KlassikWoche 21/2022

Die neue Zeit hat längst begonnen

von Axel Brüggemann

23. Mai 2022

Die leeren Säle der Klassik, Protest gegen ein Wagner-Konzert in Israel, der Ex-Direktor des Bayerischen Staatsballetts Igor Zelensky und seine Affäre

Will­kommen in der neuen Klas­sik­Woche,

heute mit einer neuen Kritik alter Gedanken, einem Ausflug nach Israel und einer Debatte über die Zukunft der Orchester – und ihren Fach­kräf­te­mangel.

OLD SCHOOL – OLD PEOPLE – OLD THOUGHTS

Als der Inten­dant des Beet­ho­ven­festes Bonn, Steven Walter, das Logo des Deut­schen Orches­ter­tages sah, zwei Pinguine (davon einer mit roter Krawatte), fragte er, was in „solchen Brain­storms eigent­lich falsch läuft“. Ein Gefühl, das ich diese Woche gleich mehr­fach hatte. Das erste Mal, als ich das Foto der Opern­kon­fe­renz gesehen habe: ein Haufen rund 50-jähriger Menschen, die einander so ähnlich sahen, als würden sie sich jeden Morgen die gleiche Marme­lade aufs Brot schmieren.

Einige Tage später veröf­fent­lichte die Wiener Staats­oper ein Insta­gram-Video, auf dem die Schlange am ersten Abo-Verkaufstag zu sehen war: eine über­schau­bare Reihe 70-jähriger Sanda­len­trä­ge­rInnen, und dann machte noch eine Einla­dung des Konzert­hauses Düssel­dorf (in einer vorigen Version haben wir irrtüm­lich Dort­mund geschrieben) die Runde auf Twitter: „Konzerte, die die Glücks­schar­niere geschmeidig einrasten lassen“, war auf dem Umschlag zu lesen, und im Folder „Beet­hoven ist ein Schutz­engel unserer Bürger­lich­keit“. Liebe Leute im Klassik-Marke­ting: Könnte es sein, dass all das ein wesent­li­cher Grund dafür ist, dass es immer schwerer wird, die Theater zu füllen? 

Selbst Tenor erklärte in einer austra­li­schen Zeitung gerade: „In Europa kämpfen sogar die größten Häuser, die Wiener Staats­oper, München oder Berlin, sie verkaufen keine Tickets mehr, spielen vor leeren Sälen – das kann nicht mehr lange gut gehen.“ Ja, genau! Könnte natür­lich auch daran liegen, dass man mit Weih­nachts­alben wie aus den 50er-Jahren selbst längst jeden Stan­dard an Qualität aufge­hoben hat. Wie auch immer: Es ist erschre­ckend, mit welcher Vehe­menz und Igno­ranz ausge­rechnet die alte graue Garde von (Ex-)Intendanten und Jour­na­listen-Opis ihr altes, graues System vertei­digt, in dem sich – bitte­schön – nichts verän­dern soll (vor allen Dingen nicht ihre Macht!). In Wahr­heit verän­dert sich längst so viel so radikal, und wer jetzt keinen Aufbruch wagt und einfach weiter­macht, sieht schon heute schreck­lich alt aus.

Span­nend auch die aktu­elle Forschung von Kultur­so­zio­loge . „Er zeigt, dass Nähe der entschei­dende Faktor für den Besuch einer Kultur­ein­rich­tung ist“, schreibt die FAZ, „sowohl im wört­li­chen als auch im über­tra­genen Sinn: sei es die Nähe zur eigenen Lebens­rea­lität, die Nähe zur Bühne mit der Unmit­tel­bar­keit des Live-Erle­bens oder die Nähe zu vertrauten Personen. Nur an anderen Orten!“ Ich habe übri­gens auf meinem Insta­gram-Kanal eine kleine Umfrage gemacht, welches Orchester und welches Opern­haus die beste Saison vorge­stellt hat: Das Ergebnis sehen Sie oben. Aus gege­benem Anlass: Schi­cken Sie uns doch mal Bilder, in denen Klassik anders aussieht – um zu beweisen: Die Musik geht längst weiter. 

