KlassikWoche 08/2022

Von Kunst, Politik und Manage­ment

von Axel Brüggemann

21. Februar 2022

Die düstere Klassik-Prognose von Christian Gerhaher, die Auszeit von Anna Netrebko, die Absage von Valery Gergiev bei den Wiener Philharmonikern

Will­kommen in der neuen Klas­sik­Woche,

heute mit einer pessi­mis­ti­schen Zukunfts-Prognose, einer heißen Debatte über die Politik in der Musik und einer bezeich­nenden Absage von .

GERHAHER WARNT VOR DÜSTERER ZUKUNFT

Christian Gerhaher

Der Sänger zeichnet ein düsteres Zukunfts-Szenario in einem lesens­werten Gespräch mit Markus Thiel für den Merkur. „Es hat sich viel geän­dert“, erklärt er, „ich glaube, dass den Insti­tu­tionen, die im Vergleich zur Laien­musik und zu vielen selbst­stän­digen Solisten oder zur Nach­wuchs­för­de­rung gut über­lebt haben, eines dämmert: Die redu­zierten Zuschau­er­zahlen werden nicht mehr lange als Entschul­di­gung dafür dienen, wenn die Häuser gar nicht mehr voll werden. Man weiß eigent­lich nicht, wie dieses Defizit an Besu­chern jemals wieder ausge­gli­chen werden kann.“ Beson­ders nimmt Gerhaher das Regie­theater auf den Kieker. „Ich verstehe bei Regis­seuren diese Aktua­li­sie­rungs­manie nicht“, sagt er. Aber irrt Gerhaher hier nicht? Ist es nicht so, dass gerade dort, wo Opern nicht in die Gegen­wart gestellt werden, in den oder in , die Zuschau­er­zahlen noch mehr wackeln?

Zur glei­chen Zeit machen sich die Bewahrer stark, Bern­hard Neuhoff vom BR etwa fordert auf Face­book ironisch ein „Phra­sen­klein­geld der gratis­mu­tigen ‚Nest­be­schmutzer‘“ für Sätze wie „Weiter-So in der Klassik kann es nicht…hinterfragen…liebgewonnene Rituale…gesellschaftliche Relevanz…selbstrefenzieller Betrieb…wir müssen endlich…Bildungsbürger…und vor allem: unbe­queme Wahr­heiten ausspre­chen!!“ Ich bin mir nicht so sicher, ob es „gratis­mu­tige Nest­be­schmut­zung“ ist, oder eher doch die Angst der meist nicht fest ange­stellten Klassik-Menschen, die ihre Augen vor grund­le­genden Verän­de­rungen nicht einfach verschließen können. Aber, hey, lasst uns drüber debat­tieren!

ZOFF AN DEN BÜHNEN FRANK­FURT

Die Entschei­dung über den Neubau der Städ­ti­schen Bühnen zieht sich hin. Der Betriebsrat von Oper und Schau­spiel spricht sich inzwi­schen gegen eine Sanie­rung aus. Das berichtet die „Frank­furter Rund­schau“. Der Betriebs­rats­vor­sit­zende Roland Sittner beschrieb die proble­ma­ti­schen Arbeits­be­din­gungen an der Oper und plädierte für einen Neubau: „Wir haben Orchestermusiker:innen, die sich täglich im Keller ohne Tages­licht oder Frisch­luft­zu­fuhr einspielen und vorbe­reiten müssen; Techniker:innen von Schau­spiel und Oper, die sich durch verwin­kelte Andie­nungs­wege körper­li­chen Gefähr­dungen aussetzen; Künst­ler­gar­de­roben, die sich im Sommer wie Öfen aufheizen und nicht zu kühlen sind; für gehbe­hin­derte Menschen sind aufgrund der verschie­denen Ebenen und zahl­rei­chen Trep­pen­ver­bin­dungen Teile des Gebäudes nicht zugäng­lich.“

WIE POLI­TISCH SOLL KUNST SEIN?

