achtet nicht. Zudem wird die Bedeu­tung von Kunst und Kunst­frei­heit in (als speziell im Bereich der Darstel­lenden Künste welt­weit führendem Kultur­land) noch immer nicht von der Politik erkannt bzw. gewür­digt.

Der von uns gemeinsam mit der Kanzlei Raue formu­lierte Eilan­trag beinhaltet die recht­liche Über­prü­fung der pauschalen Schlie­ßungen. Diesen werden wir zeitnah an den Baye­ri­schen Verwal­tungs­ge­richtshof über­stellen, falls die Politik weiterhin die Kultur­in­sti­tu­tionen im Vergleich zu Wirt­schaft und Einzel­handel schlechter stellen sollte.“

UND WO BLEIBT DAS GUTE, HERR BRÜG­GE­MANN?

Hier! Diesen Link hat mir diese Woche ein Diri­gent per WhatsApp geschickt – diri­gieren per Finger­tipp… ein wenig Spaß auch in schweren Zeiten!

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

[email protected]​crescendo.​de