DAS EWIGE TABU: WAGNER IN ISRAEL

Anfang der 2000er-Jahre hat das Tabu zum ersten Mal gebro­chen und in Jeru­salem Wagner diri­giert – unter großem Tumult. Noch 2018 entschul­digte sich der Israe­li­sche Rund­funk für die Über­tra­gung der „Götter­däm­me­rung“. Nun will der Wagner-Verband in Israel ein ganzes Wagner-Konzert geben und sorgt erneut für Protest. Das sei „ein Schlag gegen die soziale Verant­wor­tung“, sagt Israels Kultur­mi­nister Yehiel Moshe Tropper.

Der Vorsit­zende des israe­li­schen Richard-Wagner-Verbandes, Jona­than Livny, weist diese Kritik aller­dings entschlossen zurück. „Die Erfül­lung des Rechts vieler guter Menschen, einschließ­lich der Über­le­benden des Holo­caust, sollte nicht im Namen der Sensi­bi­lität gegen­über den Über­le­benden des Holo­caust verhin­dert werden.“ Es werde niemand gezwungen, Wagner zu hören, so Livny. Ich kenne Jona­than Livny von den Drehs zu unserem Wagner-Film „Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt“ (gerade auf DVD erschienen) – und ich finde seine Argu­men­ta­tion (siehe im Film oben) sehr schlüssig, er will sich nicht von Hitlers Geschmack verbieten lassen, welche Musik er hören will.

KLASSIK UND KRIEG

Erst einmal las es sich wie eine reine Privat­sache: Der Spiegel hatte heraus­ge­funden, dass der Ex-Direktor des Baye­ri­schen Staats­bal­letts, Igor Zelensky, der Geliebte von Wladimir Putins Tochter Kate­rina Ticho­nowa sein soll – und dass die beiden ein gemein­sames Kind haben. Was diese Affäre so poli­tisch macht, erklärt der Baye­ri­sche Rund­funk: „Poli­tisch brisant ist die Ange­le­gen­heit nicht nur wegen der offen­kundig unmit­tel­baren fami­liären Nähe Zelen­skys zu Putin, sondern auch, weil der Choreo­graf und frühere Star-Tänzer seit 2018 im Aufsichtsrat einer Stif­tung sitzt, die sich auf Putins persön­liche Anwei­sung mit Ölein­nahmen finan­ziert und in Russ­land eine Reihe von kultu­rellen Groß­pro­jekten errichten soll.“ Tatsäch­lich scheint Putins privater Kreis beson­ders aktiv in der Kultur­po­litik zu sein. Welche Rolle die angeb­liche Geliebte des Russi­schen Präsi­denten, Alina Kaba­jewa, für und dessen Ensemble musi­cAe­terna spielt, wird kommenden Donnerstag im Cicero stehen. 

Wer Zweifel hat, wie wichtig Kultur in Russ­land als Mittel der Propa­ganda ist, sollte sich die russi­sche Sati­re­sen­dung von Wladimir Kuznetsow und Alexei Stoly­arow ansehen. Sie gaben sich gegen­über Münchens Inten­dant als „ukrai­ni­scher Kultur­mi­nister“ aus und wollten sich über den aktu­ellen Stand der „Abschaf­fung der russi­schen Kultur“ erkun­digen. Dornys Antwort war wenig über­ra­schend und geprägt von innerer Haltung: „Trotz der Tatsache, dass er mein sehr guter Freund ist, habe ich Valery Gergiev raus­ge­worfen. Und das, obwohl wir uns seit 35 Jahren kennen. Ich trennte mich auch von Anna Netrebko und einem Ballett­di­rektor, der dem Régime sehr nahe steht. Menschen sollten unter­schied­lich einge­schätzt werden. Solche Künstler möchte ich nicht bei uns sehen.“ Das erzürnte das russi­sche Publikum natür­lich, wahr­schein­lich auch deshalb, weil dort im Fern­sehen eben nicht darüber berichtet wird, dass das eigene Land gerade einen Angriffs­krieg gegen die Ukraine führt und Künst­le­rInnen als hoch­be­zahlte Propa­gan­disten Wladimir Putins benutzt werden.