Letzte Woche habe ich hier einen FAZ-Text von Max Nyffeler über das Éclat-Festival zitiert. Nyffeler kriti­sierte die Über-Poli­ti­sie­rung des Festi­vals. Darauf schrieb mir Inten­dantin Chris­tine Fischer und erklärte mir, dass es neben schlichten Fehlern im Text wichtig wäre, dass Musik poli­tisch sei – immer! Für meinen Podcast „Alles klar, Klassik“ haben wir uns darüber unter­halten. Die Arbeit von Kompo­nis­tinnen und Kompo­nisten habe sich grund­le­gend verän­dert, erklärte Fischer, sie müssen sich heute in einer digi­talen Welt posi­tio­nieren, außerdem sei es klar, dass Festi­vals sich an den Erwar­tungen der Politik orien­tieren müssen – am Ende sei es die Aufgabe von Inten­dan­tinnen und Inten­danten, Frei­räume zu schaffen und ihre Programme zu legi­ti­mieren. Im glei­chen Podcast erklärte der Kultur­jour­na­list Peter Grabowski, dass Claudia Roths Auffas­sung, dass Kultur die Demo­kratie stärken solle (Roth ist übri­gens gerade als erste Kultur­po­li­ti­kerin bei der Münchner Sicher­heits­kon­fe­renz gewesen), absurd sei. Grabowski fordert einen öffent­li­chen Diskurs, ein Aushan­deln der Frage, warum wir uns als Land Kultur leisten wollen.

https://​alles​-klar​-klassik​.podigee​.io/

Und auch Max Nyffeler meldete sich noch einmal zu Wort. Lesens­wert ist sein Disput mit Chris­tine Fischer in der Kommentar-Funk­tion des Podcasts. Nyffeler schreibt: „Chris­tine Fischer hat doch früher eine viel brei­tere Auswahl von Werken und Kompo­nisten vorge­stellt, und ich wage noch immer zu hoffen, dass diese zwei­fellos sehr fähige Orga­ni­sa­torin den Weg zurück ins Offene findet.“ Und Fischer antwortet: „Übri­gens kenne ich von Claudia Roth nur Einlas­sungen, die die abso­lute Frei­heit von Kunst fordern. Bedenke doch, welchem Recht­fer­ti­gungs­druck die Kunst­för­de­rung derzeit ausge­setzt ist, und wie groß­artig es ist, wenn jemand die gesell­schaft­liche Bedeu­tung, ja die Unver­zicht­bar­keit von Kunst in einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft heraus­streicht – um im glei­chen Atemzug die Frei­heit der Kunst zu postu­lieren. Die Forde­rung richtet sich doch an die Gesell­schaft und nicht an die Kunst!“ Am Ende steht das Angebot für eine Frie­dens­pfeife von Nyffeler: „Aber lass uns über diese nicht lösbaren Probleme demnächst unter vier Augen ein biss­chen ausführ­li­cher spre­chen. Es wird bestimmt ein inter­es­santes Gespräch werden.

NETREBKO UND VILLAZÓN – UND JETZT IST MAL RUHE!

Vor einigen Wochen sorgte dieser News­letter für Aufre­gung, als es am Anfang um und ging. Und ich wollte das Thema eigent­lich ad acta legen. Damals hieß es, Netrebko sei müde von der Arbeit, Villazón hatte ich kriti­siert, weil er die in abge­sagt hatte. Ich hatte über­legt, ob das auch an den klammen Kassen liegen könne. Beides sei erstunken und erlogen, erklärte die Mana­gerin der beiden damals. Doch irgendwie wird es nicht still. Auch nach ihrer kurzen Auszeit titelte der Express nun: „Netrebko sieht dunkel­schwarz: Tausende Fans sorgen sich um die Diva“. Es heißt: „‚Mein Leben ist nicht wunderbar‘, klagte die welt­be­rühmte Opern­sän­gerin erst kürz­lich – und jetzt folgten weitere Insta­gram-Aufnahmen, die ihre Fans alles andere als beru­higen: Die Diva sieht wirk­lich nicht gut aus. Und bei einem selt­samen Ausflug in Neapels Hinter­höfe filmt sich die Öster­rei­cherin beim Gehen durch die engen Gassen zwischen den schä­bigen Fassaden.“ Und auch Rolando Villazón erklärte nun in der Kleinen Zeitung, dass es sehr wohl Finanz­pro­bleme bei der Mozart­woche gäbe. 2023 müsse er ein komplett neues Programm planen. „Aber nach zwei Jahren ohne Besu­cher in den Mozart-Museen ist die finan­zi­elle Lage der Stif­tung Mozar­teum schlimm. Ich muss also auch für 2023 meine Pläne adap­tieren. Die geplante große Insze­nie­rung wird es nicht geben.“ Netrebko und Villazón verbindet ein Vermark­tungs- und Geschäfts­mo­dell, das ihnen eine Rolle zuschreibt, die ein biss­chen zu glamourös, ein biss­chen zu über­trieben, ein biss­chen zu groß für echte Menschen scheint. Viel­leicht ist nicht der Urlaub von der Bühne sondern der Urlaub vom Manage­ment die bessere Lösung für die beiden? Ich halte jetzt auf jeden Fall erst mal die Klappe. Aber dieses war mir wichtig, um zu zeigen, dass unsere Bericht­erstat­tung sich nicht am Manage­ment-Diktum orien­tiert.

