Willkommen in der neuen KlassikWoche,

über Ostern war nix los? Von wegen! Ich hoffe, Sie hatten frohe Ostertage – hier all das, was Sie beim Eiersuchen vielleicht verpasst haben.

WIRD OXFORD MOZART VERBANNEN? 

Jeder, der öffentlich die Stimme erhebt, kennt das, selbst dieser kleine Newsletter ist immer wieder Stein des Anstoßes: „Herr Brüggemann, ich bin enttäuscht, dass Sie das ‚M‑Wort‘ benutzen“, wurde ich neulich erst aufgeklärt, nachdem ich über den neuen „Rosenkavalier“ in München und die Umdeutung des „Mohren“ durch Barrie Kosky berichtet hatte. 

Als ich die Benutzung des Wortes auf Grund seiner offensichtlichen Ironisierung in meinem Kontext verteidigt hatte, wurde mir fast mitleidig klar gemacht, dass man (oder Frau) durchaus verstünde, wie schwer das Neulernen für einen alten Mann wie mich sein müsse, aber – so wurde mir Mut gemacht – ich könne das schaffen! Nur wenig später erhielt ich wütende Kommentare, dass ich in diesem Newsletter doch bitte nicht „gendern“ solle. Ein Leser fühlte sich dadurch exkludiert. Zu all dem passt der Bericht des britischen Telegraph ganz gut, der letzte Woche erschien. Darin wurde erzählt, dass die Universität in Oxford die Komponisten Mozart und Beethoven in Frage stelle, da ihre Musik und ihre Noten zum Teil diskriminierend gegenüber farbigen StudentInnen seien. Die Nachricht funktionierte perfekt: Sofort tobte eine herrliche Debatte, in der sich beide Seiten der Diskussion in schönstem Einander-Nicht-Verstehen-Wollen in den Haaren lagen. Der Sender Classic FM hat in Oxford nachgefragt und bekam zur Antwort, dass die Sache nicht so heiß gegessen würde, wie sie aufgekocht sei. Dennoch sei man bestrebt, „das akademische Angebot um nicht westliche Musik zu erweitern“.

Klar, es ist schmerzhaft für manche zu hören, dass ihre Götter Mozart und Beethoven die Gefühle von Menschen mit anderen historischen, geografischen oder sozialen Hintergründen verletzen – aber, hey: Es ist Kunst! Und ich persönlich finde, Leute wie Barrie Kosky und Co. liefern doch längst Antworten auf viele der hier gestellten Fragen. Antworten, die das tun, was gute Antworten tun sollen: Debatten öffnen und Horizonte erweitern statt ideologische Kriege anzuzetteln.

NITSCH KANN OPER NICHT LEIDEN

Im Sommer wird er die „Walküre“ als Kunst-Performance in Bayreuth aufführen. Nun hat der Maler Hermann Nitsch Judith Belfkih von der „Wiener Zeitung“ ein langes Interview gegeben. Nitsch erklärt, dass sein Verhältnis zu Wagner von Bewunderung geprägt sei: „Wagner war ein großer Musiker, ein großer Dramatiker. Und dann durchaus ein großer Philosoph, war von Schopenhauer geprägt, mit Nietzsche befreundet. Der war kein Trottel, das kann man nicht sagen.“ Vor allem „Parsifal“ und „Tristan und Isolde“ bringen Nitsch, der von Katharina Wagner nach Bayreuth geholt wurde, ins Schwärmen: „Diese Musik ist gigantisch!“ Was beide Künstler verbindet, sei die Idee des Gesamtkunstwerkes: „Ich hab sehr viel davon gelernt. Leitmotive und dergleichen, das wird bei mir ähnlich durchgezogen.“ Dabei mag Nitsch die Oper grundsätzlich nicht: „Eigentlich kann ich sie überhaupt nicht leiden. Bin kein Verdi-Fan, obwohl es schöne Musik ist. Aber Donizetti oder Bellini, das halte ich nicht aus. Rossini gefällt mir, der ist ein Musikant. Aber die Narren alle! Puccini ist ein ausg’lutschter Wagner, wie aus’m Teeseicherl ’druckt.

Richard Strauss – Die Akte Italia.
Wie der Gründervater der Gema in Plagiatsvorwürfe geriet!

Hidden Secrets of Classical Music: Die neue Folge

NEUE UMFRAGE AM OPERNHAUS ZÜRICH

Nach den Vorwürfen der Belästigung und des schlechten Arbeitsklimas und der Entlassung von Operndirektor Michael Fichtenholz an der Oper Zürich hat der Schweizerische Bühnenkünstlerverband (SBKV) eine Umfrage herausgegeben, wonach 79 Prozent von 331 Teilnehmern – allesamt Mitglieder des SBKV – angaben, in den letzten zwei Jahren Formen von Belästigung erlebt zu haben. Die Oper von Andreas Homoki reagierte nun mit einer eigenen Umfrage: Demnach kommen von 649 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern immerhin 84 Prozent gerne zur Arbeit. Für 88 Prozent ist die Arbeit „nicht nur ein Job“, und 80 Prozent würden das Opernhaus Zürich als Arbeitgeber weiterempfehlen. 87 Prozent der Befragten seien ausdrücklich „stolz“, am Opernhaus Zürich zu arbeiten. Die Arbeitsatmosphäre wird von 73 Prozent als positiv eingeschätzt. Tatsächlich sind die Daten, wie die NZZ berichtet, aber auch erschreckend: „Deutlich weniger erfreulich fallen die Ergebnisse zum Thema ‚Machtmissbrauch‘ aus. Der Begriff wurde in der Umfrage definiert als das ‚Ausnutzen einer Machtposition, um anderen bewusst zu schaden, sie zu schikanieren oder sich selbst persönliche Vorteile zu verschaffen‘. Von den 649 Befragten sahen sich 173 Personen, also 27 Prozent, mit Formen von Machtmissbrauch konfrontiert: 39 haben diese Situation einmal erlebt, 111 mehrmals und 23 Personen regelmässig.“ Nach Veröffentlichung der Studie erklärte Christian Berner, kaufmännischer Leiter der Zürcher Oper, der NZZ am Sonntag, dass das Haus mit seiner öffentlichen Umfrage „viel Kritik in Kauf genommen“ habe. Mag sein, aber das kann nur der Anfang eines Prozesses gewesen sein, an dessen Ende die Erneuerung der alten Strukturen stehen muss. 