ZUKUNFT DER KNABEN­CHÖRE

Thomanerchor Leipzig

Hier noch ein Lese­tipp: setzt sich im Tages­spiegel mit der Zukunft und dem Verän­de­rungs­willen deut­scher Knaben­chöre ausein­ander und kommt zum Ergebnis: „Denn die Kultur­fi­nan­zie­rung wird sich in diesen Tagen noch stärker an der Rele­vanz der jewei­ligen Ensem­bles ausrichten müssen. In Leipzig ist der städ­ti­sche Kultur­haus­halt, aus dem sich die Thomaner speisen, noch stabil. Deckungs­gleich funk­tio­niert die Finan­zie­rung in Dresden, wo anläss­lich Lehmanns Amts­an­tritt die Korrektur einer exis­tenz­ge­fähr­denden Sach­mit­tel­kür­zung verhan­delt werden konnte. Als Anstalt des öffent­li­chen Rechts wird auch der Winds­ba­cher Knaben­chor teil­weise mit öffent­li­chen, vornehm­lich aber mit landes­kirch­li­chen Mitteln finan­ziert. Wie lange all diese Systeme jedoch gesell­schaft­lich legi­ti­miert bleiben, entscheidet letzt­lich die Strahl­kraft der jungen Sänger mit.“

PERSO­NA­LIEN DER WOCHE

Im Merkur speku­liert nun auch Kollege Markus Thiel über die Nach­folge von Valery Gergiev bei den Münchner Phil­har­mo­ni­kern. Die Phalanx seiner Tipps: , , , Tugan Sokhiev – ich würde nach wie vor (und an erste Stelle) setzen. +++ Das Klavier-Festival Ruhr bekommt eine neue Inten­dantin: Die Musik- und Kultur­wis­sen­schaft­lerin Katrin Zagrosek über­nimmt den Posten 2024. +++ Der 25-jährige briti­sche Pianist ist erster Preis­träger des neuge­schaf­fenen und mit 50.000 Franken dotierten Solo­thurner Klavier­preises „Prix Serdang“. Ausge­wählt werden die Ausge­zeich­neten vom Pianisten . +++ Was machen Sänge­rInnen eigent­lich nach ihrer Karriere? Manuel Brug hat einen lesens­werten Artikel über Phil­ippe Jarousskys neue Karriere als Diri­gent verfasst. 

UND WO BLEIBT DAS POSI­TIVE, HERR BRÜG­GE­MANN?

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Viel­leicht hier: Die deut­schen Orchester befinden sich im Wandel. Vor einigen Wochen hatte ich an dieser Stelle bereits berichtet, dass Vladimir Jurowski ein grund­le­gendes Neudenken gefor­dert hat. Nun habe ich einen weiteren Podcast zum Thema „Zukunfts­musik“ gemacht (hier zum kosten­losen Podcast für alle Player). Wie sehen die Orchester der Zukunft aus? Mehr Verant­wor­tung für alle? Näher am Publikum? Lokaler und ärmer, dafür aber bedeut­samer und inspi­rierter? Ich disku­tiere mit von der Rund­funk Orchester und Chöre GmbH Berlin (er beklagt den Fach­kräf­te­mangel und bittet auch die Kultur­po­litik, gemeinsam mit den Orches­tern bessere Rahmen­be­din­gungen zu schaffen), mit Chris­tine Chris­tians vom Saar­län­di­schen Staats­theater (sie will die alten Macht-Struk­turen inner­halb der Orchester neu denken) und mit Steven Walter, dem Inten­danten des Beet­ho­ven­festes in Bonn, der gerade versucht, den Geist freier Insti­tu­tionen mit den klas­si­schen Abläufen großer Festi­vals zu synchro­ni­sieren.

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

[email protected]​crescendo.​de

P.S.: Dies ist eine persön­liche Nach­richt an Opi von der Zeit­schrift NEWS: Keine Angst, nächste Woche kommt dann wieder etwas, über das Du Dich aufregen kannst – dann aber richtig!

Fotos: Mila Pavan / Tagesspiegel