PERSO­NA­LIEN DER WOCHE

Generalmusikdirektorin des Theaters Magdeburg Anna Skryleva

Krach-Bumm-Aus: Spontan hat der nimmer­kranke Valery Gergiev ein Konzert bei den Wiener Phil­har­mo­ni­kern abge­sagt. hat spontan über­nommen. Die Gründe: unklar. Irgendwo hieß es, dass nicht klar gewesen sei, wer den Privatjet zahlen sollte. Mit Politik hätte die Absage aber nichts zu tun, wird gesagt. Man darf gespannt sein, ob Vladimir Putins Vorzeige-Musiker bei der anste­henden US-Tour der in der Carnegie Hall dabei sein wird. +++ An der Baye­ri­schen Staats­oper wird weiter gespart: Bereits 2020 hatte den übli­chen Zuschuss von 4,9 Millionen Euro um die Hälfte gekürzt, 2021 wurde er ganz gestri­chen. Und auch 2022 wird er nicht ausbe­zahlt, das meldet die Süddeut­sche. „Der Mittel­aus­fall macht Planungen natür­lich nicht einfa­cher, zur Dispo­si­tion steht aber zum jetzigen Zeit­punkt nichts“, teilt Staats­opern­spre­cher Michael Wuerges mit. Von Verstim­mungen zwischen Politik und Inten­dant Serge Dorny sei aller­dings keine Rede. +++ Um bei ihren Reisen CO2 einzu­sparen, hat sich die Pianistin für das Auto als Trans­port­mittel entschieden, das habe mit ihrem Anspruch an die eigene Ökobi­lanz zu tun, erklärte sie dem Baye­ri­schen Rund­funk. +++ (79) muss weitere Konzerte absagen: Er hat sich am 6. Februar einem chir­ur­gi­schen Eingriff an der Wirbel­säule unter­zogen und plane – auf Empfeh­lung seiner Ärzte – ab Anfang März wieder aufzu­treten. +++ Eine beson­dere Entde­ckung ist der neuen Gene­ral­mu­sik­di­rek­torin Anna Skryleva in gelungen: Sie entdeckte die Oper „Grete Minde“, die der 1875 gebo­renen Berliner Damen­kon­fek­tio­nist kompo­niert hatte. Worum es da geht und warum die Auffüh­rung ein Erfolg war, beschreibt Udo Badelt im Tages­spiegel. +++ Regis­seur poltert mal wieder herr­lich laut. Auf der Seite von Bohema erklärt er, dass niemand so geil sei wie er. Es fehle an künst­le­ri­schen Inten­danten, sagte er, „und die es sind, sind sehr vom Manage­ment geprägt, also vom Erfolg. Erfolge sind auch Zuschauer*innen, aber in erster Linie Medien. Und in aller­erster Linie fehlt es an Kulturpolitiker*innen, die früher über­haupt keine wirk­liche Rolle gespielt haben. Heute sehe ich bei vielen Inten­danten so ein Unter­tauch-Prinzip. Im Augen­blick geht’s den Thea­tern nicht mal schlecht, nur Zuschauer*innen sind nicht richtig da, aber sie sind immer das teuerste. Man kommt immer mit dem Geld des Thea­ters aus, wenn man nicht Theater machen will.“ 

UND WO BLEIBT DAS POSI­TIVE, HERR BRÜG­GE­MANN?

Ja, wo zum Teufel steckt es denn? Viel­leicht hier: Ich werde an dieser Stelle nur BERICHTEN, dass die Pianistin bei ihren Auftritten inzwi­schen mehr anhat als sonst. Natür­lich nicht unten­herum, sondern sie trägt neuer­dings eine modi­sche Sonnen­brille auf der Nase. Wer’s sehen will – das ist die nega­tive Nach­richt – muss heute mal selber googeln.

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

 

[email protected]​crescendo.​de

Fotos: / Andreas Lander, Sony / Gregor Hohen­berg