PAPPANO STATT RATTLE

Antonio Pappano, Chef am Royal Opera House in Covent Garden, wird 2024 auch Chefdirigent des London Symphony Orchestra, dann wird er das Opernhaus verlassen und Sir Simon Rattle (der nach München gegangen ist) ersetzen. Rattle selber hat gerade ein aufschlussreiches Interview in der Financial Times gegeben. Er beklagt besonders die Situation freischaffender Künstler in Zeiten von Corona und brandmarkt den Brexit. Fehlende Kultur-Bestimmungen würden es fast unmöglich machen, dass zwei Orchester-Lastwagen mit Instrumenten problemlos von London nach Berlin fahren könnten, sagt Rattle: „Die Wahrheit ist, dass der Brexit keine gute Seite für die Kultur hat.“ Schwer werden besonders internationale Tourneen für Orchester wie das London Symphony Orchestra werden, glaubt Rattle. Er selber hat seine Konsequenz gezogen, mit seinem privaten Brexit nach München. Die Suppe in England muss nun Antonio Pappano auslöffeln. 

PERSONALIEN DER WOCHE

Die offizielle Staatstrauer um den Komponisten Krzysztof Penderecki wurde auf das Jahr 2022 verschoben, auf den zweiten Jahrestag seines Todes. +++ Der wohl lustigste Klassik-Aprilscherz ging auf Kosten unseres Freundes Kai-Uwe Laufenberg (bitte keine Leserbriefe!). Die Seite Nachtkritik meldete am Tag des „Foppens“, Laufenbergs Theater in Wiesbaden plane Pauschalreisen nach Mallorca: Flug, Übernachtung und eine Aufführung im Corona-Paradies inclusive. Kein Aprilscherz: Kai-Uwe hört, nachdem er zu Ostern noch Mal in der Kirche gepredigt hat, endlich auf mit seinen Solodiskursen – Halleluja! +++ Am Donnerstag öffnete das Richard-Wagner-Museum in Luzern mit neuer Leitung. Die Luzernerin Monika Sigrist will mehr Einheimische ins Museum bringen. Über ihre Pläne berichtet die Luzerner Zeitung. +++ Ich wurde gefragt, ob ich das Leben, die Lebenslust, die Krankheit und den Kampf der nun leider verstorbenen Geigerin Corinne Chapelle nicht würdigen wolle. Doch, das will ich! Ihre Geschichte (hier nachzulesen) ist eine Geschichte von Leidenschaft, Solidarität und der Schönheit des Menschseins. An dieser Stelle: eine Verneigung vor allen, die ihren Weg mitgegangen sind. +++ Es gibt eine wunderschöne Doku über Sir Georg Solti, in der seine Frau Valerie Solti erzählt, wie der Dirigent ihr als BBC-Journalistin im Bademantel die Hoteltür geöffnet habe – heute unvorstellbar, aber die Art, wie Valerie Solti die Geschichte erzählte, war unglaublich amüsant. Nun ist sie mit 83 Jahren gestorben.

UND WO BLEIBT DAS POSITIVE, HERR BRÜGGEMANN?

Ja, wo verdammt bleibt es nur? Vielleicht – im Ernst – in der ARD! Seit einem Jahr haben wir an dieser Stelle immer wieder den Vorschlag unterbreitet, dass die Radio-Orchester der ARD doch wenigstens einen „Landepunkt“ in der ARD-Mediathek haben könnten. Gut Ding braucht in der öffentlich-rechtlichen Welt eben Weile, aber jetzt es so weit! Die ARD-Mediathek hat eine eigene Mikro-Seite Klassik. Gratulation! Jetzt, liebe Freunde vom Fernsehen, wäre es nur noch hilfreich, da ein bisschen System reinzubringen. Vielleicht eine Ordnung nach Qualitätskriterien, vielleicht mittelmäßige Konzerte nicht einfach unkommentiert anfangen lassen, die Menschen ein bisschen an die Hand nehmen, sortieren, eventuell ein bisschen einordnen und mit all dem Material, das Ihr zur Verfügung habt, zu spielen. Ach ja, und wenn wir schon dabei sind: Ich würde mir auch noch ein Fenster für anstehende Live-Streams wünschen, dann könnte ich mir München, Berlin und Saarbrücken endlich ganz leicht ins Wohnzimmer holen. Aber, und das mein’ ich ganz im Ernst: Immerhin passiert etwas, und das Stöbern macht schon jetzt Spaß …. Das Angebot bildet aber nur die Inhalte der ARD an. Die kostenlose Klassik-Streaming-Seite foyer.de von CRESCENDO bietet da deutlich mehr.

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüggemann

brueggemann@portmedia.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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